Herzen im Härtetest

Predigt im Besonderen Gottesdienst am 21. Mai 2000 zu Markus 4,3-20

Jesus sagte: »3 Hört zu! Ein Bauer ging aufs Feld, um zu säen. 4 Als er die Körner ausstreute, fiel ein Teil von ihnen auf den Weg. Da kamen die Vögel und pickten sie auf. 5 Andere Körner fielen auf felsigen Grund, der nur mit einer dünnen Erdschicht bedeckt war. Sie gingen rasch auf, weil sie sich nicht in der Erde verwurzeln konnten; 6 aber als die Sonne hochstieg, vertrockneten die jungen Pflanzen, und weil sie keine Wurzeln hatten, verdorrten sie. 7 Wieder andere Körner fielen in Dornengestrüpp, das bald die Pflanzen überwucherte und erstickte, so daß sie keine Frucht brachten. 8 Andere Körner schließlich fielen auf guten Boden; sie gingen auf, wuchsen und brachten Frucht. Manche brachten dreißig Körner, andere sechzig, wieder andere hundert.«
9 Und Jesus sagte: „Wer Ohren hat, soll gut zuhören!«

13 Jesus fragte die Zwölf und die anderen Jünger: »Versteht ihr dieses Gleichnis denn nicht? Wie wollt ihr dann all die anderen Gleichnisse verstehen? 14 Der Bauer, der die Samenkörner ausstreut, sät die Botschaft Gottes aus. 15 Manchmal fallen die Worte auf den Weg. So ist es bei den Menschen, die die Botschaft zwar hören, aber dann kommt sofort der Satan* und nimmt weg, was in ihr Herz gesät wurde. 16 Bei anderen ist es wie bei dem Samen, der auf felsigen Grund fällt. Sie hören die Botschaft und nehmen sie sogleich mit Freuden an; 17 aber sie kann in ihnen keine Wurzeln schlagen, weil diese Leute unbeständig sind. Wenn sie wegen der Botschaft in Schwierigkeiten geraten oder verfolgt werden, werden sie gleich an ihr irre. 18 Wieder bei anderen ist es wie bei dem Samen, der in das Dornengestrüpp fällt. Sie hören zwar die Botschaft, 19 aber sie verlieren sich in ihren Alltagssorgen, lassen sich vom Reichtum verführen und leben nur für ihre Wünsche. Dadurch wird die Botschaft erstickt und bleibt wirkungslos. 20 Bei anderen schließlich ist es wie bei dem Samen, der auf guten Boden fällt. Sie hören die Botschaft, nehmen sie an und bringen Frucht, manche dreißigfach, andere sechzigfach, wieder andere hundertfach.«

Kennen Sie die Trauer Gottes um ein Leben, aus dem er nicht machen kann, was eigentlich daraus werden soll? Können Sie etwas davon fühlen, wie es in Gottes Herzen aussehen muß, wenn er ein Leben lang versucht, immer wieder mit einem Menschen ins Gespräch zu kommen und immer wieder stößt er auf nachhaltige Abwehr? Gottes Problem ist ja nicht das, was unser Problem wäre: daß wir uns verletzt und abgelehnt fühlen würden, wenn jemand uns so beharrlich zurückweisen würde. Gott denkt daran, was aus einem Menschenleben alles werden könnte, wenn er da wirklich mit hinein dürfte. Was könnte er da alles tun, damit man im Rückblick nicht sagen muß: mein Leben war ein einziger Terminkalender. Mein Leben war eine einzige Plackerei. Oder auch: mein Leben war eigentlich ohne besondere Bedeutung. Es ist eigentlich gar nicht viel passiert in meinem Leben.

Gott möchte ja mit seiner ganzen Größe in unser kleines Leben kommen und dafür sorgen, daß wir dabei sind, wenn er die Welt zu seinem Ziel bewegt. Gott möchte uns miterleben lassen, wie Menschen befreit werden von Lasten, die sie ein Leben lang getragen haben; wir sollen dabei sein, wenn unerträglicher Druck weicht, wenn Trauer und Depression ihre Macht verlieren; wir sollen es auch an uns selbst erleben, wie Gott spricht und Friede einzieht in unsere aufgewühlte Seele. Wir sollen Zeugen sein, wenn Menschen gesund werden, wenn Gebete erhört werden und Unheil abgewendet wird, wir sollen staunen darüber, wie Mächte gestürzt werden, die Menschen in ihrer Gewalt gehabt haben, und wir sollen die Freude erleben, daß Menschen umkehren und das Leben wählen, statt dem Tod, der Gewalt und dem Hochmut zu dienen.

Gott möchte, daß wir Jünger und Jüngerinnen Jesu sind, daß wir ihm nachfolgen, und das heißt nicht, daß wir Jesus imitieren, sondern daß wir unser Leben so leben, wie er es leben würde. Das ist das Ziel für jedes Menschenleben, und Besseres kann niemandem geschehen.

Mit diesem Angebot begegnet Gott uns, und wir erleben es als Zumutung, weil wir uns so gewöhnt haben an unser Leben ohne ihn, und wir scheuen davor zurück, da etwas zu wagen. Können Sie die Trauer im Herzen Gottes nachfühlen, wenn er hineinkommen will in unser Leben, weil er uns dieses Geschenk geben will, und dann wird er jedes Mal höflich hinauskomplimentiert? Und wir sagen ihm jedes Mal ganz höflich, daß es eben viel wichtigere Dinge gibt als ihn, löbliche, anständige, wichtige Dinge, die uns leider hindern, sein Geschenk anzunehmen? Wohlanständige Ziele wie Familie, Beruf, gesellschaftliche Verpflichtungen, lobenswertes Engagement, aber sie können uns genauso von Gott trennen wie Sünde, Gewalt und Lüge.

Gottes Ziel war nie so ein christlicher Zuckerguß über unserem Lebenskuchen, sondern er will den Teig verändern, er will an das Rezept und neuen Kuchen nach neuem Rezept backen. Deshalb versucht er alles, um uns so nah wie möglich zu sein, schließlich schickt er seinen Sohn zu uns, aber dann verschließen wir unser Herz vor ihm.

Wir haben es in der Szene vorhin gesehen, wie ein Mensch sich ein Leben lang vor Gott verschließen kann. Und es sieht so vernünftig aus, und erst im Alter wird deutlich, daß es eben nicht der Streß ist und die Zeitknappheit und was alles noch dazugehört, sondern der Wunsch, daß Gott auf Distanz bleibt, weil er zu viel verändern würde.

Ich habe so viel Menschen erlebt, die mir gesagt haben: ich würde ja gern öfter zum Gottesdienst kommen, aber im Moment geht es nicht, ich muß so viel arbeiten, ich muß mich um meine Familie kümmern, mein Mann will das Essen genau dann auf dem Tisch haben, wenn Gottesdienst ist, aber wenn das alles mal vorbei ist, dann komme ich auch wieder. Und dann ist die Familie aus dem Haus und der Mann ist gestorben und der Terminkalender leerer, aber glauben Sie, daß Menschen dann tun, was sie sich vorgenommen haben?

Wenn wir den Ruf Gottes nicht heute annehmen und ihm folgen, welchen Grund haben wir zu glauben, daß wir es Zukunft tun werden? Das wird mit der Zeit eher immer schwerer. Die Verpflichtungen nehmen nicht ab. Und die Menschen, die uns immer neue Beschäftigungen aufdrücken, die sterben auch nicht aus.

Jesus hat in dem Gleichnis von der Saat und dem vierfachen Ackerfeld die Lage so geschildert, wie sie auch heute nach 2000 Jahren noch ist. Die Pantomimegruppe hat es uns gezeigt, und die Szene mit den Dornen vorhin ist ja zum Glück noch nicht die letzte gewesen. Jesus vergleicht Menschen und ihre Reaktion auf seine Worte mit Böden verschiedener Qualität. Der Same macht einen Test auf die Härte dieser Böden, und das Evangelium testet die Härte unserer Herzen.

  • Da gibt es einmal die Menschen, die von vornherein verschlossen sind gegenüber dem Evangelium. Menschen, hart wie harter, festgetretener Boden. Da hat der Samen des Wortes Gottes keine Chance. Die kümmern sich nicht um diese ganze Gefühlsduselei. Sie sind so voll Mißtrauen gegenüber dem Leben, daß sie ihren Panzer keinen Augenblick öffnen. Alles andere wäre in ihren Augen Schwäche. Normalerweise trifft man sie nicht oder nur sehr selten in Kirchen an, deswegen kann ich mich hier kurz fassen. Ein Bauer lockert den harten Boden mit dem Pflug auf, und der Pflug Gottes sind Leiden und Schmerzen.
  • Dann gibt es den felsigen Boden, der mit einer dünnen Erdkruste bedeckt ist. Das sind die Menschen, bei denen unter einer scheinbar zugänglichen Oberfläche doch ein harter Widerstand gegen das Evangelium verborgen ist. Menschen, die das Christentum gut finden, die nie aus der Kirche austreten würden, die vielleicht sogar Zeit und Geld opfern, aber nicht sich selbst geben. Aber Gott will ganz tiefe Wurzeln schlagen in unserem Leben. Er will unser Herz ganz durchdringen. Und es ist mit dem Glauben so, wie mit der Pflanze: wenn sie nicht weiter wachsen kann, dann geht sie ein. Es gibt keinen Weg dazwischen, entweder der Glaube wächst oder er stirbt, es gibt Voranschreiten und es gibt Rückgang, aber nichts dazwischen. Wenn du dich also daran erinnerst, daß dein Glaube früher mal viel lebendiger und stärker gewesen ist, und jetzt ist das alles nicht mehr so wie damals, dann mach dir klar: wenn du dem tatenlos zusiehst, dann wirst du über kurz oder lang verlieren, was du gehabt hast. Es wird dir wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen, und am Ende wirst du es noch nicht einmal mehr merken, daß du alles verloren hast. Und das, wovon du einmal frei geworden bist, als du zu glauben angefangen hast, das wird zurückkommen, und es wird dich wieder in Besitz nehmen, und du wirst ihm wieder dienen müssen. Deshalb: reiß die Mauer nieder, die Gott aussperrt aus deinem wirklichen Leben, laß nicht zu, daß er bei dir immer wieder auf Granit beißt, hör auf, die Festung zu verteidigen, die Gott beharrlich Widerstand leistet. Nicht die anderen und nicht Gott werden sonst den Schaden haben, sondern du. Jesus erzählt das Gleichnis nicht zum Spaß. Es ist wirklich so. Willst du es denn unbedingt austesten?
  • Dann sind da noch die Dornen und Disteln. Jesu sagt: das ist ein Bild für die Alltagssorgen und für die Begierden des Herzens. So nah steht das bei Jesus nebeneinander: der treusorgende Familienvater, der Haus und Hof instand hält, und der Mensch mit dem wüsten Leben, der alle Menschen um sich herum nur ausnutzt. Unter andere Blickrichtung ist das ein himmelweiter Unterschied, aber wenn es um die Nachfolge Jesu geht, dann ist es egal, ob uns das Büro, die Kneipe oder schlimmere Orte, die Familie oder das Fernsehen davon abhalten. Wahrscheinlich ist es bei den meisten Menschen heute inzwischen die enorme Belastung durch wirkliche oder selbstgeschaffene Verpflichtungen, der Wunsch, möglichst viel in die paar Lebensjahre hineinzupacken. Einerseits erlegen wir uns das selbst auf, und andererseits versuchen andere uns hineinzuziehen in immer mehr Aktivitäten, und das können genauso gut auch kirchliche Aktivitäten sein, die Jesus im Weg stehen.
     

    Wobei es nicht so einfach ist, nur Aktivität zu verteufeln und Ruhe zu loben: natürlich ist die Nachfolge Jesu etwas sehr aktives, die kann uns bis an den Rand unserer Kräfte bringen und darüber hinaus, und ein beschauliches, gemütliches Leben ist Gott deswegen nicht lieber als ein voll- und übergefülltes. Aber es geht darum, daß wir wirklich Jesus die Mitte sein lassen, so simpel das auch klingt. Wir müssen es tatsächlich wagen, nicht zu fragen: wie kann ich meinen Tageslauf, meine Familie und meinen Beruf so einrichten, daß auch noch ein Platz für Gott bleibt? Sondern wir müssen uns trauen zu fragen: Herr, da ist mein Leben, was willst du, was ich damit machen soll?

    Ein Jünger Jesu ist nicht einfach jemand, der an eine bestimmte Sache glaubt, damit er in den Himmel kommt. Jesus wartet auf Leute, die sagen: ich bin vielleicht ganz unbedeutend, aber ich gehöre dir! Ich brauche vielleicht länger, um mich aufzuraffen, aber ich gehöre dir Gott! Und dann geht es darum, so zu leben, wie Jesus mein Leben leben würde. Und man rutscht da nicht einfach hinein. Man muß eine Entscheidung treffen. Und wenn man die getroffen hat, dann sieht der nächste Schritt der Nachfolge für jeden anders aus. Wir haben es da tatsächlich schwieriger als die ersten Jünger Jesu. Die realisierten ihre Entscheidung für ihn sofort, indem sie aufstanden und alles hinter sich ließen – ihre Netze, ihre Fischerboote, ihre Häuser – das war hart, aber es war eindeutig.

    Für uns ist das heute tatsächlich oft viel undeutlicher. Wir leben in viel unübersichtlicheren Verhältnissen, und die kommen noch dazu zu zur Trägheit unserer Herzen. Ich hätte dazu aber einen Vorschlag, und ich möchte ihn sagen, obwohl er auch mißbraucht werden kann. Normalerweise sehen andere viel deutlicher an uns, was wir tun müßten. Das hat auch seine Schattenseiten, und jeder von uns hat sich schon mal über ungebetene Ratschläge geärgert. Aber vielleicht sollten wir doch dieses eigentlich ärgerliche Phänomen nutzen und uns gegenseitig ernsthaft fragen: was meinst du, was es für mich bedeuten würde, mein Leben so zu leben, wie Jesu es tun würde? Sag du mir, wo siehst du Defizite bei mir, wo mache ich faule Kompromisse? Sag mir, was müßte ich hinter mir lassen, wenn ich mit Jesus gehen will? Hilf mir doch mit dem schärferen Blick, den du auf mein Leben hast! Und wenn das nicht bloß Besserwisserei sein soll, dann ist es gar nicht so einfach, da eine verantwortliche Antwort zu geben. Und das kann dann sicher nur so gehen, daß wir uns gegenseitig begleiten und auch die Folgen von nicht so guten Ratschlägen gemeinsam bedenken. Aber ob wir da nicht viel stärker merken könnten, daß wir alle in einem Boot sitzen, wenn wir Jesus wirklich nachfolgen wollen, und uns da einer dem anderen weiterhelfen könnten?

  • Dann wird es passieren, was Jesus zum Glück eben auch ankündigt: daß der Same auf gutes Land fällt, daß wir gutes Land sind, daß wir ein Leben führen, das Frucht bringt, ein Leben, das tatsächlich ein Kanal vom Himmel zur Erde ist. Es ist die Trauer Gottes, wenn wir das Evangelium bei uns nicht leben lassen. Aber es ist seine große Freude, wenn in unserem Leben seine Saat aufgeht und der Ertrag für viele andere gut ist, wenn seine Art ausstrahlt von uns und das Leben Jesu sich fortsetzt in vielen anderen veränderten Leben.