Taufe und Drachenhäutung

Predigt am 11. Januar 2009 über Matthäus 3,13-17

13  Auch Jesus kam aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. 14 Johannes wehrte sich entschieden dagegen: »Ich hätte es nötig, mich von dir taufen zu lassen, und du kommst zu mir?« 15  Aber Jesus gab ihm zur Antwort: »Lass es für diesmal geschehen! Es ist richtig so, denn wir sollen alles erfüllen, was Gottes Gerechtigkeit fordert.« Da willigte Johannes ein. 16  In dem Augenblick, als Jesus nach seiner Taufe aus dem Wasser stieg, öffnete sich über ihm der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. 17  Und aus dem Himmel sprach eine Stimme: »Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.«

Was hier geschieht, das ist die Urform und Grundform der Taufe. Alle anderen Taufen sind so etwas wie der Versuch, Anteil zu bekommen an dem, was hier geschieht. Mit hineinzukommen in das, was hier zwischen Gott und Jesus geschieht.

Kurz gesagt, Jesus macht sich schutzlos, wehrlos. Taufe ist ja so etwas wie ein Sterben: man wird untergetaucht, und jeder, der schon mal im Schwimmbad gegen seinen von jemand anderem untergetaucht worden ist, der weiß, dass da so ein kleines bisschen Todesangst dabei ist: lässt er mich wieder hoch? Natürlich weiß man: es ist nur ein Spaß, aber trotzdem ist es ein mulmiges Gefühl. Die Amerikaner haben das ja in den letzten Jahren als Folter eingesetzt. »Waterboarding« nannten sie das: Menschen so lange mit dem Kopf unter Wasser zu tauchen, dass die glauben, sie müssten ersticken. Und manchmal sind Menschen dabei wirklich ertrunken.

Klar, so was passiert beim Taufen nicht, aber diese Erinnerungen zeigen, was für ein gefährliches Symbol die Taufe eigentlich ist. Da muss etwas sterben, damit Gottes neues Leben gedeihen kann. Paulus nennt die Taufe sogar einmal »mit Christus begraben werden«. So wie man einen toten Menschen in die Erde hineinlegt, so wird bei der Taufe der alte, von Gott abgewandte Mensch ersäuft und begraben. Und wenn dann der Täufling aus dem Wasser auftaucht, dann beginnt für ihn das neue Leben mit Gott.

Der Einzige, der das nicht nötig gehabt hätte, war Jesus. Jesus war nie von Gott abgewandt. Er hatte keinen alten Menschen, von dem er sich in der Taufe trennen musste. Und Johannes der Täufer hatte genug Ahnung von geistlichen Zusammenhängen, um das gleich zu merken. »Umgekehrt wird ein Schuh draus« sagte er zu Jesus. »Du müsstest mich taufen, nicht ich dich.« Aber Jesus antwortet mit einem Rätselsatz: Nein, mach es jetzt einfach so, wie ich es gesagt habe, so erfüllen wir Gottes Gerechtigkeit. Und Johannes wiederum weiß, dass er jetzt gehorchen muss, auch wenn er es nicht versteht.

Erst im Rückblick kann man verstehen, worum es Jesus ging. Erst im Rückblick von seinem Tod her. So wie Jesus sich taufen ließ, obwohl er es nicht nötig gehabt hätte, so hat er es zugelassen, dass die ganze Grausamkeit und Gewalt, zu der Menschen fähig sind, sich an ihm austobte. Obwohl er keine Schuld an dieser Gewalt hat, hat er sie doch ertragen, so wie Menschen sie immer wieder Grausamkeit ertragen müssen, aber gegen ihren Willen.

Versteht ihr, wie es beide Male um das Gleiche geht? Jesus hat etwas mit sich machen lassen, was er nicht hätte auf sich nehmen müssen. Zuerst dieses Todessymbol der Taufe und dann den echten Tod. Das hätte er nicht nötig gehabt, er hatte es nicht verdient. Wir haben es nötig, dass unser altes gottabgewandtes Leben stirbt, und wenn wir eines Tages einen bösen grausamen Tod erleiden sollten, dann könnten wir uns nicht beschweren und sagen: das habe ich nicht verdient! Wir lassen so viel zu an Gewalt und Grausamkeit und Zerstörerischen in der Welt, wir stecken so tief drin in den gottlosen Todeskreisläufen, so viel Schlimmes geschieht mindestens mit unserer stillschweigenden Duldung, dass wir uns nicht beklagen könnten, wenn es irgendwann auch uns träfe.

Jesus war anders. Jesus war frei von den Todesmächten. Aber trotzdem nimmt er zuerst das Todessymbol und dann den echten Tod auf sich. Ich habe vorhin diesen Evangelientext aus Markus 10 vorgelesen, wo Jesus sagt: »Könnt ihr den bitteren Kelch trinken, den ich trinken werde, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werden muss?« Und er spielt mit dieser Chiffre der Taufe auf seinen Tod an. Also Jesus selbst setzt später seine Taufe und sein Sterben gleich. Mit seiner Taufe willigt er in einen Weg ein, der ihn am Ende ans Kreuz führen wird. Er übernimmt etwas, was er nicht verdient hätte. Er nimmt uns etwas ab, was wir verdient hätten, und woran wir alle zerbrechen würden, aber er trägt es so, dass daraus nicht wieder neuer Tod und neues Verderben entsteht.

Und Gott sieht es und sagt Ja dazu. Erst bei der Taufe, als Jesus wieder aus dem Wasser kommt, und dann nach seinem Tod, als er ihn auferweckt. Und wenn wir mit diesem Geschehen in Kontakt kommen, wenn wir da mit hinein kommen, dann dann kommt auch zu uns diese lebensspendende Kraft Gottes. Wenn wir getauft werden, dann werden wir mit diesem Weg Jesu verbunden, den wir selbst nicht gehen könnten. Aber in abgeschwächter Form kommt er zu uns.

Buchtitelbild Reise mit der MorgenröteIhr wisst, dass ich die Narnia-Bücher von C.S. Lewis liebe. In einem gibt es eine Szene, die ein tolles Bild dafür ist, worum es geht, wenn Menschen getauft werden. Das ist aus dem Band »Die Reise mit der Morgenröte«. Der ist leider noch nicht verfilmt, aber irgendwo habe ich gelesen, dass er demnächst auch drankommen soll wie jetzt neulich »Prinz Kaspian«. Und auch das ist eine Geschichte, in der Kaspian vorkommt.

Der segelt nämlich mit dem Schiff »Morgenröte« in den äußersten Westen, um da Entdeckungen zu machen. Und wieder sind Menschenkinder dabei, aber diesmal leider auch ein echtes Ekel, ein Junge, der sich mit allen anlegt und über alles alles meckert, der ziemlich hinterhältig, arrogant und ahnungslos ist und trotzdem glaubt, er wäre der Einzige, der den Durchblick hat.

Eines Tages legen sie an einer unbekannten Insel an, um das Schiff zu reparieren. Der Junge, er heißt Eustachius, hat keine Lust, mitzuarbeiten und verkrümelt sich lieber ins Innere der Insel. Und da entdeckt er eine Drachenhöhle. Der Drache ist zum Glück alt und stirbt gerade, und so kann Eustachius in die Höhle gehen und die Schätze des Drachen betrachten. Er ist ganz außer sich wegen all dem vielen Gold, er streift sich einen goldenen Reif über den Arm und schläft auf dem Drachenschatz ein. Aber als er wieder aufwacht, hat er sich in einen Drachen verwandelt.

Und man merkt, dass in dieser Geschichte einfach sichtbar wird, welches Potential in Eustachius schlummert: wenn er so weitermacht, dann kann aus ihm etwas ganz Böses werden. Leute wie er landen entweder irgendwann im Gefängnis oder sie werden irgendein ganz hohes Tier, die erreichen mal eine Position, wo sie Macht haben und im ganz großen Stil Böses anrichten können. Eustachius wird in der Geschichte drastisch vor Augen geführt, was noch mal aus ihm werden kann: ein Drache.

Aber zum Glück kann er sich nicht leiden mit seiner schuppigen Haut und den Fledermausflügeln und den gebogenen Klauen, und der Goldreif an seinem ehemaligen Arm tut ihm weh, und er wäre doch lieber wieder ein Junge, und er fliegt zurück und versucht Kontakt zu den anderen aufzunehmen – aber die glauben natürlich, dass er das Schiff angreifen will. Erst als er sich traurig an den Strand setzt, sehen die anderen, dass der Drache weint und erkennen, wer das ist.

Und seitdem Eustachius zum Drachen geworden ist, benimmt er sich viel besser: er hilft mit, so gut er kann, er reißt Bäume aus zur Reparatur des Schiffes und zündet mit seinem Feueratem das Lagerfeuer an, und in kalten Nächten dürfen sich die anderen an seinem warmen Körper aufwärmen. Aber er möchte natürlich viel lieber wieder ein Mensch sein.

Und dann, eines nachts, als er sich traurig verkrochen hat, um allein zu sein, da begegnet ihm der Löwe Aslan. Aslan ist in Narnia die Verkörperung von Jesus. Und Aslan führt den Drachen Eustachius zu einem Teich, und Eustachius weiß: wenn ich in diesem Teich bade, dann werde ich wieder ein Mensch. Aber wie kann er als Drache in dem Wasser baden? Schließlich kommt er auf die Idee, sich seine Drachenhaut abzuziehen, und tatsächlich, es klappt! Da liegt neben ihm die alte Haut, und er läuft zum Wasser, um zu baden – aber kaum ist er da, sieht er, dass ihm eine Drachenhaut gewachsen ist. Wieder fängt er an, sie sich abzuziehen, es klappt auch, aber sofort ist eine neue gewachsen. Auch die reißt er sich runter, aber kaum kommt er zum Wasser, da sieht er, dass sein Bein schon wieder schuppig ist.

Ich finde das ein unheimlich eindrucksvolles Bild. Wir legen uns Drachenhäute zu – und die Taufe ist ein Zeichen dafür, dass wir sie loswerden müssen, wenn wir leben wollen. Ein Drache hat eine so dicke Schutzhaut, dass er beinahe unverwundbar ist. Und wir möchten auch durch so eine Schutzhaut abgeschirmt sein gegen die Gefahren und Schmerzen des Lebens. Alle Lebenslügen sind solche Drachenhäute. Alles mögliche kann zur Schutzhaut werden, Arroganz und Gemeinheit sind es bei Eustachius, aber genauso funktionieren Ruhm und alle möglichen Süchte, Macht und Reichtum, Lüge und Verdrängung, Staaten schützen sich mit starkem Militär, alles Mögliche kann diese Schutzfunktion bekommen. Als die Jünger Jakobus und Johannes Jesus darum baten, dass sie neben ihm sitzen dürfen im Reich Gottes, um so Anteil an seiner Macht zu haben, da baten sie Jesus sozusagen um eine Drachenhaut, die ihnen Unverwundbarkeit schenken würde: Macht. Aber wir wissen, wenn ein Mensch sich so eine Drachenhaut zulegt, dann wird er schrecklich. Wer keine Schmerzen mehr fühlt, der ist zu allem fähig. Vor allem aber, und das ist das Schlimmste: so kann er nicht im Wasser des Lebens baden.

Und das Problem ist: wir kommen nicht mehr dagegen an. Vielleicht nehmen wir uns vor, weniger arrogant und freundlicher zu sein, aber das wird dann eine falsche Freundlichkeit, die auch nicht besser ist. Wenn wir uns mühsam von einer Haut befreien, wächst die nächste nach. Hast du schon mal überlegt, was deine Drachenhaut ist? Dummerweise erkennen wir sie nur schwer, weil wir uns daran gewöhnt haben. Eustachius hat das Glück, dass es bei ihm so schnell geht, dass er sich nicht daran gewöhnen kann, und so leidet er darunter.

Als er ganz verzweifelt ist, kommt Aslan und sagt: dann werde ich dir wohl die Haut abziehen müssen. Und er reißt sie ihm mit seinen Löwenkrallen ab, und es geht ganz tief und tut schrecklich weh, und gleichzeitig ist Eustachius so froh, weil er weiß: jetzt werde ich diese schreckliche Haut endlich los. Und dann kann er mit seiner echten, weichen Menschenhaut im Wasser des Lebens baden, und es tut so gut, und er wird gesund, ein neuer Mensch.

Schaut an, das ist ein Bild für unsere Taufe: wir werden da mit der Kraft des Opfers Jesu in Verbindung gebracht, und die kann uns von unseren Drachenhäuten befreien. So viele Menschen glauben: das kriege ich schon in den Griff, ich werde ein besserer Mensch, ich lerne mich zu entspannen, ich arbeite an mir, ich mache eine Lebensbilanz, ich mache einen Kurs mit, ich treffe mich mit anderen Betroffenen, und dann wird es auch ein bisschen anders, und es gibt auch ein paar Erfolge, aber dann wächst wieder das nächste Problem, die nächste Drachenhaut kommt nach.

Und dagegen hilft nur der Verzicht auf all diese Schutzmechanismen, die uns vor Schmerzen bewahren sollen. Das ist das Paradox: zum wirklichen Leben finden wir nur, wenn wir aufhören, uns gegen die Schmerzen und gegen das Leiden in der Welt abzuschirmen. Deswegen gibt Jesus immer so komische Anweisungen: verschenk deinen Reichtum, räch dich nicht, liebe deine Feinde, vergib denen, die dir Unrecht getan haben. All, Feindschaft, Rache, Nachtragen, Reichtum und Macht, das sind Schutzhäute, die uns hindern, ins Wasser des Lebens zu kommen. Und es ist ein großer Schmerz, wenn wir diesen Schutz verlieren sollen und auf einmal einfach so dem Leben begegnen. Und wir glauben: das geht doch gar nicht. Aber genau da lang geht der Weg zu Gott.

Als Jesus aus dem Wasser steigt, erfüllt ihn der Heilige Geist. Als Jesus auf seine himmlischen Privilegien verzichtet, geht über ihm der Himmel auf. Als er darauf verzichtet, sich hier auf Erden zum Gott zu machen, sagt ihm sein Vater im Himmel: du bist meine Freude. Du machst alles richtig. Wenn ich dich sehe, jubelt mein Herz.

Was könnte es Besseres geben, als das direkt von Gott zu hören? »Du bist mein lieber Sohn, du bist meine geliebte Tochter.« Das war das Schlüsselerlebnis Jesu, kurz darauf begann sein öffentliches Wirken.

In dem Moment, in dem Jesus sich endgültig zum Weg Gottes bekannte, als er zeigte, dass er bereit war, auf alle Privilegien und allen Schutz zu verzichten und sich ganz Gott anzuvertrauen, in dem Augenblick hörte er das laute Ja Gottes. Gott bestätigte ihm sofort, dass sein Weg richtig war.

Wenn wir getauft werden, dann werden wir mit der Kraft dieses Weges zusammengebracht, damit sich der Weg Jesu in unserem Leben entfalten kann. Wir selbst könnten nicht tun, was Jesus tut, aber wenn wir es wollen, dann zieht er uns hinein in das, was er getan hat, wir kommen hinein in die Geschichte zwischen Jesus und seinem Vater im Himmel, wir dürfen mit dabei sein, und die Kraft der Schutzlosigkeit Jesu entfaltet sich auch bei uns.

Auch wir werden etwas von dem Schmerz spüren, wenn wir unsere Drachenhäute verlieren, aber wir wir haben so viel zu gewinnen: wir können dann endlich im Wasser des Lebens baden.