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	<title>Zeitgeschehen &#8211; Walters Werkstatt: Theologie, Gesellschaft und Kirche</title>
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	<description>Texte aus der norddeutschen Tiefebene</description>
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	<title>Zeitgeschehen &#8211; Walters Werkstatt: Theologie, Gesellschaft und Kirche</title>
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		<title>Gebet für die Ukraine</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Mar 2022 09:37:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
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					<description><![CDATA[Übertragung einer Fürbitte der Iona Community (Wild Goose Resource Group)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpraxis%2Fgebet-fuer-die-ukraine%2F&amp;action_name=Gebet%20f%C3%BCr%20die%20Ukraine&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img fetchpriority="high" decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2022/03/peace-ukraine_pxb7037652_960_720-211x300.webp" alt="" width="211" height="300" class="alignright size-medium wp-image-10902" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2022/03/peace-ukraine_pxb7037652_960_720-211x300.webp 211w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2022/03/peace-ukraine_pxb7037652_960_720.webp 507w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" />Wie kann man jetzt für die Ukraine beten, ohne einerseits Kriegsbegeisterung religiös zu pushen, aber ohne andererseits &#8222;überparteilich&#8220; nur allgemein um Frieden zu beten? Die <a href="https://www.wildgoose.scot/" rel="noopener" target="_blank">Wild Goose Resource Group</a>, das ist sozusagen die Abteilung der <a href="https://iona.org.uk/">Iona Community</a>, die sich um vor allem gottesdienstliche Texte und Lieder kümmert, hat <a href="https://www.wildgoose.scot/ukraine-liturgy/" rel="noopener" target="_blank">eine Ukraine Liturgy</a> veröffentlicht, die diese Fehler vermeidet. Man kann den ganzen Text auch <a href="https://www.wildgoose.scot/wp-content/uploads/Liturgy-for-Ukraine.pdf" rel="noopener" target="_blank">als PDF herunterladen</a>.</p>
<p>Ich fand besonders, dass das Fürbittengebet passende Worte findet, die nicht bloß ein allgemeiner, aber hilfloser Friedensappell bleiben, und habe es auf die Schnelle ins Deutsche übertragen. Die Übertragung ist unautorisiert und geht nur auf meine Verantwortung. <a href="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2022/03/2022-03-11Iona_Gebet-fuer-die-Ukraine-und-uns-1.pdf">Man kann den Text auch hier herunterladen.</a> Und ihn im Gottesdienst natürlich auch gern mit mehreren abwechselnd sprechen.</p>
<h3>Gebet in einer Zeit des Krieges</h3>
<p>Barmherziger Gott,<br />
du hältst die ganze Welt in deiner Hand:<br />
beruhige uns und alle, die jetzt voller Angst sind,<br />
erschrocken und geschockt,<br />
dass es so etwas geben kann in Europa, in unserer Zeit;<br />
sprich freundlich zu uns und zu allen, die jetzt in Furcht vor dem Morgen leben.</p>
<p>Vor dir wollen wir denken an die Menschen in der Ukraine:<br />
ihre Kinder,<br />
ihre Alten,<br />
ihre verletzlichen Erwachsenen,<br />
ihre Babies, die bald geboren werden sollen:<br />
Herr, erbarme dich!<br />
Christus, erbarme dich!</p>
<p>Vor dir wollen wir denken an die Menschen in der Ukraine:<br />
ihre Verteidiger,<br />
ihre Fürsprecher,<br />
für alle,<br />
die sich um die Verwundeten kümmern,<br />
die bei den Verzweifelten ausharren,<br />
die berichten über die Barbarei<br />
und Zeugnis geben von der Verheerung des Landes;<br />
für alle, die jetzt die Toten begraben.<br />
Herr, erbarme dich!<br />
Christus, erbarme dich!</p>
<p>Vor dir wollen wir denken an die Menschen in der Ukraine:<br />
ihre Anführer, dass sie weiter ihr Volk stärken können<br />
mit ihrem Wort und ihrem Beispiel;<br />
dass sie weiter Hilfe und Solidarität empfangen<br />
aus der ganzen Welt.<br />
Herr, erbarme dich!<br />
Christus, erbarme dich!</p>
<p>Vor dir wollen wir denken an die Menschen in Russland:<br />
dass sie die Wahrheit erfahren, die vor ihnen verborgen wird.<br />
Wir beten für die russischen Kirchen,<br />
dass sie doch den Mut und die Worte finden,<br />
um zur Macht die Wahrheit zu sprechen.<br />
Wir beten für die russischen Soldaten,<br />
die nicht aus Überzeugung dieses Blutbad ausrichten,<br />
die nicht wussten, was man mit ihnen vorhatte,<br />
und für ihre Familien, die Angst um sie haben.<br />
Bewahre sie davor, dass sich die Gewalt in ihrem Herzen ausbreitet.<br />
Herr, erbarme dich!<br />
Christus, erbarme dich!</p>
<p>Vor dir denken wir an den russischen Präsidenten, seine Berater und Unterstützer:<br />
wir rufen den Richtspruch des Himmels an,<br />
für einen radikalen Wandel und ein Ende ihrer Lügen, Intrigen und Morde.<br />
Herr, erbarme dich!<br />
Christus, erbarme dich!</p>
<p>Vor dir denken wir an unser eigenes Land,<br />
und bitten um aufrichtige Anteilnahme,<br />
dass der Schmerz der ukrainischen Nation<br />
von uns geteilt wird,<br />
dass ihre Erschöpften und Verängstigten bei uns Zuflucht finden,<br />
einen Ort des Friedens, an dem sie sicher sind.<br />
Herr, erhöre uns!<br />
Herr, sei gnädig und erhöre uns!<br />
Amen.</p>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Öffentliche Theologie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Sep 2021 16:14:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
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					<description><![CDATA[Als Christ und Theologe da reden, wo es um das "Gemeine Wohl" geht, aber wo man kein christliches Framing voraussetzen kann<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ftheologie%2Foeffentliche-theologie%2F&amp;action_name=%C3%96ffentliche%20Theologie&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>&#8222;Öffentliche Theologie&#8220; &#8211; auf diesen Begriff bin ich zuerst im Buch &#8222;Öffentlich glauben&#8220; von Miroslav Volf gestoßen. Für mich war das ein Schlüsselbegriff: wie kann man als Christ und Theologe in der Öffentlichkeit reden, ohne vorauszusetzen, dass Gott und die Bibel per se schon anerkannte Autoritäten sind? Es geht also nicht ums Reden im gemeindlichen Raum, auch nicht im universitären Fachjargon, aber auch nicht in der halben Privatheit des Gesprächs &#8222;über&#8217;n Gartenzaun&#8220;. Sondern um Situationen, wo die grundsätzliche Sicht auf die Welt öffentlich verhandelt wird: bei Podiumsgesprächen, in öffentlichen Diskussionen, am Volkstrauertag, auf Demos und anderswo. </p>
<p>Wenn ich als Theologe dort nur die Fakten und Zusammenhänge runterbete, die die anderen auch schon genannt haben, kann ich mir meinen Beitrag schenken. Gleichzeitig kann ich aber nicht voraussetzen, dass die Gesprächspartner meine Prämissen teilen. Ich kann nur damit überzeugen, dass ich etwas Treffendes, Hilfreiches und Überzeugendes zur Sache sage, um die es geht. Ich werde natürlich im Kern nichts anderes sagen als am Sonntag im Gottesdienst. Aber das Framing ist anders, und deswegen muss ich auch anders reden. Ich muss mein Anliegen so ausdrücken, dass ich eine Brücke baue zum Verständnishorizont meiner Gesprächspartner oder Zuhörer.</p>
<p>Auch die Form ist wichtig. Wir haben heute auf der einen Seite die nicht enden wollenden, drögen Monologe und Grußworte, bei denen hörbar und einschläfernd das Papier raschelt. Auf der anderen Seite die tagesschautauglichen 10 Sekunden-Statements, die die Zusammenhänge heillos versimpeln. Und dann noch Formate wie Comedy und Poetry Slam, wo die unterhaltsame Form entscheidender ist als der Inhalt. Keins davon passt zur Öffentlichen Theologie. Zum Vorbild passt eher die biblische Weisheit, die ihre Wahrheiten in so pointierte Formulierungen brachte, dass manche davon bis heute als Sprichwörter überlebt haben. Sie sind einprägsam, einfach und klar, manchmal voll hintergründigem Humor und aus sich selbst heraus plausibel. Plausibilität &#8211; das ist ein Schlüsselwort. Im Idealfall ist Öffentliche Theologie aus sich selbst heraus plausibel.</p>
<p>Aber muss denn nicht der Name Gottes, der Name Jesu explizit genannt werden? Nun, in der Regel bin ich in solchen Situationen sowieso als Theologe und/oder Vertreter der Kirche bekannt. Die Gesprächspartner und Zuhörer erwarten ja, dass ich einen christlichen oder wenigstens religiösen Standpunkt vertrete. Je selbstverständlicher ich diese Position einnehme und sie für das jeweilige Thema fruchtbar werden lasse, um so selbstverständlicher wird sie auch akzeptiert. Wenn ich erst anfange, mich umständlich zu erklären oder gar zu entschuldigen, haben die Leute zu Recht den Eindruck, dass da etwas nicht stimmt. Aber wenn mich jemand nach meinen Quellen befragt, werde ich damit nicht hinterm Berg halten. Wir müssen nicht immer ein dickes christliches Etikett draufkleben. Aber wir müssen die christlichen Wahrheiten so sagen, dass sie erhellend wirken, die Themen öffnen für die Wirklichkeit Gottes und dadurch Alternativen ermöglichen.</p>
<p>All das kam mir jetzt in den Sinn, als ein Statement bei der Demo unseres lokalen Klimabündnisses auf mich zukam, zwei Tage vor der Bundestagswahl. Ein gemischtes Publikum vom Grundschüler bis zur altgedienten Aktivistin. Also genau die richtige Situation für Öffentliche Theologie. Und die Länge von zweieinhalb Minuten war allen Rednern vorgegeben. Wer also schauen will, was für mich dann Öffentliche Theologie ist, <a href="https://www.walterfaerber.de/ansprachen/imperiale-vs-solidarische-lebensart/">kann es hier nachlesen</a>.</p>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Internationale Gemeinde auf dem Land</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Apr 2018 11:11:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Erlebtes]]></category>
		<category><![CDATA[Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
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					<description><![CDATA[Rückblick auf 2 1/2 Jahre mit Geflüchteten (2)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ferlebtes%2Frueckblick-auf-2-1-2-jahre-mit-gefluechteten-2internationale-gemeinde-auf-dem-land%2F&amp;action_name=Internationale%20Gemeinde%20auf%20dem%20Land&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe: | <a title=“Wir schaffen das“ href=“https://www.walterfaerber.de/erlebtes/ilsede-wird-standort-einer-erstaufnahmeeinrichtung-fuer-fluechtlinge/“>Wie alles anfing</a> | <a title=“In der Gebläsehalle“ href=“https://www.walterfaerber.de/erlebtes/rueckblick-auf-zweieinhalb-jahre-1-in-der-geblaesehalle/“>Teil 1</a> | <a title=“Internationale Gemeinde auf dem Land“ href=“https://www.walterfaerber.de/erlebtes/rueckblick-auf-2-1-2-jahre-mit-gefluechteten-2internationale-gemeinde-auf-dem-land/“>Teil 2</a> |</p>
<p>Schon 2015 waren wir in der Gebläsehalle mit christlich orientierten Iranern in Kontakt gekommen. Sie waren nicht vor Krieg geflohen, sondern vor der Repression in ihrem Heimatland. Hier suchten sie nach Anschluss an eine Gemeinde, und weil sie mich aus dem Camp kannten und unsere Kirche gleich in der Nachbarschaft war, kamen sie auch zu uns in den Gottesdienst.</p>
<p>Ich habe es damals sehr bewundert, dass sie, obwohl sie ja zunächst einmal beinahe nichts verstanden, doch immer wieder im Gottesdienst auftauchten. Zum Glück hatten wir damals schon Kontakt zu zwei Iranern, die bereits länger in Deutschland lebten und gelegentlich übersetzen konnten. Und ich kann mich an erste Bibeldiskussionen in der Gebläsehalle erinnern: in einer der vielen Familienkojen auf dem Boden sitzend, mit Google Translator (der damals Persisch nur sehr andeutungsweise verständlich machte) und natürlich Tee.</p>
<p>Bald hatten wir eine ganze Reihe von guten Kontakten in der Gebläsehalle. Und obwohl der größte Teil der Bewohner aus Syrien kam, hatten wir es bald vor allem mit Iranern zu tun. Wir hatten uns das nicht ausgesucht, es ist einfach so gekommen.</p>
<p>Noch 2015 entschlossen wir uns kurzfristig, <a href="https://www.walterfaerber.de/kleingruppen-und-cluster-1/">in unserer recht flexiblen Gemeinschaft</a> eine internationale Untergruppe einzurichten. Die ersten Male waren chaotisch: einige Familien brachten ihre Kinder mit, die damals in der unsicheren Situation noch sehr unruhig waren und sich verständlicherweise unter den Erwachsenen langweilten. Andere telefonierten zwischendurch und wollten uns mal kurz der Mutter oder dem Cousin im Iran vorstellen. Eben eine Begegnung von zwei unterschiedlichen Kulturen.</p>
<p>Aber nach und nach spielte sich das alles ein. Wir haben in unserer Gemeinschaft eine Eingangsliturgie, die an jedem Abend gleich ist (nach der Liturgie von Iona in Schottland). Jetzt merkten wir, dass es für die Neuankömmlinge sehr hilfreich war, wenn es so ein konstantes Element gab, das sie nach und nach mitsprechen konnten. In den Gruppen arbeiteten wir mit der Bibellteilen-Methode, bei der jeder seine Gedanken beisteuern kann. Ein Problem blieb lange die Sprache. Nicht immer war ein Übersetzer zur Hand. Aber irgendwie haben wir es doch hinbekommen.</p>
<p>Wir haben dann darauf hingearbeitet, dass möglichst viele von unseren guten Bekannten aus dem Camp nach Ilsede oder Peine verteilt wurden. Das war damals recht einfach, weil auch die Behörden ein Interesse hatten, Menschen im Landkreis zu behalten, die schon Kontakte vor Ort hatten.</p>
<p><img decoding="async" src="http://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2018/04/13219614_1018744628207116_1051057853_n-e1523272139763.jpg" alt="" width="250" height="220" class="alignright size-full wp-image-5683" />Am Pfingstmontag 2016 haben wir im Gottesdienst 13 Iraner zwischen 3 und 38 Jahren getauft. Für die Taufgespräche haben wir einen Dolmetscher organisiert. So wurden die iranischen Geschwister für mich immer stärker zu Personen mit einem eigenen Lebensweg und einer je eigenen Art, damit umzugehen. Es ist ja ein wichtiger Schritt, wenn man langsam anfängt, nicht mehr vor allem die kulturellen Unterschiede zu sehen, sondern das persönliche Profil des jeweiligen Menschen.</p>
<p>2016 haben wir insgesamt viel an elementarer Integrationsarbeit geleistet. Es ging dabei oft um einfache Dinge wie z.B. das Bedienen von Bankautomaten, Telefonverträge oder die Funktionsweise des Gesundheitssystems. Besonders nervig waren die Briefe von der Rundfunk-Gebühren-Einzugszentrale, auch wenn sie sich inzwischen &#8222;Beitragsservice&#8220; nennt. Und auch wir haben über den Fragebögen der Sozialbehörden gegrübelt und nicht verstanden, was die da wissen wollten und was das jeweils für Folgen hat. Es war auch einiges an Einsatz nötig, bis unsere Leute akzeptable Wohnungen hatten. Gelegentlich musste ich darauf hinweisen, dass Konflikte in Deutschland bitteschön nur mit Worten auszutragen sind. Aber ich hatte auch die Autorität, so etwas zu sagen und wurde gehört. Auch hier: es gäbe viele Geschichten zu erzählen, aber dies soll ja ein Überblick bleiben.</p>
<p>Aus der Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden entstand das &#8222;Ökumenische Integrationsnetz Ilsede&#8220;. Der Kirchenkreis bewilligte uns dafür eine halbe Stelle für einen Mitarbeiterin, die die Betreuung der Freiwilligen übernahm, sich um spezielle Einzelfälle kümmerte und auch viele Kontakte zur Kommune und zum Landkreis hielt. Auch ich bin in diesem Jahr gefühlt jede Woche im Rathaus gewesen. Wir haben dabei gemerkt, dass die Arbeit in unseren Dörfer und Ortsteilen anders laufen muss, dezentraler, als in der Stadt, wo es größere Heime und Zentren gibt. </p>
<p>Immer wieder kam natürlich die Frage: wie lange dauert es, bis wir anerkannt sind und uns selbst eine Wohnung suchen können? Einige warteten darauf, ihre Familien nachholen zu können. Ich hatte aus meinen bisherigen Erfahrungen heraus mit einer Frist von etwa einem Jahr bis zur entscheidenden Anhörung beim Bundesamt getippt. Am Ende dauerte es bei den meisten fast doppelt so lange.</p>
<p>Unsere Gemeinde ging unproblematisch mit den neuen internationalen Mitgliedern um. Vielleicht lag das auch daran, dass wir ja schon in den Jahren 2002-2008 Erfahrungen mit einem Kirchenasyl gemacht hatten. Eine Zeit lang wurde der Predigttext im Gottesdienst immer auch auf Persisch vorgelesen. Mehr wäre über unsere Möglichkeiten gegangen. Und allmählich wurden die Deutschkenntnisse auch besser.</p>
<p>2017 war dann das Jahr, in dem es endlich zu den Anhörungen kam.</p>
<p><p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe: | <a title=“Wir schaffen das“ href=“https://www.walterfaerber.de/erlebtes/ilsede-wird-standort-einer-erstaufnahmeeinrichtung-fuer-fluechtlinge/“>Wie alles anfing</a> | <a title=“In der Gebläsehalle“ href=“https://www.walterfaerber.de/erlebtes/rueckblick-auf-zweieinhalb-jahre-1-in-der-geblaesehalle/“>Teil 1</a> | <a title=“Internationale Gemeinde auf dem Land“ href=“https://www.walterfaerber.de/erlebtes/rueckblick-auf-2-1-2-jahre-mit-gefluechteten-2internationale-gemeinde-auf-dem-land/“>Teil 2</a> |</p><!-- /wp:post-content --></p>
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			</item>
		<item>
		<title>In der Gebläsehalle</title>
		<link>https://www.walterfaerber.de/erlebtes/rueckblick-auf-zweieinhalb-jahre-1-in-der-geblaesehalle/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Apr 2018 05:29:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Erlebtes]]></category>
		<category><![CDATA[Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
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					<description><![CDATA[Rückblick auf 2 1/2 Jahre mit Geflüchteten (1)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ferlebtes%2Frueckblick-auf-zweieinhalb-jahre-1-in-der-geblaesehalle%2F&amp;action_name=In%20der%20Gebl%C3%A4sehalle&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe: | <a title=“Wir schaffen das“ href=“https://www.walterfaerber.de/erlebtes/ilsede-wird-standort-einer-erstaufnahmeeinrichtung-fuer-fluechtlinge/“>Wie alles anfing</a> | <a title=“In der Gebläsehalle“ href=“https://www.walterfaerber.de/erlebtes/rueckblick-auf-zweieinhalb-jahre-1-in-der-geblaesehalle/“>Teil 1</a> | <a title=“Internationale Gemeinde auf dem Land“ href=“https://www.walterfaerber.de/erlebtes/rueckblick-auf-2-1-2-jahre-mit-gefluechteten-2internationale-gemeinde-auf-dem-land/“>Teil 2</a> |</p>
<p><strong>Als ich vor zweieinhalb Jahren hier schrieb, <a href="https://walterfaerber.de/2015/10/17/ilsede-wird-standort-einer-erstaufnahmeeinrichtung-fuer-fluechtlinge/">dass Ilsede Standort einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge werden würde</a>, ahnte ich schon, dass da einiges an Arbeit auf mich zukommen würde. Aber ich ahnte nicht, wie intensiv das mich und die Gemeinde beschäftigen würde, und vor allem: dass es zweieinhalb Jahre dauern würde, bis ich wieder (abgesehen von der Veröffentlichung einiger Predigten) den Anlauf zum Bloggen schaffe.</strong></p>
<p><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2018/04/dsc_0005-scaled-1-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" class="alignright size-medium wp-image-4193" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2018/04/dsc_0005-scaled-1-300x199.jpg 300w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2018/04/dsc_0005-scaled-1-1024x681.jpg 1024w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2018/04/dsc_0005-scaled-1-768x511.jpg 768w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2018/04/dsc_0005-scaled-1-1536x1021.jpg 1536w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2018/04/dsc_0005-scaled-1-2048x1362.jpg 2048w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2018/04/dsc_0005-scaled-1-1200x798.jpg 1200w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2018/04/dsc_0005-scaled-1-1980x1316.jpg 1980w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Vorsatz, regelmäßig aus der Gebläsehalle (dem Standort der Einrichtung, siehe Bild oben) zu berichten, erwies sich als undurchführbar. Der wichtigste Grund dafür war natürlich, dass viel zu wenig Zeit dafür blieb. Es ging dabei aber auch immer um Menschen: Flüchtlinge natürlich, aber auch deutsche Mitarbeiter der vielen Hilfsorganisationen. Begegnungen wären beschädigt worden, wenn ich dabei im Kopf immer schon etwas für den Blog formuliert hätte.</p>
<p>Deswegen kommt nun ein eher summarischer Rückblick in mehreren Teilen.</p>
<h5>Die Pionierphase</h5>
<p>Am Anfang stand die Pionierphase: es wurde improvisiert, und bis dahin wirdfremde Menschen arbeiteten unproblematisch zusammen. Die Hilfsorganisationen brachten ihr Know-How mit der Unterbringung und Versorgung großer Menschengruppen ein, aber alle Abläufe, die sich speziell auf Flüchtlinge bezogen, mussten erst neu organisiert werden. Auch die Mitarbeiter des Landkreises (der die Trägerschaft des Ganzen hatte) wussten nicht immer genau, wie es weiterging, denn sie waren wiederum vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abhängig, in dessen Auftrag der Landkreis die Einrichtung betrieb.</p>
<p>In dieser Zeit gab es jeden Tag unvorhergesehene Situationen. Ich hatte meiner Frau z.B. eines Morgens zu berichten, dass wir über Nacht acht syrische Gäste gehabt hatten, die jetzt Frühstück brauchten. Aber wir haben in dieser Zeit viele Dinge unkonventionell gemanagt, die sonst viel mühsamer gewesen wären. Auch mit den Mitarbeitern der verschiedenen Behörden und der Security gab es in der Regel eine gute, konstruktive Zusammenarbeit. Es gab unglaublich viel guten Willen und Vertrauen. Viele einzelne großartige (und auch weniger großartige)  Geschichten aus dieser Zeit gibt es, aber man kann sie eigentlich nur persönlich weitererzählen. Ich war wirklich stolz auf unseren Landkreis, der das organisatorisch gut hinbekam, und in dem es so viele engagierte Freiwillige gab.</p>
<p>Auf der anderen Seite war es für alle Beteiligten enorm beanspruchend. Ich selbst war so gut wie jeden Tag in der Einrichtung. Auf Bitten des Landkreises haben wir uns um die Kinderbetreuung gekümmert. Wir, das waren im Kern außer mir die Kollegin aus der Nachbargemeinde und später eine Mitarbeiterin, die wir aus landeskirchlichen Mitteln anstellen konnten; dazu eine recht große Gruppe von immer wieder wechselnden Freiwilligen. Auch da gab es ein tolles Engagement. Wir hatten den Vorteil, dass wir mit unserer kirchlichen Mitarbeiterkultur viele Einzelheiten der Zusammenarbeit nicht erst erfinden mussten. Trotzdem gab es immer wieder neue Situationen, in denen wir flexibel reagieren mussten. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir mit unserer Spielzone umgezogen sind. Aber es war toll zu erleben, dass wir auch ohne große Diskussionen oder Absprachen in die gleiche Richtung arbeiteten und uns 100%ig aufeinander verlassen konnten.</p>
<p>Ich selbst erlebte mich ein wenig als Seelsorger in der Einrichtung. Ich sprach mit Flüchtlingen (oft mehr mit Gesten als mit Worten), mit der Leitung, mit anderen Freiwilligen aus unterschiedlichsten Hintergründen, mit den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen und der Security. Für viele war das eine sehr intensive Zeit, beanspruchend, aber auch eindrucksvoll. Manche  waren froh, dass sie hier wieder einen guten Job gefunden hatten. Die Flüchtlingsbetreuung hat ja auch viele Arbeitsplätze geschaffen, und es wundert mich gar nicht, dass Deutschland sich seit dem Herbst 2015 einer langanhaltenden guten Konjunktur erfreut.</p>
<h5>Sechs intensive Monate</h5>
<p>Nach einigen Wochen war ich tief erschöpft und bin erst einmal ein paar Tage krank geworden. Danach kam Weihnachten, wo ich dann vor allem in meinem Hauptjob gebunden war.</p>
<p>Als ich danach wieder im &#8222;Camp&#8220; (so nannten es die Flüchtlinge, und wir nahmen ihren Sprachgebrauch auf) war, spürte ich, dass es inzwischen eine klimatische Veränderung gegeben hatte. Es war jetzt alles viel geregelter, aber auch weniger flexibel. Personen hatten gewechselt. Es gab eine Menge Vorschriften. Die Pionierphase war vorbei. Natürlich muss sich irgendwann eine gewisse Regelmäßigkeit und Berechenbarkeit einstellen. Aber es war schon schade, dass nun langsam wieder der Alltag einkehrte, mit bürokratischen Prozeduren und Menschen, die wieder stärker auf die Zuständigkeiten schauten.</p>
<p>Zu Beginn des Jahres 2016 begann der Zustrom an Flüchtlingen zurückzugehen. Die prinzipiell vorhandenen 600 Plätze sind sowieso nie ausgeschöpft worden, aber nun funktionierte die Verteilung der Flüchtlinge auf die Kommunen besser. Es mussten nicht mehr so viele Menschen kurzfristig aufgenommen und beherbergt werden. Im März war die Einrichtung so gut wie leer. Im April 2016 wurde sie geschlossen.</p>
<p>Inzwischen dient die Gebläsehalle wieder als <a href="http://www.geblaesehalle.com" rel="noopener noreferrer" target="_blank">Veranstaltungsort für Konzerte, Ausstellungen, Partys und andere Events mit bis zu 2000 Personen</a>.</p>
<p>Für uns in der Flüchtlingsarbeit Engagierte begann ein neuer Abschnitt.<br />
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		<title>Wir schaffen das</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Oct 2015 17:59:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Erlebtes]]></category>
		<category><![CDATA[Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
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					<description><![CDATA[Ilsede wird Standort einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ferlebtes%2Filsede-wird-standort-einer-erstaufnahmeeinrichtung-fuer-fluechtlinge%2F&amp;action_name=Wir%20schaffen%20das&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe: | <a title=“Wir schaffen das“ href=“https://www.walterfaerber.de/erlebtes/ilsede-wird-standort-einer-erstaufnahmeeinrichtung-fuer-fluechtlinge/“>Wie alles anfing</a> | <a title=“In der Gebläsehalle“ href=“https://www.walterfaerber.de/erlebtes/rueckblick-auf-zweieinhalb-jahre-1-in-der-geblaesehalle/“>Teil 1</a> | <a title=“Internationale Gemeinde auf dem Land“ href=“https://www.walterfaerber.de/erlebtes/rueckblick-auf-2-1-2-jahre-mit-gefluechteten-2internationale-gemeinde-auf-dem-land/“>Teil 2</a> |</p>
<p>Seit gestern ist Groß Ilsede Standort einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge, die vom Landkreis Peine in Amtshilfe für das Land Niedersachsen organisiert wird. Bis zu 300 Flüchtlinge sollen in der ehemaligen Gebläsehalle auf dem Hüttengelände unterkommen (zur Klarheit: die Menschen werden erst anschließend Kommunen zugewiesen; sie sind z.Zt. noch in der Aufnahmeprozedur).</p>
<p>Als Ortsgemeinde fühlen wir uns natürlich in der Mitverantwortung für die Menschen dort. Gemeinsam mit Pfarrer Mogge von der katholischen St. Bernward-Gemeinde und Pastorin Schmager aus Oberg war ich vorgestern und gestern auf dem Gelände, um zu schauen, was da auf unseren Ort zukommt. Heute morgen haben wir in Absprache mit dem Landkreis begonnen, eine Kinderzone im Foyer der Gebläsehalle einzurichten.</p>
<p>Der erste Eindruck: es ist beeindruckend, dass die Hilfsorganisationen quasi über Nacht ein Projekt für 300 Leute auf die Beine stellen können. Ich zähle jetzt mal keine Beteiligten auf, damit ich niemand übergehe. Es war bestimmt eine zweistellige Zahl von Diensten und Organisationen, die beteiligt waren. Toll, dass wir auf solche unerwarteten Situationen vorbereitet sind: Es gibt Material dafür, es gibt Freiwillige, es gibt Organisationsstrukturen. Das ist schon beruhigend, wenn man denkt, dass man ja auch selbst mal auf so was angewiesen sein könnte (Naturkatastrophen, Bombenräumung &#8230;).</p>
<p>Der zweite Eindruck: es war eine gute Entscheidung des Landkreises, die Gebläsehalle auszuwählen. Massenquartiere sind nichts Schönes, aber die Gebläsehalle ist aus vielen Gründen gut geeignet. Sie liegt zentral, sanitäre Einrichtungen sind da, und es ist ringsum viel Platz vorhanden, um auch mal draußen zu sein (wenn das Wetter wieder besser ist als heute). Und es ist leichter zu verschmerzen, wenn Konzerte und Veranstaltungen ausfallen, als wenn Turnhallen nicht mehr benutzt werden können.</p>
<p>Am Abend kamen die Flüchtlinge per Bus. Anscheinend stammen sie vor allem aus Syrien, Irak und anderen Ländern der Region. Viele Familien, eine ganze Menge Kinder dabei. Die meisten ziemlich erschöpft. Mir fallen jetzt dauernd Geschichten ein, die ich oft bei Beerdigungsgesprächen gehört habe: wie nach dem Krieg hier Züge mit Flüchtlingen aus dem Osten ankamen, die nur hatten, was sie auf dem Leibe trugen, und die dann auf die Gemeinden aufgeteilt wurden. Sicher war es damals noch viel dramatischer, weil die Versorgung für alle nicht gesichert war. Aber ich glaube, ich kann mich jetzt besser in diese Geschichten hineindenken, die für mich ja bisher eine ferne Vergangenheit waren.</p>
<p>Heute morgen haben wir dann begonnen, eine Kinderzone mit Spielzeug einzurichten. Es war ganz toll, wie lauter Leute spontan vorbeikamen und Sachen dafür brachten. Und dann war es schön. wie die Kinder das Angebot annahmen. Ich ahne nur, was die alles hinter sich haben, aber jetzt waren sie unbeschwert und mit Begeisterung dabei. Und als dann noch Bälle kamen, wurde im Foyer munter gekickt; auch die Leute von der Security waren dabei. Wie Kinder sich an der Gegenwart freuen können! Natürlich kann ich hier keine Fotos posten, aber es war einfach schön zu sehen, wie manchmal von einem Moment zum anderen das Licht in einem Kindergesicht anging. An alle, die dazu beigetragen haben: es bewirkt wirklich etwas. Vielen Dank!</p>
<p>Die Erwachsenen sind deutlich stiller. Einer wollte von mir wissen, wie lange sie hier bleiben müssen. Ich musste ihm sagen, dass das wahrscheinlich im Moment niemand genau weiß. Im Augenblick geht es erstmal um die aktuelle Versorgung. Aber die Unsicherheit über die Zukunft ist bei den Erwachsenen wohl das Belastendste.</p>
<p>Ende nächster Woche soll die Halle voll belegt sein. Das wird natürlich deutlich schwieriger werden. Wir hoffen aber, dass wir auch dann für die Kinder eine Zone freihalten können, wo sie einfach Kinder sein können. Wir möchten dafür regelmäßig Ansprechpartner vor Ort haben. Wer also dabei mithelfen möchte, möge sich bei mir melden &#8211; per Mail, Telefon, Facebook, wie auch immer. Im Moment kann ich noch nichts Genaues dazu sagen, aber in den nächsten Tagen wird es sich klarer herauskristallisieren. Auch Kinderspielzeug brauchen wir weiterhin, aber es ist z.Zt. nicht ganz dringend. Wenn dann nächste Woche die Halle voll belegt ist, werden wir alles brauchen.</p>
<p>Übrigens sucht das Rote Kreuz, das dort eine Kleiderstube eingerichtet hat, vor allem noch Kleidung in kleineren Männergrößen. Sachen konnten heute direkt am Eingang der Halle bei der Security abgegeben werden; die bringen es dann dem Roten Kreuz. Bitte habt aber Verständnis dafür, dass man in der Regel nicht reingelassen wird.</p>
<p>Dank an alle, die so toll mitgemacht haben! Und ich werde hoffentlich die Zeit finden, euch hier auf dem Laufenden zu halten.</p>
<p class="bibel">Diese Hoffnung hat getrogen. <a href="https://walterfaerber.de/2018/04/04/rueckblick-auf-zweieinhalb-jahre-1-in-der-geblaesehalle/">Erst 2,5 Jahre später bin ich wieder zum Bloggen gekommen.</a><br />
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		<title>Prag &#8211; Peking &#8211; Berlin &#8211; Kairo &#8211; Florida &#8211; Emergent: Fragen zu Ägypten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Feb 2011 06:14:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>
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					<description><![CDATA[Der arabische Frühling in Ägypten und seine Parallelen zu anderen Volksbewegungen<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fokonomie%2Fprag-peking-berlin-kairo-florida-emergent-fragen-zu-agypten%2F&amp;action_name=Prag%20%26%238211%3B%20Peking%20%26%238211%3B%20Berlin%20%26%238211%3B%20Kairo%20%26%238211%3B%20Florida%20%26%238211%3B%20Emergent%3A%20Fragen%20zu%20%C3%84gypten&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="color: #000000;line-height: 135%">Es ist noch nicht lange her, da habe ich auf den 11. September 2001 oder die Finanzkrise verwiesen, um zu belegen, dass sich unsere Welt sprunghaft und unvorhersehbar verändert. Für kirchlich Interessierte kamen dann 2010 der Käßmann-Rücktritt und die plötzliche tiefe Krise der katholischen Kirche hinzu. Jetzt gibt es ein neues, spektakuläres Beispiel: Ägypten bzw. die ganze, in Bewegung geratene arabische Welt. Wie üblich: (fast) keiner hat es kommen sehen, keiner ist vorbereitet, keiner weiß, wo es hingehen wird. Aber alle wollen auf einmal mitmischen. Tariq Ramadan, Islamwissenschaftler in Oxford und Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft, findet in der <a title="FR vom 8.2.2011" href="http://www.fr-online.de/kultur/debatte/demokratie-jetzt-/-/1473340/7165222/-/index.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Frankfurter Rundschau</a> sehr deutliche Worte für den Umgang mit der ägyptischen Volksbewegung:</p>
<blockquote>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Hinter der opportunistischen Rede von Demokratie, Freiheit und Menschenrechte werden kaltblütig die zynischsten Kalküle gemacht. Von Washington bis Tel Aviv, von Kairo bis Damaskus, Sanaa, Algier, Tripolis und Riad gibt es nur eine Sorge: Wie kann man diese Bewegung unter Kontrolle bringen, wie kann man aus ihr Profit ziehen? Denn wer will schon in Ägypten und in der arabischen Welt ernsthaft eine wirkliche, transparente und unabhängige Demokratie? Wer – außer den Völkern und der Zivilgesellschaft – hat denn Interesse daran, dass die Massenproteste ihre Ziele erreichen: Freiheit, ein Leben in Würde, wirkliche Demokratisierung?</p>
</blockquote>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Der Eindruck, dass die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz leicht im Interessengewirr der Machteliten unter die Räder kommen könnten, verstärkt sich, wenn man in der FAZ eine <a title="Warum Mubarak am Ende ist" href="http://www.faz.net/s/Rub87AD10DD0AE246EF840F23C9CBCBED2C/Doc~E4EBC87CAFE2C4CBD8059A65ED290C168~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Darstellung der zerklüfteten ägyptischen Machtlandschaft</a> liest (Dank an <a title="Ingo Zwinkaus Brockenstube" href="http://brockenstube.wordpress.com/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Ingo Zwinkau</a> für den <a title="Christian. Husband. Father. Evangelical Pastor." href="http://twitter.com/#!/ingozw" target="_blank" rel="noopener noreferrer">getwitterten</a> Hinweis auf diesen instruktiven Artikel! Unbedingt Lesen!). Die Widersprüche zwischen den ägyptischen Machteliten haben einen Raum geöffnet, in dem sich der Protest entfalten kann. Wenn erst hinter den Kulissen die Reihen wieder geschlossen worden sind, dann könnten die Demonstranten schnell sehr allein dastehen.</p>
<p><img decoding="async" src="http://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2011/02/398px-Floris_Van_Cauwelaert_-_Downtown_Cairo_11.jpg" alt="" width="398" height="599" class="alignleft size-full wp-image-6617" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2011/02/398px-Floris_Van_Cauwelaert_-_Downtown_Cairo_11.jpg 398w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2011/02/398px-Floris_Van_Cauwelaert_-_Downtown_Cairo_11-199x300.jpg 199w" sizes="(max-width: 398px) 100vw, 398px" /></p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Aber was heißt eigentlich allein? Sollten uns nicht jetzt die Augen aufgehen für einen <strong>neueren Typ gesellschaftlicher Umwälzung</strong>, der sich schon seit einigen Jahrzehnten herausbildet und in unterschiedlichen Kulturen/Systemen ganz unterschiedliche Formen annimmt? Bei dem nur eine Seite (die &#8222;pharaonische&#8220; nämlich) Gewalt einsetzt? Und der dann auch ganz unterschiedliche Ausgänge gefunden hat? Stehen die jungen Ägypter nicht in einer Linie mit den Demonstranten vom Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 und den Volksbewegungen in Osteuropa, die zum Fall der Mauer führten? Müsste man nicht sogar die Linien noch weiter zurückverfolgen bis zum Prager Frühling von 1968?</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Jedes Mal eine ähnliche Grundkonstellation: eine unbewegliche Führung aus älteren politbürokratischen Herren, die die Gesellschaft fest unter Kontrolle zu haben scheinen. Über Jahrzehnte scheint sich nichts zu bewegen. Aber auf einmal &#8211; keiner hat es vorausgesehen! &#8211; passiert das Unglaubliche: das Volk geht massenhaft auf die Straße. Für kurze Zeit entsteht ein neuer gesellschaftlicher Konsens, gegen den die Machteliten entweder nicht oder nur mit allerbrutalster Gewalt ankommen. Wozu das am Ende führt &#8211; Okkupation, Blutbad, Wiedervereinigung, nationale Befreiung &#8230; &#8211; hängt vom Geschick der Akteure und den konkreten Konstellationen ab.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Woher kommt aber dieser neue Konsens, der ja gerade nicht künstlich organisiert wird, sondern sich spontan erhebt &#8211; angestoßen durch ein eher zufälliges Ereignis? Das Interessante ist, dass das keine typischen Klassenkonflikte sind, wie wir sie aus dem klassischen Kapitalismus kennen. Es ist weniger der soziale Status als jüngeres Alter und bessere Ausbildung, die den Kern der Protestierenden prägen. Es scheint also der Widerspruch zwischen (nennen wir es erst einmal so:) der Entfaltung der menschlichen Geisteskräfte und ihrer Hemmung durch die geistlose Macht zu sein, der heimlich einen großen Teil der Gesellschaft ergriffen hat. Das ist nicht neu; Geist und Macht standen schon immer in einem Spannungsverhältnis. Neu ist die rasante Entwicklung des gesamtgesellschaftlichen Bildungsniveaus, wie sie die Industriegesellschaft mit sich bringt. Das reichte schon ohne Internet zum Prager Frühling und später zum Mauerfall; internetgestützt kommt jetzt das, was die DDR 1989 erlebte, auch in den entwickelteren Staaten des Südens an.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an <a title="Rudolf Bahro bei Wikipedia" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Bahro" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Rudolf Bahro</a>. Er hat schon vor 1977 eine Analyse des DDR-Sozialismus verfasst, die den Widerspruch der kreativen, aber auch der technischen Intelligenz zur Gängelung durch die herrschaftssichernde Bürokratie in den Mittelpunkt stellt. Er hat das Dilemma beschrieben, in das jede autoritäre Staatsführung gerät, die aus wirtschaftlichen Gründen für eine gute Ausbildung der künftigen Funktionäre (und heute auch für Internetanschluss) sorgen muss. Unweigerlich wird dabei schwer kontrollierbare &#8222;überschüssige Qualifikation&#8220; erzeugt, die lange Zeit atomisiert bleibt und sich nur in Meckern, innerer Kündigung und ähnlichem zeigt. Aber &#8211; inzwischen haben wir es immer wieder erlebt &#8211; diese überschüssige Qualifikation kann wie aus heiterem Himmel massenhaft Gestalt annehmen und die Straßen füllen.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Ziehen wir die Linie nun weiter. Was sich hier in ganz unterschiedlichen Gestalten regt &#8211; können wir nicht seine Züge sogar wiederfinden in dem, was <a title="Richard Florida bei Wikipedia" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Florida" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Richard Florida</a> als &#8222;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Florida" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Aufstieg der kreativen Klasse</a>&#8220; bezeichnet? Kreativität wird zunehmend zum zentralen Produktionsfaktor, auf den kein Unternehmen mehr verzichten kann. Der Umfang der Kreativarbeit wächst rasant, die Entwicklung des menschlichen Geistes beschleunigt sich, und das hat unmittelbare Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Reichtum.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Aber auch hier zeigen sich die Widersprüche zwischen den Kreativen und ihren Produktionsverhältnissen. Florida schreibt über die hochentwickelten Industriestaaten, Staaten ohne Pharaonen und Politbürokraten. Aber einen vergleichbaren Feind gibt es bei bei ihm und ähnlichen Autoren auch: die Wirtschaftsbürokratie mit ihren Meetings und Statusritualen, die Gift für die Krativität sind (kirchliche Funktionsträger &#8211; obwohl in der Regel leidensfähiger &#8211; könnten ähnliches berichten). Der Ausweg ist dann nicht der friedliche Protest im Zentrum der Hauptstadt, sondern die Gründung der eigenen Firma, die 4-hour-workweek und ähnliches. Die Konstellationen unterscheiden sich also erheblich. Aber <strong>die Kraft dahinter</strong> ist hier wie dort der Überschuss &#8222;menschlichen, auf kein abstraktes Funktionieren für begrenzte Zwecke reduziblen Bewusstseins&#8220; (Bahro), das in Zeiten des Internets immer stärker zum kollektiven Bewusstsein wird.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Wir sind alle Ägypter. Das ist keine moralische Aussage, kein Appell, sondern eine Diagnose.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Und sollte &#8211; Fragen ist ja erlaubt &#8211; dieses sich immer mehr ausweitende &#8222;menschliche Bewusstsein&#8220; nicht vielleicht auch der materielle Kern dessen sein, was wir in verschiedenen Versionen als Postmoderne diskutieren? Eine enorme Ausweitung des menschlichen Geistes, die Raum schafft für viele unterschiedliche Weltanschauungen, Religionen, Fernsehprogramme, Ernährungsstile usw.? Und wäre &#8222;Kirche für das 21. Jahrhundert&#8220; dann also eine Kirche, die sich mit diesem enormen Entwicklungsschub des menschlichen Geistes verbündet, anstatt ihn ängstlich zu kanalisieren? Eine Kirche, die nicht verwirrt die Augen verschließt vor diesem menschlichen Kompetenzzuwachs, sondern ihn in einem Umfeld der Freiheit willkommen heißt? Eine Kirche, die sich daran erinnert, dass schon in den Gemeinden des römischen Reiches die missachtete Kreativität der Sklaven, Frauen, Barbaren und auch der Funktionäre (ja, ja!) einen Freiraum fand? Eine emergente Kirche, die entdeckt, dass die Gemeinde Jesu sich selbst organisieren kann, weil der Heilige Geist schon immer den menschlichen Geist gebildet und befreit hat?</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Und was bedeutet es, dass nun ausgerechnet in Ägypten, dem biblischen Beth Abdim, dem Sklavenhaus, die Freiheit aufbricht? Sollte das vielleicht ein Zeichen der Endzeit sein, das die einschlägigen Publikationen bisher übersehen haben? Fragen über Fragen. Die Beispiele für unvorhersehbaren, rasanten Wandel werden uns nicht ausgehen.</p>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Die Moderne in Deutschland</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 31 Jul 2009 06:25:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Amerika]]></category>
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		<category><![CDATA[Moderne]]></category>
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					<description><![CDATA[Von Obama lernen (4)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpolitik%2Fvon-obama-lernen-4-die-moderne-in-deutschland%2F&amp;action_name=Die%20Moderne%20in%20Deutschland&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="color: #000000;line-height: 135%">Angeregt von der Beschäftigung mit Barack Obama <a title="Von Obama lernen (3): Traditionelle Kulturen und die Moderne" href="http://www.walterfaerber.de/2009/07/von-obama-lernen-3-traditionelle-kulturen-und-die-moderne/">bin ich auf die Frage gestoßen</a>, welche Spuren die Begegnung zwischen Moderne und traditioneller Kultur eigentlich bei uns hinterlassen hat. Der Unterschied ist natürlich, dass die Moderne (ich benutze mit Absicht einen etwas unscharfen Begriff) in Europa erfunden worden ist und dass die Menschen hier jahrhundertelang Zeit hatten, sich modernem Denken anzunähern.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Dennoch war auch bei uns die Durchsetzung der Moderne ein ziemlich heftiger Eingriff in die Lebenswelt der Menschen. Dafür zwei Beispiele:</p>
<ul style="color: #000000;line-height: 135%">
<li>Die Einführung und Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht ging auch mit brutaler Gewalt gegen die Schulkinder einher. Noch heute erzählen ältere Menschen davon, wie sie in der Schule massiv geschlagen worden sind (der Konfirmandenunterricht unterschied sich davon nicht grundsätzlich). Nicht, dass Kinder vorher ohne Schule gewaltfrei aufgewachsen wären. Und natürlich ist Alphabetisierung ein wichtiger Schritt zur Überwindung von Armut und Krankheit und in Richtung auf gesellschaftliche Teilhabe breiter Schichten. Trotzdem erinnern die Prügel in der Schule ein wenig an die Rolle der Peitsche bei der Unterwerfung der außereuropäischen Kolonien. Die Menschen wurden nicht nur gebildet, sondern ihnen wurde auch der Eigensinn aus dem Leib geprügelt. Sie wurden früh jedenfalls ein Stück weit traumatisiert (oder lebten in Furcht davor), und andere Großorgansationen wie das Militär und später die Fabriken konnten da weitermachen. Wer darüber mit älteren Menschen spricht, spürt bis heute einen Widerhall davon in Sätzen wie &#8222;Eine Tracht Prügel hat noch keinem geschadet&#8220;.<br />
Überhaupt ist ein zentraler Effekt der Moderne die Eingliederung von Menschen in rational entworfene Großorganisationen. Wer sich quer dazu stellte, wurde in Gefängnissen und Irrenhäusern entsorgt. Die Biotope, in denen man sich dem Zugriff der Zentralmacht noch entziehen konnte, wurden nach und nach ziemlich wirksam ausgetrocknet.</li>
<li>Diese Eingliederung in größere Einheiten führte zu einer massiven Schwächung der älteren Sozialformen: Familie und Dorfgemeinschaft. Auch hier geht es mir nicht um den Mythos einer vormodernen heilen Welt. Diese alten Sozialformen waren oft eng und unterdrückerisch. Der Konformitätsdruck war hoch. Keiner von uns heute würde so leben wollen. In den Märchen und Geschichten unserer Gegend z.B. sucht man vergebens die tapferen Schneiderleins und pfiffigen jüngeren Königssöhne aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Stattdessen stößt man haufenweise auf Geschichten davon, was mit vorwitzigen Kindern geschieht, die sich nicht an die Regeln hatten: die holt die Kornmuhme oder ein anderer Unhold. Punkt. Aus. So läuft es eben.<br />
Bis in die 1960er Jahre ist auf dem Lande das enge Lebensumfeld der Menschen eher vormodern geprägt gewesen. Der Individualismus ist hier noch nicht sehr alt. Die immense frühere Bedeutung der Großfamilie ist bis heute spürbar. Das ändert sich erst, wenn die Großmütter nicht mehr da sind, deren Bestreben es war, die Schar der Kinder, Enkel und Urenkel wenigstens ideell zusammenzuhalten. Erst das Fernsehen, die bessere Schulbildung und die berufliche Mobilität haben diese Lebenswelt endgültig aufgebrochen. Dadurch fehlt manchem aber auch die Orientierung, die früher die Großfamilie gegeben hat. Vielleicht sind auch bei uns manche chaotischen Lebens- und Beziehungsverläufe aus dieser Zerrissenheit zwischen zwei (und mehr) Kulturen zu erklären.</li>
</ul>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Auch bei uns ist das Doppelgesicht der Moderne zu spüren: einerseits eine enorme Verbesserung der Lebensbedingungen, eine Stärkung der Kompetenz und Mündigkeit der Menschen. Aber gleichzeitig entkleidet sie die Menschen &#8211; sie nimmt ihnen die (soziale und kulturelle) Umgebung, in der sie sich bisher einigermaßen geborgen haben und nimmt sie für übermächtige Institutionen in Anspruch. Und wenn diese Institutionen Verbrechen begehen, dann in großem Maßstab. Beides gehört zur Moderne: die Befreiung aus Unmündigkeit und Enge; und die viel intensivere Ausnutzung der Menschen, ihre Verfügbarmachung für rational funktionierende Großorganisationen.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Auf dieses Doppelgesicht reagiert mancher mit der Sehnsucht nach einem Zurück in die Zeit vor die Moderne. Aber das ist weder möglich noch erstrebenswert. Auch Traditionalisten nutzen Handys und Internet, gehen zum Arzt, kaufen bei Aldi. Keiner kann zurück in die Zeit vor der Aufklärung. Und wer würde sich ernsthaft wünschen, wieder im geografischen und geistigen Horizont eines Dorfes und seiner Machtstrukturen zu leben?</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Es bleibt nur der Weg nach vorn: die Doppelheit im Impuls der Moderne zu entwirren. Obama hat das unter dem Stichwort des &#8222;amerikanischen Traums&#8220; versucht. Sicher ein bisschen zu optimistisch &#8211; es ging ja schließlich auch um Wählerstimmen. Die öffentliche Inszenierung solcher Inhalte unterliegt trotz aller brillanten Rhetorik den Regeln der Massenkommunikation und ist natürlich plakativer als ein dickes Buch.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Aber Obama hat offensichtlich einen Weg gefunden, um den Konflikt zu überwinden, der in seinen doppelten Wurzeln (Kansas und Kenia) angelegt war. Deswegen kann er dann auch rückblickend mit einer fairen Balance zwischen Zuneigung, Skepsis, Kritik und Solidarität die Geschichte seiner Familie(n) entdecken und beschreiben. Weil er einen Weg nach vorn gefunden hat, deshalb kann er der Vergangenheit gerecht werden und sie so ein Stück weit befrieden.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Dieser Weg nach vorn ist ihm anscheinend bei der Stadtteilarbeit in Chicago endgültig deutlich geworden: die modernen Traditionen der Freiheit nicht obrigkeitlich den Menschen aufzudrücken, sondern sie mit ihnen zu leben. Eine Moderne, die nicht als Diktat kommt, nicht als Entwicklungsdiktatur (brutal oder gemäßigt), sondern als ein gemeinsamer Weg ins Offene. Eine Moderne, die zurückgeht und noch einmal von vorn beginnt, aber diesmal mit den Menschen und nicht gegen sie. Auf dieser Basis könnten die Wunden der Modernisierung vielleicht eines Tages geheilt werden.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Und was könnte das für uns bedeuten?</p>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Traditionelle Kulturen und die Moderne</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jul 2009 06:22:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Amerika]]></category>
		<category><![CDATA[Spuren des Evangeliums]]></category>
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					<description><![CDATA[Von Obama lernen (3)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpolitik%2Fvon-obama-lernen-3-traditionelle-kulturen-und-die-moderne%2F&amp;action_name=Traditionelle%20Kulturen%20und%20die%20Moderne&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="color: #000000;line-height: 135%">Nachdem ich mich mit Barack Obamas Biografie <a title="Von Obama lernen (2)" href="http://www.walterfaerber.de/2009/07/von-obama-lernen-2/">beschäftigt habe</a>, möchte ich sie nun als Teil eines größeren, weltweiten Themas verstehen: der Begegnung der älteren, traditionellen Kulturen mit der weißen Moderne.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Obamas kenianischer Großvater und Vater waren keine typischen Mitglieder ihrer Dorfgemeinschaft. Sie waren irgendwie anders, unruhig, unzufrieden. Sie sahen in der Begegnung mit den Weißen eine Chance, aus ihrer bisherigen Welt auszubrechen und neue Perspektiven zu gewinnen. Obamas Großvater arbeitete bei Europäern, seinem Vater gelang es, ein Stipendium zum Studium in Amerika zu bekommen.  Beide waren hin- und hergerissen zwischen ihrer Herkunft und der westlichen, weißen Kultur.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Beiden ist diese Zerreißprobe persönlich nicht gut bekommen. Obamas Vater macht den Eindruck eines Getriebenen, der die unterschiedlichen Teile seiner Biografie nicht mehr integrieren kann: seine verschiedenen Frauen unterschiedlicher Hautfarbe und die zugehörigen Kinder, seine Heimat in einem afrikanischen Dorf und seine Karriere im Staatsdienst, Wohlstand und Armut, nachdem er mit dem korrupten System in Konflikt kam. Trotz erstaunlicher persönlicher Fähigkeiten hat er manche Perioden seines Lebens, besonders am Ende, nur mit viel Alkohol ertragen können. Er lebte in einer Situation, die die Schwächen eines Menschen gnadenlos aufdeckt, und in der er eigentlich nur scheitern konnte. Dass er trotzdem immer wieder erstaunliches Format zeigt, ist Grund genug für Wertschätzuung und Anerkennung.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">In Barack Obamas Buch entsteht so ein vielschichtiges Bild seiner Vorfahren, wo nichts beschönigt, aber auch nichts verurteilt wird. Stattdessen erkennt Obama, dass es seine Aufgabe ist, den Weg seiner Vorfahren zu einem besseren Ende zu bringen (deshalb der englische Titel: &#8222;Dreams from my father&#8220;). Er nimmt die Geschichte seiner Familie als sein Erbe an.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Die Zerreißprobe, in die Obamas Vorfahren schon früh gerieten, ist die Begegnung der traditionellen afrikanischen Kultur mit der modernen westlichen Zivilisation. Sie kamen aus einer Welt, in der jeder seinen Platz hat, wo man nie allein und erst recht nicht einsam ist. Familien, Dörfer und Stämme halten zusammen, und alles ist in eine uralte Ordnung eingebettet, an die man sich halten muss. Aber diese Kultur hat auch ihre Schattenseiten. Obamas Vorfahren haben sie offensichtlich schon früh als einengend erlebt und versucht, ihren eigenen Weg zu gehen.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">So stießen sie auf die Welt der Weißen, die für sie viele Versprechen beinhaltete: Ausbruch aus der Enge, keine Armut, neue Möglichkeiten. Aber in der Welt der Weißen ist man auch oft allein. Es gibt keinen sicheren Status, für Schwarze sowieso nicht. Und wenn afrikanische Staaten die europäischen Organisationsformen einführen (und trotzdem weiter die alten Stammesloyalitäten gelten), entsteht ein Mischmasch, der nicht gut funktioniert.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Wer in diese Widersprüche gerät, wird brutal mit der Frage konfrontiert, wer er eigentlich ist und wo er hingehört. Und es übersteigt in der Regel die Kräfte eines Menschen (und sei er noch so stark und zäh), eine neue Identität zu konstruieren, für die es kein Vorbild gibt. Obamas Vater hatte eine beeindruckende Gabe, mit persönlicher Kraft viele Widersprüche zu überwinden oder wenigstens zur Seite zu schieben. Aber auch er hat viele Abgründe mit Illusionen überdeckt, die eines Tages nicht mehr tragfähig waren.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Diese Zerreißprobe ist natürlich nicht nur ein afrikanisches Thema. Sie ist nur dort unübersehbar, weil sie einen ganzen Kontinent betrifft (und durch die schwarzen Amerikaner einen zweiten). Aber im Grunde sind durch die Begegnung mit der weißen Kultur alle traditionellen Völker immer in ähnliche Krisen geraten: die Ureinwohner Amerikas und Australiens, die Inuit, aber auch die islamischen Länder, Indien, China, Japan. Je nach Eigenart dieser Kulturen und dem Verlauf der Begegnung hat das sehr unterschiedliche Ergebnisse gehabt. Aber die Widersprüche zwischen den traditionellen, eher kollektiv angelegten Kulturen und der individualistischen westlichen Zivilisation sind weltweit zu spüren. Vielleicht ist das sogar der zentrale Konflikt unserer Epoche. Uns fällt er nur nicht so auf, weil wir im Zentrum der westlichen Kultur leben.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Trotzdem frage ich mich, ob es nicht auch bei uns Spuren dieses Konflikts gibt. Aber dazu komme ich nun doch erst im <a title="Von Obama lernen (4): Die Moderne in Deutschland" href="http://www.walterfaerber.de/2009/07/von-obama-lernen-4-die-moderne-in-deutschland/">nächsten Post</a>.</p>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Ein amerikanischer Traum?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Jul 2009 05:33:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Amerika]]></category>
		<category><![CDATA[Spuren des Evangeliums]]></category>
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					<description><![CDATA[Von Obama lernen (2)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpolitik%2Fvon-obama-lernen-2%2F&amp;action_name=Ein%20amerikanischer%20Traum%3F&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="color: #000000;line-height: 135%">Barack Obama ist schwarzer Amerikaner mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf: sein kenianischer Vater lebte weit entfernt, er wuchs auf bei seiner weißen Mutter und ihren Eltern in Hawaii, für einige Zeit auch in Indonesien, in einer wenig rassistisch geprägten Umgebung. So ist ihm in seiner Kindheit lange nicht wirklich klar gewesen, dass er schwarz ist.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%"><img decoding="async" src="http://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2012/03/516l4bAg1ZL._SL500_AA240_.jpg" alt="Cover des Buches" width="240" height="240" class="alignleft size-full wp-image-1512" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2012/03/516l4bAg1ZL._SL500_AA240_.jpg 240w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2012/03/516l4bAg1ZL._SL500_AA240_-150x150.jpg 150w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" /></p>
<p><strong>Von der Hautfarbe eingeholt</strong><br />
Trotzdem hat ihn in seiner Jugend seine Hautfarbe eingeholt. Ich habe bisher noch nirgendwo so eindrucksvoll wie in Obamas <a href="http://www.amazon.de/Ein-amerikanischer-Traum-Geschichte-Familie/dp/3423345705/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1246789932&amp;sr=8-1">Buch</a> beschrieben gefunden, was es bedeutet, ein schwarzer Amerikaner zu sein: seiner Hautfarbe nicht entkommen zu können, von ihr her definiert zu werden, auf Ablehnung oder herablassende Freundlichkeit zu stoßen. Eine weiße Freundin zu lieben und zu wissen: in ihrer Familie werde ich immer ein Fremder bleiben. Immer wieder zu spüren: ich bin anders, ausgeschlossen, für mich ist vieles nicht einfach normal, was für Weiße selbstverständlich ist.<br />
Obama beschreibt Wege, mit denen er und andere auf diese Situation als schwarze Amerikaner reagiert haben: z.B. unter sich bleiben, das Problem ignorieren, Selbsthass, eine bewusst schwarze Identität ausbilden, Islam, Drogen, sich irgendwie durchschlagen.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%"><strong>Wendepunkt Chicago</strong><br />
Anscheinend war es für Obama der entscheidende Schritt, dass er 1985 mit Stadtteilarbeit in der Southside von Chicago begann &#8211; einem Stadtviertel, das durch die Schließung der Stahlwerke in Arbeitslosigkeit und Depression abzurutschen begann. Hier bekam er praktischen Kontakt mit den Traditionen der Bürgerrechtsbewegung (die er schon von seiner Mutter her kannte), und hier stieß er auf die Kraft der kleinen Leute, die sich ohne großes Pathos trotz ihrer desolaten Lage die Hoffnung bewahren und daraus Kraft schöpfen, auch wenn sie nicht unempfänglich sind für selbstschädigende Einflüsse. Beides hat ihm wohl geholfen, für sich einen Weg jenseits des schwarz/weiß-Gegensatzes zu finden. Hier lernte er auch in der Trinity-Gemeinde von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jeremiah_Wright" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Rev. Wright</a> ein Christentum kennen, das gerade in seiner Spiritualität relevant war für die schwarzen Gemeindemitglieder.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%"><strong>Auf der Suche nach den Wurzeln</strong><br />
In dieser Situation fasste er zwei Entschlüsse: Jura zu studieren, um die Machtverhältnisse von innen heraus zu verstehen, und vorher die Familie seines inzwischen verstorbenen Vaters in Kenia zu besuchen. Dem Besuch in Kenia ist der dritte Teil des Buches (nach Kindheit/Jugend und Chicago) gewidmet. Obama beschreibt ihn mit allen Licht- und Schattenseiten: Armut und Korruption, die Verantwortungslosigkeit der Männer, den Streit in der Familie. Die Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit der Menschen, das Zugehörigkeitsgefühl, das er dort sofort erlebt, obwohl er vorher mit der Familie noch nie zu tun hatte. Die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, die aber immer wieder verraten werden. Er beschreibt, ohne zu verurteilen oder zu glorifizieren. Am Ende sitzt er am Grab seines Vaters, der im Zerbrechen der alten Gesellschaft und der Begegnung mit der weißen Moderne versucht hat, seinen Weg zu finden und immer wieder an seine Grenzen gestoßen ist &#8211; wie schon der Großvater.<br />
An dieser Stelle ist das Buch fast zu Ende. Es folgt ein Blitzlicht auf Obamas Jurastudium (und seinen Versuch, Gesetze wieder als Ausfluss der Ideale von 1776 zu lesen) und am Ende eine kurze Schilderung seiner Hochzeit mit Michelle, die aus der Southside von Chicago kommt. Die Trauung hält Rev. Wright. In den Gästen sind alle Traditionslinien, denen Obama sich verdankt, repräsentiert, von Afrika über Hawaii bis Chicago. Es ist eine optimistische Szene, voller Hoffnung, und Obama schließt mit den Worten, dass er in diesem Moment der glücklichste Mensch der Welt war.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%"><strong>Integration auf der Basis amerikanischer Ideale</strong><br />
Obama hat seinen Weg gefunden: die Realität, einschließlich der schmerzhaften Vergangenheit, muss wahrgenommen werden, mit ihrem ganzen Licht und ihren Schatten. Aber sie muss zusammengebracht werden mit den besten Traditionen Amerikas. Wo das Christentum so fundamentalistisch verseucht ist wie in den USA, redet ein säkular geprägter Mensch wie Obama lieber vom &#8222;amerikanischen Traum&#8220; als vom Evangelium. Aber in der Argumentationsstruktur des Buches wie in seinen späteren Reden steht der &#8222;amerikanische Traum&#8220; genau an der Stelle, wo &#8211; theologisch gedacht &#8211; der Ort des Evangeliums wäre.<br />
Was Obama 1995 aufgeschrieben hat, passt zu dem, was er seit 2004 in seinen politischen Reden als Programm entfaltet. Es ist die Aufnahme eines enorm breiten Realitätsspektrums, das ihn glaubwürdig erscheinen lässt. Die Integration all dieser Wirklichkeiten im Zeichen des amerikanischen Traumes ist das Thema fast aller seiner Reden &#8211; so durchgehend, dass es im Internet schon eine <a href="http://osmoothie.com/2009/06/05/write-your-own-obama-speech/">Anleitung &#8222;Verfass deine eigene Obama-Rede&#8220;</a> gibt.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%"><strong>Werte realpolitisch</strong><br />
Man kann an Obama sehen, dass es im Hintergrund der Politik auch ganz machtrealistisch um die kreative Bildung von Werten geht. Sie können neue Mehrheiten produzieren. Was als persönlicher Kampf eines Schwarzen aus Hawaii um seine Identität begann (und schon viel früher als Aufbruch seines unangepassten Großvaters), hat 30 Jahre später weltweite Folgen.<br />
Wie sich das im Alltagsgeschäft der Politik bewähren wird, ist die Frage der Zukunft. Kaum einer kommt da ohne Schrammen durch. Wer Versöhnung auf seine Fahnen geschrieben hat, kann Probleme bekommen, wenn sich reale Gegensätze zuspitzen und nicht mit Formeln zu überbrücken sind. Aber man kann klar erkennen, dass Obamas Grundansatz fest in seiner Biografie verankert ist. Es ist kein rhetorischer Trick zum Zweck der Präsidentenwahl (und deswegen ist er auch nicht mal schnell für die deutsche Bundestagswahl kopierbar). Gut, wenn ein amerikanischer Präsident so breit mit der Realität umgehen kann &#8211; auf eine fast kontemplative Weise. Das hatten wir schon lange nicht mehr. Hoffen und beten wir, dass sein <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/United_States_Secret_Service">Secret Service</a> besser auf ihn aufpasst als auf Kennedy.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Im <a title="Von Obama lernen (3): Traditionelle Kulturen und die Moderne" href="http://www.walterfaerber.de/2009/07/von-obama-lernen-3-traditionelle-kulturen-und-die-moderne/">nächsten Post</a> dieser Reihe will ich mir Gedanken über den Zusammenstoß der weißen Moderne mit den älteren indigenen Kulturen machen &#8211; das Problem, das Obamas kenianische Familie seit mindestens drei Generationen bewegt und verstört hat.</p>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Sag&#8217;s wie Obama!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Jul 2009 15:24:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Amerika]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Spuren des Evangeliums]]></category>
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					<description><![CDATA[Von Obama lernen (1)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fbucher%2Fvon-obama-lernen-1%2F&amp;action_name=Sag%26%238217%3Bs%20wie%20Obama%21&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="color: #000000;line-height: 135%">Ich habe in den letzten Wochen zwei Bücher über bzw. von Barack Obama gelesen: ein Buch über seine Rhetorik (&#8222;Sags wie Obama&#8220; von Shel Leanne) und seinen eigenen Bericht über seine Identitätsfindung (&#8222;Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie&#8220;).</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%"><img decoding="async" src="http://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2009/07/Sags-wie-Obama-206x300.jpg" alt="" width="206" height="300" class="alignleft size-medium wp-image-6879" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2009/07/Sags-wie-Obama-206x300.jpg 206w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2009/07/Sags-wie-Obama.jpg 343w" sizes="(max-width: 206px) 100vw, 206px" />Das erste Buch ist eigentlich nur wegen der ausführlich wiedergegebenen Reden lesenswert. Beim Lesen der Reden bestätigt sich im Detail der Eindruck, den die Fernsehübertragungen hinterlassen haben: hier spricht einer, der es wirklich kann. Seine Reden sind politische Predigten, und alle, die Predigten für etwas Langweiliges halten, müssen sich eines Besseren belehren lassen. Thema ist fast immer die Wiedergewinnung von Einheit und Solidarität durch die Erneuerung der freiheitlichen amerikanischen Traditionen (Unabhängigkeitskrieg, Besiedelung des Landes, Lincoln, Große Depression und New Deal, Kampf gegen den Faschismus, Kennedy, M.L. King und die Bürgerrechtsbewegung). Beim Lesen wird deutlich, dass man die Geschichte der USA tatsächlich als erfolgreiche Freiheitsgeschichte erzählen kann. Und Obama kann sie so erzählen, dass man elektrisiert ist. Die Schattenseiten dieser Geschichte tauchen eher am Rande auf. Zwischen den Zeilen merkt man, dass Obama sie kennt, sie aber mit Nichtbeachtung straft oder im Interesse der Einheitsthematik höchstens andeutet. Es ist schon eine erstaunliche Leistung, wie Obama offensiv einen freiheitlich-sozialen Patriotismus definiert und ihn gegen das Bush-Amerika wendet.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Im Vergleich dazu merkt man erst richtig, wie arm Deutschland an geschichtlich realisierten freiheitlichen Traditionen ist. Amerika ist von denen gegründet worden, die hier in Europa keinen Platz mehr hatten und ein gesundes Misstrauen gegen eine übermächtige Staatsmacht entwickelten. Das schuf Raum für Mythen und Visionen, die Obama mit &#8222;Yes, we can&#8220; genial zusammengefasst hat. In Deutschland dagegen hat die Staatsmacht noch jede nicht von ihr kontrollierte Bewegung der Menschen entweder zerschlagen, totignoriert, diffamiert, entschärft oder sich selbst unter den Nagel gerissen. Uns hat man das Können ausgetrieben oder madig gemacht. Das gilt für Politik wie Kirche. Die deutsche demokratische Bewegung von 1848 ist &#8211; anders als die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung von 1776 &#8211; gescheitert. Wir hatten keinen Kennedy und keinen Martin Luther King.</p>
<p>Dennoch kann es sinnvoll sein, nach gelungenen Passagen in der deutschen Geschichte zu suchen, die eine Grundlage für eine gemeinsame Identität abgeben können. Auch wenn sie weniger glanzvoll sind. Vielleicht wäre die Erarbeitung des Grundgesetzes solch eine viel zu selten genutzte Erinnerung. Oder der Aufbruch von 1968 als nachgeholte eigene Verabschiedung von Faschismus und Obrigkeitsstaat. Oder die friedliche Revolution in der DDR.</p>
<p>An diesen Beispielen wird aber auch der Unterschied schmerzlich bewusst: die Kämpfe um die amerikanische Unabhängigkeit sind ein Mythos, den die ganze Nation teilt, mit Heroen und Schurken, Kämpfen und Opfern, mit Glauben, der auch angesichts von Niederlagen durchhält. Dagegen fällt natürlich die Nationalversammlung von 1848 oder auch ein Verfassungskonvent ziemlich ab. 1968 hat nur ein Teil der Bevölkerung als Befreiung erlebt. Und die friedliche Revolution von 1989 hat fast niemanden, der sich im Nachhinein noch damit identifizieren möchte. Warum?</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Ähnlich ist es mit der Kirchengeschichte. Vielleicht taugt gerade noch Bonhoeffer zur fraktionsübergreifend anerkannten Heiligengestalt. Verdient hat er es allemal. Aber als Erfolgsgeschichte kann man sein Leben kaum erzählen, noch nicht mal in dem Sinn, dass seine Entdeckungen nach seinem Tod umgesetzt worden wären (hoffentlich kommt das noch).</p>
<p>Lange Zeit war Martin Luther in der evangelischen Hälfte Deutschlands ein allgemein anerkannter Heros. Nicht so sehr seine Schattenseiten (die ja beim zweiten Blick fast alle Heldengestalten haben) haben ihn inzwischen beschädigt, sondern viel mehr das polternde Pathos seiner Anhänger, die sich bei ihm eine Stärke holen wollten, über die sie selbst nicht verfügen. Nicht selten sorgt die Rezeptionsgeschichte erst dafür, dass historische Gestalten und Ereignisse als Orientierungspunkte verbrannt werden.<br />
Somit wird die Suche nach positiven kirchlichen Traditionen oft erst an fernen Orten fündig: die irischen Mönche, die frühen mitteleuropäischen Missionare, Teile des Mönchtums überhaupt, Franz von Assisi, die englischen Kämpfer gegen den Sklavenhandel.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Unter dem Strich bleibt uns die Aufgabe einer kritischen, dialektischen Aufnahme unserer Traditionen. Ohne ihre Schattenseiten zu verleugnen, sollten sie doch als Quelle der Inspiration gelesen werden. Der Pietismus, die Herrnhuter, die Aufklärung (ja, auch die!), die christlichen Jugendbewegungen, die Bekennende Kirche, da gibt es wohl noch einiges zu entdecken. Nicht zuletzt vielleicht auch in der Geschichte der je eigenen Gemeinde. Wie gesagt, kritische Aufnahme, denn es gibt eben auch viel Enttäuschendes. Und trotzdem: wer es schafft, die Menschen an ihre besten Seiten (bzw. Traditionen) zu erinnern, kann Erstaunliches freisetzen. Das ist Obama auf eine massentaugliche und dennoch verantwortliche Weise gelungen. Der Erfolg hat ihn bestätigt.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Ist Obama aber glaubwürdig? Wird er über kurz oder lang sein Charisma einbüßen, so dass sich die Berufsskeptiker im deutschen (nicht nur journalistischen) Geschäft auf die Schulter klopfen können, weil sie das schon immer kommen sahen? Antworten dazu habe ich in Obamas Buch über seine Familiengeschichte gesucht, das ja schon lange Zeit vor seiner politischen Karriere (nämlich 1995) geschrieben wurde. Mehr darüber im <a title="Von Obama lernen (2)" href="http://www.walterfaerber.de/2009/07/von-obama-lernen-2/">nächsten Teil</a>.</p>
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