Wenn Jesus nicht drin ist, wo »Jesus« draufsteht

Predigt am 03. Januar 2010 über 1. Johannes 5,11-13

11 Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn.12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. 13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.

Wenn wir das heute hören, dann klingen die Verse so richtig erbaulich: es sind lauter fromme Vokabeln vertreten, man könnte einen von den Sätzen über ein Bild mit einem Sonnenuntergang schreiben und hätte ein tolles Poster. Man merkt diesen Worten kaum noch an, dass sie mitten in einem heftigen Kampf geschrieben worden sind.

Wer aber den ersten Johannesbrief ganz liest, der merkt, dass er in einem Augenblick entstanden ist, in der die Wahrheit heftig umkämpft und umstritten war. Da ist von Lügenpropheten die Rede und vom Antichristen. Und dieser Kampf geht nicht gegen die böse Welt draußen, sondern er geht mitten durch die Gemeinden. Das ist schon heftig, wenn so etwas passiert. Wir denken eigentlich, in einer Gemeinde müsste doch Frieden herrschen. Aber hier in diesem Brief wird scharf geschossen, da nennt einer andere Christen Irrlehrer und Lügenpropheten. Das ist so ähnlich, wie damals, als Jesus die geistlichen Würdenträger seines Volkes übertünchte Gräber genannt hat, also geschminkte Leichen, Zombies. Vielleicht ist es sogar der Jünger Johannes selbst gewesen, der das geschrieben hat, und der konnte sich noch gut daran erinnern, wie scharf Jesus formulieren konnte.

Aber worum geht es? Kurz gesagt, es geht um die Frage, ob überall da, wo »Christus« drauf steht, deshalb auch schon Christus drin ist. Es gibt mindestens zwei Gruppen, die beide sagen, dass sie an Gott glauben, dass sie an Christus glauben, und trotzdem sind sie heftig verfehdet. Warum? Weil sie zwar die gleichen Worte benutzen, aber damit ganz unterschiedliche Dinge meinen. Und der Streit ist gerade deshalb so heftig, weil sie die gleichen Worte benutzen. Würden die einen sagen: wir verehren den göttlichen Kaiser, und deshalb sind wir gegen dieses vaterlandslose Christenpack, dann wäre die Lage klar. Da könnte jeder entscheiden, wo er steht. Aber wenn auf beiden Seiten Leute stehen, die zur selben Gemeinde gehören, wenn beide behaupten, Gott hätte zu ihnen gesprochen, dann wird die Lage kompliziert. Und dann fragen sich gerade ehrliche Leute, denen es um die Wahrheit geht: wer hat denn jetzt Recht? Bin ich vielleicht selbst auf der falschen Seite? Diese Leute sind so sicher in ihren Behauptungen, vielleicht hat Gott ja wirklich zu ihnen gesprochen, und vielleicht liege ich ja falsch. Und deshalb schreibt Johannes ihnen diesen Brief und sagt: fangt jetzt nicht an, an euch selbst zu zweifeln! Ihr steht auf der richtigen Seite! Ihr habt das ewige Leben, und ich will euch erklären, warum das so ist.

Es ist eine ganz schwierige Situation, wenn Menschen zwar im Namen Gottes auftreten, aber es ist nur eine Behauptung, eine hohle Formel, und in Wirklichkeit ist in der Kiste nicht drin, was auf dem Etikett steht. Denn dann sagt man sich: wer bin ich denn, dass ich das beurteilen könnte? Ich könnte doch in Wirklichkeit derjenige sein, der schief liegt. Hat nicht Jesus gesagt, wir sollten nicht richten? Und jetzt spreche ich anderen das Christsein ab? Johannes nennt seine Christenbrüder sogar Antichristen. Darf man so was?

Deswegen steht der erste Johannesbrief in der Bibel, damit wir wissen, dass es manchmal richtig und nötig sein kann, solche harten Urteile zu fällen. Zum Glück ist das nicht der Normalfall, man muss nicht deswegen schon jemanden Antichrist nennen, weil grüne Haare hat oder weil er einen anderen Musikgeschmack hat. Aber es gibt sozusagen eine Standardsituation, für die schon Jesus und jetzt Johannes nur die härtesten Worte finden. Es geht immer um Situationen, wo Menschen sich ein frommes oder superfrommes Etikett aufkleben und es vielleicht persönlich sogar ehrlich damit meinen, aber de facto gar nicht von Jesus bewegt sind.

Es gibt eine ganz berühmte Situation aus dem 20. Jahrhundert, eine richtige Schlüsselsituation, wo jemand so etwas erkannt hat. Das war der große Theologe Karl Barth, wahrscheinlich wirklich der größte Theologe des 20. Jahrhunderts, aber damals war er noch ein junger Schweizer Pfarrer in den ersten Amtsjahren. Er hatte in Deutschland Theologie gelernt bei allen Professoren, die damals Rang und Namen hatten. Und dann kam 1914, und das kaiserliche Deutschland stürzte sich in einen Krieg, aus dem dann der schreckliche erste Weltkrieg wurde. In diesen Tagen las Karl Barth in der Zeitung einen Aufruf zur christlichen Unterstützung der deutschen Kriegspolitik. Und zu Barths Entsetzen war dieser Aufruf unterzeichnet von so ziemlich allen Professoren, bei denen er studiert hatte. Und er fragte sich: wie kann das sein, dass die durch ihren christlichen Glauben, durch ihre Theologie nicht davor geschützt sind, solche Kriegspropaganda zu machen? Und dann schaute er sich noch einmal die ganze liberale Theologie an, die er bei ihnen gelernt hatte, und nach und nach merkte er, dass die auch faul war und dass er die nicht mehr teilen konnte. Und dann hat er sich hingesetzt, und während in Mitteleuropa der Weltkrieg tobte, hat er dort in der Schweiz noch einmal ganz neu begonnen, die Bibel zu lesen, um es besser zu machen als seine Lehrer. Und daraus ist dann später eine Erneuerung der Kirche und der Theologie geworden.

Ich will euch jetzt nicht die Einzelheiten erzählen, aber als später, 1933, Hitler an die Macht kam, da haben Barth und seine Anhänger sofort gemerkt, was da los war. Es gab damals viele Treffen von Professoren und Bischöfen und Pfarrern, wo man darüber diskutierte, was man von Hitler halten sollte, und leider empfanden damals viele Kirchenleute durchaus Sympathie für den Nationalsozialismus. Und als Barth in einer dieser Diskussionen wieder auf Granit biss und die anderen nicht überzeugen konnte, dass sie sich vor Hitler in acht nehmen müssten, da sagte er irgendwann all diesen deutsch-nationalen Kirchenleuten ins Gesicht: ihr habt einen anderen Gott! Boah! Das war, als ob einer eine Bombe geworfen hätte. Ich weiß nicht, ob es was genützt hat, aber mindestens hat es die Leute verschreckt und aufgestört. Die haben das nicht so schnell vergessen.

Und so sagt Johannes in diesem Brief eigentlich immer wieder seiner verunsicherten Gemeinde: die haben einen anderen Gott! Die reden zwar fromm, aber in Wirklichkeit ist es ein anderer Gott. Das sind Etikettenfälscher, lasst euch davon nicht verunsichern.

Das Problem ist nur, dass natürlich die anderen wahrscheinlich dasselbe gesagt haben. Aus der historischen Distanz wissen wir, dass Johannes richtig lag, schließlich ist er inzwischen ja mit seinem Brief sogar in die Bibel gekommen. Wir dürften uns heute auch größtenteils einig sein, dass Karl Barth mit seinem kompromisslosen Nein zu den Nazis richtig lag. Aber wenn man gerade in der Situation drinsteckt, dann ist das alles gar nicht so klar und einfach. Dann fragt man sich wirklich: wer hat denn recht? Liege ich vielleicht schief, oder doch die anderen? Bis heute ist auch leider noch kein Geistometer erfunden worden, mit dem man einfach feststellen könnte, ob jemand vom Heiligen Geist bewegt ist oder nicht. Die Ärzte haben ja diese Standardtests, mit denen sie schnell feststellen können, ob einer die Schweinegrippe hat oder Hepatitis oder irgendeine andere von diesen Scheußlichkeiten. Wenn es so einen Schnelltest gäbe, um zu prüfen, ob eine Behauptung biblisch ist oder nicht, das wäre natürlich toll. Aber das funktioniert nicht, weil man natürlich so ziemlich alles mit der Bibel belegen kann, wenn man es unbedingt will. Übrigens sind auch die medizinischen Test nie 100 Prozent zuverlässig, aber das ist wahrscheinlich nur ein schwacher Trost.

Denn das ist für viele richtig verstörend, dass es keine wirkliche Sicherheit gibt, dass man richtig liegt. Es ist immer ein Wagnis, eine Eingebung zu haben und dann zu sagen: ja, das war von Gott. Ich kann auch total schief liegen dabei. Und trotzdem muss ich am Ende das tun, wovon ich überzeugt bin, auch auf das Risiko hin, dass ich mich schrecklich täusche. Natürlich kann ich das an der Bibel überprüfen – aber auch da kann ich mich total irren. Niemand ist davor sicher, die Bibel schrecklich zu verdrehen.

Johannes sagt seiner Gemeinde: wer den menschlichen Jesus vom göttlichen Christus trennt, der liegt völlig schief, der ist der Antichrist. Das heißt, wenn Christus nur noch ein leerer Name ist, der nicht mehr gefüllt ist mit der Erinnerung an den menschlichen Jesus, der hier auf der Erde unter uns gelebt hat und am Kreuz gestorben ist, dann ist alles verloren. Dann fangen wir an, ein Phantom zu verehren, das noch den Namen Christus trägt, aber in Wirklichkeit ist es ein ganz anderer. Natürlich gibt das auch keine 100%ige Sicherheit, aber das ist schon eine entscheidende Frage: ist das Reden von Gott verankert in der Geschichte des menschlichen, irdischen Jesus? Und wird dann mein irdisches, menschliches Leben auch mit hineingezogen in diese Geschichte Jesu unter den Menschen?

Für Johannes ist das das entscheidende Kriterium. Er sagt seinen Leuten: ihr habt das ewige Leben, weil ihr verbunden seid mit der Geschichte Jesu, die damals begonnen hat, als er über die staubigen Landstraßen Israels ging und von seinen Jüngern gesehen und berührt werden konnte. Diese Geschichte geht in eurem Leben weiter, und das ist das ewige Leben. Ihr habt es hier und heute, und ihr müsst das nicht in Frage stellen. Ihr seid geerdet, so wie Jesus nicht in himmlischen Fantasieräumen schwebte, sondern die Mühen, Freuden und Schmerzen dieser Erde auf sich nahm. Wer Jesus so kennt, dass er der Erde treu bleibt, der ist auf der richtigen Spur.

Johannes sagt das übrigens in Formulierungen, die heute schwer zu verstehen sind. Wörtlich sagt er: ihr sollt wissen, dass ihr das ewige Leben habt; ihr glaubt ja an den Namen des Sohnes Gottes. »An den Namen glauben«, da geht es aber gerade nicht darum, dass man die richtige Formel spricht. »Ich glaube an Jesus«, das zu sagen muss nichts bedeuten, das könnte man zur Not wahrscheinlich auch einem Papageien beibringen. In der Bibel bedeutet Name aber viel mehr als die fünf Buchstaben des Wortes »Jesus«. »Name« bedeutet (anders als in unserem Sprachgebrauch) gerade den ganzen Menschen, seine Persönlichkeit und seine Geschichte, und all das ist im Namen zusammengefasst. Deswegen bekommen Menschen in der Bibel manchmal sogar einen neuen Namen, wenn Gott mit ihnen etwas Neues beginnt. Und »glauben« bedeutet nicht, dass man eine bestimmte Meinung über religiöse Dinge hat, sondern »Glauben an …« bedeutet, dass einer sich mit seinem Leben einlässt auf jemand anderen. »An den Namen Jesu glauben« heißt deshalb, dass ich mich mit meinem Leben und Sein so an den irdischen Jesus anschließe, dass ich in seine Geschichte mit hineinkomme, dass sein Leben in meinem Leben weitergeht. Der irdische Jesus Christus soll mein irdisches Leben prägen.

Genau das ist anscheinend bei den Lügenpropheten nicht passiert. Die waren nicht an der Erde interessiert, sondern an einem Fantasiehimmel. Der Antichrist ist nicht jemand, der die Kirche mit aller Macht bekämpft, sondern jemand, der das Christentum so umdeutet, dass zwar noch der Name drauf steht, aber drinnen ist etwas ganz anderes.

Johannes hat dagegen keine Patentlösung, kein Geistometer und keinen Bibliodetektor, keine Killerargumente, mit denen die Diskussion beendet ist, weil gegen die keiner mehr ankommt. Er kann nur seine Leute immer wieder daran erinnern, was sie bei ihm gelernt haben, er kann ihnen immer wieder die Geschichte Jesu Christi in Erinnerung rufen – seinen »Namen«, wie er das nennt – und sie sicher machen, dass dies die große Gabe Gottes ist: Jesu Leben in unserem, das ewige Leben, das volle und reiche Leben, zu dem jeder Mensch berufen ist und das irgendwie jeder ersehnt, auch wenn er es nicht weiß.

Und am Ende muss er darauf vertrauen, dass sich das Echte durchsetzt, dass das Original stärker ist als Fälschung, dass Gott einem Menschen den richtigen Weg zeigen wird, wenn er ehrlich danach fragt. Das ermutigt auch uns, in Erkenntnis unserer Fehlbarkeit trotzdem fröhlich und mutig nach bestem Wissen und Gewissen unseren Weg zu gehen.

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