Nicht im falschen Film

Predigt am 19. Juni 2022 zu 1. Johannes 4,14-21

14 Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. 15 Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. 16 Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns (oder: in uns) hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
17 Darin ist die Liebe bei uns vollendet, auf dass wir die Freiheit haben, zu reden am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. 18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. 19 Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. 20 Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. 21 Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

»Gott ist Liebe« – das ist ein bekanntes zentrales christliches Bekenntnis. Und es ist tatsächlich das Zentrum und Zentralthema des ganzen Briefes. Aber wenn man es so isoliert hört, dann klingt das viel heimeliger und kuscheliger, als es eigentlich mal gemeint war. Dass Gott Liebe ist und dass Jesus Gottes Sohn ist, das waren Kampfsätze, die damals überhaupt nicht selbstverständlich waren. Dass das heute anders ist, das verdanken wir auch diesem 1. Johannesbrief.

Der Hintergrund des Briefes

Ich muss ein bisschen ausholen, um das zu erklären. Ungefähr zur selben Zeit wie das Christentum ist damals die Bewegung der sogenannten »Gnosis« entstanden. Das war keine genau definierte Philosophie, sondern so eine Art Lebensgefühl, eine Strömung des Denkens, die in sich wieder ganz viele Strömungen vereinte.

Was war das Verbindende in der Gnosis? Es war das Gefühl: ich bin im falschen Film gelandet. Das hier ist eigentlich gar nicht meine Welt, eigentlich würde ich ganz woanders hingehören. Und man kann sich gut vorstellen, wie es dazu kam. Das römische Imperium hatte sich nach Jahrzehnten innerer Konflikte konsolidiert und neu aufgestellt. An der Spitze stand jetzt ein Kaiser, und die Soldaten kämpften nicht mehr gegeneinander, sondern gemeinsam gegen die Feinde des Reiches. Eine beinahe unbesiegbare Militärmaschine war entstanden. Die Juden bekamen das zu spüren, als sie versuchten, die Römer aus ihrem Land zu vertreiben. Zuerst besiegten sie die schwachen Besatzungstruppen im Land, aber dann setzte sich der ganze brutale Militärapparat in Bewegung, und gegen den hatten sie keine Chance. Am Ende lag Jerusalem in Trümmern und es gab Tote ohne Ende. Viele von den Überlebenden wurden zu Sklaven gemacht.

Nicht überall schlug das Imperium so brutal zu, aber überall lebten sie unter der Drohung von Folter und Tod, jedenfalls alle, die keine römischen Bürger waren. Die Menschen waren ohnmächtig gegen dieses gewaltige Machtzentrum und mussten es auch noch mit ihren Steuern finanzieren. In der Johannesoffenbarung wird das Imperium als schreckliches Untier beschrieben, als Monster aus dem Meer.

Das Weltbild der Gnosis

Kein Wunder, dass sich dieses Gefühl verbreitete: ich bin im falschen Film. Die Menschen konnten sich nur noch in eine andere, bessere Welt wegträumen. Und dafür fanden sie Formulierungen in der Gnosis. Die propagierte die Theorie, dass diese Welt von einem bösen Gott erschaffen worden wäre, der uns mit List und Tücke in das Gefängnis der Materie eingesperrt hat. Eigentlich gehören wir ins Reich der freien Geister, aber der böse Dämon hat uns an die materielle Welt gebunden und hält uns hier gefangen. Aber wer das erkennt, der wird innerlich frei und so von dieser bösen Welt befreit. Das ist so ungefähr das Lebensgefühl der Gnosis.

Man kann sagen: Gnosis und Christentum sind zwei ganz verschiedene Antworten auf die gleiche Ausgangsfrage: wie kann man leben in einer brutalen Welt, in der man zur Ohnmacht verdammt ist? Wo ist da Hoffnung zu finden? Was ist der richtige Film, in den ich eigentlich reingehöre?

Aber die Antworten sind völlig unterschiedlich. Die Gnosis sagt: Diese Welt ist schlecht, hier gibt es keine Hoffnung. Tröste dich mit der Aussicht auf eine andere Welt, die du vielleicht erlebst, wenn du tot bist. Oder mit der du dich jetzt schon verbunden weißt. Die materielle Welt ist die uneigentliche Welt, die nicht wichtig ist und der du dich am besten irgendwie entziehst, jedenfalls innerlich.

Die christliche Antwort

Die Christen sagten etwas komplett anderes: Gott ist Liebe. Er hat diese Welt gut geschaffen, und all seinen Geschöpfen gilt seine ganze Liebe. Und auch als Menschen sich von ihm abwandten und die Welt ins Unglück stürzten, da hat er die Welt nicht aufgegeben. Er ist in Jesus gekommen, um sich seine Schöpfung zurückzuholen. Aber das bedeutet Leiden. Befreiung gibt es nicht zum Nulltarif. Als Jesus kam, um uns zu befreien, da ist er an der Gewalt in dieser Welt zugrunde gegangen. Aber jetzt gibt es überall Gemeinden, befreite Zonen der Liebe, die Gott dieser kalten, brutalen Welt entrissen hat.

Deshalb musst du dich nicht wegträumen aus der Realität, sondern du kannst dabei sein, wenn Gott in dieser Welt sein Reich aufrichtet. Gott ist Liebe – das heißt: Du bist nicht ohnmächtig. Wenn du liebst, dann bist du mit Gott im Bund, dann nimmst du an seinem Kampf um die Schöpfung teil, und dann stehst du nicht allein, sondern du hast in Gott einen großen Verbündeten und in der Gemeinde Schwestern und Brüder. Und gemeinsam macht ihr euch auf den langen Weg, um die ursprüngliche Güte zu befreien, die immer noch der innerste Kern der Schöpfung ist.

Christentum und Gnosis – das sind zwei völlig verschiedene Grundhaltungen. Die Anhänger der Gnosis sagten: Wir sind im falschen Film und wollen irgendwie raus. Die Christen sagten: da ist bei den Dreharbeiten etwas schiefgelaufen, aber jetzt schreiben wir gemeinsam mit dem Produzenten das Drehbuch so lange um, bis der Film sich wieder richtig anfühlt. Es ging um Ohnmacht oder Hoffnung. Resignation oder Handlungsspielräume, die zu entdecken sind.

Ein Film mit Happy End

Und ein großer Teil der neutestamentlichen Briefe setzt sich mit dieser resignativen Stimmung auseinander, die die Gnosis transportierte. Erst von da her versteht man wirklich solche Formeln wie »Gott ist Liebe«. Das ist nichts Sentimentales, sondern es bedeutet: Gott gibt die Schöpfung nicht auf. Die materielle Welt ist voller Hoffnung. Gott investiert seine ganze Liebe da hinein, und deshalb liegt über der Welt eine Verheißung. Sie wird verwandelt werden. Sie wird zur Herrlichkeit gelangen. Und ihr dürft als erste diese herrliche Freiheit der Kinder Gottes schmecken. Der Film hat ein Happy End.

Das ist eine ganz andere Haltung als dieses resignierte Feeling: die Welt ist schlecht, und wir müssen uns irgendwo unseren kleinen Schrebergarten bauen als Rückzugsort. Nein, es gibt sowieso keine echten Rückzugsorte. Es gibt nur Gott und seinen Streit mit den gottlosen Mächten um seine geliebte Schöpfung. Und da dabei zu sein im Bund mit Gott, das ist der beste Platz in dieser Welt. Geborgen sein, aber im Auge des Hurrikans – das ist die Verheißung.

Für die Christen damals war das eine ganz praktische Erfahrung, dass die Gemeinden in einer gefährlichen Welt befreite Zonen der Liebe waren. Die Christen waren verbunden durch die Liebe Gottes, die sie da immer wieder erlebten. Gegenüber dieser Erfahrung traten alle anderen Unterschiede in den Hintergrund. Die Fronten zwischen Sklaven und Herren, Männern und Frauen, Ausländern und Einheimischen wurden unwichtig, weil es etwas viel Wichtigeres gab. Manchmal machten sich die alten Prägungen doch wieder bemerkbar, aber dann gab es ja die lebendige Erinnerung daran, dass all diese Unterschiede für Christen ziemlich bedeutungslos waren.

Unterwandertes Christentum

Aber Johannes spürt, dass diese Liebe in Gefahr ist. Nicht so sehr dadurch, dass die Menschen natürlich ihre alten Gewohnheiten und Vorurteile auch immer mit in die Gemeinde bringen. Das war ein stetiger Lernprozess, dass Menschen umlernen mussten, wenn sie Christen wurden. Das gehörte dazu.

Wirklich gefährlich wird es aber, wenn Gedankensplitter aus der Gnosis ins christliche Denken eindringen. Wenn die Materie irgendwie als minderwertig gilt gegenüber dem Geistigen. Dann werden nämlich auch die christlichen Geschwister weniger wichtig. Dann wird Gottes geliebte Welt weniger wichtig. Dann hofft man doch auf eine andere, jenseitige Welt.

Und leider haben Johannes und die anderen neutestamentlichen Briefschreiber nur teilweise Erfolg gehabt. Irgendwie ist doch im Christentum so eine gnostische Unterströmung zurückgeblieben, wo man das Geistige höher schätzt als die Materie. Und dann denken Christen: was sollen wir uns groß Gedanken machen um die Umwelt oder um die Politik, das wird sowieso eines Tages zugrunde gehen. Gott geht es um den Einzelnen und um die Seelen und nicht um diese komplizierten Angelegenheiten im Großen, wo man doch nichts machen kann. Und prompt ist man wieder bei der resignativen Lebenseinstellung der Gnosis gelandet.

Permanentes Energieleck

Zum Glück haben wir ja die Bibel, die uns immer wieder zurückholen kann von solchen Wegen. Aber diese Gedankensplitter aus der Gnosis, die sich irgendwie ins christliche Denken eingeschlichen haben, die sind doch ziemlich zäh. Und sie nehmen dem Christentum viel von seiner Kraft. Die verwandelnde, Grenzen überschreitende Liebe, die ist noch da, aber genauso auch das Bild von anonymen Kirchenmitgliedern, die irgendwie nur formal dazugehören. Immer noch werden Menschen befreit von den Einengungen und Verbiegungen unserer Seele, die das Leben in einer gottlosen Welt mit sich bringt. Aber genauso gibt es in Gemeinden Eitelkeit und Machtspielchen, und keiner stört sich dran. Von schlimmeren Dingen, die es manchmal auch gibt, will ich gar nicht reden.

Da hat sich etwas eingeschlichen, wogegen schon das Neue Testament kämpft. Und das trägt auch dazu bei, dass wir als Christen in der Gesellschaft so wenig gehört werden. Wir fahren mit angezogener Handbremse und wundern uns, dass wir nicht vorankommen. Man kann wunderschöne Poster kaufen, auf die solche Sätze wie »Gott ist Liebe« gedruckt sind, aber kaum jemand begreift, dass das keine Wohlfühlparole ist, sondern eine Konfliktbeschreibung. Gott liebt seine Schöpfung so sehr, dass er um sie kämpft, unter Einsatz all seiner Möglichkeiten und um den Preis des Lebens Jesu.

Ein verändertes Drehbuch

Johannes malt kein Wohlfühlposter, sondern schreibt einen Aufruf, damit sich Freiwillige melden, die die befreiten Zonen Gottes verteidigen und erweitern. Der Schöpfer und Herr der Welt ist in seinem innersten Kern Liebe. Er bleibt seiner Erde treu. Und er sucht Menschen, die sich von dieser Energie bewegen lassen wollen und so wie er zu dieser Welt stehen, da, wo Gott sie auf der Erde hingestellt hat. Nur so bekommt das Christentum Bedeutung aus eigener Kraft. Und dann kann man das Drehbuch umschreiben, bis man versteht: Ich bin genau im richtigen Film und in der Rolle, für die ich geschaffen bin.

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