Meckern ist auch keine Lösung
Predigt am 30. August 2026 zu Apostelgeschichte 6,1-7
1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Judäern in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und an den Tischen dienen. 3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.
Dieser Abschnitt aus der Apostelgeschichte gibt uns eine gute Übersicht darüber, was alles in Gemeinden schief laufen kann. Damals ist zum Glück das meiste davon nicht passiert, weil die Apostel aufgepasst und dagegen gehalten haben. Aber die Gefahren kann man gut erkennen.

Was war das Problem mit den Witwen?
Da sind einmal die griechischen Witwen. Das waren Frauen, die nicht aus Jerusalem stammten, sondern aus anderen Gegenden, wo es auch Judäer gab. Viele Judäer lebten damals außerhalb Israels, in Ländern, wo meist Griechisch gesprochen wurde. Aber wenn sie alt wurden, dann zogen manche nach Jerusalem, um ihre letzten Lebensjahre in der Nähe des Tempels zu verbringen und schließlich dort auch begraben zu werden. Wenn dann die Männer zuerst starben, standen viele Witwen mittellos da; und sie hatten vor Ort auch keine Familien, die sie normalerweise in dieser Lage versorgt hätten. Für viele dieser Witwen wurde die Gemeinde zur Familie, wo sie versorgt waren und mitessen konnten, wenn sich die Hausgemeinden zur gemeinsamen Mahlzeit trafen.
Aber das scheint nicht immer geklappt zu haben. Witwen, die in Jerusalem fremd waren, fanden wahrscheinlich keinen Anschluss an eine Hausgemeinde, weil die halt nach Bekannt- und Verwandtschaft organisiert waren.
Hier sieht man, was wir vorhin in der Lesung (Lukas 10,25-37) schon gehört haben, bei der Geschichte vom barmherzigen Samaritaner: Dass man seinen Nächsten lieben soll, darüber sind sich alle schnell einig. Dazu hätte Jesus nichts sagen müssen. Die entscheidende Frage ist aber, wer denn der Nächste ist, den man lieben soll. Sind das die, die buchstäblich in meiner Nähe leben oder mit denen ich sowieso schon verbunden bin, Familie, Nachbarn und Freunde? Oder mache ich aktiv einen ganz Fremden zu meinem Nächsten, so wie es der Samaritaner getan hat, als er sich um den Schwerverletzten am Straßenrand gekümmert hat?
Offenbar hatten sie in der Jerusalemer Gemeinde diese Lektion noch nicht wirklich verstanden. Und deshalb fielen die ausländischen Witwen bei ihnen durchs soziale Netz. Ganz ähnlich schwer hatten es nach dem letzten Krieg auch bei uns oft die Flüchtlinge und Vertriebenen: Das waren zwar auch Deutsche, aber in vielen Dörfern blieben sie trotzdem Fremde und gehörten nicht dazu.
Unverantwortliches Gerede
Da lief also in der ersten Jerusalemer Gemeinde etwas falsch. Und die Reaktion ist nicht viel besser: Die Menschen murren. Sie meckern: Da gibt es ein Problem, und die da oben tun nichts. Warum kümmert sich keiner darum? Die Apostelgeschichte formuliert hier sehr schön: »Da erhob sich ein Murren«. Da entsteht irgendwie so eine verdrießliche Stimmung. Das sind nicht Menschen, die für eine Sache einstehen, Verantwortung übernehmen und nach Lösungen suchen, sondern es ist ein ungreifbares anonymes Gerede. Einer versteckt sich hinter dem anderen. Heute würde man das vielleicht den »Flurfunk« nennen.
Wäre der barmherzige Samaritaner so einer gewesen, dann hätte er gesagt: Warum hilft keiner diesem Verletzten? Warum gibt es an der Straße kein Notruftelefon, mit dem man den Notarzt erreicht? In was für einem Land leben wir eigentlich? Hier müsste mal einer auf den Tisch hauen! Aber der Samaritaner hat nicht gemeckert, sondern er hat Verantwortung übernommen und sich gekümmert. Anders als die Meckerer in der Gemeinde. Und heute haben wir ja auch das Problem, dass so ein Gemecker die Stimmung in der ganzen Gesellschaft runterzieht.
Gute Leitung
An dieser Stelle sind die Apostel richtig gut. Sie verstehen, schon dass im Meckern der Appell versteckt ist: Kirchenvorstand, tu was! Kümmert euch um die Witwen, um die Armen, um die Jugend, um die tropfende Dachrinne an der Kirche, um das Laub auf den Wegen und was auch immer das Thema ist.
Aber die Apostel lassen sich von dieser Meckerstimmung nicht unter Druck setzen, und erst recht machen sie sich nicht zu ihrem Sprachrohr. Sie haben verstanden, dass dieses ungreifbare Murren aus der Verborgenheit heraus und ans Licht kommen muss. Also machen sie es auf einer Gemeindeversammlung öffentlich. Und sie machen einen konstruktiven Vorschlag. Das ist die Verantwortung der Leitung: Den Stier bei den Hörnern packen, das Versteckte ans Licht bringen, aber auch Lösungen vorschlagen, damit aus dem Meckern etwas Konstruktives werden kann.
Eine rote Linie und ein Lösungsvorschlag
Zuerst sagen sie klar, was nicht geht: Sie werden unter dem Druck der Stimmung nicht ihre geistliche Rolle aufgeben und sich selbst um die Witwen kümmern. Das ist ja bei uns heute weithin geschehen, dass Gemeindeleitungen sich so sehr mit organisatorischen Fragen zuschütten lassen, dass sie gar nicht zu einer Gruppe mit einer starken geistlichen Ausrichtung zusammenwachsen können. Ihnen fehlt einfach die Zeit dafür. Vielleicht wissen sie auch gar nicht, dass das nötig ist.
Aber die Apostel wissen: Wenn wir nicht mehr die geistliche Situation im Blick haben und sie vor Gott bringen; wenn wir keine Zeit mehr haben, das Wort Gottes lebendig weiterzugeben und so die Gemeinde zu formen, dann geht hier alles den Bach runter. Man leitet die Gemeinde, indem man sie kontinuierlich an ihren Ursprung und Grund im Evangelium Jesu erinnert. Das ist etwas ganz anderes als die pflichtgemäße Andacht am Anfang einer Sitzung oder einer Veranstaltung, und danach kommt man dann zum Eigentlichen, zum Haushaltsplan oder zum Kuchen. Wenn in der Kirche das Evangelium nicht mehr das zentrale Motiv ist, dann bleibt von den Gemeinden nur noch eine ausgehöhlte organisatorische Struktur, die am Ende einfach in sich zusammenfällt.
Deswegen geben die Apostel diesem Appell »Tut was« nicht nach, aber sie machen einen Gegenvorschlag: Wir beauftragen gute Leute damit, sich um das Problem zu kümmern. Ich stelle mir vor, dass die darauf achten sollen, welche Witwen durch das Netz fallen und die vermitteln sie dann in eine der Hausgemeinden, wo sie Unterstützung finden. Und wie man an den griechischen Namen dieser sieben Beauftragten sieht, sind das Leute mit der gleichen griechischen Herkunft wie die Witwen. Die gehören also zu der Gruppe, die sich übersehen fühlte und meckerte. Aber jetzt haben sie die Chance, mit diesem Problem konstruktiv umgehen.
Menschen beurteilen können
Es sind nämlich auch Menschen »voll Geist und Weisheit«, wie es heißt, und mit einem guten Ruf. Das haben die Apostel zur Bedingung gemacht. Offenbar gab es auch in der ersten christlichen Gemeinde von Jerusalem Menschen, die keinen guten Ruf hatten, mit deren Weisheit es nicht zum besten stand, oder die geistlich unreif waren. Auch die hatten ihren Platz in der Gemeinde, aber sie bekamen keine Leitungsaufgabe. Und offenbar traute sich die Gemeinde auch, das zu beurteilen. Da war nicht diese Hemmung: »Nein, man darf doch über niemanden ein Urteil fällen!«. Doch, denn wenn man sich nicht traut zu urteilen, dann bestimmen ganz schnell die Falschen über den Geist, der in der Gemeinde herrscht. Klar, wer ein Urteil über Menschen fällt, kann sich irren. Aber wer grundsätzlich auf Urteilen verzichtet, der irrt sich auf jeden Fall.
Wie oft fallen Personalentscheidungen bei uns nach dem Muster: Wir brauchen noch jemanden für die Finanzen – lasst uns Dagobert Duck fragen, der versteht was von Geld! Das tut er sicherlich, aber ob er auch was von Gottes Großzügigkeit weiß, die sich in der Gemeinde spiegeln soll? Gerade mit Geld muss man geistlich und weise umgehen können. Und die Siebenergruppe, die sich damals in Jerusalem um die armen Witwen kümmern sollte, hatte ja wahrscheinlich oft genug auch mit Geld zu tun.
Am Ende haben dann alle miterlebt, wie eine meckerige Stimmung in eine konstruktive Lösung umgewandelt werden kann. Und hoffentlich haben auch alle dabei für die Zukunft gelernt, bei dieser anonymen Stimmungsmache nicht mitzuspielen, sondern das Gerede ans Licht zu bringen und einer Lösung zuzuführen.
Wichtige Lernprozesse
Solche Lernprozesse machen eine Gemeinde stark. Und prompt wächst die Gemeinde auch wieder. In eine verdrossene Gemeinde kommt keiner gern. Aber wenn eine Gemeinde verstanden hat: Wir haben gute Wege, um mit Problemen umzugehen – dann geht sie mit Vertrauen in die Zukunft, bleibt mutig und zieht Menschen an. »Das Wort Gottes breitete sich aus« heißt es. Wenn eine Gemeinde in ihrem Kern vom lebendigen Wort Gottes her bewegt ist, dann strahlt das aus.
Lasst uns noch mal zurückschauen auf die Stationen, an denen die Dinge gut oder schlecht gelaufen sind:
- Am Anfang steht das Problem, dass die Gemeinde offenbar noch nicht richtig verstanden hat, wie Jesus das mit dem »Nächsten« gemeint hat. Das sind nämlich nicht bloß die Leute, mit denen wir sowieso schon zusammengehören.
- Dadurch kommt es zu einer schwer greifbaren meckrigen Stimmung. Das Problem meldet sich irgendwie, aber niemand übernimmt Verantwortung dafür. Stattdessen schimpft man über »die da oben«.
- Die Apostel sorgen dafür, dass das Problem ans Licht kommt und machen einen konstruktiven Lösungsvorschlag. Sie machen aber klar, dass sie selbst nicht einspringen werden. Sie sind der geistliche Kern der Gemeinde, und diese Aufgabe braucht ihre volle Aufmerksamkeit.
- Die Gemeinde wählt geistlich reife, kluge und gut beleumundete Leute aus, die sich um das Problem kümmern. Das ist die Lösung.
- Das Ganze ist ein Lernprozess, durch den hoffentlich beim nächsten Mal Probleme vermieden oder wenigstens konstruktiv angegangen werden.
- Und als Resultat wird die Gemeinde wieder anziehend.
Das ist eine Erfolgsgeschichte aus der ersten Christenheit. Am Ende ist die Gemeinde auch als Ganze besser in der Lage, das zu tun, was Jesus mit der Geschichte vom barmherzigen Samaritaner am Beispiel eines einzelnen Menschen erklärt hat: Wer unser Nächster ist, das steht nicht von vornherein fest. Und das sind auch nicht einfach die Leute, mit denen wir sowieso schon verbunden sind. In der Kraft von Gottes Liebe können und sollen wir auch für ganz Fremde zu Nächsten werden. Als Einzelne und als ganze Gemeinde. Und auch unserer Gesellschaft würde so eine Haltung sehr gut tun. Damit sind wir ein kleines oder großes Licht in der Finsternis dieser Welt.
Und das gelingt, wenn wir uns als Einzelne wie als Gemeinde zentral von diesem inneren Glutkern des Heiligen Geistes bewegen lassen und in Seiner Kraft Verantwortung übernehmen.