Gottes Wort schafft Wälder der Gerechtigkeit
Predigt am 4. Januar 2026 zu Jesaja 61,1-11
1 Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des Herrn«, ihm zum Preise.
4 Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten; sie werden die verwüsteten Städte erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben. 5 Fremde werden hintreten und eure Herden weiden, und Ausländer werden eure Ackerleute und Weingärtner sein. 6 Ihr aber sollt Priester des Herrn heißen, und man wird euch Diener unsres Gottes nennen. Ihr werdet der Völker Güter essen und euch ihrer Herrlichkeit rühmen. 7 Dafür, dass ihr doppelte Schmach trugt, und für die Schande sollen sie über ihren Anteil fröhlich sein. Denn sie sollen das Doppelte besitzen in ihrem Lande. Sie sollen ewige Freude haben.
8 Denn ich bin der Herr, der das Recht liebt und Raub und Unrecht hasst; ich will ihnen den Lohn in Treue geben und einen ewigen Bund mit ihnen schließen. 9 Und man soll ihr Geschlecht kennen unter den Völkern und ihre Nachkommen unter den Nationen, dass, wer sie sehen wird, erkennen soll, dass sie ein Geschlecht sind, gesegnet vom Herrn.
10 Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. 11 Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der Herr Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern.
Worte wirken. Worte sind nicht einfach Schall und Rauch. Sie sind nicht schwach oder vergänglich. Sie bewegen Menschen und gestalten dadurch die Welt. Worte sind Taten. Und ganz besonders dann, wenn Gott es ist, der redet.
Wie meint Gott das?

An diesem Text aus dem Buch Jesaja können wir das besonders gut sehen. Man weiß nicht genau, wann er entstanden ist, am wahrscheinlichsten irgendwann zwischen 500 und 450 vor Christus. Israel ist damals Provinz des großen persischen Reiches. Die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier liegt schon über 100 Jahre zurück, aber viele Städte sind immer noch Trümmerhaufen. Die meisten Menschen leben in kümmerlichen Verhältnissen, aber es gibt auch schon wieder ein paar Milliardäre, die sich alles leisten können und denen ihre ärmeren Mitmenschen egal sind.
In dieser Situation lesen Menschen das Buch Jesaja. Der Prophet Jesaja lebte noch einmal mindestens 200 Jahre früher, aber ab Kapitel 40 hat man es mit den Worten eines unbekannten Propheten ergänzt, der das Ende der babylonischen Gefangenschaft ankündigte. Gott hat seinem Volk vergeben, sagte er, in Kürze dürft ihr wieder nach Hause, zurück nach Jerusalem, und alles wird wieder gut.
Das hat dem Volk geholfen, seine Zuversicht zu bewahren. Die Hoffnung wuchs. Und tatsächlich durften sie kurz danach wieder nach Hause, aber es wurde überhaupt nicht alles wieder gut. Sie lebten zwischen Trümmern, die benachbarten Völker mischten sich in alles ein, die Menschen waren traumatisiert und zerstritten, Solidarität war Mangelware. Es war so ein bisschen wie heute im Syrien nach der Assad-Diktatur. Und einige Menschen versuchten zu verstehen, was da los war. Bei Jesaja, besonders in diesem zweiten Teil des Buches mit den Worten des unbekannten Propheten, stand es doch ganz anders!
Neue Inspiration
Und irgendwie hat der prophetische Geist Gottes diese Menschen noch einmal wieder inspiriert. Bei ihrer Lektüre des Jesajabuches erhoben sich unter ihnen neue Worte, die sie als Gotteswort erkannten, kostbare Botschaften, inspiriert vom Gott Israels, demselben, der schon zu Jesaja und seinem ersten Nachfolger gesprochen hatte.
Auf einige von diesen Worten hören wir heute: Gottes Geist hat mich gesandt, heißt es da. Ich soll euch eine gute Botschaft bringen. Ich soll den Armen und Traumatisierten eine hoffnungsvolle Perspektive öffnen. Ich soll denen, die noch immer trauern und ihre Lebenskraft verloren haben, den Blick nach vorn öffnen, auf eine gute Zukunft, die Gott bringen will. Es wird nicht immer so bleiben, ihr werdet wieder feiern können. Ihr werdet aufatmen können. Ihr werdet »Bäume der Gerechtigkeit« heißen, ein Wald, den Gott anlegt und der stetig wächst und gedeiht, und wo es gerecht zugeht.
Das waren Worte, die unter ihnen ein neues Bild ihrer Welt entstehen ließen. Das dunkle Elend, das sie umgab, hatte einen Riss bekommen, und durch diesen Riss kam das Licht der Hoffnung zu ihnen. Sie waren ja nicht allein und verlassen in ihrem Elend. Gott war immer noch dabei. Sie verstanden: was wir hier sehen, ist nicht alles. Diese Trümmer, zwischen denen wir hausen, die werden wieder repariert werden, man wird die zerstörten Städte neu bauen. Gewalt und Ausbeutung werden aufhören. Gott schafft Gerechtigkeit. Und so fügten sie dem Buch Jesaja einen dritten Teil mit diesen neuen Worten hinzu. Und wieder studierten Menschen dieses Buch und nahmen daraus die Überzeugung, dass keine Lage hoffnungslos ist, weil Gott immer noch dabei ist und dadurch in allen Dunkelheiten mindestens ein Riss offen ist, durch den das Licht der Hoffnung eindringt.
Hoffnung gestaltet Zukunft
Aber das war nicht nur reiner Seelentrost. Die Hoffnung bewegte sie und ließ sie handeln. Abraham Lincoln, der amerikanische Präsident, durch den die Sklaverei in den USA abgeschafft wurde, soll gesagt haben: »Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist der, sie selbst zu gestalten.« In diesem Sinn sind Propheten keine Wahrsager, die uns erzählen, ob in diesem Jahr ein Vulkan ausbrechen wird oder die Aliens landen.
Propheten sprechen Worte, die uns Wege öffnen, auf denen wir die Zukunft gestalten können. Wenn sie sagen: dieses zerstörte Land wird wieder aufgebaut werden, dann bewirkt das hoffentlich, dass ein paar Leute sagen: ok, dann lasst uns die Ärmel aufkrempeln und anfangen! Und wenn der Prophet davon spricht, dass es ein Gnadenjahr des Herrn geben wird, dann erinnert er an die alte Bestimmung Gottes, dass alle 50 Jahre die Schulden erlassen und Sklaven freigelassen werden müssen. Und dann sagen hoffentlich ein paar Leute: das ist doch eine sehr gute Regel, warum führen wir die nicht wieder ein?
Gottes Worte zeigen Möglichkeiten, an die vorher keiner gedacht hat. In einer Welt, in der Sklaverei als normal und notwendig galt, redet Gott von einem Jahr der Befreiung. Und über 2000 Jahre später haben englische Christen entscheidend dazu beigetragen, dass die Sklaverei überhaupt abgeschafft wurde. Gottes Worte wirken. Es kann dauern, der Prophet spricht ja von »Bäumen der Gerechtigkeit«, und Bäume wachsen langsam. Aber Gottes Worte wirken, und aus den alten Worten erheben sich immer wieder neue Bedeutungen, wenn Menschen sie so aufmerksam studieren, wie sie es damals mit dem Jesajabuch getan haben.
In Jesus wird es in vollem Maß real
Wenn wir heute darin lesen, dass das zerstörte Land Israel wieder aufgebaut wird, dann erhebt sich ja hoffentlich unter uns die Vorstellung, dass auch die christliche Kirche, die bei uns gerade den Bach runtergeht, wieder neu gebaut wird. Aber eben nicht als die alte Machtkirche, die den Menschen übergestülpt worden ist, sondern als die Gemeinde Jesu, in der Menschen aufatmen und die zerbrochenen Herzen geheilt werden, wo die beschädigten und verführten und desorientierten Seelen gesund werden. Die Gemeinde als Wald der Gerechtigkeit, wo man nicht mehr nach der Pfeife der Superreichen tanzt. Und hoffentlich gibt es dann auch bei uns Menschen, die sagen: ok, lasst uns die Ärmel aufkrempeln und anfangen!
So entwickeln sich Gottes Worte beständig weiter und bringen immer wieder neue Perspektiven hervor. Und die wichtigste Zwischenstation dabei habe ich noch gar nicht erwähnt. Gerade an diesem Text können wir das besonders gut sehen, weil Jesus den ein halbes Jahrtausend später genommen hat und gesagt hat: jetzt erfüllt sich diese Verheißung. Jetzt seid ihr Zeugen, wie sie sich in vollem Maß realisiert. Und er meinte damit sich selbst und das Reich Gottes, das sich um ihn herum verbreitete. Er hat seine ganze Mission im Licht dieses Jesajawortes gesehen, und da erst bekam das alte Wort seine volle und richtige Bedeutung.
Seit damals verstehen wir, dass Gott seine Verheißungen nicht irgendwie mit einem Zauberstab in Erfüllung gehen lässt, sondern er macht das durch Menschen, die von seinen Worten bewegt sind. Jesus hat jahrzehntelang die Bibel studiert und sich von ihr inspirieren lassen. Und so hat er den verborgenen Willen Gottes darin entdeckt und gelebt: das Leben, auf das alle Worte Gottes hinauslaufen. Nach und nach ist das immer klarer geworden, auch durch viele menschliche Irrungen und Wirrungen hindurch. Jesus hat es dann endlich auf den Punkt gebracht. Er hat auch einiges korrigiert – z.B. sind bei ihm die Rachefantasien weggefallen, dass man eines Tages selbst die anderen Völker ausbeuten wird, die Israel so lange missachtet und misshandelt haben. Ganz ins Zentrum gestellt hat er die gute Nachricht für die Armen und für alle, die innerlich oder äußerlich gefangen sind.
Gott bleibt beharrlich dran – über Jahrhunderte
Jesus ist der entscheidende Beleg dafür, dass hinter diesen ganzen Verheißungsworten bei Jesaja und all den anderen wirklich Gott gestanden hat. Über all die Jahrhunderte hinweg hat Gottes Wort an den Menschen gearbeitet. Gott hat seinen Wald der Gerechtigkeit gepflegt. Bäume wachsen langsam. Und nur Gott hat einen so langen Atem, dass er über Jahrhunderte hinweg über diesen »Bäumen der Gerechtigkeit« wachen kann. Es gibt keinen Menschen und keine Menschengruppe, die über so lange Zeiträume durch all die Wendungen der Geschichte hindurch so beharrlich ein Ziel verfolgen könnte.
Aber Gott hat natürlich nach Jesus nicht damit aufgehört. Jetzt sorgt er dafür, dass sich Jesu Art in immer neuen Situationen auf neue Weise umsetzt. Auch das geht manchmal schief, es geht immer noch durch menschliche Irrungen und Wirrungen hindurch, und manchmal stürzen prächtige Kirchenkonstruktionen einfach in sich zusammen, weil sie Konstruktionsfehler haben. Hier in Deutschland erleben wir das gerade, in Amerika haben das die sogenannten »christlichen Nationalisten« noch vor sich. Und wahrscheinlich blüht das auch unserer ganzen westlichen Kultur. In der steckt auch ein schwerer Konstuktionsfehler. Aber von solchen Zeiten der Krise hat sich Gott noch nie einschüchtern lassen. Gerade in den dürftigen und kümmerlichen Zeiten hat er den Menschen die strahlendsten Worte geschenkt. Jesus lebte ja schließlich auch in einer Zeit, in der Israel voll war mit Armen, Traumatisierten und Unterdrückten, die den damaligen Milliardären egal waren.
Immer wieder haben sich Menschen getraut, aus Gottes Worten strahlende Bilder zu malen, auch wenn die lange brauchten, bis sie Wirklichkeit wurden. Bei manchen warten wir immer noch darauf. Das soll uns aber nicht davon abhalten, uns an der Verheißung zu orientieren, dass es ein großes Wiederaufrichten gibt für die Menschen, die durch Unterdrückung und Gewalt gebrochen oder gefangen worden sind. Auch das wird Gott nicht irgendwie herbeizaubern, sondern er macht es durch Menschen, die von seinen Worten bewegt und motiviert sind.
Trümmer wegräumen, neu bauen
Das sieht heute ganz anders aus als in der Zeit der Bibel, aber es geht immer darum, dass Gott Orte des Heilwerdens schafft, Wälder der Gerechtigkeit, wo man sehen kann, wie ein gutes Leben aussieht. Wo die Trümmer aufgeräumt werden, die die Milliardäre und Machtmenschen dieser Welt hinterlassen. Wo man sich von ihrer Propaganda und ihren Lügen nicht mehr einlullen lässt. Wo Menschen zusammenhalten und sich nicht mehr gegeneinander aufhetzen lassen. Und es beginnt damit, dass Menschen aus ihrer Traurigkeit herausgeholt werden, die ihnen immer nur Probleme zeigt, von denen man nur überwältigt werden kann.
Gott öffnet uns stattdessen die Augen für die Möglichkeiten, die wir haben. Er schafft Risse in der dunklen Welt, durch die das Licht hereindringt. Und wenn wir uns an diesen Rissen orientieren, dann werden sie größer, und dann wird es heller. Aber es muss diese Menschen geben, die sagen: Lasst uns anfangen! Gott hat mir die Augen geöffnet. Ich verstehe jetzt, wo es hingehen soll. Für mich, für die ganze Welt und auch für die Menschen in meiner Umgebung. Und ich möchte nicht mehr in meiner Passivität Teil des Problems sein, sondern aktiver Teil von Gottes Lösung.