Die Vision einer prophetischen Gemeinde

Predigt am 25. Juni 2006 zu 1. Korinther 14,1-3.20-25

1 Bemüht euch also darum, dass euch die Liebe geschenkt wird! Von den Gaben des Geistes wünscht euch besonders die Fähigkeit, prophetische Weisungen zu verkünden. 2 Wenn du in unbekannten Sprachen redest, sprichst du nicht zu Menschen, sondern zu Gott. Niemand versteht dich. Durch die Wirkung des Geistes redest du geheimnisvolle Worte. 3 Wenn du aber prophetische Weisungen empfängst, kannst du sie an andere weitergeben. Du kannst damit die Gemeinde aufbauen, ermutigen und trösten. …
20 Brüder und Schwestern, seid nicht Kinder dem Verstand nach! In der Schlechtigkeit sollt ihr wie kleine Kinder sein, aber im Denken müsst ihr erwachsen sein. 21 Im Buch des Gesetzes heißt es: »Ich werde zu diesem Volk in unbekannten Sprachen reden und in fremden Worten, sagt der Herr. Aber auch dann werden sie nicht auf mich hören.« 22 Das Reden in Sprachen des Geistes ist also gar nicht für die Glaubenden bestimmt, sondern für die Ungläubigen – es ist ein Zeichen des Gerichts über ihren Unglauben. Bei den prophetischen Botschaften ist es umgekehrt: Sie sind nicht für die Ungläubigen bestimmt, sondern für die Glaubenden oder die, die zum Glauben kommen sollen. 23 Stellt euch vor, die ganze Gemeinde versammelt sich und alle fangen an, in unbekannten Sprachen zu reden. Wenn nun Neulinge oder Ungläubige hereinkommen, werden sie euch bestimmt für verrückt erklären. 24 Nehmt dagegen an, ihr alle verkündet prophetische Weisungen. Wenn dann ein Neuling, der noch nicht glaubt, hereinkommt, wird ihn alles, was er hört, von seiner Schuld überzeugen. Er wird sich von allen zur Rechenschaft gezogen sehen. 25 Seine geheimen Gedanken kommen ans Licht. Er wird sich niederwerfen, wird Gott anbeten und bekennen: »Wahrhaftig, Gott ist mitten unter euch!«

Ein ganzes Kapitel lang hat Paulus im 1. Korintherbrief die Liebe beschrieben, ja, man könnte sagen, besungen. Das war im 13. Kapitel. Und Sätze aus dem 13. Kapitel sind geradezu klassisch geworden:

»Es bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.«

Das folgende 14. Kapitel setzt dieses Thema fort, aber mit dem Schwerpunkt auf dem Sprachengebet, dem Zungenreden, oder wie man es nennen will. Auch wenn der Predigttext des heutigen Tages nur eine Auswahl aus diesem 14. Kapitel ist, merkt man doch: wer das ausgesucht hat, der wollte eine Übersicht über das ganze Kapitel vermitteln. Dieses 14. Kapitel ist nicht so bekannt, weil heute das Beten in sogenannten Sprachen oder Zungen nicht sehr bekannt ist. Für Paulus war das aber eine ganz wichtige Frage. Er redet darüber, wie Liebe sich umsetzt in der Gestaltung des Verhältnisses zu Gott.

Zuerst etwas über das »Reden in Zungen«: dummerweise weiß heute keiner mehr, wie das damals aussah. Es gibt keine Ton- oder Videoaufnahmen, noch nicht einmal Noten oder so etwas davon. Es gibt heute Gemeinden, in denen Reden in Zungen praktiziert wird, aber keiner kann wirklich wissen, ob das das Gleiche ist wie das, was die Christen in der Zeit des Neuen Testaments erlebt haben.

Deswegen muss man es sich anders erklären: bei dem »Reden in Zungen« geht es darum, dass ein Mensch sich mit den Tiefen seiner Seele ausdrückt vor Gott. Und das sprengt die Möglichkeiten der normalen Sprache. Da reichen die Worte und die Satzmuster nicht aus. Gottes Wirklichkeit ist einfach größer als unsere Sprachmöglichkeiten, und dann gibt es sozusagen eine Direktverbindung vom Herzen zu den Sprachwerkzeugen unter Umgehung der normalen Muster, mit denen wir sonst sprechen. Deswegen ist für mich Musik eine nahe Verwandte des Betens in Zungen, weil sie ganz ähnlich unsere Ausdrucksmöglichkeiten erweitert; und es ist kein Zufall, dass Musik so eine große Rolle spielt in der Gestaltung von Gottesdiensten.

Jedenfalls, wenn Menschen in Zungen beten, dann geschieht etwas sehr Tiefes zwischen ihnen und Gott, und zwar auch dann, wenn sie selbst nicht wirklich verstehen, was da gerade passiert.

Paulus stellt nun daneben die Prophetie. Auch hier die Frage: was mit Prophetie gemeint? Wir denken dabei vielleicht zuerst an jemanden, der die Zukunft voraussagt. Deshalb reden wir ja z.B. auch von »Wetterpropheten«. Ein Wetterprophet sagt: »heute den Tag über wird es wunderschönes Wetter geben, aber am Abend kann es zu Gewittern kommen, und zwar um so eher, je weiter im Nordwesten Sie wohnen.«

So etwas ist aber nicht gemeint, wenn Paulus von Prophetie redet. Am Wetter kann ich nichts ändern, wenn der Wetterprophet richtig gerechnet hat, dann kommt es auch, ganz unabhängig davon, ob wir heute unseren Teller leer essen oder nicht. Wir nehmen vielleicht einen Schirm mit, aber eigentlich haben solche Botschaften mit uns selbst nicht viel zu tun.

Die Prophetie, von der Paulus spricht, hat dagegen ganz viel mit denen zu tun, an die sie sich richtet. Ein Prophet legt mit seinen Worten die Wirklichkeit Gottes mitten unter uns frei, so dass wir sie verstehen und in ihr leben können. Er spricht etwas aus, was wir vorher nicht gesehen haben, aber jetzt können wir es sehen. Er hat uns, wenn es gut geht, die Augen geöffnet.

Das kann im Einzelfall eine Ermutigung bedeuten, eine Wegweisung, eine Kritik, eine Warnung, eine Hoffnung – meistens ist es eine Mischung davon, weil eben die Entdeckung der Wirklichkeit Gottes unter uns alles verändert. Ein Mensch kommt in seine wirkliche Krise, wenn er dieser Wirklichkeit Gottes begegnet. Deswegen erzählt Paulus dieses Beispiel von dem Menschen, der in eine Gemeinde hinein gerät, wo sie alle prophetisch reden, und auf einmal sprechen da Menschen über die tiefsten Geheimnisse seines Herzens. Das ist sicher auch damals nicht immer so gewesen, aber Paulus sagt: stellen wir uns mal Prophetie vor in ihrer besten Form. Eine Gemeinde voll Menschen, die diese prophetische Sicht für die Wirklichkeit haben und aus ihr heraus mit einem Fremden reden. Es ist gar nicht gesagt, ob sie von seiner Steuererklärung reden, von Männer- und Frauengeschichten, von seinem Überdruss bei der Arbeit, von seinen vergrabenen Jugendträumen, von Politik oder seinem Lebensende, von Aufträgen Gottes und seiner Berufung, oder noch etwas ganz anderem – egal, sie reden darüber, wie sein Leben aussieht, wenn es in Beziehung gesetzt wird zur Welt Gottes, und ihm fällt es wie Schuppen von den Augen, er beginnt selbst, sich aus dieser Perspektive zu sehen, die Augen gehen ihm auf, und er sieht diese Wirklichkeit Gottes, die Gegenwart Jesu unter den Menschen, und er fällt auf die Knie und antwortet Gott mit seinem Gebet.

So eine prophetische Gemeinde ist der Traum des Paulus. Eine Gemeinde, die tief hineinschaut in die geheimen Wege des Reiches Gottes und in die verschlungenen Gedanken in den Herzen der Menschen, und die das beides in Beziehung setzen kann, eine Gemeinde, die versteht, wo andere ratlos davor stehen und nicht wissen, wie sie die Mosaiksteine zusammensetzen sollen.

»Seid nicht Kinder im Verstehen«

sagt Paulus. Vielleicht erinnern sich ja Menschen daran, dass Jesus einmal gesagt hat, dass wir wie die Kinder werden sollen, und sie glauben, das würde bedeuten, wir sollen uns gar nicht erst auf komplizierte Gedanken einlassen, sondern bei den einfachen, klaren Wahrheiten bleiben. Aber das, sagt Paulus, hat Jesus nicht gemeint. Wir sollen in der Tiefe verstehen, was mit einem Menschen los ist, und wir sollen genauso verstehen, welche Strömungen im Untergrund unserer Gesellschaft fließen, und wir sollen die Alternative Gottes passgenau dagegenhalten.

So wie Jesus die Menschen genau gesehen hat und mit seinen Worten für sie einen präzisen Zugang zur Wirklichkeit Gottes öffnete. Jesus war vollkommen, und Paulus sagt zu uns: seid vollkommen im Verstehen. Wir sollen als Gemeinde diesen Dienst Jesu fortsetzen.

Das Problem von Paulus ist, dass die Christen in Korinth diese Vision von der prophetischen Gemeinde nicht unbedingt teilten. Und das hing mit dem überwältigendem Erlebnis des Gebets in Zungen zusammen, das für sie viel beeindruckender war. Das war tiefer, ergreifender, geheimnisvoller, auch für die, die das selbst nicht praktizierten. So steht Paulus vor der schwierigen Aufgabe, die Dinge zurechtzurücken, die Prophetie und das Verstehen auf den ersten Platz zu setzen, ohne damit die Zungenrede schlecht zu machen.

Er greift dazu auf einen Spruch des Propheten Jesaja zurück, durch den Gott einmal sagte: ich werde durch Menschen mit unverständlicher Sprache zu Israel reden, aber sie werden es nicht verstehen. Gemeint war: Gott würde fremde, ausländisch sprechende Heere ins Land bringen, aber das Volk Israel würde auch darin nicht das Gericht Gottes erkennen und umkehren. Übertragen auf das Gebet in Zungen heißt das: Man kann darin zwar etwas spüren von Gott, aber es reicht nicht, um die Menschen zur Umkehr zu bringen. Für Menschen, die nicht an Jesus glauben, wäre es höchstens ein Zeichen, dass da irgendetwas Göttliches ist – aber sie würden dadurch nicht glauben, sondern eher sagen: das ist ja eine merkwürdige Sekte von Spinnern! und sich eher noch noch mehr verschließen.

Paulus macht aber die Voraussetzung, dass jetzt nicht die Zeit von Gottes Gericht ist, sondern die Zeit der Gnade. Eine Zeit, in der Gott so zu Menschen redet, dass sie es verstehen können und zu ihm finden. Und es wird deutlich: diese Liebe Christi, die Paulus ein Kapitel vorher besungen hat, die ist für ihn der entscheidende Grund, weshalb ihm so viel an der Prophetie liegt: weil die Prophetie an der Welt, an den Menschen orientiert ist und ihnen einen Weg zu Gott eröffnet. Sogar wenn Paulus den Gottesdienst der Gemeinde beschreibt, das Herz der Gemeinde, dann denkt er an die Menschen, die dazukommen sollen, die vielleicht noch gar nicht da sind, aber er möchte alles so gestalten, dass die Gemeinde ein Ort ist, wo sie Gott und seiner Wirklichkeit begegnen und zu ihm finden. Und das geht nur wenn die Gemeinde sie versteht, und wenn sie die Gemeinde verstehen können, wenn alles klar und nachvollziehbar ist.

Das, was Menschen in der direkten Gottesbegegnung erleben, soll immer wieder umgesetzt werden in verständliche, kommunizierbare Worte. Paulus kennt dafür zwei Möglichkeiten: entweder man übersetzt ein Gebet in Zungen, so dass die anderen verstehen, um was es geht. Denn es ist ja nichts prinzipiell Dunkles oder Geheimnisvolles, sondern man kann erklären, was da zwischen Gott und einem Menschen passiert. Der Betreffende selbst kann das in dem Moment nicht, aber vielleicht kann er es später, oder andere können intuitiv verstehen, worum es geht.

Der andere Weg ist eben die Prophetie. Und es ist deutlich, dass das für Paulus der Königsweg ist: eine Gemeinde, in der sich der prophetische Dienst Jesu fortsetzt. Eine Gemeinde, die mit ihren Worten die Risse und Widersprüche der gängigen Weltbilder und Denkmuster freilegt, die die Leiden der Kreatur ausspricht, und die genauso die wahre Wirklichkeit der Menschen ans Licht bringt, den Ursprung in Gott und sein Leben in den Menschen, die Verwurzelung in ihm, eine Gemeinde, in der die verschütteten Hoffnungen und die geschädigten Wurzeln neu ans Licht kommen und lebendig werden. Eine Gemeinde, die Menschen zurückruft aus Zerstreuung und Verirrung zu ihrer eigentlich, wahren Wirklichkeit, zu ihrer Berufung und zum neuen Leben, das von Anfang an auf sie wartete. Und die Gemeinde wird es so tun, dass man diesen Ruf verstehen kann, einfühlsam, einsichtig, passgenau, so dass sich die Menschen verstanden fühlen, richtig beschrieben in ihrem innersten Wesen ebenso wie in ihren Irrwegen. Und dann wird es eigentlich gar keinen Grund geben, diesem Ruf nicht zu folgen.

Das ist eine Gemeinde, die mit ihrem Wort die Welt regiert. Nicht von oben herab, sondern in äußerer Schwäche, aber mit innerer Vollmacht und Kraft. Das ist der Traum des Paulus, den er sich vom Gott der Liebe hat schenken lassen.