Eine Frage der Loyalität
Predigt am 8. März 2026 zu Lukas 9,57-62
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57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu Jesus: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. 59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! 61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes.
Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem. Nur ein paar Verse vor dieser Textstelle hat Lukas beschrieben, wie er dorthin aufgebrochen ist. Im Lukasevangelium ist dieser Weg nach Jerusalem der zentrale Teil, er geht über 10 Kapitel, von Kapitel 9 bis Kapitel 19. Und ganz viele der bekanntesten Jesusgeschichten passieren unterwegs auf dieser Wanderung nach Jerusalem.
Lieber das bekannte Unglück …

Wir sind also hier in einer Reisegeschichte. Das ist in der Bibel gar nicht selten, dass Menschen auf lange Wanderungen gehen. Am bekanntesten ist wahrscheinlich der Auszug Israels aus der ägyptischen Sklaverei, der Exodus. Mose führt Israel raus aus Ägypten, wo sie beinahe einem Völkermord zum Opfer gefallen wären. Wohin geht die Reise? Ins Ungewisse, in ein fernes Land, das das Volk nur noch aus jahrhundertealten Erzählungen kennt. Und kaum gibt es die ersten Schwierigkeiten, schon sagen die ersten: In Ägypten war es eigentlich gar nicht so schlecht. Lasst uns wieder umkehren zu den Fleischtöpfen Ägyptens!
Das ist eine Erfahrung, die die Anführer Israels immer wieder machen mussten: Die Menschen halten fest am Alten, auch wenn es schlecht ist. Lieber das bekannte Unglück als ein unbekanntes Neues, auch wenn Gott vorangeht. Menschen ist unwohl bei dem Gedanken, einfach so ihr ganzes bisheriges Leben zurück zu lassen und ins Offene hinaus zu ziehen.
Das ist ein Problem, weil Gott aufbricht und uns auf neue Wege führt. Er geht voran, er geht mit, aber wir wissen vorher nicht wirklich genau, wie das Neue aussieht, in das er uns führen will. Das hängt damit zusammen, dass unsere Welt seit Adam und Evas Ungehorsam zutiefst beschädigt ist. Deshalb haben wir nie eine andere Welt kennen gelernt.
Etwas stimmt nicht mit unserer Welt
Vielleicht ist diese Geschichte vom Sündenfall Adam und Evas eine dunkle Erinnerung an den Augenblick, als die Menschen vor ungefähr 10.000 Jahren sesshaft wurden. Vorher besaß man nur das, was man tragen konnte. Jetzt hatte man ein Dach über dem Kopf und konnte Vorräte lagern. Aber Vorräte muss man beschützen, damit sich kein anderer daran bedient. Das individuelle Eigentum war erfunden, und manche hatten bald viel mehr als die anderen. Manche konnten sich auch Soldaten leisten und andere beherrschen.
Aber egal, wie man sich das genau vorstellt: wir spüren alle, dass mit unserer Welt etwas grundlegend schief läuft: Misstrauen zwischen Menschen, Unterdrückung, Ausbeutung, Ungleichheit, Gewalt und Kriege sind Zeichen dafür, genauso wie die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Und Gott möchte uns da rausholen, so wie er Israel aus Ägypten befreit hat. Dazu ist Jesus gekommen, als Beginn einer neuen Welt, die nicht mehr beschädigt und vergiftet ist. Um Jesus herum war diese Welt schon sichtbar: Menschen wurden innerlich und äußerlich geheilt, Menschen erlebten ein neues gleichberechtigtes Miteinander, auch zwischen Männern und Frauen, und das war anziehend. Viele Menschen kamen, weil sie merkten, wie gut ihnen das tat.
Das Problem ist nur, dass wir alle an diesem Punkt hin und her gerissen sind: wir wünschen uns eine andere, neue Art zu leben, und zum Glück haben auch viele in christlichen Gemeinschaften eine Ahnung davon bekommen, wie gut das sein kann. Aber gleichzeitig haben wir uns doch in unserem gewohnten Leben eingerichtet. Es gibt eine gewisse Sicherheit, zu wissen, wo man hingehört und wie das Leben läuft. Wir wissen im Grunde alle, dass das eine brüchige Sicherheit ist, und Kriege gibt es nicht nur zwischen Staaten, sondern manchmal auch im Nahbereich, in Familien, Firmen, Schulen und zwischen Nachbarn. Aber gibt es eine Alternative? Und wie sicher ist die?
Die attraktive Alternative
Jesus hat diese Alternative vorgemacht und dazu eingeladen. Und es ist kein Wunder, dass manche auch mehr davon haben wollten. Manche wollten bei Jesus bleiben und mit ihm gehen und wurden seine Jünger und Schüler. Und damit sind wir bei den drei Männern aus unserer heutigen Geschichte. Für die steht die Entscheidung an, ob sie mit Jesus mitgehen wollen. Zwei bieten das von sich aus an, einen anderen fordert Jesus selbst auf »Komm mit!«
Und sie stecken damit in einem Zwiespalt zwischen ihrem bisherigen Leben und der verlockenden Möglichkeit, sich ganz mit dieser neuen Art des Lebens zu verbinden, die Jesus in die Welt bringt.
Damit es keine Missverständnisse gibt: Es geht hier nicht um die Frage, ob man als Christin oder Christ immer Haus und Hof verlassen und ein Wanderleben beginnen muss. Auch in der Zeit der ersten christlichen Gemeinden sind es nur wenige gewesen, die das getan haben. Die meisten haben die Alternative Jesu in ihrer normalen Umwelt gelebt. Es geht also hier nicht um einen bestimmten Lebensstil. Es geht darum, wem meine wichtigste Loyalität gehört: meinem alten Leben oder der neuen Lebensart Jesu? Und von da aus schaue ich dann auf mein Leben.
Jetzt noch nicht!
Das sieht man besonders gut an dem Menschen, der erst seinen Vater begraben will. Damit ist nicht gemeint, dass der Vater gerade gestorben ist. Man hat damals in dem warmen Klima die Toten sehr schnell begraben, oft noch am selben Tag oder spätestens am Tag nach ihrem Tod. Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Mann in der kurzen Zeit zwischen dem Tod seines Vaters und der Beerdigung noch schnell mit Jesus eine Diskussion begonnen hat.
Gemeint ist stattdessen: der Mann will erst mit Jesus gehen, wenn sein Vater gestorben ist. Das macht durchaus Sinn. Die lebten in patriarchalischen Verhältnissen, wie es sie bei uns früher auch gab und in vielen Teilen der Welt bis heute gibt. Da kann man als Sohn nicht einfach sagen: Tschüß, ich bin dann mal weg, Rückkehr ungewiss. Das wäre ein massiver Tabubruch. Deswegen sagt dieser Mann: Ja, ich will mit dir kommen, Jesus, aber erst muss der Alte tot sein, vorher geht es nicht.
Heute würde der Mann vielleicht stattdessen sagen: ich muss mich noch um meine kleinen Kinder kümmern, und meine Frau beschwert sich auch immer, dass ich zu wenig Zeit mit der Familie verbringe. Aber wenn die Kinder aus dem Haus sind, dann komme ich mit dir! Oder besser noch: wenn ich nicht mehr arbeiten muss! Oder wenn wir uns nicht mehr um die Enkel kümmern müssen.
Und Jesus weiß: irgendwann hat dieser Mann meinen Ruf der Freiheit vergessen. Dieser Ruf hat süß geklungen, aber wer ihm nicht folgt, der vergisst ihn auch irgendwann wieder. Und deshalb sagt Jesus: komm jetzt und verschreib dich der neuen Welt, die ich bringe. Entscheide dich jetzt mit ganzem Herzen! Steig aus aus den Selbstverständlichkeiten dieser alten Welt. Lass die Toten ihre Toten begraben! Also: Um die ganzen Probleme und Pflichten und Vorschriften, die die alte Welt einem auferlegt, sollen sich die kümmern, die bis über beide Ohren da drinstecken, die den Ruf der Freiheit nie gehört haben, die voll in ihren Traditionen gefangen sind und die immer erst danach fragen, was »man« tut und was »man« nicht tut.
Mit ganzem Herzen
Noch einmal: es geht im Christentum nicht darum, dass alle Haus, Hof und Familie verlassen müssten. Es geht um die Frage, wem meine erste Loyalität gilt. Und es kann viel schwieriger sein, mitten in der alten Welt ein Leben zu führen, das den Geist der neuen, kommenden Jesuswelt atmet. Da ist die Gefahr viel größer, dass man doch wieder zurückfällt ins alte Denken, in die alten – durchaus auch kirchlichen! – Loyalitäten, in die Gefangenschaft der Tradition und in die Abhängigkeit von dem, was die anderen alle denken und meinen. Davon sollen wir frei werden!
Darum geht es auch bei der Begegnung Jesu mit dem anderen Mann, der sich erst noch von denen in seinem »Haus« verabschieden will. Das »Haus« war damals die Gemeinschaft, wo man als Großfamilie, als Sippe miteinander lebte und arbeitete. Und wenn der sich erst noch von seiner Sippe verabschieden will, dann ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass sich der Abschied ewig hinzieht, und dass sie ihm zu Hause 1000 Versprechen abpressen, dass er bald wiederkommt, mindestens zu Weihnachten, und sie nicht vergisst, und dass es ja nur für eine begrenzte Zeit ist, und dann ist der Mann in diesen Versprechungen gebunden, sein Herz ist nicht frei, und er wird immer hin und her schwanken zwischen der Loyalität zu seinen Leuten und der Nachfolge Jesu.
Wer mit dem Pflug eine neue Furche ziehen will, der muss nach vorn schauen, sonst wird die Furche krumm!
Das Abseits als Ort der Freiheit
Wir alle stecken mit ganz festen Bindungen in der Ordnung der alten beschädigten Welt drin. Die hat sich tief eingegraben in unsere Köpfe und Herzen. Oberflächlich gesehen sind wir heute alle frei und ungebunden und wollen uns von niemandem sagen lassen, wie wir zu leben haben. Aber in Wirklichkeit steckt die Logik dieser Welt tief in uns drin: der Wunsch nach Sicherheit, die Wichtigkeit des Geldes, das Misstrauen, ob die anderen oder die Welt überhaupt es wirklich gut mit uns meinen. Nur so erklären sich doch die ganze Konflikte, die gedrückte Stimmung, die vielen psychischen Defizite und der Neid, die Gier, die Wut und die Aggressionen, die sich so oft melden.
Jesus hat uns gezeigt, wie man aus einer neuen Quelle lebt, aus Gott, aus Vertrauen, aus Liebe und Kraft. Dazu bringt er sich und seine Jünger bewusst in eine Randlage, außerhalb des normalen Regelwerks der Gesellschaft, und dort, im Abseits, formt er aus seinen Jüngern den Kern eines neuen Volkes. Immer wieder geht er mit ihnen in Gegenden, wo keine Menschen sind, oder ins Ausland, wo ihn keiner kennt, oder er fährt mit ihnen im Boot über den See Genezareth, wo sie unbelauscht sind.
Darum sagt Jesus dem, der mit ihm mitkommen will, von vornherein: ich bin heimatlos, und wenn du dich mir anschließt, musst du dieses Schicksal teilen. Ich habe keinen Ort, wo ich mein Haupt zur Ruhe betten kann. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass Jesus nie schläft, sondern dass er keinen festen, geschützten Platz in der Gesellschaft hat, dass er überall nur zu Gast ist. Dass er nicht in der Mitte der Gesellschaft verankert ist, sondern irgendwo am Rand steht, im Abseits. Nur von da aus kann er etwas so radikal Neues bewirken.
Unabhängigkeit kann etwas kosten
Aber das hat einen Preis. Man hat am Rand nicht die Sicherheit, die eine Sippe ihren Mitgliedern gibt oder die die Gesellschaft ihren Gliedern gibt. Man muss wirklich auf Gott vertrauen. Am Ende wird Jesu Platz am äußersten Rand der Gesellschaft sein, am Kreuz, wo überhaupt keine Sicherheit und kein Schutz mehr ist. Wer etwas Neues schaffen will, der muss der Gefahr ins Auge sehen, dass er dann auf die Sicherheit des Alten verzichten muss, auch wenn das nicht immer gleich den Tod bedeutet.
So schafft Jesus eine göttliche Alternative zur Welt, wie wir sie kennen. Und diese Alternative wirkt auf die anderen ein und zeigt immer wieder, wie es besser gehen könnte. Das ist eine Art Revolution, aber eine Revolution ohne Bürgerkriege. Nur die Leute Jesu selbst geraten manchmal unter Druck, wenn die Gesellschaft diese Alternative, die sie verunsichert, zum Schweigen bringen will.
Es geht also bei all dem nicht darum, dass Jesus es seinen Leuten irgendwie besonders schwer machen will. Es geht ihm darum, dass wir unabhängig werden. Wir sollen Abstand bekommen, von der alten Ordnung, aus der wir kommen. Nur so werden wir frei für die neue Ordnung, die Jesus mit uns aufbaut. Er legt mit uns den Keim einer neuen Welt, die Grundlage für einen neuen Himmel und eine neue Erde.
Und dazu sagt er uns: trennt euch vom Alten, lasst es hinter euch, damit ihr eine gerade neue Furche ziehen könnt!