Seitenwechsel

Predigt am 29. März 2026 zu Markus 14,1-11

Eine weitere Predigt zum Text finden Sie hier.

1 Es war zwei Tage vor dem Pascha und dem Fest der Ungesäuerten Brote. Die Hohepriester und die Schriftgelehrten suchten nach einer Möglichkeit, Jesus mit List in ihre Gewalt zu bringen, um ihn zu töten. 2 Sie sagten aber: Ja nicht am Fest, damit es im Volk keinen Aufruhr gibt!
3 Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen zu Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echtem, kostbarem Nardenöl, zerbrach es und goss das Öl über sein Haupt. 4 Einige aber wurden unwillig und sagten zueinander: Wozu diese Verschwendung? 5 Man hätte das Öl um mehr als dreihundert Denare verkaufen und das Geld den Armen geben können. Und sie fuhren die Frau heftig an. 6 Jesus aber sagte: Hört auf! Warum lasst ihr sie nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn die Armen habt ihr immer bei euch und ihr könnt ihnen Gutes tun, sooft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht immer. 8 Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat im Voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt. 9 Amen, ich sage euch: Auf der ganzen Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man auch erzählen, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis.
10 Judas Iskariot, einer der Zwölf, ging zu den Hohepriestern. Er wollte Jesus an sie ausliefern. 11 Als sie das hörten, freuten sie sich und versprachen, ihm Geld dafür zu geben. Von da an suchte er nach einer günstigen Gelegenheit, ihn auszuliefern.

Glaskaraffe mit Salböl zwischen Oliven und Kräutern
Bild von Couleur auf Pixabay

In diesen Geschichten aus dem Markusevangelium geht es um Seitenwechsel. Um Verrat. Da ist einmal Judas. Er gehört zum engsten Kreis um Jesus. Und irgendetwas muss ihn getrieben, sich den Feinden Jesu anzudienen. Es gibt viele Vermutungen darüber – vielleicht war er neidisch auf Petrus, Johannes und Jakobus, weil die noch ein bisschen näher an Jesus dran waren als er. Vielleicht wollte er auch Jesus unter Druck setzen, damit der endlich mal die Engeltruppen einsetzt, über die er doch wohl das Kommando hatte – oder? Egal. In jeder Gruppe gibt es so ein schwächstes Glied, und wenn der Druck hoch genug ist, dann wechselt so einer die Seiten.

Was treibt so einen?

Vielleicht war es auch wirklich nur schnöde Geldgier. 30 Denare soll er bekommen haben, das war damals ein Monatslohn am unteren Rand der Skala, also ungefähr unser heutiger monatlicher Mindestlohn: 2.409 €. Ein bisschen dürftig war der Judaslohn schon. Man liebt Verräter nicht, noch nicht mal, wenn man von ihnen profitiert.

Denn profitiert haben die Führungsgruppen Jerusalems tatsächlich von Judas. Sie steckten ja in einem Dilemma und haben anscheinend pausenlos getagt. Sie mussten Jesus zum Schweigen bringen, bevor er beim Passafest eine große Bühne bekommen würde. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn er seine tempelkritischen Parolen vor Tausenden von Pilgern wiederholen würde. Andererseits konnte eine öffentliche Verhaftung Jesu der Auslöser für einen Volksaufstand sein. Sie mussten ihn deshalb heimlich in ihre Gewalt bekommen. Dazu brauchten sie einen Informanten im engsten Kreis um Jesus, und jetzt hatten sie ihn endlich.

Eine andere Art von Verrat

In diesen Geschichten gibt es aber noch eine weitere Verräterin, aber eine Verräterin ganz anderer Art. Das ist die Frau, die kommt und Jesus mit Nardenöl salbt. Die indische Narde, aus der man dieses Öl herstellt, kommt aus den Höhenlagen des Himalaya. Sie wächst dort wild bis auf 5.500 Meter Höhe. Sie ist mit unserem Baldrian verwandt und soll auch diese beruhigende Wirkung haben. Man kann sich vorstellen, dass es ziemlich teuer war, dieses Öl herzustellen und zu importieren. Auf über dreihundert Denare wird der Wert des Öls geschätzt, also vielleicht 25.000 €, das Zehnfache des Judaslohns.

Diese Frau muss aus einem ziemlich reichen Haus kommen. Es gab wahrscheinlich in Jerusalem nur sehr wenige Familien, wo man Kosmetik für 25.000 € vorrätig hatte. Die Frau kommt also aus der Oberschicht, und man kann sich gut vorstellen, dass ihr Mann gerade in einer Geheimsitzung im Tempel berät, wie man das Problem Jesus lösen kann. Wahrscheinlich weiß sie sogar davon, und sie hat gedacht: Das ist meine letzte Chance! Sie schnappt sich das Öl; irgendwoher weiß sie, wo Jesus zu finden ist, sie macht sich auf den Weg nach Bethanien, sie zerbricht das kostbare, versiegelte Gefäß und salbt Jesus mit dem Öl. Wahrscheinlich hat sie gedacht: Jesus braucht jetzt Klarheit im Kopf, in dieser Situation lasten auf ihm Sorgen und Ängste, und ich will wenigstens dazu beitragen, dass die ihm nicht das Gehirn vernebeln.
Merkt ihr, wie mutig diese Frau ist? Sie wechselt die Seite, sie bringt sich in einen offenen Gegensatz zu ihrem Mann (das konnte im Patriarchat damals sehr gefährlich sein), und wenn sich das herumspricht, dann ist sie auch bei den anderen Damen der guten Gesellschaft unten durch.

Die Frau muss eine wirklich selbständige Persönlichkeit gewesen sein. Höchstwahrscheinlich gibt es auch eine Vorgeschichte, von der wir nichts erfahren. Vielleicht hat Jesus die Frau geheilt oder wenigstens ermutigt, vielleicht hat sie ihn gehört, und er hat ihr aus der Seele gesprochen. Was auch immer: wir wissen nur, dass sie sich traut, ihm dieses Zeichen des Danks und der Unterstützung zu geben, auch wenn sie dafür noch jede Menge Ärger kriegen kann. Und Jesus erfasst die Situation sofort und sagt: sie hat getan, was sie konnte. Sie konnte nichts dran ändern, dass gerade mein Tod beschlossen wird, aber was in ihrer Macht stand, das hat sie getan.

Sie tut was sie kann

Liebe Freunde, von niemandem von uns wird verlangt, dass wir mehr tun als das, was in unserer Macht steht. Es gibt so viel Böses in der Welt, an dem wir nichts ändern können. Und viele legen dann die Hände in den Schoß und sagen: ich kann ja nichts machen. Aber irgendetwas können wir immer machen. Und es ist für Gott nicht schwer, durch viel oder durch wenig etwas zu bewirken, durch Großes oder durch Kleines. Vielleicht hat die Erinnerung an diese Frau Jesus geholfen, bis zum Schluss durchzuhalten und sein Vertrauen auf Gott auch am Kreuz nicht zu verlieren. Vielleicht war diese Salbung ja das Zeichen, das er noch brauchte: Wenn ich sogar die Seele dieser Frau aus der Oberschicht erreiche, dann hat meine Mission Zukunft. Wir wissen das nicht, aber Gott weiß es. Er weiß es auch bei dem, was wir tun.

Jesus ist in dieser Geschichte der Einzige, der wirklich versteht, was passiert. Die anderen sind pikiert, dass sich wieder mal eine Frau in ihre Männergesellschaft wagt und natürlich auch wieder Jesus viel zu nahe kommt. Aber wahrscheinlich sind sie auch verstört von der Entschiedenheit dieser Frau. Was will diese reiche Tussi hier? Das kann doch nicht sein, dass sie es ehrlich meint. Will die sich an Jesus ranschmeißen? Meint die, sie wäre wichtiger als wir hier?

Und auf einmal entdecken sie ihr Herz für die Armen. So wie manche Leute plötzlich ihr Herz für die Armen entdecken, wenn es um die Benzinpreise geht oder um billiges Fleisch aus Massentierhaltung. Unmöglich diese Frau! Kommt und meint, sie könnte Jesus mit ihrem teuren Zeug beeindrucken! Die soll lieber Almosen geben!

Worum es wirklich geht

Und sie sehen nicht, was in Wirklichkeit geschieht: Die Frau wechselt die Seite, weil sie weiß, dass es richtig so ist. Sie verrät ihre Klasse, sie verlässt den goldenen Käfig, in dem sie bisher gelebt hat, und sie tut es, weil Jesus ihr den Mut dafür gegeben hat. Wir müssen Menschen nicht auf ihren sozialen Status, ihr Geld oder ihre Herkunft reduzieren. Jeder von uns hat die Möglichkeit, sich für den neuen Weg Jesu zu entscheiden, unabhängig davon, wo er herkommt und wie sein Leben bisher ausgesehen hat. Niemand ist mehr an seine Vergangenheit gebunden.

Aber »Sich für Jesus entscheiden«, das bleibt eine fromme Phrase, wenn man nicht auch dazu sagt, dass das einen fundamentalen Bruch bedeutet: den Bruch mit den gottlosen politischen und wirtschaftlichen Mächten, die so tun, als ob sie die wahren Herren der Welt wären. Und Jesus sieht, dass die Frau diesen Schritt getan hat. Sie hat es getan mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen. Manche haben Öl für 25.000 €, andere wie die arme Witwe im Tempel haben nur ein paar Cent. Aber der menschliche Akt dahinter, um den geht es. Und den sieht Jesus: Sie hat getan, was sie konnte.

Wir leben heute in einer Welt, wo alles seinen Preis hat. Überall sehen wir jeden Tag Zahlen, die so tun, als ob sie uns genau sagen könnten, wieviel etwas wert ist. Im Vergleich dazu ging es in biblischen Zeiten beinahe gemütlich zu. Aber Jesus hat schon damals gesehen: Geld ist der große Gleichmacher. Es reduziert alle Verhältnisse und Beziehungen unter Menschen auf eine einzige Zahl, es macht alles zur käuflichen Ware, und wir sehen dahinter nicht mehr die Menschen, mit denen wir durch die Dinge in Beziehung treten.

Wir können die Seite wechseln

Manchmal haben wir das noch im Blick, wenn wir sagen: ich kaufe in dem kleinen Laden, wo ich die Leute kenne, auch wenn es da etwas teurer ist. Aber auch da wissen wir in der Regel nicht, wer eigentlich die Sachen hergestellt hat, die wir kaufen. In Jesu Zeiten wusste man meistens noch, wer den Mantel gewebt hatte, den man trug. Bei Nardenöl aus dem Himalaya war das schon schwieriger. Wir können uns die Gesellschaft, in der wir leben, nicht aussuchen. Wir heute sind hineingeboren in eine kapitalistische Welt, in der alles seinen Preis hat. Wo menschliche Beziehungen durch anonyme Warenbeziehungen unsichtbar gemacht werden.

Aber das muss nicht darüber bestimmen, wem unsere Loyalität gilt. Wir können die Seite wechseln. Wir können hinter das Preisschild schauen und wenigstens ahnen, mit welchen Menschen uns die Dinge in Verbindung bringen. Wir können auch etwas von unserem Essen selbst anbauen, damit wir nicht vergessen, dass Kartoffeln nicht in einer Fabrik zusammengeschraubt werden, sondern in richtiger Erde wachsen. Dann sind wir näher dran am Wunder des Lebens. Wir können auch gemeinsam Dinge reparieren, obwohl sich das wirtschaftlich gesehen gar nicht lohnt – aber es baut neue Beziehungen und Solidaritäten. Wir können die menschliche Arbeit und die Fantasie sehen, die in den Dingen steckt. Wahrscheinlich können wir noch sehr viel mehr tun, um hinter das Trugbild des Preisschildes zu sehen und das wahre Leben dahinter zu erkennen. Aber das ist doch schon mal ein Anfang.

Beziehung statt Mammon

Judas hat seine Beziehung zu Jesus für Geld verraten. Die Frau setzt ihren Reichtum ein, um ihre Beziehung zu Jesus zu vertiefen. Sie macht für sich selbst und für alle anderen deutlich, wo sie steht. »Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon!« sagt Jesus bei einer anderen Gelegenheit. Also: den Mammon, an dem Ausbeutung und Gewalt kleben wie ein altes Kaugummi, den tauscht ein gegen lebendige Beziehungen! Den Mammon nimmt man nicht mit ins Grab, und auch schon vorher kann er plötzlich weg sein. Heile Beziehungen zu Gott und den Menschen bleiben, auch in Krisen und Katastrophen, und auch wenn diese Welt irgendwann für uns zu Ende geht.

Jesus zeigt uns, wie wir den trügerischen Schein des Geldes zerreißen können, damit wir dahinter die Realität sehen, auf die es ankommt. Und damit wir tun, was wir können. Keiner weiß, ob nicht gerade mein kleiner Beitrag Gott noch fehlte. Vielleicht ist ja meine Entschiedenheit und das Wenige, was ich tun kann, der entscheidende Schritt für mich, für einen anderen Menschen, und für die neue Welt Gottes.