Das aufgelöste Rätsel der Welt

Predigt am 25. Dezember 2009 (Weihnachten I) über Hebräer 1,1-3

1 Viele Male und auf verschiedenste Weise sprach Gott in der Vergangenheit durch die Propheten zu unseren Vorfahren. 2 Jetzt aber, am Ende der Zeit, hat er durch ´seinen eigenen` Sohn zu uns gesprochen. Der Sohn ist der von Gott bestimmte Erbe aller Dinge. Durch ihn hat Gott die ganze Welt erschaffen. 3 Er ist das vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit, der unverfälschte Ausdruck seines Wesens. Durch die Kraft seines Wortes trägt er das ganze Universum. Und nachdem er das Opfer gebracht hat, das von den Sünden reinigt, hat er den Ehrenplatz im Himmel eingenommen, den Platz an der rechten Seite Gottes, der höchsten Majestät.

Wenn wir diese Verse hören, dann blicken wir zurück auf eine lange Geschichte der Kommunikation Gottes mit seiner Welt und mit seinem Volk, die endlich zum Ziel gekommen ist, als Jesus hier auf der Erde unter uns erschien. Immer wieder geht es darum, dass Gott geredet hat, dass er Beziehungen aufgenommen hat. Gott lebt in Beziehungen, er ist ein Gott der Kommunikation. Wenn er die Welt erschafft, dann tut er das durch sein Wort.

Am Ursprung der Welt steht kein Techniker oder Handwerker, der irgendetwas zusammenbastelt, sondern Gott ruft die Welt durch sein Wort ins Leben. Man könnte plakativ sagen: Der Schöpfer hat nicht wie ein Techniker gearbeitet, sondern wie ein Dichter.

In den Narnia-Büchern von C.S. Lewis gibt es dazu ein geniales Bild. Lewis hat ja die ganzen Biblischen Geschichten in seine Fantasiewelt Narnia übertragen. Das ist eine Welt, die von sprechenden Tieren bevölkert ist, und Jesus ist der Löwe. Und die Erschaffung von Narnia geschieht so, dass der Löwe in einem völligen Dunkel anfängt zu singen, und aus seinem Gesang entsteht das Licht und die ganze Welt Narnia mit ihren Geschöpfen.

Das ist ein wunderbares Bild, weil es unseren Blick auf die Welt, auf die Materie verändert. Für uns ist Materie ein totes Ding, sie ist kompakt und fest und man kann etwas mit ihr machen, aber man kann nicht mit ihr kommunizieren. Wenn man sich aber auf dieses Bild einlässt, dass die Welt durch Gesang Gottes ins Leben gerufen wird, dann verschiebt sich das. Dann ist die Materie nicht tot, sondern sie ist ein Ausdruck der Freude Gottes, sie trägt eine persönliche Handschrift, sie ist Rhythmus und Bewegung. Und damit sind wir schon ganz in der Nähe der modernen Physik, die die Materie ja als eine Tanz der Elementarteilchen beschreibt. Je tiefer man ins Allerkleinste vordringt, um so weniger kann man festhalten an der Vorstellung, dass Materie ein festes Ding ist, sondern sie löst sich immer mehr auf in kleine und kleinste Einheiten, die miteinander kommunizieren, sich auf manchmal merkwürdige Art beeinflussen, eben einen Tanz miteinander aufführen. Und wenn man die Teilchen genauer anschaut, dann merkt man, dass sie wieder aus Unterteilchen bestehen, und ich glaube, inzwischen würde sich niemand mehr trauen zu sagen: das ist jetzt das kleinste Teilchen, das nicht weiter zusammengesetzt ist, hier ist endgültig Schluss. Vielleicht gibt es ja gar kein kleinstes Teilchen.

Und da klingt es gar nicht mehr so merkwürdig, wenn wir hier im Hebräerbrief lesen: »Jesus Christus, der Sohn Gottes, trägt das ganze Universum durch die Kraft seines Wortes«. Das Universum ist nicht Statisches, nichts, was einfach da ist und in sich ruht, sondern es ist dynamische Bewegung, von den Sprüngen der Elementarteilchen bis hin zu den intergalaktischen Rhythmen und Schwingungen. Es führt einen Tanz auf nach dem Klang des göttlichen Wortes, und würde dieses Wort schweigen, dann wäre auch der Tanz zu Ende und das Weltall würde zusammenfallen in Nacht und Nichts.

So ist auch die scheinbar unbelebte Welt voller Kommunikation, sie lebt in Beziehungen. Und erst recht alles Lebendige, alle Geschöpfe sind getragen von dem großen Leben Gottes. Im 104. Psalm wird das so ausgedrückt: 29 Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub. Ohne die Beziehung zu dem schöpferischen, lebenspendenden Gott können die Geschöpfe nicht bestehen. Wir leben immer in der Beziehung zu ihm, im Gegenüber zu ihm, getragen von seinem Lebensatem.

Das ist das große Bild, die große Geschichte. Und mitten in dieser großen Geschichte des Weltalls gibt es nun noch eine ganz besondere. Spezielle Geschichte, die Geschichte der Menschen und des Gottesvolkes Israel.

  • Und auch diese Geschichte ist vom Wort Gottes angestoßen und wird von ihm vorangetrieben.
  • Da gibt es Abraham, der auf Gottes Ruf hört, und der Stammvater des Volkes Israel wird;
  • es gibt Mose, zu dem Gott aus dem brennenden Dornbusch spricht und der daraufhin das Volk aus der Sklaverei in die Freiheit führt;
  • es gibt die Propheten, die Gottes Wort an sein Volk weitergaben und damit den Charakter dieses Volkes tiefgreifend formten.

Eine Geschichte, die immer wieder angetrieben wurde vom göttlichen Reden. Durch eine lange dramatische Geschichte hindurch wurde Israel vom göttlichen Wort zu einem ganz einmaligen Volk gemacht. Erst ein Volk von befreiten Sklaven, dann eine respektable politisch-militärische Macht, dann ein Volk im Exil, schließlich Provinz von verschiedenen antike Großreichen: Israel hat so ziemlich alle Situationen erlebt, die ein Volk durchmachen kann. Und immer wieder hörten sie Gottes Wort in diese Situation hinein, und immer stärker formte sich die Erwartung, dass das noch nicht alles sein könne, dass Gott doch ein Ziel haben muss in all dem. Und langsam begann sich unter ihnen die Frage zu formen, wie denn Gott seinen Plan mit der Welt zum Ziel bringen würde, und sie begannen auf einen zu warten, der dieses Werk tun würde.

Durch Gottes Wort hat Israel in einer langen, schmerzvollen Geschichte wenigstens schon einmal die Frage verstanden, auf die Jesus die Antwort sein würde.

  • Zuerst Andeutungen von einem Tag des Herrn, der kommen wird;
  • dann gibt es immer mehr Beschreibungen dieses Tages, dass dann Frieden herrschen wird, dass es ein Festmahl geben wird, dass Gott dann unmittelbar zugänglich sein wird;
  • parallel dazu immer mehr Hinweise auf eine Person, die Gott senden wird;
  • diese Person wird immer genauer beschrieben: als neuer David, als neuer Mose, als der Menschensohn und in andern Bildern;
  • schließlich ist sogar die Rede vom Gottesknecht, der leidet, der sterben muss für die anderen;
  • und dann ist erst einmal gar nichts: Pause, Schweigen, Verstummen Gottes. Maleachi war der letzte Prophet. Er kündigte an, dass Elia noch einmal kommen wird, der größte der Propheten. Und dann Stille. Kein Prophet steht mehr auf. Jahrhundertelang lässt Gott nichts mehr von sich hören.
  • Bis dann, genau wie es angekündigt war, ein Prophet auftritt, Johannes der Täufer, der wiedergekommene Elia. Und er sagt den Menschen, dass es nun so weit ist und dass all das in Erfüllung geht, was die Propheten Israels angekündigt haben.
  • Und dann kommt Jesus. Johannes hat ihn noch erlebt und auf ihn hingewiesen. Und all die verschiedenen Beschreibungen aus der prophetischen Tradition finden in Jesus ihren Zielpunkt. Die ersten Christen entdeckten Stück für Stück, wie sich in ihm die Stränge der Überlieferung bündelten und die dunklen und rätselhaften Stellen Voraussagen sich durch ihn aufklärten.
  • Doch selbst Johannes der Täufer zweifelte, ob dieser Jesus wirklich die Auflösung aller Rätsel sei. Zu sehr wich er ab von dem Bild, das man sich zwischendurch schon vom erwarteten Messias gemacht hatte. Er war so, wie es angekündigt war – und er war trotzdem ganz anders.

Es war mit Jesus so, wie wenn man jahrelang einen Brieffreund gehabt hat, oder man hat jemanden im Internet kennengelernt, und man kennt ihn aus den Briefen oder aus Emails, aber dann trifft man ihn eines Tages selbst, und man merkt: er hat in seinen Briefen nichts Unwahres gesagt, er hat kein falsches Bild von sich gezeichnet, aber wenn man ihm dann selbst begegnet, dann ist es doch noch einmal etwas ganz anderes. Dann erkennt man ihn in seiner ganzen Fülle, in seiner wirklichen Gestalt, und dann wird aus einem Konstrukt ein wirklicher Mensch aus Fleisch und Blut.

Und so war es mit Gott: als Jesus kam, da konnten wir endlich sehen, wie Gott wirklich ist, wir können ihn jetzt in seiner ganzen Fülle sehen. Wir verstehen jetzt, worauf es mit der ganzen Welt hinauslaufen sollte. Bei der Schöpfung der Welt war Jesus schon beteiligt, sie trägt seine Handschrift, sie ist für ihn gemacht, und es war das Ziel der Schöpfung, dass Gott in seine Schöpfung hineinkommt und beinahe auf Augenhöhe in eine Beziehung zu uns eintritt. Darauf läuft die ganze Geschichte der Welt zu: dass hier unter uns Jesus erscheint und unser Bruder wird, einer von uns, einer, mit dem wir in einer bewussten und gewollten Beziehung leben.

Jetzt ist es klar, wozu Gott das alles gemacht hat: er wollte die Gemeinschaft, die schon in ihm selbst ist, erweitern, damit immer mehr Wesen Anteil haben an seiner Freude. Die Gemeinschaft in Gott sollte sich hier auf der Erde fortsetzen in Gemeinschaften von Mensch und Gott. Und man kann das so beschreiben, dass Jesus sich herablässt vom Himmel auf die Erde; man kann es aber auch so sagen, dass Gott uns heraufholt in seine göttliche Sphäre. Letztlich bedeutet es das Gleiche: Gott und Mensch, Schöpfer und Geschöpf begegnen sich als Partner, als Gegenüber, als eine liebevolle Gemeinschaft.

Jetzt ist das Rätsel der Welt gelöst. Jetzt liegt das Buch der Schöpfung offen da, und wir können anfangen, es zu lesen und zu verstehen. Jesus ist das Herz Gottes, das uns zugewendet und geöffnet ist. Wie Gott wirklich und im Kern seines Wesens ist, das können wir an Jesus sehen. Es gibt bei Gott nicht noch irgendetwas anderes Wichtiges, was er vor uns verbirgt, was er uns nicht mitteilt, weil wir es nicht verstehen sollen.

Das heißt nicht, dass jetzt sämtliche Rätsel der Welt schon gelöst wären. Aber ein Weg ist eröffnet, auf dem wir immer mehr verstehen sollen, wo wir nach und nach lernen, die Welt mit Gottes Augen zu sehen. Die Würfel sind gefallen, das Entscheidende ist geschehen, Gott ist in seiner Welt erschienen. Und spätestens als Jesus auch im bitteren, grausamen Tod nicht von seinem Weg abwich, als er seine Melodie bis zum Ende sang, als er sich nicht löste von der Beziehung zu den Menschen, obwohl sie ihm so viel Schmerz verursachte, da war deutlich, dass er an seinem Plan mit dieser festhalten und ihn zum Ziel bringen wird.

Er zeigt uns sein ganzes Herz, weil er zuversichtlich hofft, dass er uns so doch noch gewinnen kann, dass wir einfach nicht widerstehen werden, wenn wir ihn so sehen, wie er wirklich ist.