Gottes Geist macht lebendig

Predigt am 11. Mai 2008 (Pfingstsonntag) über Römer 8,1-2.10-11

1 Müssen wir denn nun noch damit rechnen, verurteilt zu werden? Nein, für die, die mit Jesus Christus verbunden sind, gibt es keine Verurteilung mehr. Denn wenn du mit Jesus Christus verbunden bist, bist du nicht mehr unter dem Gesetz der Sünde und des Todes; das Gesetz des Geistes, der lebendig macht, hat dich davon befreit. …
10 Wenn aber nun Christus in euch ist, dann habt ihr aufgrund der Gerechtigkeit, die Gott euch geschenkt hat, den Geist empfangen und mit ihm das Leben, auch wenn euer Körper als Folge der Sünde dem Tod verfallen ist. 11 Nun ist ja der Geist, der in euch wohnt, der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Und weil ´Gott` Christus von den Toten auferweckt hat, wird er auch euren sterblichen Körper durch seinen Geist lebendig machen, durch den Geist, der in euch wohnt.

Gottes Geist macht lebendig. Er war nicht nur bei der Schöpfung dabei, als er über den Wassern brütete, bis es eine Welt zum Leben gab. Er ist auch der Geist der Totenauferstehung, der als ersten Jesus in ein neues Leben hinein hat auferstehen lassen. Und er ist der Geist des neuen Lebens, durch das wir in der Nachfolge Jesu anders durch die Welt gehen.

Immer wieder ist es der Geist Gottes, der lebendig macht. Wenn man eine kurze Bezeichnung finden will für das, was Gott tut, dann wäre es: Leben schenken, lebendig machen. Das zieht sich durch alle Aktionen Gottes hindurch.

Kein Mensch hat bis heute wirklich herausgefunden, was Leben ist, was das eigentlich ist, das tote Materie dazu bringt, zu leben. Man kann Leben beschreiben, aber worin Leben eigentlich besteht und wie es zustande kommt, das kann keiner wirklich sagen. Immer mal wieder hört man, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis Menschen dem Geheimnis des Lebens auf die Spur gekommen sind, aber das sind Behauptungen, die ihre Tragfähigkeit noch nicht bewiesen haben.

Leben ist dieser grundlegende Unterschied zwischen toter Materie und einem lebendigen Wesen. Vor vielen Jahren haben wir um die Kirche herum das Fundament saniert, und beim Ausschachten sind wir auf Überreste von Menschen gestoßen, die dort einmal begraben worden sind. Ganz alte Knochen, die schon fast wieder so aussahen wie die Erde, in der sie lagen. Wenn sie ein bisschen Druck abkriegen, zerbröseln sie. Wir haben sie dann an einer anderen Stelle wieder zur Ruhe gebettet. Aber das ist schon eine merkwürdige Erfahrung, solche Strukturen zu sehen, die einmal Teil eines lebenden Wesens waren und jetzt schon fast wieder zu Erde geworden sind. Da wird es einem so richtig einleuchtend, dass Gott Menschen aus Erde geformt hat und dann diesem toten Gebilde den Atem des Lebens eingehaucht hat. Leben ist der Atem Gottes. Und wenn sein Lebensgeist eines Tages gegangen ist, dann wird dieses lebendige Wesen nach und nach wieder zur Materie, ungeordnet, tot, bewegungslos..

Aber das ist das Beste und Größte, was man von der Materie sagen kann: dass sie dafür offen ist, von Gottes Geist angerührt zu werden, zum Leben erweckt zu werden, durchdrungen und bewohnt zu sein vom Lebensgeist Gottes. Dazu ist die Materie geschaffen, dass sie vom Leben bewohnt wird. Dass in ihr das Leben Gestalt annimmt. Leben ist das grundlegende Geschenk Gottes, es fühlt sich so selbstverständlich an, aber es ist ein Wunder, das sich Tag für Tag in uns und durch uns ereignet. Wenn wir für einen Augenblick dem nachspüren, wie mit jedem Atemzug das Leben durch unsern ganzen Körper hindurchgeht – – – – das ist eine gute Übung, um uns an dieses Geschenk des Lebens zu erinnern.

Aber dann ist etwas Unbegreifliches passiert: das Leben hat sich gegen seinen Ursprung gewendet. Und damit ist es in die Gefangenschaft dessen geraten, was Paulus hier das »Gesetz der Sünde und des Todes« nennt. Wir kennen das Prinzip von manchen Krankheiten, wo etwas Gutes zerstörerisch wird: Allergien z.B. sind ursprünglich ein lebenswichtiger Abwehrmechanismus unseres Körpers, mit dem er sich gegen Angreifer schützt, aber dieser Mechanismus wendet sich dann gegen den Körper selbst und quält den Menschen..

Und so hat sich die Welt gegen Gott abgeschottet, hat sozusagen eine Gottesallergie entwickelt, und quält sich so selbst. Pointiert gesagt: das Leben hat sich gegen den Lebensgeist gewendet, der es überhaupt erst leben lässt. Es unterstellt sich dem Gesetz der Sünde und des Todes, dem Gesetz der Zerstörung. Mit Gesetz ist hier ein Prinzip gemeint, ein Muster, nach dem man funktioniert, eine Logik, nach der die Dinge laufen, ein System, aus dem man nicht herauskommt. Das Leben hat sich in die Gefangenschaft eines Systems begeben, aus dem es nicht mehr herauskommt, und das darauf abzielt, dass die Erde am Ende so unbewohnbar wird wie der Mond.

Und diese Zerstörung zeigt sich im Großen wie im Kleinen: im Raubbau an unserem Planten ebenso wie in der Aushöhlung des Vertrauens unter den Menschen, in Krieg und Ungerechtigkeit ebenso wie in Krankheiten von Leib und Seele.

Und da muss der Geist Gottes noch einmal eingreifen und für das Leben eintreten. Damit das geschehen kann, ist Jesus gekommen. Er ist das Tor, durch das diese Erneuerung in die Welt kommt. Er geht durch die Welt, und überall, wo er hinkommt, blüht das Leben wieder auf. Menschen werden heil und gesund, sie spüren ihre Würde wieder, sie machen ihr Herz frei von den Spuren der Unterdrückung, die sie so lange am wirklichen Leben gehindert haben. Jesus kommt, und die Welt wird wieder sichtbar als Zeichen der Güte Gottes. Schönheit und Fülle glänzen von Neuem. Menschen werden ein Geschenk, anstatt ein Risiko zu sein.

Aber es gibt ein Problem: dieses ganze System des Todes ist damit noch längst nicht weg. Es hat sich eingenistet auf der Erde, es hat auch in uns seine Wurzeln geschlagen, es gibt politische und militärische Machtzusammenballungen, die darauf achten, dass sie nicht die Herrschaft über die Menschen verlieren. Die Menschheit, wir alle, haben uns daran verkauft. Man kann nicht einfach beschließen, dass das alles morgen aufhören soll.

Sie wissen das vielleicht von Menschen, die ein Suchtproblem haben: am Anfang hat es sich prima angefühlt, wenn man etwas getrunken oder geschluckt hat, aber bald braucht man immer mehr, damit man sich nur noch halbwegs normal fühlt. Und dann kann ein Mensch nicht so einfach beschließen: ab morgen nehme ich das nicht mehr. Sondern wenn er das will, dann muss er durch einen mehr oder weniger harten Entzug hindurch, wo er mit Schmerzen für dieses gute Gefühl am Anfang bezahlen muss. Dieses gute Gefühl am Anfang war sozusagen ein Vorschuss, und der muss irgendwann zurückgezahlt werden. Das ist mit allen Krediten so: egal, wie einfach und komfortabel das am Anfang war, irgendwann müssen sie zurückgezahlt werden. Wahrscheinlich flattern Ihnen doch auch alle diese Werbebriefe von den Banken ins Haus, oder eine nette Frau aus dem Callcenter ruft an und erzählt Ihnen, wie bequem Sie Geld bekommen können, wie einfach und ganz schnell, die warten nur darauf, Ihnen jede Menge Geld in die Tasche zu stecken. Das hat nur einen kleinen Haken: mir ist noch kein Kredit angeboten worden, den man nicht irgendwann zurückzahlen müsste. Eigentlich komisch! Die könnten doch mal einen Kredit anbieten, den man nicht zurückzahlen muss, dann brauchten sie gar nicht das ganze Geld für nervige Werbung ausgeben, die Leute würden ihnen ganz von allein die Bude einrennen..

Aber das ist eben das Problem: ein Kredit, ein Vorschuss, der muss irgendwann zurückgezahlt werden. Es ist wie ein Gefängnis, in dem einer drinsteckt, und er kommt erst raus, wenn er das Geld mit Zinsen zurückgezahlt hat. Und einige kommen da nie wieder raus.

Und so hat auch die Menschheit sozusagen einen Kredit aufgenommen, als sie sich mit diesem System des Todes eingelassen hat. Das war zuerst verlockend: die Frucht vom verbotenen Baum sah so begehrenswert aus. Es war so einfach, zuzugreifen, so leicht und vielversprechend. Aber seit damals bezahlen wir dafür und kommen nicht mehr raus, wir sind gefangen in diesem System der Zerstörung, das auch uns selbst verändert hat, wie Süchtige, die nicht mehr zurückkönnen in die Normalität. Wir wissen gar nicht mehr, wie wir mal waren, bevor wir in diese Gefangenschaft gekommen sind..

Aber dann kommt Jesus und lebt mitten unter uns ein Leben der Freiheit. Und auf einmal ist ein Ausgang sichtbar. Ja, Jesus musste einen Preis dafür bezahlen. Sie haben ihn gekreuzigt. In dieser Welt legt man sich nicht ungestraft mit den Mächten der Zerstörung an. Aber Jesus hat den Preis bezahlt, und so lebt er das neue Leben vom Anfang bis zum Ende, und Gott hat ihn auferweckt. Und so zeigt er uns, wie Menschen eigentlich sein sollen, er zeigt uns, wie ein Leben aussieht, das vom Geist Gottes inspiriert ist. Und wenn wir anfangen, ihm nachzugehen, in seinen Spuren, dann haben wir dieses System der Zerstörung hinter uns gelassen, wir sind frei, und der Geist Gottes kann wieder durchdringen zu uns und uns inspirieren und so in uns wohnen, wie es von Anfang an sein sollte..

Und dann werden wir schon jetzt ein Teil der neuen Schöpfung, an der Gottes Geist baut. Wir ahnen kaum, wie das am Ende aussehen wird, wenn Gott die Welt so erneuert, wie er sie schon immer gewollt hat. Aber wir sind jetzt schon dabei.

Das ändert nichts daran, dass auch wir vermutlich eines Tages so vergehen werden wie die Menschen, die wir damals im Boden rund um die Kirche gefunden haben. Aber der Heilige Geist macht lebendig. Alles, was wir aus dem Geist Gottes heraus gelebt haben, das hat eine Zukunft, das ist ein Baustein für die neue Welt Gottes, das wird erhalten bleiben. So sind wir in Wahrheit, und das wird von neuem lebendig werden.

Machen Sie sich das mal für einen Augenblick klar: es wird eine Zeit geben, in der nur noch das von uns lebendig ist, was zu Gott passt. Und das wird unser eigentliches Leben sein. Im Augenblick üben wir noch für diese neue Welt. Ganz viele Sachen, die jetzt einen großen Teil unseres Lebens ausmachen, die werden dann keine Rolle mehr spielen. Ganz viele Sorgen z.B., die wir uns gemacht haben, sind dann umsonst gewesen. Ganz viele Gedanken, die wir immer wieder und immer wieder gedacht haben, sind vergessen. Dinge, auf die wir so viel Energie konzentriert habe, sind dann unwichtig. Ich könnte weitermachen, aber Sie verstehen das Prinzip: die wichtigste Frage bei allem, was wir tun, ist: ist da schon die neue Welt drin? Hat das wenigstens schon etwas von dem Format und dem Feeling, zu dem Jesus Menschen befreit hat?

Der Heilige Geist macht lebendig. Mitten in dieser alten Welt schenkt er uns das Format, das Gott im Sinn hatte, als er uns ins Leben rief. Ihm sollen wir uns öffnen.