Ein Priester wird Prophet

Predigt am 8. Februar 2026 zu Hesekiel 2,1 – 3,3

2,1 Er sagte zu mir: Menschenkind, stell dich auf deine Füße; ich will mit dir reden. 2 Da kam Geist in mich, als er zu mir redete, und er stellte mich auf meine Füße. Und ich hörte den, der mit mir redete. 3 Er sagte zu mir: Menschenkind, ich sende dich zu den Söhnen Israels, zu abtrünnigen Völkern, die von mir abtrünnig wurden. Sie und ihre Väter sind von mir abgefallen, bis zum heutigen Tag. 4 Es sind Söhne mit trotzigem Gesicht und hartem Herzen. Zu ihnen sende ich dich. Du sollst zu ihnen sagen: So spricht GOTT, der Herr. 5 Sie aber: Mögen sie hören oder es lassen – denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit – , sie werden erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war.
6 Du aber, Menschensohn, fürchte dich nicht vor ihnen, vor ihren Worten fürchte dich nicht! Wenn dich auch Disteln und Dornen umgeben und du auf Skorpionen sitzt, vor ihren Worten fürchte dich nicht und vor ihrem Blick erschrick nicht; denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! 7 Du sollst ihnen meine Worte sagen, mögen sie hören oder es lassen, denn sie sind widerspenstig.

8 Du aber, Menschenkind, höre, was ich zu dir sage. Sei nicht widerspenstig wie das Haus der Widerspenstigkeit! Öffne deinen Mund und iss, was ich dir gebe! 9 Und ich schaute und siehe: Eine Hand war ausgestreckt zu mir; und siehe, in ihr war eine Buchrolle. 10 Er rollte sie vor mir auf. Sie war innen und außen beschrieben und auf ihr waren Klagen, Seufzer und Weherufe geschrieben.
3,1 Er sagte zu mir: Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Rolle! Dann geh, rede zum Haus Israel! 2 Ich öffnete meinen Mund und er ließ mich jene Rolle essen. 3 Er sagte zu mir: Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen, fülle dein Inneres mit dieser Rolle, die ich dir gebe! Ich aß sie und sie wurde in meinem Mund süß wie Honig.

Bild einer Schriftrolle

Der Prophet Hesekiel war ein Priester ohne Tempel. Er gehörte zu dem Teil der Oberschicht, der schon 597 v. Chr. nach der ersten Eroberung Jerusalems nach Babylon verschleppt worden ist. Und da gab es keinen Tempel, an dem der Priester Hesekiel Dienst tun konnte. 10 Jahre später wurde Jerusalem zum zweiten Mal erobert und völlig zerstört, und da gab es dann überhaupt keinen Tempel mehr.

Ein Religionsbeamter begegnet Gott

Irgendwann in der Zeit dazwischen wird aus dem Priester Hesekiel, dem Priester ohne Tempel, der Prophet Hesekiel. Mitten im gottlosen Land Babylon, wo es nur Tempel der Heidengötter gibt, im Zentrum der Gewaltmacht Babylon, erscheint ihm die Herrlichkeit Gottes in einer gewaltigen Vision. Das ganze erste Kapitel des Buches handelt davon, das ist sehr beeindruckend zu lesen. Und Hesekiel ist davon so überwältigt, dass er zu Boden fällt. Wenn Menschen Gott wirklich begegnen, dann sagen sie nicht: Ach wie schön, dich wollte ich schon immer mal kennenlernen! Sondern dann kriegen sie einen Riesenschrecken. Und Gott oder seine Boten müssen sie erst wieder beruhigen, damit sie überhaupt zuhören können. Und der Text, den ich eben vorgelesen habe, ist das, was Hesekiel dann zu hören bekommt.

Das fängt an mit der Aufforderung: Steh auf, stell dich auf deine Füße! Ich will mit dir reden!

So etwas hat der Priester Hesekiel noch nicht erlebt. In einem Heiligtum herrscht normalerweise heilige Routine, die für die Besucher aufregender ist als für die Priester selber. Die sind die Religionsbeamten, die bringen die vorgeschriebenen Opfer dar, die sprechen Tag für Tag die heiligen Texte, die begleiten die Leute an den großen Stationen des Lebens, z.B. wenn ein Kind geboren ist, und die inszenieren die jährlichen Festgottesdienste, wo der Tempel voll ist. Für all das braucht man Gott nicht wirklich. Da reicht auch eine gute liturgische Ausbildung, in der man gelernt hat, wie man sich würdig bewegt und die heiligen Handlungen korrekt vollzieht. Wenn man dann auch persönlich etwas damit anfangen kann – um so besser, aber es geht auch ohne.

Das ist ja das Problem mit allen Religionsinstitutionen, dass da aus der erschütternden Begegnung mit dem großen heiligen Gott nach und nach eine routinierte Verwaltung der heiligen Dinge wird, und dass sie den Zusammenhang zum Leben verlieren. Irgendwann am Anfang war da mal Feuer und Aufbruch und Schrecken und Begeisterung, dann wird daraus eine heimelige Wärme, und am Ende hält man nicht mehr das Feuer am Brennen, sondern verwaltet nur noch die Asche. Und irgendwann finden das auch die Leute nicht mehr so interessant.

Gesandt zu kleinen Rebellen

Aber jetzt begegnet der tempellose, arbeitslose Religionsbeamte Hesekiel der Wirklichkeit Gottes. Mitten im fremden Land, im gottlosen Babylon, ohne den Schutz der vertrauten Rituale, ohne Priestergewand, ohne Kerzen, Glocken, Orgel und beeindruckende Gebäude, einfach nur dem großen, echten, heiligen Gott, und das haut ihn um. Aber Gott lässt ihn da nicht stundenlang liegen, sondern er sagt: steh auf und hör zu! Jetzt bekommst du einen echten Auftrag. Schluss mit Hymnen und Weihrauch, du sollst ab jetzt meine Stimme sein und den Menschen sagen, was ich über sie denke. Das wird aber wesentlich unbequemer werden als dein bisheriger Job, darauf kann ich dich schon mal vorbereiten. Die werden dich nicht hören wollen, die mögen es nicht, wenn sie statt salbungsvoller heiliger Worte gesagt bekommen, dass sie jetzt die Suppe auslöffeln müssen, die sich selbst eingebrockt haben und dass sie umkehren sollen.

Die saßen da in Babylon auf gepackten Koffern und erwarteten, dass Gott sie doch in Kürze irgendwie wieder nach Hause bringen würde. Vielleicht erinnern sich manche von uns noch an Vertriebene des Zweiten Weltkriegs, die manchmal noch lange im Glauben gelebt haben, dass sie doch bestimmt über kurz oder lang in die Heimat zurückkehren müssten. Und Hesekiel wird seinen Leuten sagen müssen: das wird nichts! Es geht hier nicht um eine kurze Phase des Unglücks, sondern das ist das Ende. Es wird nie wieder so werden wie »damals«.

Und Gott bereitet ihn vor und sagt: sie werden dich nicht hören wollen, sie werden dir nicht glauben, sie werden dich anfeinden, denn sie sind kleine Rebellen. Nein, sie rebellieren nicht gegen ihre kurzsichtigen und ungerechten Könige, sie lassen es sich gefallen, wenn die Reichen immer reicher werden und die Armen immer elender, sie protestieren nicht gegen gegen das ganze Hohlheit ihres Lebens, aber gegen Gott sind sie kritisch. Von Gott lassen sie sich nicht einfach so was sagen, das wäre ja noch schöner, wenn Gott uns autoritär in unser Leben reinreden würde! Wir sind doch mündige Israeliten, und wir bestehen darauf, dass Gott so ist, wie wir uns das wünschen. Wir lassen uns nicht einfach so etwas sagen, was uns nicht gefällt, wir sind nämlich kritisch!

Auf die Dauer lässt sich die Realität nicht faken

Das Dumme ist nur, dass man sich lange etwas vormachen kann, man kann ganz lange behaupten, dass alles nicht so schlimm ist, aber irgendwann kann man die Realität nicht mehr leugnen. Eines Tages war Jerusalem dann endgültig zerstört, und nach vielen Jahrhunderten passierte das ein paar Jahrzehnte nach der Zeit Jesu noch ein zweites Mal, obwohl auch er gewarnt hat. Irgendwann war Hitlerdeutschland endgültig kaputt, und irgendwann werden auch wir hier im einigermaßen sicheren Europa nicht mehr den Folgen des Klimawandels und der Vergiftung der Erde und des menschlichen Geistes entgehen.

Aber Gott sorgt dafür, dass Menschen rechtzeitig gewarnt worden sind. Deshalb beruft er ja Hesekiel und Jeremia und all die anderen Propheten, die auch warnen sollten. Aber Gott wusste schon, dass das nichts nützen würde. Sie sind ein Volk des Widerspruchs, bekommt Hesekiel zu hören. Bilde dir nicht ein, dass du sie ändern wirst. Aber es ist trotzdem wichtig, dass du meine Worte ausrichtest. Hinterher, wenn alles kaputt ist und die Scherben aufgekehrt werden, dann sollen sie wissen, dass es eine Gelegenheit gab, auf mich zu hören und die Katastrophe zu vermeiden. Es hätte eine Alternative gegeben. Hinterher, wenn die Großsprecher und Egomanen ganz kleinlaut geworden sind oder auch mit ihrem Imperium zugrunde gegangen sind, dann ist die Chance da, dass all die kleinen Rebellen umkehren und einsehen. Und wenn sie selbst dann immer noch blind bleiben wollen, dann sind es hoffentlich ihre Kinder, die verstehen, dass Gottes Worte wirklich Leben bedeuten.

Ein neues Fundament für die Zeit nach der Katastrophe

Dafür ist es wichtig, dass du, Hesekiel, furchtlos den Mund aufmachst, dass du nicht einschüchtern lässt, dass du die Wahrheit aussprichst als Grundlage für einen Neubeginn nach der Katastrophe. Und tatsächlich, als Israel schließlich ganz am Ende war, ohne Land, ohne König, ohne Tempel, da haben sie dann neu gebaut auf den Grundlagen, die die Propheten gelegt haben. Noch 600 Jahre später hat Jesus seine eigene Sendung im Licht dieser alten Prophetenworte gesehen. Es war wichtig, dass Hesekiel so standhaft und hart geblieben ist, wie Gott es von ihm verlangt hat. Es war wichtig, dass die Christen Jerusalem rechtzeitig verlassen haben, bevor 70 n.Chr. die Römer Jerusalem ein zweites Mal zerstört haben. Es war wichtig, dass auch unter Hitler Menschen verstanden haben, wohin seine Großartigkeitsträume führen würden und dagegen gearbeitet haben. Dieser Widerstand hat die Nazis nicht gestoppt, aber das war ein Fundament, auf dem nach 1945 ein Neuanfang in Deutschland möglich war, mit Grundgesetz und Demokratie und Menschenrechten und Sozialstaat, und wir leben zum Glück bisher immer noch gut auf dieser Grundlage.

Und so ist es auch jetzt wichtig, dass Menschen warnen vor den kommenden Zerstörungen, die wir durch unsere moderne westliche Lebensweise provozieren. Im Augenblick hören viele Menschen lieber auf die falschen Propheten, aber irgendwann wird es wichtig werden, dass es auch die Stimmen gegeben hat, die gewarnt haben, und das wird dann hoffentlich das Fundament für einen Neuanfang sein. Und es wäre schön, wenn das dann christliche Stimmen wären, an die man sich erinnern würde. Christliche Stimmen, von denen Menschen eines Tages sagen könnten: hätten wir nur darauf gehört – am Evangelium muss doch was dran sein. Hätten wir nur darauf gehört und hätten wir uns von der Lebensweise der Christen etwas abgeguckt!

Hoffnung auf das Unerwartete

Ja, im Moment sieht es leider nicht so prickelnd aus mit der christlichen Lebensweise. Aber Gott ist zum Glück immer wieder für Überraschungen gut. Vielleicht haben Sie ja am Rande mitbekommen, dass in den USA viele Gemeinden zu denen gehören, die sich dem Terror des Trump-Regimes gegen schutzlose Menschen entgegenstellen. Da kommt hoffentlich etwas in Bewegung!

Und hier bei uns in Deutschland könnte die Christenheit ja bald in der Lage sein, dass wir ganz ohne Tempel dastehen, dass unsere ganze Kirchenorganisation nicht mehr zu bezahlen ist und wir uns in einem ziemlich gottlosen Land vorfinden. Gerade das sind oft die Momente, in denen Menschen es mit dem lebendigen, wahren Gott zu tun bekommen wie Hesekiel damals in Babylon. Oder wie die frühen Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu, die sehr allein auf weiter Flur waren. Vielleicht bewegt sich ja auch bei uns noch etwas!

Die Botschaft verkörpern

Ganz zum Schluss bekommt Hesekiel eine Schriftrolle hingehalten, beschrieben mit Klagen, Seufzern und Weherufen. Und Gott sagt: Mund auf, und kauen! Oh nein, mag Hesekiel gedacht haben, soll ich jetzt das Klageweib vom Dienst sein? Aber gut, wenn Gott so was sagt, kannst du schlecht nein sagen. Also nimmt er sie und kaut, und auf einmal wird sie süß.

Das ist ein Bild dafür, wie Gott will, dass Menschen sich mit Leib und Seele mit seinem Wort identifizieren, dass es uns in Fleisch und Blut übergeht. Nicht einfach irgendwelche heiligen Texte rezitieren, sondern so, dass Gottes Reden durch uns hindurch geschieht, dass wir mit unserer ganzen Existenz ein Echo dieses Wortes sind und ihm dann natürlich auch unsere ganz persönliche Färbung mitgeben. Deswegen redet Hesekiel ganz anders als Jeremia z.B., obwohl sie in der gleichen Zeit gelebt und gesprochen haben. Vielleicht haben sie sich sogar gekannt. Sie reden beide davon, dass Gottes Wort in sie eingegangen ist, das gleiche Wort Gottes, aber einmal ist es zum Wort Gottes in Jeremia geworden und einmal zum Wort Gottes in Hesekiel. Wir sind nicht die Lautsprecher Gottes, die einfach einen vorgegebenen Text aufsagen. Sein Wort soll sich in unser Fleisch und Blut hinein umsetzen, wir sollen es verkörpern.

Und Jeremia wie Hesekiel machen beide die Erfahrung, dass es am Ende süß schmeckt, trotz der Klagen und Weherufe. Aber es ist Gottes Wort. Und mit ihm beschenkt zu werden, an Gottes Werk Anteil zu haben mit der ganz speziellen Persönlichkeit, die wir sind, das ist Glück. So entfalten wir uns wirklich zu dem Menschen, der wir sein sollen. Mitten im Haus der Widerspenstigkeit ist das schon ein Stück Himmel auf Erden.