Erneuerung durch das Wort Gottes (Mit Gott reden II)

Predigt am 18. September 2005 über Jesaja 55,8-11

8 Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, 9 sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.
10 Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und läßt wachsen, dass sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, 11 so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

Sprache ist die Art, wie Personen aufeinander einwirken. Mit einem Nagel kann ich nicht reden, der versteht nur den Hammer. Aber unter Personen ist das nicht der angemessene Weg.

Auch Gott wirkt auf uns ein durch Sprache. Im Unterschied zu den Götzen ist er nicht stumm, sondern er redet. Und hier bei Jesaja wird das als seine zentrale und äußerst erfolgreiche Strategie beschrieben: Gott spricht, und sein Wort erreicht etwas.

Wenn wir an die Schöpfungsgeschichte denken, da redet Gott sogar zur toten Materie, und sie reagiert auf ihn: »Die Erde lasse aufwachsen Gras und Kraut und Bäume« – und es geschah so. Da gibt es ein Geheimnis, das wir nur ahnen können, dass auch die tote Materie nicht so tot ist, dass sie taub wäre für Gottes Reden.

Auf jeden Fall aber bei Personen, wie wir es sind, benutzt Gott sein Wort, um etwas zu erreichen. Er vergleicht es mit dem Regen oder Schnee, der vom Himmel fällt und erst dafür sorgt, dass die Erde fruchtbar ist und Nahrung hervorbringen kann. Und Gott sagt: so wird mein Wort sein Ziel erreichen. Es wird nicht leer zurückkommen, sondern es wird seinen Auftrag erfüllen.

Worte dringen ein in die Tiefen der Seele, und wir wundern uns manchmal darüber, was sie dort alles bewirken. Das erleben wir bei verletzenden Worten, das tun aber genauso die heilenden Worte. Worte sind so etwas wie Mini-U-Boote, die tief hinabtauchen in die Untiefen der Seele und dort Gutes oder Böses anrichten. Und wenn wir sie erst einmal eingelassen haben, können wir nur noch begrenzt kontrollieren, was sie dort tun. Sie haben ihre eigenen Dynamik.

Und so hat Gott sein Wort losgeschickt, damit es hier in den Menschen Erneuerung schafft, und er ist völlig überzeugt, dass es dazu in der Lage ist. Deswegen ist das Wort Gottes so vielfältig: es gibt Geschichten und theologische Abhandlungen, es gibt kurze Prophetensprüche und lange Gedichte und Lieder. Das heißt, es spricht die verschiedensten Ebenen in uns an, es ist nicht rein auf den Verstand bezogen, sondern es spricht auch die Tiefenschichten des Gefühls an, und es geht nicht nur um Heilige Dinge, sondern auch um die ganz praktische Gestaltung des Lebens.

Dieses vielfältige Reden Gottes ist in seinen stärksten Stücken in der Bibel gesammelt. Gottes Reden geschieht nicht nur durch die Bibel, und nicht alles, was er jemals gesagt hat, ist dort gesammelt, aber die stärksten und klarsten Stücke findet man dort. Und es ist erstaunlich, wie dort über die Jahrhunderte und Jahrtausende eine enorme Vielfalt zusammengekommen ist. Ein unglaublich komplexes Gebilde, ein Gewebe, in dem man immer wieder neue Beziehungen entdeckt. Eine Vielfalt, die man nie vollständig überschaut. Man kann ein ganzes Leben darüber nachdenken und findet doch immer wieder neue Zusammenhänge. In dieser unüberschaubaren Vielfalt von Beziehungen passt die Bibel genau zu unserem Gehirn, das ja auch aus einer unüberschaubaren Vielzahl von Verbindungen besteht. Wenn man auf dieses unglaublich komplexe Gebilde unseres Gehirns – oder sagen wir: auf die unglaubliche Komplexität und Vielfalt des menschlichen Denkens einwirken will, dann braucht man ein Werkzeug, das ebenso vielfältig und wandlungsfähig ist. Und die Bibel erfüllt genau diese Voraussetzungen.

Sie ist entstanden im Zusammenspiel von Gott und unzähligen Menschen, die über die Jahrhunderte in den unterschiedlichsten Situationen waren. Könige und Bettler, Männer und Frauen, alte und junge Menschen, Menschen im Glück und Menschen in unglaublichen Schwierigkeiten, einfache Menschen genauso wie Menschen mit einer enormen Intelligenz, Menschen auf ganz unterschiedlichen Stufen der menschlichen Kultur – eine unüberschaubar große Zahl von Menschen taucht auf in den Texten der Bibel, und was sie mit Gott erlebt haben, ist dort festgehalten.

Durch diese unüberschaubare Vielfalt können nun aber auch die verschiedensten Menschen sich dort wiederfinden. Es ist gar nicht überraschend, wenn wir den Eindruck haben, dass uns manche Teile der Bibel nichts sagen. Die sind einfach zu weit weg von uns. Zum Beispiel die berühmt-berüchtigten Familienregister im Alten Testament, wo Seite um Seite die merkwürdigsten Namen stehen, und es interessiert uns gar nicht, wer der Sohn von wem ist und wieviele Kinder er sonst noch hatte. Wenn das aber jemand liest, der aus einer Gesellschaft kommt, wo es ganz normal ist, dass man seinen Stammbaum über viele Generationen hinweg kennt, wo man gewohnt ist, in Familiengeschichten zu denken, der findet sich sofort in dieser Welt der Stammbäume zurecht. Und dem sagt das auch was.

Das bedeutet: die Bibel kann durch ihre Vielfalt die unterschiedlichsten Menschen erreichen. Sie kann sozusagen Resonanz herstellen, es entstehen Verbindungen zwischen uns und einer Situation, die dort in der Bibel beschrieben ist. So als ob immer mal wieder an bestimmten Stellen kleine Lämpchen angehen und anzeigen: hier gibt es eine Verbindung. Komm und sieh es dir an! Aber es kann sein, dass beim nächsten Mal die Lämpchen ganz woanders leuchten, einfach weil wir uns verändert haben.

Immer wieder haben Menschen versucht, die Vielfalt der Bibel in einer Lehre zusammenzufassen, sie haben sozusagen die Moral von der Geschicht gesucht, den Sinn dahinter. Aber da hätte Gott auch gleich ein Lehrbuch der Theologie vom Himmel schmeißen können. Es hat seinen Grund, dass die Bibel eben kein sauber gegliedertes Lehrbuch geworden ist, sondern ein unüberschaubares Gewebe von Zusammenhängen, in seiner Komplexität und Vielfalt nur vergleichbar mit dem menschlichen Gehirn. Nur so kann sie Gottes lebendiges Wort transportieren, das in die ganze Vielfalt der Wirklichkeit hineinsprechen soll.

Andererseits braucht man natürlich auch eine grobe Übersicht, damit man sich zurechtfindet in der Bibel. Die Glaubensbekenntnisse und Glaubenslehren sind so eine Art Übersicht, damit man wenigstens einen roten Faden hat und sich in der Vielfalt orientieren kann. Wenn man dann aber die einzelnen Stellen liest, dann merkt man, dass da in Wirklichkeit immer noch mehr gesagt ist als das, was da angeblich stehen soll. Es ist immer noch ein bisschen komplizierter, als wir gedacht haben, aber das macht nichts, es ist schon in Ordnung, wenn wir uns erstmal an das halten, was wir verstanden haben.

Denn während wir die Bibel lesen und zu verstehen versuchen, arbeitet sie gleichzeitig an uns. Ohne dass wir es immer merken, färbt sie auf uns ab und kopiert ihre Sicht in unser Herz hinein. Mir ist es schon oft so gegangen, dass ich eine bestimmte Einsicht oder einen Grundsatz hatte, von dessen Richtigkeit ich überzeugt war, aber ich wusste gar nicht, wo ich ihn her hatte. Ich hätte Mühe gehabt, ihn zu begründen, wenn man mich gefragt hätte, ich wusste nur: das stimmt einfach. Und dann stoße ich irgendwo ungeplant auf einen Vers in der Bibel und merke, ach so, hier hast du das also her! Und ich merke: da hat die Bibel etwas mit mir gemacht, ohne dass ich es wirklich gemerkt habe.

Ich vermute, dass ein großer Teil der Wirkung der Bibel auf solchen Zusammenhängen beruht: dass wir nicht nur bewusst etwas verstehen und übernehmen, sondern dass mindestens ebensoviel einfach auf uns abfärbt, dass Bilder sich in uns festsetzen, dass Personen auf uns einwirken und mitreden, dass bestimmte Grundhaltungen sich übertragen, dass wir die ganze Weltsicht übernehmen.

Trotzdem ist es natürlich wichtig, auch ganz bewusst die Gedankenwelt der Bibel zu durchdenken und sich anzueignen. Aber dabei ist das Verstehen mehr ein Durchgangsstadium, es kommt darauf an, dass wir selbst in diesem Prozess verwandelt werden. Manche Menschen glauben, sie könnten erst dann christlich handeln, wenn sie die Bibel ganz verstanden haben. Ich glaube, der Zusammenhang ist eher andersherum: erst wenn man anfängt, das umzusetzen, was man von der Bibel verstanden hat, erst dann wird man weiter eindringen in ihre Gedankenwelt. Ich glaube sogar, dass es gefährlich sein kann, einfach Bibelkenntnis anzusammeln, wenn wir nicht im gleichen Maß in der Umsetzung wachsen. Wir gewöhnen uns sonst an den Umgang mit dem toten Buchstaben und halten nicht mehr Ausschau nach dem lebendigen Reden Gottes, das sich aus der Bibel erhebt.

Vielleicht kann man es so sagen: Gott tauscht durch sein Wort unsere Werte und Grundhaltungen aus. Er entfernt das alte Programm aus unserem Herzen, aus unserem Geist und Verstand: die alten Gewohnheiten des Denkens, Fühlens und Tuns, die alten Konzepte und Grundeinstellungen, unsere Ängste und Reflexe. An ihre Stelle setzt er nach und nach ein neues Programm, seine Gedanken, seine Sicht der Welt, seine Grundeinstellungen, die Gedankenverbindungen und Selbstverständlichkeiten, die zu ihm passen. Obwohl unser klares Denken dafür sehr hilfreich ist, ist das alles doch kein theoretischer Denkakt, sondern es geschieht in der Fülle des Lebens, auf das wir stoßen und das wir auch erleiden. Manche größeren Operationen in diesem Umgestaltungsprozess geschehen unter dramatischen äußeren Umständen, in Angst und Verzweiflung, mit Blut, Schweiß und Tränen. Andere Prozesse geschehen eher unauffällig, im Hintergrund, und doch müssen sie nicht weniger wirksam sein. Manchmal ist es der Bibeltext selber, der bei uns das bewirkt, aber genauso können es Umsetzungen der Bibel sein, die uns begegnen: etwas, was uns andere Menschen sagen, eine Predigt, ein Buch, also Brücken zwischen der Bibel und unserem Leben, die ein anderer gebaut hat, so dass wir nicht ganz von vorn anfangen müssen. Da ist in einem anderen aus dem Bibeltext ein lebendiges Reden Gottes geworden, und wir hören dann sein Wort als Gottes lebendiges Wort an uns.

Diese ganze Umwandlung unseres Denkens und Lebens ist aber immer noch eine Vorbereitung für etwas anderes. Vorhin in der Lesung haben wir gehört, was Jesus sagt (Joh. 14,23): Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Hier ist ein Weg beschrieben: da liebt jemand Jesus, Jesus überzeugt ihn, er weiß, dass er zu ihm gehören will. Dann wird er auf die Worte Jesu achten und dieser Umsetzungsprozess, den ich gerade beschrieben habe, kommt in Gang. Der muss noch nicht abgeschlossen sein, aber da muss sich etwas bewegt haben. Und dann wird Gott in uns eine Wohnung beziehen. Er kommt in unser Leben hinein. Es wird eine Gemeinschaft geben, die über dies bisher beschriebene hinausgeht. Ein christlich geprägter Charakter ist im Grunde ein Mittel zum Zweck, eine Zwischenstation. Der stellt die Basis zur Verfügung, auf der dann eine Verbundenheit von Gott und Mensch wächst, die weit darüber hinaus geht. Wo Menschen sagen: das ist gar nicht mehr nur mein Leben, sondern in mir lebt Christus. Oder wie es der Kolosserbrief als das große Geheimnis beschreibt: »Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.«

Gottes Wort will uns so durchdringen und verwandeln, dass Gottes Gedanken zu unseren Gedanken werden. So dass Paulus sagen kann: »Wir haben den Sinn Christi«. Seine und unsere Gedanken nähern sich immer mehr einander an, so wie manchmal Ehepaare nach vielen Jahren intuitiv wissen, was der andere denkt und sich das gar nicht mehr groß erläutern müssen. Zwischen Gott und Mensch gibt es keine Konkurrenzsituation, als könne Gott nur da sein, wo der Mensch möglichst verschwindet, und als sei der Mensch nur da unbeschränkt er selbst, wo Gott ihn nicht begrenzt. Sondern beide zusammen und doch keiner zur Seite gedrängt, sondern beide in Freundschaft verbunden. Das ist das Geheimnis, auf das unter dem Einfluss des Redens Gottes die Geschichte der Welt zusteuert, und Gottes Wort wird gelingen, wozu er es sendet.