Worte, die bis heute wirken

Predigt am 9. August 2020 zu Jeremia 1,4-10

4 Das Wort des HERRN erging an mich, er sagte zu mir: 5 »Noch bevor ich dich im Leib deiner Mutter entstehen ließ, hatte ich schon meinen Plan mit dir. Noch ehe du aus dem Mutterschoß kamst, hatte ich bereits die Hand auf dich gelegt. Denn zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.«
6 Ich wehrte ab: »Ach, Herr, du mein Gott! Ich kann doch nicht reden, ich bin noch zu jung!«
7 Aber der HERR antwortete mir: »Sag nicht: ‚Ich bin zu jung!‘ Geh, wohin ich dich sende, und verkünde, was ich dir auftrage! 8 Hab keine Angst vor Menschen, denn ich bin bei dir und schütze dich. Das sage ich, der HERR.« 9 Dann streckte der HERR seine Hand aus, berührte meine Lippen und sagte: »Ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Von heute an hast du Macht über Völker und Königreiche. Reiße aus und zerstöre, vernichte und verheere, baue auf und pflanze an!«

Das ist die Geschichte von einer Gottesbegegnung, die unübersehbare Konsequenzen für die ganze Menschheit hat, bis heute. Gott kommt zu dem jungen Priester Jeremia aus Anatot in Israel und sagt ihm, dass er ihn vorgesehen habe als seinen Propheten. Schon bevor irgendein Mensch von ihm wusste, bevor es ihn überhaupt gab, lebte er schon in der schöpferischen Fantasie Gottes. Zuerst hat Gott ihn gedacht, dann hat er ihn ins Leben gerufen, und jetzt ist es so weit, dass Jeremia das erfahren soll.

Eine fremde Stimme

Jeremiah22Aus Jeremias Perspektive ist das die Geschichte davon, wie etwas Neues und Fremdes in sein Leben hinein kommt. Wir würden missverstehen, was die Bibel beschreibt, wenn wir das reduzieren würden auf das Selbstgespräch des menschlichen Kopfes und des menschlichen Herzens. Bei Jeremia mischt sich ein anderer ein, und Jeremia sagt nicht: schön, jetzt habe ich endlich zu mir selbst gefunden! sondern ihm wird bange, er bekommt einen Riesenschreck, weil er nicht übersieht, was da mit ihm passieren soll. Das ist für ihn eigentlich einige Nummern zu groß. Er sagt: ich bin zu jung! Ich kann nicht reden! – aber Gott sagt ihm: tu es einfach! Ich bin mit dir.

Und dann rührt er Jeremias Mund an und legt seine Worte dort hinein.

Der Schriftsteller Franz Werfel hat in einem Roman (Franz Werfel: Höret die Stimme) versucht, aus den konzentrierten Notizen des Jeremia-Buches die Lebensgeschichte des Propheten zu entwickeln. Werfel stellt sich vor, wie Jeremia schon mit 13 Jahren immer wieder spürt, dass da jemand ist, der mit ihm reden will. Immer wieder kommt das, und Jeremia versteht es nicht. Und dann hört er eines Nachts, wie eine Stimme seinen Namen ruft. Die Stimme erfüllt den ganzen Raum, man kann nicht feststellen, woher sie kommt, und gleichzeitig hört Jeremia sie in seinem Innern. Und sie geht immer mehr in sein Inneres hinein und begleitet ihn fortan als ein Raunen, das kurz hinter seinen Ohren sitzt. Und Werfel beschreibt, wie Jeremia lernt, diese Stimme dann besser zu verstehen und wie sie der Mittelpunkt seines Lebens wird.

40 unheilvolle Jahre

Ob es wirklich so war, wissen wir nicht, aber solche Geschichten geben uns eine Ahnung davon, wie sich das wohl angefühlt haben könnte, was in der Bibel knapp in ein paar Versen beschreiben wird. Jeremia werden in einem Zeitraum von etwa vierzig Jahren die Worte Gottes zum Weg seines Volkes anvertraut. Und er muss diese Worte aussprechen, damit alle sie hören, obwohl ihm das Ärger, Feindschaft, Schmerzen und Gefahr einbringt.

Diese vierzig Jahre von Jeremias Wirken waren die letzten Jahrzehnte vor der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier, ungefähr 600 Jahre vor Christus, und die Könige Israels, aber auch das Volk und seine Oberschicht, haben damals so ziemlich alles getan, was man tun muss, wenn man sich zu Grunde richten will. Sie haben nach außen Muskeln spielen lassen und geglaubt, sie könnten die Großmacht Babylon ungestraft immer wieder reizen. Sie haben nach innen die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgehen lassen. Und an der Wurzel dieser Politik lag die Hinwendung zu den Götzen von Reichtum und Macht, die Abwendung vom Gott Israels, der sein Volk durch diese gefährliche Zeit heil hindurchgebracht hätte, wenn sie auf ihn gehört hätten.

Die Leute behandelten Jeremia ungefähr so, wie heute noch viele die Prognosen des Klimawandels behandeln: man ist davon ein bisschen beunruhigt, aber man sucht tausend Gründe, weshalb es doch nicht so schlimm kommen wird und weshalb man vor allem nichts wirklich ändern muss. Es können noch so viele Warnzeichen kommen wie Hurrikans, knallheiße Sommer, Gletscherschmelze, neue präzise wissenschaftliche Prognosen: die Menschen machen die Augen zu, nur damit sie nichts ändern müssen. Die Politiker und Lobbyisten vorneweg und das Volk hinterher.

Verblendung

Das Verrückte ist: damals wie heute wäre es gar nicht so schlimm gewesen, einen anderen Weg einzuschlagen. Es wäre damals nicht schlimm gewesen, weiter unter babylonischer Oberherrschaft zu leben; es wäre kein schlechtes Leben, wenn wir sehr konsequent Energie einsparen und unsere Energieversorgung auf andere Grundlagen stellen würden.
Aber wenn Menschen oder eine Gesellschaft den festen Entschluss gefasst haben, nicht umzukehren, nicht das Vernünftige und Richtige zu tun, nicht auf die Stimme Gottes zu hören, dann entwickelt das eine Eigendynamik. Soll man es Eigensinn nennen, Stolz, Unbeweglichkeit, Verblendung? In den Menschen liegt ein ganz großer Widerstand dagegen, freiwillig von einem falschen Weg umzukehren.

Wenn Menschen sich entschlossen haben, auf keinen Fall umzukehren, auf den Tod nicht, dann werden sie immer vernagelter und verbohrter, sie tun immer mehr das offensichtlich Falsche, nur, damit sie am Ende nicht zugeben müssen, dass sie schon die ganze Zeit auf dem falschen Weg waren. Das kann man im Kleinen und im Großen beobachten, wie Menschen hartnäckig immer weiter in ihr Verderben rennen, nur damit sie sich nicht eingestehen müssen, dass sie falsch gelegen haben.

Die Macht des Prophetenwortes

Und ich glaube, das ist der Grund, weshalb Gott in dieser Berufungsgeschichte zu Jeremia sagt: ich gebe dir heute Macht über Völker und Königreiche. Jeremia soll also nicht einfach nur ankündigen, was Gott tun wird, sondern durch seine Verkündigung werden diese Dinge tatsächlich bewirkt. Gottes Wort in Jeremias Mund hat Macht. Denn einfach dadurch, dass Jeremia die Wahrheit ausspricht, dadurch bringt er Menschen entweder dazu, dass sie umkehren und zurückkommen auf Gottes Weg – oder sie verrennen sich immer stärker in die Sackgasse, auf der sie gehen. Und am Ende werden sie auch ihre Fähigkeit zum klaren, vernünftigen Denken immer mehr vergessen, nur um nicht umkehren zu müssen.

Immer wenn Gott Menschen zur Umkehr ruft, dann gibt es diese beiden Möglichkeiten: entweder sie hören und werden gerettet – oder sie wollen nicht hören, und es wird schlimmer. Es gibt nicht die dritte, mittlere Möglichkeit, dass man gar nichts tut und die Dinge so bleiben, wie sie sind. Die Welt ist immer in Bewegung, es gibt keinen Stillstand, es läuft immer irgendwohin, zum Guten oder zum Bösen. Und je weiter man auf dem Weg zum Bösen ist, um so schwerer wird die Umkehr.

Umkehr schafft Zukunft

Israel hat damals die Quittung für seine Verstockung bekommen. Jerusalem wurde zerstört, die Leichen türmten sich in den Straßen, der Hunger wütete, und die Menschen, die am Ende noch übrig waren, wurden in die Gefangenschaft nach Babylon verschleppt. Nach menschlichem Ermessen war das das Ende.

Aber als sie dort langsam wieder zu sich kamen, als sie nach der schweren Fronarbeit des Tages in ihren armseligen Hütten beisammen saßen und nach Erklärungen suchten für das, was ihnen zugestoßen war, als sie immer noch weinen mussten, wenn sie an die vergangene Schönheit Jerusalems dachten, da erinnerten sie sich an Jeremias Worte. Sie verstanden, dass die rettende Wahrheit Gottes schon immer direkt bei ihnen gewohnt hatte. Aber sie hatten nicht auf sie gehört.

Jetzt, in ihrem Elend, ging ihnen auf, wie verblendet sie die ganze Zeit gewesen waren. Und dadurch bekamen sie wieder eine Zukunft. Wer umkehrt, wer es schafft, Gott und seiner Stimme Recht zu geben, auch wenn er sich selbst damit ins Unrecht setzt, der hat Zukunft. Das wurde damals, in den Gefangenenlagern Babylons, entdeckt.

Ein exemplarischer Lernprozess …

Sie verstanden, dass dieser Ungeist des Götzendienstes sich schon seit Jahrhunderten unter ihnen breit gemacht hatte und an der Wurzel von so viel Unglück und Not gestanden hatte. Und sie schrieben alles auf, damit es nie mehr vergessen werde.

Jeremias Wirkung geht deshalb weit über seine Zeit hinaus. An ihm hat Gott wie an einem Modell ein für allemal gezeigt, welche Art von Politik zum Leben führt und welche zum Tode. In anderen Völkern der Welt rühmt man Krieger, die im Heldenkampf bis zum Tod durchgehalten haben – die Nibelungen z.B., die sich heldenmütig beim Hunnenkönig Etzel niedermetzeln ließen. All diese schrecklichen Mythen vom Kampf bis zur letzten Patrone. Das gilt in vielen Kulturen als Heldentum. In Wirklichkeit ist es töricht. Man könnte ja auch den sinnlosen Kampf Israels gegen Babylonien zu einem Freiheitskampf bis zum Tode hochstilisieren. Aber dort in Israel gab es Jeremia, der das als Hochmut entlarvt hat, der gezeigt hat, dass Gott es anders sieht.

… der auch uns noch zugute kommt

Und seit damals haben Menschen aus diesem Geist heraus anders gelebt und andere, realistischere Politik gemacht. Bei uns in Deutschland hat nach dem zweiten Weltkrieg diese Art zu denken und Politik zu machen doch ziemlich an Boden gewonnen. Manche sehen das ja als Schwäche an. Aber ich bin überzeugt, dass wir dieser biblischen Art, über Politik zu denken, den langen Frieden verdanken, den wir jetzt seit 60 Jahren in unserem Land haben. Und dass wir bisher so viel besser als andere Länder durch die Corona-Zeit gekommen sind, das hat auch mit dieser realistischeren Art des Denkens zu tun.

Und wenn wir in den vielen heraufziehenden Krisen dieses Jahrhunderts doch einigermaßen bewahrt werden wollen, dann sollte diese fremde Wahrheit Gottes, die Jeremia gehört und verkündet hat, in uns lebendig werden. Sich von Jeremias Worten die Augen öffnen und das Herz bekehren zu lassen, das ist kein intellektuelles Spiel, das ist kein religiöses Hobby, sondern das hat Konsequenzen auf Leben und Tod. Das haben sie damals durch Jeremia aus ihrer Geschichte gelernt, und wir sollten es auch tun.