Mit Gottes Reichtum leben

Predigt im Besonderen Gottesdienst/Segnungsgottesdienst am 17. Mai 2009 über Epheser 1,3

gd2009-05-17-segen

In diesem Gottesdienst konnte man sich – auch als Familie – an drei Stellen in der Kirche persönlich segnen lassen. Darüber hinaus konnte man sich im Altarraum kühles Wasser über die Hände gießen lassen sowie einen ausgelosten Bibelspruch zugesprochen bekommen.

Im Neuen Testament gibt es erstaunlicher Weise gar nicht so viele Stellen, wo vom Segen die Rede ist. Eine davon ist ein Vers aus dem ersten Kapitel des Epheserbriefes:

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.

Das ist eine ganz merkwürdige Stelle, nicht nur, weil es der Anfang zum längsten Satzgebilde im ganzen Neuen Testament ist, das über insgesamt 12 Verse geht. Schon dieser Anfangsteil ist erstaunlich. Gott segnet uns, heißt es, und dann gibt es drei Zusätze: er segnet uns mit geistlichem Segen, und er macht das im Himmel, und zwar durch Christus. Das sind drei Zusätze, die anzeigen, dass das im Neuen Testament komplizierter ist als im Alten. Im Alten Testament bedeutet Segen: es gelingt einem alles, die Felder gedeihen, die Herden wachsen, die Menschen sind einem wohlgesonnen, und wenn es trotzdem Streit gibt, dann gewinnt man.

Im Neuen Testament ist das nicht falsch, aber man merkt an einer Stelle wie hier im Epheserbrief, dass da noch ganz viele andere Zusammenhänge im Segen verborgen sind. Diese drei Zusätze: »geistlicher« Segen, »im Himmel« und »durch Christus«, die zeigen an, dass es da um eine verborgenen Wirklichkeit geht. Das irritiert uns natürlich, denn was sollen wir mit einem Segen im Himmel? Wir brauchen ihn hier auf der Erde. Aber keine Sorge, der Himmel hat Folgen für die Erde. Segen kann tatsächlich dafür sorgen, dass einem alles gelingt, was man anpackt, aber der eigentliche Segen bleibt eine verborgene Wirklichkeit im Hintergrund. Da geht es um etwas, was wir nur sehr begrenzt kontrollieren können. Aber es ist trotzdem real.

Im Kolosserbrief, der mit dem Epheserbrief verwandt ist, heißt es ganz ähnlich: »euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott«. Immer wieder spürt man: Da gibt es etwas in uns, was schon da ist und trotzdem nicht greifbar ist. Und das ist gerade unser eigentliches, unser wahres Selbst. Der Mensch, wie Gott ihn gewollt hat, als er uns ins Leben rief. Der Mensch, wie er in der kommenden Welt von allen zu sehen sein wird, und wie nur Gott ihn jetzt schon sieht. Dieser Mensch ist schon da, aber – verborgen.

Und wenn Gott segnet, dann tut er das, um diesen neuen Menschen in uns wachsen zu lassen. Er ist schon mit uns verbunden, aber zugleich ist er noch dabei, zu wachsen und zuzunehmen. Der Segen soll gerade das Wachstum dieses neuen Menschen in uns stimulieren. Und der äußerliche Segen, dass es uns gut geht und unser Leben gedeiht, der ist eine Begleiterscheinung. Der begleitet das neue Leben in uns.

Das ist der Grund, weshalb auch schon im AT Segen nie einfach nur bedeutet: Glück haben, Wohlstand, Wohlergehen. Auch im Alten Testament schon bedeutet Segen immer Veränderung. Wenn man gesegnet wird, dann bleibt man nicht der Alte. Und erst recht im Neuen Testament entsteht um Jesus herum nicht nur Segen und Heilung und ein reiches, volles Leben, sondern das ist immer damit verbunden, dass in den Menschen etwas Neues beginnt.

Und Jesus kämpft wieder und wieder darum, dass die Menschen nicht nur mehr oder weniger dankbar seine Wohltaten in Empfang nehmen, sondern sie sollen verstehen, dass das der Keim des Reiches Gottes bei ihnen ist, der Anfang einer grundlegenden Erneuerung, und dass da etwas in ihnen gesät wird, was weiter wachsen soll.

Ist das kompliziert? Ja! Deshalb möchte ich es anschaulich machen. Wie muss man sich das vorstellen, wie kann man das am besten denken, dass wir in uns einen Keim haben, ein wahres Selbst, einen hoffnungsvollen Kern, der aber irgendwie noch versteckt ist?

Ich möchte mit Ihnen ein paar Bilder dafür ausprobieren, welche besser passen und welche nicht passen, ich möchte einfach mal so ein bisschen experimentieren. Wir gehen jetzt ins Labor für experimentelle Theologie. Sie werden gleich sehen, wozu das gut ist: Wir erforschen den guten Kern des Menschen. Ich muss mir dazu nur noch den Laborkittel und die Handschuhe anziehen.

Die hier beschriebenen Möglichkeiten wurden an einem Tisch im Altarraum auch praktisch vorgeführt

Und wenn ich vom Kern des Menschen rede, dann bietet sich natürlich sofort die Nuss als Bild an. Wir kennen das: harte Schale, süßer Kern. Ich muss die Schale knacken, wenn ich an den Kern will. Anschließend kann die Schale weg und ich kann den Kern genießen.

So haben sich das in der Antike die sogenannten Gnostiker vorgestellt. Die haben gesagt: im Menschen gibt es einen Lichtfunken, einen guten Kern, und auf den kommt es an. Der Körper und auch die Alltagsseele, der Teil unseres Geistes, mit dem wir Akten bearbeiten und Geschirr spülen und das Auto steuern, die sind genauso unwichtig wie die Nussschale. Eines Tages werden wir endlich davon befreit sein.

Das Problem ist nur: kann man das wirklich so sauber auseinander nehmen wie Nuss und Schale? Körper und Seele bilden doch in Wirklichkeit eine verschlungene Einheit. Z.B. können wir depressiv werden, wenn wir uns zu wenig bewegen. Und sind unser Körper und unser Alltagsbewusstsein wirklich so entbehrlich? Dieses Bild führt zu einer bösen Abwertung des Körpers und auch derjenigen, die körperlich arbeiten. Nein, unser wahres Selbst ist nicht in uns verborgen wie ein Nusskern in der Schale. Wir müssen nach etwas Einheitlicherem Ausschau halten.

Und da stoße ich auf diese Zwiebel. Wie ist das da mit Schale und Kern? Ich kann die Zwiebel schälen und schälen, ich komme dem Kern immer näher, aber dann kommt das Problem: da ist gar kein Kern. Sind wir Menschen so? Alles nur Schale und kein Kern? Vielleicht einige – aber eigentlich glaube ich nicht. Wir haben doch deutlich den Eindruck, dass es bei uns ein Zentrum gibt, einen Kern, es gibt wirklich Dinge, die sehr tief in uns verankert sind, die wesentlich sind für uns, und es gibt andere, die eher oberflächlich sind. Nein, also die Zwiebel ist auch kein geeignetes Modell.

Vielleicht ist ja der Apfel besser geeignet. Da haben wir einen Kern, aber das ganze Drumherum ist auch nicht zu verachten. Eine dünne Schale, und selbst wenn man die nicht mag: dahinter fängt gleich das leckere Fruchtfleisch an. Hier ist das Zentrum des Apfels, und das hat noch einmal einen Kern, und aus diesem Kern kann sogar ein neuer Apfel wachsen. Der Apfel wächst aus der Mitte heraus. Jesus hat oft Bilder aus der Natur genommen, weil da das Wachstum eine große Rolle spielt, und auch das Reich Gottes wächst ja aus kleinen Anfängen. So ist hier in diesem Kern, in diesem Samen, schon der ganze Apfel angelegt.

Aber das ist natürlich auch ein Nachteil: aus einem Apfelkern wird immer nur wieder ein Apfelbaum. Das Programm ist ein bisschen starr. Es gibt nichts Neues. Unser Personkern dagegen ist viel beweglicher, eben persönlicher. Wir müssen doch noch einmal nach einem anderen Modell Ausschau halten, das besser zeigen kann, was eigentlich gemeint ist mit dem Kern im Menschen.

Es war notwendig, einen Salatkopf vorher individuell zu präparieren, da in Ilsede in der Vorwoche keine frischen Salatköpfe mit eingewachsenem Handy verfügbar waren.

Nehmen wir diesen Salatkopf. Ich habe ihn gestern abend noch schnell bei REWE gekauft. Er ist eingepackt, damit er schön frisch bleibt. Ein Salatkopf hat auch mehrere Schichten wie eine Zwiebel, aber er hat auch ein Herz. Er hat sein Herz sogar im Kopf, aber das nur nebenbei. Also lasst uns nach dem Herzen im Salatkopf schauen. Und was finden wir da (ein Handy wird aus dem Salatkopf gezogen)? Ein Handy! Der Salatkopf hat in seinem Herzen ein Handy. Dieser Salatkopf hat in seinem Herzen eine Kommunikationsverbindung. Wäre das nicht ein gutes Modell für uns? Dass wir in unserer Mitte Verbindungen herstellen, dass wir angeschlossen sind an andere Menschen und an Gott. Dass wir in unserer Mitte, ganz zentral, auf andere ausgerichtet sind.

Übrigens muss sich keiner Sorge machen, dass wir dann nur noch fremdgesteuert sind. Ein Handy hat viele Einstellmöglichkeiten. Wenn wir eine Zeit lang damit experimentiert haben, dann hat es seine eigene Persönlichkeit und neigt sogar zu ganz unerwarteten Reaktionen. Man kann dort auch die Lieblingsfotos und Nachrichten und Notizen und kleine Filme speichern, so ein Handy ist eine ganze Welt im Kleinen. Ich finde das ein gutes Bild für unsere Mitte: sie ist wirklich eine Welt im Kleinen, da ist unsere Geschichte gespeichert, und gleichzeitig kann dort jederzeit eine ganz neue Botschaft ankommen.

Ich glaube, wir sind jetzt mit dem Experiment zu einem Ergebnis gekommen: Wir haben in unserem Herzen einen Direktanschluss zum Himmel. Über diesen Anschluss kann uns Gott immer wieder daran erinnern, wozu wir berufen sind, und was unsere wahre Wirklichkeit ist. Gott kann da jederzeit präsent sein, zu uns sprechen und uns an seine Wirklichkeit erinnern. Das heißt, wir haben wirklich ein Personzentrum, wir sind keine Zwiebeln, die nur aus Schale bestehen. Wir sind aber auch nicht von einem einmal festgelegten genetischen Programm gesteuert wie der Apfel. Sondern unser Zentrum besteht im Gegenüber zum lebendigen Gott, der sich auf uns einstellt, der unsere Lage kennt und flexibel auf uns eingeht, und der sich trotzdem immer selbst treu bleibt. Und wir bleiben uns selbst und unserer Berufung treu, wenn wir uns an ihm orientieren.

Ich glaube, wir können jetzt auch besser verstehen, was gemeint ist, wenn es im Epheserbrief heißt, dass Gott uns gesegnet hat »im Himmel«. Der Himmel ist in diesem Fall überhaupt nicht weit weg, weil wir ja in unserem Kern diesen Direktanschluss zum Himmel haben. Aber gleichzeitig ist das alles nichts, was man in uns finden kann wie den Kern eines Apfels. Wir können da Spuren finden, so wie auf einem Handy die Gesprächsdaten gespeichert sind, aber wenn es keinen aktuellen Kontakt gibt, sind das nur tote Erinnerungen. Das Eigentliche, der Gesprächspartner, ist woanders – und trotzdem ganz nah. Das ist ja das Beeindruckende an den Handys, das ich meinen Gesprächspartner und alles, was ich mit ihm verbinde, immer und überall dabei habe.

Wenn man vom Kern eines Menschen redet, von seinem wahren Selbst, von dem verborgenen oder inneren Menschen, dann ist im christlichen Zusammenhang damit gemeint, das wir in unserem Zentrum so einen Direktanschluss zu Gott haben, der die Logik des Himmels, den Klang des Himmels direkt in unser Herz bringt. Und dieser Klang, diese Logik, ist in Jesus anschaubar und präsent – aber das wäre eine neue Predigt.

Dieses wahre Selbst ist die Quelle, aus der unser Leben fließt. Es ist der Fingerabdruck Gottes in unserem Leben. Es ist die Quelle unserer Würde. Es ist der unzerstörbare Kern unseres Menschseins. Er kann tief verborgen und überdeckt sein, aber er kann sich auch im verkommensten Menschen auf einmal wieder melden. Es ist etwas, was Gott in uns hineingelegt hat. Und ob wir es wissen oder nicht, unser Leben lang suchen wir nach der Stimme Gottes, die wir an diesem Ort hören können.

Das wahre Selbst ist unsere Orientierung, der innere Maßstab, der uns sagt, was gut für uns ist und wo wir uns hinbewegen sollen, und wenn wir ihn ignorieren oder gegen ihn leben, dann richten wir großen Schaden in unserem Leben an. Denn in diesem wahren Selbst finden wir unsere Lebensfreude und Lebenslust, es ist die Quelle unserer Kraft und dadurch schenken wir der Welt unseren einzigartigen Beitrag, der von keinem anderen kommen kann.

Wir werden Gott und uns selbst nur gemeinsam finden, weil es eben diese direkte Kommunikatonsverbindung von unserem Herzen zu Gott gibt, den Direktanschluss zum Himmel. Und wenn der funktioniert, dann finden wir unsere inneren Quellen, unsere Kreativität, unsere Liebe, und sie strömen in das Land unseres Lebens.

Wenn wir also einen Menschen segnen, dann geht es darum, diese Wege zu öffnen und zu verbreitern, alles wegzuräumen, was sie versperrt, damit die Lebensquellen fließen können. Es geht darum, den verborgenen Menschen in uns zu ernähren, damit er sich bemerkbar machen und wachsen kann. Gott hat ihn schon gesegnet im Himmel durch Jesus, und das soll auch auf der Erde Wirklichkeit werden.