Was uns müde macht

Predigt am 14. Juni 2026 zu Matthäus 11,25-30

Eine weitere Predigt zum Text finden Sie hier.

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. 27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Rauchender Kopf - Burnout

Nachdem diese Bibelstelle mit den »Unmündigen« im Religionsunterricht behandelt worden war, sagte ein Schüler zum anderen: Du hast’s gut, du bist doof! Da hatte er den Text natürlich ziemlich missverstanden.

Ein verbreitetes Missverständnis

Aber dieses Missverständnis findet man ja auch bei Erwachsenen, diesen Eindruck: Ja, es sind wohl die eher schlichten Gemüter, die dem Himmel besonders nahe sind. Alle, denen die Welt einfach zu kompliziert ist, die sammeln sich bei Jesus, und er sagt ihnen: Ja, ich weiß, ihr seid ein bisschen naiv, ihr blickt nicht so durch, aber dafür habt ihr ein gutes Herz und Gott liebt euch dafür ganz besonders.

Das Problem dabei ist nur, dass Jesus selbst ziemlich klug gewesen sein muss – wenn man seine Aussprüche liest, dann staunt man über seine Schlagfertigkeit, sein tiefes Denken und die souveräne Art, wie er die Schrift auslegt. Jesus selbst war nicht naiv, und auch seine Jünger machen nicht den Eindruck, dass sie unbeholfen oder weltfremd wären. Petrus und Andreas, die Erben eines Familienunternehmens in der Fischereibranche, Levi, der Zolleinnehmer oder auch Simon und Judas, die ehemaligen Terroristen – das waren alles keine Leute, die das Leben nicht so richtig hinkriegen. Und schließlich der geniale Theologe Paulus, von dessen Intelligenzquotienten die meisten Menschen bis heute nur träumen können.

Sagen wir es also so: ein niedriger Intelligenzquotient ist keineswegs eine Freikarte für das Reich Gottes. Aber wovon spricht Jesus dann? Wer sind die »Unmündigen«, die Gott verstehen, und wer sind die Weisen und Klugen, denen sich Gottes Botschaft nicht erschließt?

Die Klugen sind zu beschäftigt

Da hilft uns das Evangelium, das wir vorhin in der Lesung gehört haben (Lukas 14,16-24 – das Gleichnis vom großen Abendmahl): Da gibt es auch Menschen, die sich selbst vom großen Fest bei Gott ausschließen. Es ist ja nicht Gott, der zu ihnen sagt: du darfst nicht kommen, weil du zu klug bist! Sondern die denken, dass das, womit sie beschäftigt sind, gerade viel wichtiger ist.

Und da fällt in dem Gleichnis auf, dass die, die die Einladung ausschlagen, nicht die Normalverdiener sind. In einer Welt, in der ein Bauer schon froh war, wenn er seinen kleinen Acker nicht aus Not verkaufen musste, da gab es nur wenige, die sich mal eben fünf Ochsengespanne kaufen konnten. Und wer einfach mal so einen Acker kaufte, hatte vielleicht die Familie mit Wucherzinsen in die Enge getrieben. Und eine Hochzeit war keine romantische Verbindung zwischen zwei Liebenden, sondern in der Regel ein Geschäft und ein gesellschaftliches Großereignis.

Die Leute, die im Gleichnis die Einladung ausschlagen, sind die, die es zu etwas gebracht haben, die wissen wie es läuft. Die Klugen. Heute wäre das vielleicht der Projektentwickler, der gerade mit den Banken über einen neuen Kredit verhandeln muss oder das Promi-Paar, das seine Traumhochzeit mediengerecht vermarktet. Die finden sich alle gut zurecht in der Welt, wie sie nun mal ist. Aber gerade das hindert sie daran, Zugang zu Gottes Alternative zu bekommen.

Seid an der richtigen Stelle verständnislos!

Denn Gott kann sich überhaupt nicht mit der Welt, wie sie nun mal ist, abfinden. Gott versteht natürlich sehr genau, wie es läuft in der Welt, aber er findet es überhaupt nicht gut. Und über die Weisen und Klugen, die sich wunderbar in dieser Welt zurechtfinden, denkt er: ich verstehe nicht, wie man so blind sein kann. Wieso sehen sie nicht, wie verkehrt das alles ist?

Und wenn Jesus von den kindlich »Unmündigen« redet, dann meint er die, die mit großen Augen auf die Welt schauen und sagen: wie kann man nur so völlig in diesem Tanz ums Goldene Kalb gefangen sein! All diese Wirtschaftsweisen, die uns gerade jetzt Tag für Tag erklären, dass wir uns die Rente und die Krankenkasse für Otto Normalverbraucher eigentlich gar nicht leisten können, weil wir ja denen ganz oben nichts wegnehmen dürfen. Oder die Propagandafabriken, die sich immer neue Gründe ausdenken, weshalb wir überhaupt nichts gegen den Klimawandel tun können, weil es gerade so viel wichtigere Dinge gibt als das Überleben und das Glück unserer Kinder und Enkel.

Gegenüber denen, meint Jesus, sollt ihr unmündig sein. Gegenüber so einem Denken sollt ihr völlig verständnislos sein. Aber gerade, um das zu durchschauen, ist ein klarer Verstand sehr nützlich. Paulus bringt es im ersten Korintherbrief (14,20) so auf den Punkt:

Seid doch nicht Kinder an Einsicht, Brüder und Schwestern! Seid unmündig an Bosheit, an Einsicht aber seid vollkommen!

Das ist die richtige biblische Interpretation für dieses Jesuswort, dass Gott sich den Unmündigen offenbart. Es bedeutet gerade nicht, die schlichten Gemüter wären Gott besonders nahe. Und das hilft uns dann auch, die folgenden Verse besser zu verstehen.

Was macht uns müde?

Da redet Jesus ja von den Mühseligen und Beladenen, die bei ihm aufatmen können. Und wenn man das von diesen vorigen Versen her versteht, dann sind das gar nicht in erster Linie die Menschen mit allerlei persönlichen Sorgen und Beschwernissen. Sondern es sind die, die unter der Art von Welt leiden, die von den Wirtschaftsweisen und Systemklugen gestaltet wird. Es sind die Pflegekräfte, die für Menschen da sein wollen und nicht für die Pflegedokumentation. Es sind die Antragsteller, deren Post bei der Behörde schon wieder mal verloren gegangen ist. Es sind die Anrufer bei der Hotline, die nach endlosen Runden in der Warteschleife auf einen überforderten Gesprächspartner treffen, der ihnen auch nichts Rechtes sagen kann. Wir alle sind es, wenn wir Fragebögen ausfüllen sollen, deren Fragen wir nicht verstehen. Und wenn es statt Fragebogen eine Eingabemaske im Internet ist, dann kann man noch nicht mal mehr eine klärende Bemerkung an den Rand schreiben.

An vielen Stellen ist unsere Welt so mühsam zu bedienen, so voller Kontrollen und Vorschriften, und die wenigsten von uns können sich einen Assistenten leisten, der einem diese Mühe abnimmt. Es ist kein Wunder, dass die Gesellschaft zunehmend erschöpft ist und viele sich ausgebrannt fühlen.

Wer die Welt mühsam macht(e)

In der Zeit von Jesus waren es wohl die Pharisäer und Schriftgelehrten, die den Menschen das Leben schwer machten mit allen möglichen Vorschriften, die Zeit und Geld kosteten. In der Reformationszeit hat Luther das auf die Vorschriften der damaligen Kirche angewandt, die den Menschen mit der Hölle drohte, wenn sie sich nicht daran hielten. Heute fürchten sich nach meinem Eindruck nur noch sehr wenige vor der Hölle, aber die Vorschriften, Regeln und Belastungen sind geblieben. Und vor allem der Glaube, dass das alles notwendig, vernünftig und alternativlos wäre.

Jesus will uns stattdessen in seine befreite Zone holen, wo es nicht mühsam ist, sondern wo die Dinge einfach und übersichtlich sind. Oder besser gesagt: wo man die wirklichen Probleme bearbeiten kann und sich nicht vor allem mit den künstlichen Problemen herumschlägt, die andere einem machen.

Dummerweise ist nun leider auch die kirchliche Organisation kein gutes Beispiel dafür, wie man in einer ermüdenden Welt eine Zone des Aufatmens schaffen könnte. Leider gibt es auch bei uns die Vorschriften und Systeme, die engagierten Leuten Zeit und Freude stehlen; die langen Gremiensitzungen, wo unter »Verschiedenes« die Gelegenheit für alle kommt, die sich gern reden hören; all die vielen Instanzen, die gefragt werden müssen, wenn man eine gute Idee umsetzen will; Wahlen, die so kompliziert sind, dass sie eine Gemeinde ein halbes Jahr lang beinahe lahmlegen können. Und all das andere, was müde macht und die Freude raubt.

Wir müssen nicht mitmachen

Aber Jesus ist ja nicht an unsere real existierenden Kirchentümer gebunden. Wo er gehört wird, da werden Menschen ungläubig gegenüber der Art, wie die Klugen und Weisen unsere Welt organisiert haben. Das Problem ist ja, dass Menschen irgendwann anfangen zu glauben, dass es alles so sein müsste. Und dann machen sie auch die Dinge, die sie selbst in der Hand haben, auf die Art, die sie sich bei den Klugen und Weltweisen abgeguckt haben. Und am Ende wundern sie sich, dass sie sich so müde und überfordert fühlen.

Da will Jesus uns draus befreien. Er sagt, dass er uns keine schweren Lasten auflegt. Das heißt überhaupt nicht, dass er uns in eine Wellness-Oase einlädt. Für viele engagierte Christinnen und Christen ist der Glaube keine Hängematte zum Ausruhen; ganz besonders nicht für die Märtyrer und anderswie Angefeindeten. Aber wo wir wirklich mit der Sache Jesu beschäftigt sind, da bekommen wir auch Kraft nachgereicht. Schon bei Jesaja heißt es, dass diejenigen, die auf den Herrn schauen, beflügelt werden wie mit Adlersflügeln. Aber wo die Regeln dieser Welt zuschlagen, da werden wir schnell müde und erschöpft. Vor allem, wenn wir auch noch an sie glauben und sie womöglich auch noch den anderen auferlegen möchten.

Es ist klar: auch die Jesusleute können nicht einfach aus dieser Welt aussteigen. Aber sie können ein klares Urteil darüber behalten, was die echten Probleme sind, wo man wirklich Kraft investieren muss, und wo man das lieber nicht tun sollte. Und sie können sich gegenseitig darin bestärken, dass man nicht mitmachen muss beim Tanz ums Goldene Kalb.

Es geht ja auch anders

Ich war gestern bei der Mitgliederversammlung eines Vereins, die nur 11 Minuten gedauert hat. Ein echter Rekord! Das ging, weil alle wussten: das ist notwendig, das muss man machen, das muss auch gut gemacht werden, aber den wirklichen Problemen widmen wir uns davor und danach. Und dafür möchten wir eigentlich unsere Lebenszeit nutzen.

Ich denke, dass man dieses Wort »unmündig«, das Jesus hier benutzt, in einem sehr speziellen Sinn verstehen muss. Unmündig ist ja ursprünglich das Kind, das staunend vor der Welt steht und noch gar nichts verantwortlich dazu sagen kann. Wahrscheinlich sollte man das heute besser mit »ungläubig« übersetzen: Es geht um die, die ungläubig diesen rasenden Stillstand in der Welt sehen und sich fragen, wie verblendet man eigentlich sein muss, um dabei aus voller Pulle mitzumachen?

Manchmal werden wir in diesem Sinn ungläubig, weil uns ein Bruch in unserem Leben da herausgeholt hat, so dass wir nicht mehr mitmachen konnten. Oder weil wir irgendwie die Schattenseiten dieser Welt deutlich zu spüren bekommen haben. Oder auch, weil es uns einfach so aufgegangen ist. Egal, wie Menschen dazu gekommen sind: wer unmündig, also in diesem Sinn ungläubig geworden ist, der ist bereit dafür, dass Gott zu ihm kommt, dass Gott ihm die Augen öffnet für die wahre Welt und ihn aufatmen lässt in der freien Gemeinschaft der Kinder Gottes.