Hoffnung an unmöglichen Orten

Predigt am 4. Mai 2008 über Römer 8,26-30

26  Und auch der Geist ´Gottes` tritt mit Flehen und Seufzen für uns ein; er bringt das zum Ausdruck, was wir mit unseren Worten nicht sagen können. Auf diese Weise kommt er uns in unserer Schwachheit zu Hilfe, weil wir ja gar nicht wissen, was wir beten sollen, um richtig zu beten. 27  Und Gott, der alles durchforscht, was im Herzen des Menschen vorgeht, weiß, was der Geist ´mit seinem Flehen und Seufzen sagen` will; denn der Geist tritt für die, die zu Gott gehören, so ein, wie es vor Gott richtig ist. 28  Eines aber wissen wir: Alles trägt zum Besten derer bei, die Gott lieben; sie sind ja in Übereinstimmung mit seinem Plan berufen. 29  Schon vor aller Zeit hat Gott die Entscheidung getroffen, dass sie ihm gehören sollen. Darum hat er auch von Anfang an vorgesehen, dass ihr ganzes Wesen so umgestaltet wird, dass sie seinem Sohn gleich sind. Er ist das Bild, dem sie ähnlich werden sollen, denn er soll der Erstgeborene unter vielen Brüdern sein. 30  Und weil Gott sie für dieses Ziel bestimmt hat, hat er sie auch berufen. Und weil er sie berufen hat, hat er sie auch für gerecht erklärt. Und weil er sie für gerecht erklärt hat, hat er ihnen auch Anteil an seiner Herrlichkeit gegeben.

Als Paulus das hier schreibt, da hat er schon über viele Seiten die Zusammenhänge des christlichen Glaubens dargestellt, die erneuerte Wirklichkeit, die Jesus gebracht hat und die unter seinen Nachfolgern Gestalt annimmt. Und er hat so begeistert davon gesprochen, wie Gott durch seinen Heiligen Geist eine echte Veränderung bringt, und dass wir keinen Grund mehr haben, alte, kaputte Verhaltensmuster festzuhalten, und dass sogar die ganze Schöpfung darauf wartet, dass endlich die neue Menschheit sichtbar wird, die Jesus begründet hat. Und jetzt bringt er das zusammen mit der Erfahrung, dass gleich neben diesem begeisternden Neuanfang das Alte immer noch fortbesteht. Einerseits ist etwas Entscheidendes geschehen: wir sind gerettet, Jesus hat uns den neuen Weg gezeigt – aber es gibt auch noch die alte Wirklichkeit, und sie steckt auch in uns selbst drin.

Wir wissen noch nicht einmal, worum wir eigentlich beten sollen, sagt Paulus. Das sagt ein Apostel, der Tag für Tag betet und gewaltige Erfahrungen mit Gott gemacht hat, der in einer Vision den dritten Himmel geschaut hat, der Menschen geheilt hat und mit blutig geschlagenem Rücken in einer römischen Gefängniszelle Gott Loblieder gesungen hat.

Und trotzdem sagt er: wir wissen noch nicht einmal, was wir beten sollen. Wir sind darauf angewiesen, dass Gott aus unserem Gebet das Richtige herausliest. Denn was sollen wir denn beten angesichts all der Schmerzen und der Unerlöstheit in der Welt? Wie soll diese Erde eigentlich jemals wieder in Ordnung kommen? Wie können Menschen frei werden zu der Größe und zu dem Format, für das sie eigentlich bestimmt sind? Wir sehen nicht, wie das jemals klappen könnte, wir haben keinen Weg vor Augen, auf dem das realistisch gesehen erreicht werden könnte, und das Ziel können wir uns auch nicht wirklich vorstellen.

Ja, seit Jesus ist eine Kraft in der Welt, die alles verändern kann. Aber wie soll die jemals zu Menschen kommen, die sich einen Panzer von Bitterkeit zugelegt haben und dahinter gefangen sind in ihren resignierten Gedankenkreisläufen, die sie immer mehr nach unten ziehen? Ja, man kann erleben, wie das Evangelium zu Menschen durchdringt, und dann fällt Licht ins Leben, und statt Verbitterung und Feindschaft breiten sich Hoffnung und Freude aus. Und trotzdem kann einer kurz darauf wieder zurückfallen und nur noch fester gefangen sein in sich selbst.

Wir leben jetzt im Frühling und wir merken, wie gut uns das tut, wenn es hell ist und das frische Grün herauskommt und die Sonne scheint, und wir ahnen etwas von der Güte des Schöpfers, der das alles so gemacht hat, weil er Freude an der Schönheit hat – und wir wissen genauso, wie gefährdet das alles ist, wie groß die Gefahr ist, dass da etwas unwiederbringlich zerstört wird, weil wir als Menschheit so rücksichtslos mit der Schöpfung umgehen.

Du kannst erleben, wie Menschen Schritte in die Freiheit tun und die Fesseln abwerfen, die sie bisher eingeschränkt und blockiert haben. Du kannst miterleben, wie Gott Leben erneuert, wie er Krankheiten heilt und Hoffnung in hoffnungslose Herzen bringt, und es ist so schön, wenn man da dabei sein kann. Aber eine Tür weiter versäuft einer Flasche für Flasche seine Würde und zerstört seine Menschlichkeit und hat schon fast ganz vergessen, dass er da eigentlich mal raus wollte.

Du kannst mitbekommen, wie Kinder mit viel Gesundheit und Zuversicht und Begeisterung aufwachsen, und wie sich da auch ganz viel Gespür für Gottes Wirklichkeit entwickelt. Und genauso erlebst du, wie Kindern ihr Bestes kaputtgemacht wird mit gedankenlosen Worten von Erwachsenen, die gar kein Gespür dafür haben, was sie da eigentlich anrichten.

Und ganz besonders kann einen irritieren, dass man das alles noch viel mehr spürt, wenn man von dieser Kraft des Evangeliums weiß, wenn man ein bisschen besser versteht, wo Gott eigentlich hin will mit uns, was für eine Bestimmung er für uns hat, welche Größe er uns zugedacht hat. Wenn man angefangen hat, die Welt so zu sehen, dann fällt einem noch viel mehr auf, was da eigentlich alles schief läuft, und wie sehr wir zurückbleiben hinter unserer Bestimmung. Wir ahnen ja höchstens ein ganz klein wenig, wie eine Welt aussehen würde, die nach Gottes Willen funktioniert, was für eine Herrlichkeit das sein würde. An Jesus kann man ablesen, wie Menschen nach Gottes Willen eigentlich sein sollen, und wir können uns schon kaum vorstellen, wie er wohl gewesen sein muss. Aber eine ganze Welt, in der die Menschen alle jesusartig leben, uns die irgendwie auch nur vorzustellen, das ist für uns ganz unmöglich. Deswegen wissen wir nicht wirklich, worum wir eigentlich beten müssten.

Deswegen muss uns der Heilige Geist von Gott zu Hilfe kommen und unsere sehr begrenzten Gebete erweitern und sie zu dem machen, was sie eigentlich sein müssten. Auch wenn wir nicht nur in Stress-Situationen Stoßgebete zum Himmel schicken, auch wenn wir nicht nur für unser eigenes Wohlergehen und das unserer Familie beten, selbst wenn wir nicht dauernd nur um unsere eigene Gesundheit und Befindlichkeit kreisen – auch dann bleiben wir immer noch so weit hinter der Vision zurück, die Gott für uns und die Welt hat.

Paulus hatte vor Augen, wie die ersten Christen damals bei ihren Treffen »in Zungen« gebetet haben, also ohne klar verständliche Worte, und er deutet das so, dass da der Heilige Geist etwas durch die Menschen hindurch ausdrückt, was sie gar nicht in Worte fassen könnten. Man hat gesagt, das wäre die Sprache der Engel, aber Paulus präzisiert das und sagt: ja, aber was kommt in dieser Sprache zum Ausdruck? Die Sehnsucht der ganzen geschundenen Kreatur nach Erlösung. Das Beste, was die Christen hinkriegen, das ist, dass durch sie Gott einen Weg schafft, auf dem der schmerzliche Wunsch nach Erlösung laut werden kann.

Durch Jesus wissen wir erst, was heile Menschen in einer heilen Welt überhaupt sein könnten, und das macht in uns bestenfalls Raum frei, in dem der Heilige Geist unsere Impulse nehmen kann und so umformen, dass vor Gott etwas Sinnvolles daraus wird. Und auch das ist etwas Großes, es ist Herrlichkeit, es unterbricht endlich die Gefangenschaft dieser Welt unter dem Zerstörer, weil Gott auf solche Bitten antwortet und die Türen des Gefängnisses aufbricht.

Und deshalb sagt Paulus: uns, die wir diese Sehnsucht der Kreatur zum Ausdruck bringen, die wir diese Hoffnung festhalten mit Geduld und Gottvertrauen, für uns muss aus all dem etwas Gutes werden. Wenn wir diesen Widerspruch aushalten und nicht weglaufen, wenn wir an beidem festhalten, an der Treue zu Gottes Verheißung und an der Treue zur Erde, dann kann Gott uns zu unserer Bestimmung führen, und die ist es, nach dem Bild Jesu gestaltet zu werden. Jesus soll nicht allein bleiben, sondern er ist der Anfang einer ganzen neuen Menschheit.

Und wenn wir an diesem Platz bleiben, an dem Riss zwischen der Welt, wie sie ist, und der Verheißung, die Gott über ihr ausspricht, dann kann Gott uns in das Bild Jesu verwandeln. Denn auch Jesus hat genau an dieser Stelle gestanden: er wusste noch viel besser als wir von der Herrlichkeit Gottes und seiner Schöpfung, und er hat noch viel tiefer als wir das Elend und die Gewalt und die Zerstörung gesehen und am Ende selbst erlitten. Jesus ist bis zum letzten Atemzug bei diesem Riss geblieben, der durch die Welt geht, um ihn zu heilen und zu erlösen.

Dazu eine Geschichte: In den letzten Tagen ist ja zum 1. Mai wieder so viel Gewalt aufgebrochen. Und Sie erinnern sich vielleicht, dass es vor Jahren so etwas auch in Berlin gegeben hat, die Kreuzberger Krawalle, wo es jedes Jahr wieder schlimme Zerstörungen gegeben hat. Und die Bewohner das Viertels hatten irgendwann die Nase voll davon, dass die Chaoten kamen und bei ihnen alles kaputtgemacht haben. Und dann haben sie überlegt, was man tun kann, und haben stattdessen ein Stadtteilfest geplant, das Myfest. Sie haben ein fröhliches Fest gegen die Gewalt gesetzt. Und die Christen waren auch dabei, und die Gemeinden haben Gottesdienste auf der Straße gefeiert und haben überall dafür gebetet, dass es keine Gewalt mehr gibt. Und seit Jahren bleibt da alles ruhig, auch in diesem Jahr wieder. Das ist so wichtig, dass Christen an solche Stellen gehen, wo Heilung so dringend nötig ist, auch wenn man erst gar nicht weiß, wie das gehen soll.

Wenn wir an dieser Stelle bleiben, dann werden wir immer wieder noch nicht einmal wissen, was wir eigentlich beten sollen, geschweige denn, wie wir das heilen sollen. Aber dann wird Gott das hören, was der Heilige Geist an unserer Stelle dazu sagt.

Liebe Freunde, das ist ein schmaler Weg, und man kann da auf beiden Seiten abstürzen. Man kann entweder sagen: wir können gar nichts machen, Jesus muss es tun, wir sind viel zu schwach angesichts all der Probleme, und schwach werden wir dann auch. Oder man kann sagen: toll, wir haben Gottes Kraft und Gottes Rettung, unsere Probleme sind erledigt, und das Dunkel in der Welt interessiert mich nicht mehr. Und dann kann das Dunkel nicht mehr durch uns um Erlösung rufen. Aber genau in der Mitte dazwischen führt der Weg, auf dem Gott uns nach dem Bild Jesu gestaltet. Wir kennen nicht den ganzen Plan, aber Paulus versichert uns, dass Gott auch das Böse und Dunkle in seinen Plan einbauen wird.

Vielleicht ist für uns am schwersten zu verstehen, was wirklich Gottes Prioritäten für unser Leben sind: er will uns so verändern, dass wir nicht immer wieder uns selbst und andere verletzen. Gott will uns heilen und uns zu unserer wirklichen Größe bringen. Wir konzentrieren uns vor allem darauf, den Schmerz und das Unbehagen zu vermeiden, den diese Verletzungen produzieren. Und das passt nicht immer zusammen, denn jede Veränderung bereitet uns mindestens Unbehagen. Je grundlegender das Umlernen ist, um so mehr sträuben wir uns dagegen. Unser Gehirn scheint etwas dagegen zu haben, die eingefahrenen Nervenverbindungen neu zu verschalten. Und anscheinend ist es so, dass es einen Anlass geben muss, damit wir uns an diese Arbeit machen. Irgendetwas muss uns so verunsichern, dass wir nach Neuem fragen und uns an diese Arbeit des Umbaus machen. Und das geschieht, wenn wir an dieser Nahtstelle bleiben, an dem Widerspruch zwischen Gottes Verheißung und der Dunkelheit der Welt, wenn wir diesen Widerspruch immer wieder erleiden, dann kann Gott uns auf diesem Weg voranbringen, dass Jesus in uns Gestalt annimmt.

Wir werden das nicht endgültig hinter uns lassen, dass wir beides erleben: wie um uns herum die Welt hell wird und Menschen aufblühen, weil wir ihnen das Evangelium gebracht haben; und ein andermal scheint alles verriegelt und verschlossen zu sein und wir stehen ohnmächtig daneben. Und alles mögliche dazwischen.

Aber Paulus sagt: von Gott aus geht das in Ordnung. Er wird dich voranbringen auf dem Weg zu deiner Bestimmung, ein größeres oder kleineres Stück, aber egal wie groß es am Ende sein wird, es ist richtig und hat sich gelohnt und es wird alles seinen Platz finden in der Herrlichkeit der neuen Welt. Spätestens jetzt, heute, beruft er dich, und wenn du anfängst, seinem Ruf zu folgen, dann nimmt er den Anfang für den ganzen Weg. Alles, was du auf diesem Weg tust, hat Anteil an der kommenden Welt.

Versteht ihr, dass uns das ganz stark macht? Dass wir dann diese Opfermentalität hinter uns lassen, wo wir denken: ich bin klein und ohnmächtig, und wenn ich keine Alternative habe, dann liegt es an den andern, und die tun ja doch nicht, was sie sollen? Und ich muss irgendwie mein kleines Glück finden, meine kleine Erleichterung, auch wenn ich mich und andere damit kaputtmache. So viel Selbstzerstörung, Ohnmacht und Bitterkeit entsteht aus der Opfermentalität.

Aber wenn wir verstehen, dass wir sogar mit unserer Ohnmacht Anteil haben können am Werk Gottes, an dem Ruf nach der Freiheit, den der Heilige Geist durch uns vor Gott bringt, dann sind wir nie ohne eine Perspektive. Solange wir festhalten an der Vision Gottes für diese Erde mit ihren Menschen, Tieren, Pflanzen und allem Geschaffenen, und nicht fliehen vor allem, was dieser Vision widerspricht, so lange sind wir auf dem richtigen Weg. Und dann kann Gott uns durch alles, was uns begegnet, voranbringen.

Und das wird nicht durchgehend von Leiden und Aushalten geprägt sein. Paulus sagt das alles überhaupt nicht in einem resignierten und leidenden Ton. Nein, er weiß, dass es alles am Ende auf den Sieg Gottes zulaufen wird. Und dieser Sieg wir sich immer wieder auch jetzt schon bei uns zeigen. Es wird dem Evangelium auch jetzt schon immer wieder gelingen, wenn wir nur Gottes Verheißung und der Erde treu bleiben.