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	<title>Geschichte &#8211; Walters Werkstatt: Theologie, Gesellschaft und Kirche</title>
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	<description>Texte aus der norddeutschen Tiefebene</description>
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	<title>Geschichte &#8211; Walters Werkstatt: Theologie, Gesellschaft und Kirche</title>
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		<title>Selbstorganisation und Verbindlichkeit dritter Art</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2020 12:10:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Realexistierende Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Abschied vom bürgerlichen Christentum (5)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fgeschichte%2Fselbstorganisation-und-verbindlichkeit-dritter-art%2F&amp;action_name=Selbstorganisation%20und%20Verbindlichkeit%20dritter%20Art&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe:  | <a title=“Wie alles anfing“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/abschied-vom-buergerlichen-christentum/“>Teil 1</a> | <a title=“Kirche im bürgerlichen Zeitalter“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/kirche-im-buergerlichen-zeitalter/“>Teil 2</a> | <a title=“Die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/die-buergerliche-gefangenschaft-der-kirche/“>Teil 3</a> | <a title=“Nur das Kollektiv schreckt den Bürger“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/nur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger/“>Teil 4</a> | <a title=“Selbstorganisation und Verbindlichkeit dritter Art“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/selbstorganisation-und-verbindlichkeit-dritter-art/“>Teil 5</a> |<p>
<blockquote><p>Diese fünfteilige Reihe wurde ursprünglich für den <a href="https://emergent-deutschland.de/blog/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Blog von Emergent Deutschland</a> geschrieben und für die Veröffentlichung hier leicht überarbeitet.</p>
<p><a href="https://www.walterfaerber.de/geschichte/nur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger/">Im vierten Teil der Reihe</a> hatte ich beschrieben, dass die christliche Bewegung das bürgerliche Koordinatensystem erst hinter sich lässt, wenn sie sich als real existierende Bewegung von Menschen entdeckt, anstatt sich als Heilsanstalt oder Publikum zu verstehen. Heute gibt es noch ein paar Überlegungen zu den Mustern, auf denen solch eine Bewegung beruht.</p></blockquote>
<p>Traditionelle Sozialgebilde setzen ihre Interessen und Regeln mit mehr oder weniger offenem Druck durch; im christlichen Bereich ist das Kreuz das zusammenfassende Zeichen für die Opfer dieses Prinzips. Im bürgerlichen Zeitalter stehen diese älteren Organisationsformen im Konflikt mit der neuen kapitalistischen Markt-Struktur, die die Macht- und Gewaltverhältnisse abstrakter und schwerer durchschaubar werden lässt. Ihr Siegeszug scheint bisher noch ungebrochen. In der Marktbeziehung kontrollieren sich die Individuen eher selbst in Anpassung an die Marktregeln. Sie geht deswegen häufig zunächst mit dem Gefühl einer größeren Freiheit einher. Beide Male haben die Beteiligten aber nicht die Verfügung über die Beziehungen und ihre Zugehörigkeit dazu.</p>
<p>Christliche Gruppen können keine dieser Mechanismen nutzen, um ihren Zusammenhalt zu begründen; und noch viel weniger, um die Gesellschaft insgesamt zu verchristlichen. Der gegenwärtige Niedergang der die Gesellschaft dominierenden abendländischen Christenheit ist ein nicht zu übersehendes Zeichen dieser Unmöglichkeit.</p>
<p>Christliche Gemeinschaften können nur nach dem Prinzip der Selbstorganisation aufgebaut sein, wie auch immer das im Einzelnen gestaltet ist. Jesus hat in einer patriarchalischen Welt beharrlich eine vaterlose Organisationsstruktur geschaffen und propagiert. Auf der anderen Seite ist die Markt-Struktur (die kirchlich auf eine Service-Kirche hinauslaufen würde) ebenfalls nicht angemessen. Christliche Verbindlichkeit geht weit hinaus über das Muster von Leistung und Gegenleistung, nach dem der Markt funktioniert.</p>
<p>Selbstorganisation funktioniert nur mit Freiwilligkeit und selbstverantworteter Verbindlichkeit, die prinzipiell nie von außen erzwingbar ist. Sie erfordert die Lösung von ungeliebten, aber vertrauten Kontrollstrukturen. Stattdessen braucht sie eine dritte Art von Verbindlichkeit, die nicht der Marktlogik folgt, aber auch nicht von einem patriarchalen Machtträger erzwungen wird.</p>
<p>Diese dritte Art von Verbindlichkeit ist so ungewöhnlich, dass sie schnell mit den ersten beiden verwechselt wird, und zwar von Menschen innerhalb wie außerhalb des christlichen Bereichs. Sie braucht Menschen, die in Freiheit verankert sind. Schon Bonhoeffer hat beobachtet, wie Menschen eher bereit sind, für eine aufgezwungene Verantwortung (sprich: Dienst in der Wehrmacht) sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen als für eine frei gewählte Verantwortung (sprich: Widerstand gegen den NS). Dementsprechend dominieren unter kirchlichen Amtsträgern eher die Angestellten- als die Entrepeneur-Typen.</p>
<p>Erst christliche Gemeinschaften, die nach dem Muster der frei gewählten, aber verbindlichen Verantwortung arbeiten, lassen den bürgerlichen Horizont hinter sich und konstituieren sich als Akteure, die relevante Zeichen des Evangeliums in der Gegenwart sind.</p>
<blockquote><p>Das ist jetzt natürlich eher Aufgabenbeschreibung als Lösung. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns über die Aufgabe einig wären und sie angehen würden. Hoffentlich denken wir demnächst bei anderer Gelegenheit gemeinsam weiter!</p></blockquote>
<p><p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe:  | <a title=“Wie alles anfing“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/abschied-vom-buergerlichen-christentum/“>Teil 1</a> | <a title=“Kirche im bürgerlichen Zeitalter“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/kirche-im-buergerlichen-zeitalter/“>Teil 2</a> | <a title=“Die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/die-buergerliche-gefangenschaft-der-kirche/“>Teil 3</a> | <a title=“Nur das Kollektiv schreckt den Bürger“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/nur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger/“>Teil 4</a> | <a title=“Selbstorganisation und Verbindlichkeit dritter Art“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/selbstorganisation-und-verbindlichkeit-dritter-art/“>Teil 5</a> |<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Nur das Kollektiv schreckt den Bürger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2020 10:52:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Realexistierende Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeist]]></category>
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					<description><![CDATA[Abschied vom bürgerlichen Christentum (4)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fgeschichte%2Fnur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger%2F&amp;action_name=Nur%20das%20Kollektiv%20schreckt%20den%20B%C3%BCrger&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe:  | <a title=“Wie alles anfing“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/abschied-vom-buergerlichen-christentum/“>Teil 1</a> | <a title=“Kirche im bürgerlichen Zeitalter“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/kirche-im-buergerlichen-zeitalter/“>Teil 2</a> | <a title=“Die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/die-buergerliche-gefangenschaft-der-kirche/“>Teil 3</a> | <a title=“Nur das Kollektiv schreckt den Bürger“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/nur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger/“>Teil 4</a> | <a title=“Selbstorganisation und Verbindlichkeit dritter Art“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/selbstorganisation-und-verbindlichkeit-dritter-art/“>Teil 5</a> |<p>
<blockquote><p>Diese fünfteilige Reihe wurde ursprünglich 2015 für den <a href="https://emergent-deutschland.de/blog/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Blog von Emergent Deutschland</a> geschrieben und für die Veröffentlichung hier leicht überarbeitet.</p>
<p>In den ersten drei Teilen der Serie habe ich die Rahmenbedingungen dargestellt, unter denen sich das neuzeitliche Christentum entwickelte, und welche Begrenzungen es dabei in Kauf nahm. Heute geht es um Perspektiven: wie kann die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche aufgebrochen werden?</p></blockquote>
<p>Weil das Christentum von der Neuzeit weiterhin auf seinen spiritualistischen Irrweg fixiert wird, besteht die Perspektive natürlich darin, die Konzentration auf das Jenseits (welcher Art auch immer) zu überwinden und die Begegnung von Kirche bzw. Evangelium und Welt zu stärken. Und das geschieht ja gegenwärtig zum Glück bei vielen Gelegenheiten: Gemeindediakonie, Stadtteilorientierung, Fairtrade-Läden, Patenschaften zu sozialen Einrichtungen, Besuche in Gefängnissen, auch viele Elemente klassischer pastoraler Arbeit, Serve the City, Thematisierung der kirchlichen Milieugrenzen, Anwaltschaft für besonders verletzliche Menschengruppen, Einsatz für Steuergerechtigkeit, Flüchtlingsarbeit und vieles andere. Gerade in der Begegnung mit Flüchtlingen werden im Augenblick an der Basis wichtige Erfahrungen gemacht, die alte Mentalitäten aufbrechen können.</p>
<p>Trotzdem habe ich den Eindruck, dass das immer noch ein sehr mühsamer Prozess ist, der nicht flächendeckend begonnen hat. Warum ist das so? Liegt es einfach an der menschlichen Trägheit oder haben die Widerstände ein deutliches Profil?</p>
<p>Das Hauptproblem scheinen mir nicht die fremden Mentalitäten und Milieus zu sein, denen man begegnet, wenn man die kirchlichen Mauern verlässt. Nach einer ersten Verunsicherung werden daraus in der Regel sehr bereichernde Erfahrungen. Im toten Winkel der Aufmerksamkeit liegt aber meist eine andere, sehr elementare Frage: Wer macht es? Wer ist der Akteur?</p>
<p>Man kann das natürlich als Frage nach dem Zeitbudget und den Prioritäten der individuell Beteiligten verstehen. In erster Linie muss aber nach dem kollektiven Akteur gefragt werden. Zur Erinnerung: in der neutestamentlichen Briefliteratur sind die Adressaten mit wenigen Ausnahmen Gemeinden. Deren gesunde Entwicklung ist das zentrale Thema, mit der Ethik (auch der Sexualethik!) als Unterthema. Bürgerliches Christentum ist dagegen eher ethisch orientiert und richtet sich primär an den Einzelnen. Auch bei der heilsindividuellen “Entscheidung für Jesus” bleibt die Gemeindebindung etwas nachträglich Dazukommendes: sollte eigentlich schon sein, muss aber nicht unbedingt. Das spiritualistische Erbe (das sich nicht auf die Welt einlässt und deshalb keinen Akteur braucht) und die bürgerliche Angst vor der Dominanz kirchlicher Sozialgebilde behindern beide gemeinsam die Entstehung eines echten kollektiven Akteurs und lähmen so die neuzeitliche Christenheit.</p>
<p>Ohne kollektiven Akteur aber keine gesellschaftliche Relevanz. Und auch der Einzelne bleibt dabei im ethischen Dilemma: christliche Ethik ist keine Individualethik und muss vom Einzelnen – wenn er sie so (miss)versteht – immer als Überforderung erlebt werden, mit all den Folgen für Gewissen und Selbstwertgefühl. Schließlich braucht auch die beste Theologie eine Zielgruppe, an die sie sich wendet. Die meisten Probleme modernen Christentums schneiden sich in der Frage nach einem kollektiven Akteur, der von einer gemeinsamen Story und einem intensiven Kommunikationszusammenhang erzeugt wird. Hier liegt die entscheidende Blockade. Nur zur Klarheit: eine Kirchenorganisation ist nicht die Lösung dieser Frage.</p>
<p>Erst ein Christentum, das sich hemmungslos als real existierende Bewegung realer Menschen entdeckt, steht jenseits der Gefängnismauern bürgerlicher Christlichkeit. Erst so wird es seinen dringend benötigten Beitrag in den sehr realen Gefahren der Gegenwart leisten können. Es ist dann nicht mehr unverbindliches (bürgerliches) Publikum, aber auch keine (mittelalterliche) Heils- und Zwangsinstitution. Erst jenseits dieser unfruchtbaren Alternative hat man das bürgerliche Koordinatensystem hinter sich gelassen und betritt Neuland.</p>
<blockquote><p>Damit es nicht auf dieser grundsätzlichen Ebene bleibt, <a href="https://www.walterfaerber.de/geschichte/selbstorganisation-und-verbindlichkeit-dritter-art/">folgt noch ein fünfter und letzter Teil</a>. Die Stichworte sind dabei Selbstorganisation und eine dritte Art von Verbindlichkeit.</p></blockquote>
<p><p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe:  | <a title=“Wie alles anfing“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/abschied-vom-buergerlichen-christentum/“>Teil 1</a> | <a title=“Kirche im bürgerlichen Zeitalter“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/kirche-im-buergerlichen-zeitalter/“>Teil 2</a> | <a title=“Die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/die-buergerliche-gefangenschaft-der-kirche/“>Teil 3</a> | <a title=“Nur das Kollektiv schreckt den Bürger“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/nur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger/“>Teil 4</a> | <a title=“Selbstorganisation und Verbindlichkeit dritter Art“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/selbstorganisation-und-verbindlichkeit-dritter-art/“>Teil 5</a> |<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2020 10:40:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Abschied vom bürgerlichen Christentum (3)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fgeschichte%2Fdie-buergerliche-gefangenschaft-der-kirche%2F&amp;action_name=Die%20b%C3%BCrgerliche%20Gefangenschaft%20der%20Kirche&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe:  | <a title=“Wie alles anfing“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/abschied-vom-buergerlichen-christentum/“>Teil 1</a> | <a title=“Kirche im bürgerlichen Zeitalter“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/kirche-im-buergerlichen-zeitalter/“>Teil 2</a> | <a title=“Die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/die-buergerliche-gefangenschaft-der-kirche/“>Teil 3</a> | <a title=“Nur das Kollektiv schreckt den Bürger“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/nur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger/“>Teil 4</a> | <a title=“Selbstorganisation und Verbindlichkeit dritter Art“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/selbstorganisation-und-verbindlichkeit-dritter-art/“>Teil 5</a> |<p>
<blockquote><p>Diese fünfteilige Reihe wurde ursprünglich 2015 für den <a href="https://emergent-deutschland.de/blog/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Blog von Emergent Deutschland</a> geschrieben und für die Veröffentlichung hier leicht überarbeitet.</p>
<p>Bisher ging es <a href="https://www.walterfaerber.de/geschichte/abschied-vom-buergerlichen-christentum/">um den den gesellschaftlichen Rahmen, in dem sich das Christentum in der Moderne bewegt</a>, und um die <a href="https://www.walterfaerber.de/geschichte/kirche-im-buergerlichen-zeitalter/">grundlegende Arbeitsteilung, auf die sich die Kirche in der bürgerlichen Gesellschaft einließ</a>. Welche Folgen das für die Binnenverfassung des Christentums hatte, soll heute skizziert werden.</p></blockquote>
<p>Der gesellschaftliche Rahmen, der dem Christentum in der Neuzeit zugewiesen wird, hat dessen Stil und seine Grundannahmen entscheidend geprägt. Das aufsteigenden Bürgertum begegnete einer Kirche, die einerseits spiritualistisch geprägt war und andererseits die ideologische Dominanz über die Gesellschaft robust verteidigte. Das siegreiche Bürgertum zerstörte die ideologische Herrschaft der Kirche, fixierte sie aber andererseits auf einen weltfernen Glauben, der sich für Weltgestaltung nur im engen Rahmen der privaten Moral interessierte.</p>
<p>Das Ergebnis war ein scheinbar schiedlich-friedliches Miteinander: die Kirchenleute verzichteten darauf, sich in die weltlichen Geschäfte der Bürger einzumischen, und die Bürger überließen ihnen gern den Himmel, die Moral und die Tiefen des Gemüts. Der biblische utopisch-prophetische Impuls, der auf eine Welt, die anders ist, zielte, wurde umgelenkt auf die andere, die jenseitige Welt, die wahlweise in der Innerlichkeit, nach dem Tod oder in einer schemenhaften Zukunft verortet wurde. So kam das Christentum zu seinem Aroma der Weltfremdheit, das sich nie wieder ganz vertreiben ließ. Harmlosigkeit zog ein in das »Gemeindeleben«. Bürger und Kleinbürger, insbesondere ihre Frauen und Kinder, fanden hier einen Schonraum, in dem sie sich von den Strapazen der rauen Weltwirklichkeit erholen konnten. Weil inhaltlich nie ganz geklärt war, worum es in der Kirche eigentlich geht, kommt dem Stil eine große Bedeutung zu. Niemand muss mehr wegen Irrlehren vor ein Inquisitionsgericht. Statt dessen sind nun Dresscode, Musikstile, Ästhetik, gesittetes Verhalten und ähnliches die Themen, an denen sich die Gemüter erhitzen.</p>
<p>Weil die real existierende Christenheit sich nicht als Alternative zur bürgerlichen Welt sehen wollte, konnte und durfte, sich aber trotzdem irgendwie unterscheiden musste, suchte sie ihre Identität lange in einem archaisierenden, vormodernen Stil: die Sprache Luthers, die Liturgie der alten Kirche, Frakturschrift und patriarchalische Umgangsformen prägten das Milieu. Milieu? Ja, das ist das Äußerste an Sozialformen, das die bürgerliche Kirche hervorbringt. Denn eigentlich steht im Zentrum von Theorie und Praxis der Einzelne mit seinem Gottesbezug und/oder seinem Gewissen. Für besonders Bedürftige oder Fanatische mag es dann auch noch andere Gesellungsformen geben, die aber schnell unter misstrauischer Beobachtung stehen: wollen die vielleicht etwas Besseres sein als wir anderen normalen Christen? Dann bekommen sie schnell das Etikett der &#8222;Sekte&#8220; angeheftet.</p>
<p>Das Christentum im bürgerlichen Rahmen ist vor allem individualistisch. Prinzipiell kann der Bürger seine religiösen Bedürfnisse auch ohne Kirchengebäude und Pfarrer befriedigen: im Wald, in einer stillen Stunde der Besinnung oder mit einem guten Buch. De facto kommt er zwar – wenn er denn überhaupt noch religiös sein will – nicht ohne Institution aus. Auf der liegt aber immer der Makel, eigentlich Obrigkeitskirche zu sein, die im Geheimen womöglich neue Kreuzzüge und Inquisitionen vorbereitet oder auf Gelegenheiten wartet, mühsam errungene sexuelle Spielräume wieder zu kassieren. Eine Identifikation mit dieser per definitionem heuchlerischen Agentur muss auch Kirchenfunktionären erst mühsam antrainiert werden.</p>
<p>Dabei arbeiten die Fachleute der Universitäten und Kirchenämter an einer durchaus anspruchsvollen Aufgabe: das Feuer des Heiligen Geistes muss einerseits am Brennen gehalten werden, andererseits darf es keinen Flächenbrand auslösen. Dieses Gleichgewicht, das es der Kirche erlaubt, eine gewisse Relevanz für den Einzelnen zu behalten, ohne in echten Konflikt mit der kapitalistisch geprägten Gesellschaft zu geraten, muss immer wieder mühsam austariert werden und ist ein weiteres Kennzeichen des real existierenden bürgerlichen Christentums.</p>
<p>Gemeinde als gesellschaftliche Alternative, die man nur gemeinsam leben kann (die biblische &#8222;neue Schöpfung&#8220; also), ist im bürgerlichen Rahmen nicht im Blick. Dafür sorgt zuverlässig der moderne Individualismus, der auch schon der Arbeiterbewegung den Garaus gemacht hat. Er hat immer noch das Pathos der Freiheit auf seiner Seite und ist bis heute das selbstverständliche Terrain, auf dem sich Theologie und Gemeinde bewegen.</p>
<p>Gemeinde als kollektiv gelebte Alternative zur gesellschaftlichen Marktlogik (<a href="http://tobiasfaix.de/2015/04/die-doppelte-bewegung-von-mission-anschlussfaehigkeit-und-kontrastgesellschaft/">Tobias Faix hat unter den Stichworten »Anschlussfähigkeit und Kontrastgesellschaft« den Rahmen dafür beschrieben</a>) gerät schnell unter Dominanz- und Fundamentalismus-Verdacht. Intern gerät sie zwischen die Mühlsteine von Liberalen (die Fremdbestimmung und Dominanz fürchten wie der Teufel das Weihwasser) und Fundis (die immer noch von der gesellschaftlichen Dominanz einer Kirche träumen, die sich auf Himmel und Unterleib konzentriert).</p>
<p>Gemeinde als gemeinsam gelebte Alternative kann nur sehr spärlich auf real existierende Vorbilder, Traditionen und Erfahrungen zurückgreifen, die für 08/15-Normalgemeinden zu realistischen Modellen werden könnten. Neue Ansätze haben zu kämpfen mit institutionellen Blockaden und der Nötigung, parallel dazu immer noch den alten Laden am Laufen zu halten. Praktikable Modelle und passende Theologien sind, freundlich gesagt, noch ausbaufähig. Vor allem aber ist es ein elastisch-stabiles Netz von Ängsten, Mentalitäten und theologischen Mantren, das Christen nach gelegentlichen Freigängen immer wieder in ihr individualistisches Gefängnis zurückholt.</p>
<blockquote><p>Das war nun vielleicht kein besonders motivierender Schluss. Aber <a href="https://www.walterfaerber.de/geschichte/nur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger/">im vierten Teil kommt dann endlich das Positive</a>.</p></blockquote>
<p><p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe:  | <a title=“Wie alles anfing“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/abschied-vom-buergerlichen-christentum/“>Teil 1</a> | <a title=“Kirche im bürgerlichen Zeitalter“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/kirche-im-buergerlichen-zeitalter/“>Teil 2</a> | <a title=“Die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/die-buergerliche-gefangenschaft-der-kirche/“>Teil 3</a> | <a title=“Nur das Kollektiv schreckt den Bürger“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/nur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger/“>Teil 4</a> | <a title=“Selbstorganisation und Verbindlichkeit dritter Art“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/selbstorganisation-und-verbindlichkeit-dritter-art/“>Teil 5</a> |<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Kirche im bürgerlichen Zeitalter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2020 10:22:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Abschied vom bürgerlichen Christentum (2)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fgeschichte%2Fkirche-im-buergerlichen-zeitalter%2F&amp;action_name=Kirche%20im%20b%C3%BCrgerlichen%20Zeitalter&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe:  | <a title=“Wie alles anfing“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/abschied-vom-buergerlichen-christentum/“>Teil 1</a> | <a title=“Kirche im bürgerlichen Zeitalter“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/kirche-im-buergerlichen-zeitalter/“>Teil 2</a> | <a title=“Die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/die-buergerliche-gefangenschaft-der-kirche/“>Teil 3</a> | <a title=“Nur das Kollektiv schreckt den Bürger“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/nur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger/“>Teil 4</a> | <a title=“Selbstorganisation und Verbindlichkeit dritter Art“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/selbstorganisation-und-verbindlichkeit-dritter-art/“>Teil 5</a> |<p>
<blockquote><p>Diese fünfteilige Reihe wurde ursprünglich 2015 auf dem <a href="https://emergent-deutschland.de/blog/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Blog von Emergent Deutschland</a> veröffentlicht und wurde jetzt leicht überarbeitet.</p>
<p><a href="https://www.walterfaerber.de/geschichte/abschied-vom-buergerlichen-christentum/">Im ersten Teil der Reihe</a> wurden die religiösen Konstellationen in Europa am Anfang der Neuzeit beschrieben: die Begegnung einer dominanten spiritualistischen Kirche (ich benutze diesen Begriff im Anschluss an Walter Wink) mit einem aufstrebenden, revolutionären Bürgertum. Im zweiten Teil geht es nun um die Reaktion des Christentums auf diese neue gesellschaftliche Großwetterlage.</p></blockquote>
<p>Ideologisch kam es am Ende zu einer Arbeitsteilung: die Kirche beschäftigte sich mit Moral, Seelenheil und dem Einzelnen und hielt sich – außer zur Abgabe patriotisch-reaktionärer Kundgebungen im Kriegsfall – aus der Politik heraus. Der öffentliche Diskurs hatte sich auf das Fundament der Vernunft zu gründen (sofern nicht gerade Volk, Vaterland, Rasse u.ä. angesagt waren); im privaten Raum mochte jeder so glauben, wie er glauben zu müssen meinte. Innerkirchlich standen Modernisierer in einem ewigen Konflikt mit Bewahrern der Tradition, die die Besonderheit der Kirche durch Rückgriff auf Stil, Sprache und Musik früherer spiritualistisch geprägter Zeitalter zu bewahren meinten. Beide Fraktionen waren sich meistens darin einig, dass die Kirche die Finger von der Politik lassen und sich lieber mit dem “Eigentlichen” beschäftigen sollte.</p>
<p>So entwickelten die Kirchen eine Doppelstrategie: patriarchaler Konservatismus für das Volk; wohltemperiertes, vernünftiges Kulturchristentum für die seelische Erhebung der bildungsbürgerlichen und Oberschichten, sofern sie dafür zugänglich waren. Für alle die Begleitung in Krisensituationen des Lebens durch Taufe, Trauung, Trauerfeier.</p>
<p>Das ist ungefähr der Rahmen, in dem sich die bürgerliche Spielart des Christentums entwickelte, und der über lange Zeit erstaunlich stabil geblieben ist. Auch die Frommen im Lande akzeptierten ihn stillschweigend, wenn auch oft erst mit jahrzehntelanger Verzögerung. Generationen von Theologen haben sich daran abgearbeitet, das Verhältnis von öffentlich und privat, Vernunft und Glauben immer wieder neu zu justieren. Unzählige Modernisierungsschübe trieben die Kirchen vor sich her, und der Wirklichkeitsbereich, für den das Christentum &#8222;heute noch&#8220; zuständig war, schrumpfte immer weiter zusammen.</p>
<p>In diesem Rahmen ist der Zweifel ein steter Begleiter des neuzeitlichen Christen. Hin- und hergerissen zwischen der öffentlich gültigen Weltanschauung, die nur das Fundament der Vernunft kennt, und seiner ihm selbst oft unbegreiflichen Verbindung mit dem doch eigentlich überholten Christentum seiner Kindheit und Jugend, lebt der moderne Christ häufig vor allem im Modus der Scham oder der Rebellion. Er schämt sich seines eigentlich längst widerlegten Glaubens und seiner unzeitgemäßen Kirche, er rebelliert im Bündnis mit den Liberalen gegen überholte theologische Grundsätze und kirchliche Bräuche und bleibt bei allem doch immer eine tragische Gestalt, die ihres Glaubens nicht froh wird. Er umwirbt die Moderne bis zur Selbstaufgabe und kann ihr Herz und ihre Anerkennung doch nicht wirklich gewinnen. Ja, gerade wenn er sich dem gesellschaftlichen Mainstream einmal besonders nahe weiß (wie in der protestantischen Identifikation mit dem Vaterland vor, während und nach dem ersten Weltkrieg), wird er einige Jahrzehnte später gerade dafür wieder Prügel beziehen.</p>
<p>Versucht der neuzeitliche Christ aber umgekehrt, sich tapfer auf den Standpunkt der Entweltlichung zu stellen und an unaufgebbaren Essentials festzuhalten, auch wenn sie von gestern sind, so muss er erleben, dass die gesellschaftliche Entwicklung ihn erst recht überrollt und die nächste Generation sich um so mehr bemüht, den Vorsprung aufzuholen, den der Zeitgeist inzwischen schon wieder gewonnen hat.</p>
<p>Daraus ergibt sich eine chronische Schwäche, die das neuzeitliche Christentum begleitet und es bis heute davon abhält, die bürgerliche Neuzeit ernsthaft mit den Verheerungen zu konfrontieren, die sie weltweit Menschen, Kulturen und dem ganzen Planeten antut.</p>
<p>Stattdessen richtet sich die Aufmerksamkeit der Konservativen wie der Modernisierer auf – Sex. Er ist das Territorium, auf dem die Stellvertreterkriege um Tradition und Modernisierung geführt werden. Im Schnittpunkt von Privatheit, Moral und Innerlichkeit liegend, eignet er sich hervorragend, um die alte Geschichte von Freiheit, Rückständigkeit und Fortschritt in immer neuen Varianten und aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu erzählen. Und so kreisen die Gedanken vieler Christen jeder Couleur unablässig um ihr Thema Nummer eins. In fruchtlosen Konflikten wird die Energie vergeudet, die angesichts der Zukunft des Planeten an anderen Stellen dringend gebraucht würde.</p>
<blockquote><p>Nein, sorry, <a href="https://www.walterfaerber.de/geschichte/die-buergerliche-gefangenschaft-der-kirche/">im dritten Teil</a> geht es nicht mit Sex weiter. Es geht um den Unterschied zwischen der anderen Welt und einer Welt, die anders ist; um die Sprache Luthers, und wer im Wald zu Gott findet. Und ein ganz klein wenig Sex kommt doch noch.</p></blockquote>
<p><p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe:  | <a title=“Wie alles anfing“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/abschied-vom-buergerlichen-christentum/“>Teil 1</a> | <a title=“Kirche im bürgerlichen Zeitalter“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/kirche-im-buergerlichen-zeitalter/“>Teil 2</a> | <a title=“Die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/die-buergerliche-gefangenschaft-der-kirche/“>Teil 3</a> | <a title=“Nur das Kollektiv schreckt den Bürger“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/nur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger/“>Teil 4</a> | <a title=“Selbstorganisation und Verbindlichkeit dritter Art“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/selbstorganisation-und-verbindlichkeit-dritter-art/“>Teil 5</a> |<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Wie alles anfing</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2020 09:01:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Realexistierende Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeist]]></category>
		<category><![CDATA[Moderne]]></category>
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					<description><![CDATA[Abschied vom bürgerlichen Christentum (1)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fgeschichte%2Fabschied-vom-buergerlichen-christentum%2F&amp;action_name=Wie%20alles%20anfing&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe:  | <a title=“Wie alles anfing“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/abschied-vom-buergerlichen-christentum/“>Teil 1</a> | <a title=“Kirche im bürgerlichen Zeitalter“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/kirche-im-buergerlichen-zeitalter/“>Teil 2</a> | <a title=“Die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/die-buergerliche-gefangenschaft-der-kirche/“>Teil 3</a> | <a title=“Nur das Kollektiv schreckt den Bürger“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/nur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger/“>Teil 4</a> | <a title=“Selbstorganisation und Verbindlichkeit dritter Art“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/selbstorganisation-und-verbindlichkeit-dritter-art/“>Teil 5</a> |<p>
<blockquote><p>Diese fünfteilige Reihe wurde ursprünglich 2015 für den <a href="https://emergent-deutschland.de/blog/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Blog von Emergent Deutschland</a> geschrieben und für die Veröffentlichung hier leicht überarbeitet.</p>
<p>Sie nimmt eins der Themen von CON:FUSION 2014 auf: die bürgerliche Gefangenschaft, in der sich das Christentum inzwischen seit Jahrhunderten befindet. Sie fragt danach, unter welchen sehr speziellen Bedingungen das westliche Christentum in den zwei bis drei Jahrhunderten der bürgerlichen, europäischen Moderne überlebt hat, und welche Spuren das in ihm hinterlassen hat. Und natürlich geht es nicht um eine reine Analyse, sondern vor allem um die Frage, wie Befreiung aus diesem (heute nicht mehr ganz so goldenen) Käfig möglich ist. Was ist gemeint mit »bürgerlichem Christentum« und wie ist eine »Entbürgerlichung« von Christentum und Glaube vorstellbar?</p></blockquote>
<p>Die Geschichte beginnt in den meisten Gegenden Europas irgendwann im 17. Jahrhundert, als Fernhändler, Reeder, Banker, Beamte, Juristen, Intellektuelle, Manufakturbesitzer und andere begannen, sich als gesellschaftliche Klasse zu entdecken: der “Dritte Stand”, wie er in Frankreich hieß – das Bürgertum. Seine Lebensart und sein Anspruch auf Teilhabe an der Macht geriet nicht nur mit Adel und Monarchie in Konflikt, sondern auch mit der ideologischen Dominanz der Kirche. Die Lebenseinstellung der Bürger passte einfach nicht zum spiritualistisch-gnostisierenden Christentum, das den kirchlichen Mainstream spätestens seit dem Mittelalter prägte (und damit ist wenigstens angedeutet, dass diese Geschichte eigentlich noch viel früher begonnen hat).</p>
<p>Die Bürger erlebten die Welt durchaus nicht als Jammertal, das man schnellstmöglich hinter sich lassen sollte, um dann in die “eigentliche”, jenseitige Welt zu gelangen. Stattdessen entdeckten sie – nicht zuletzt in den überseeischen Kolonien – eine Welt voller Möglichkeiten, in der man durch kluge Berechnung Reichtümer ansammeln und sein Lebensschicksal selbst in die Hand nehmen konnte. Die Vernunft war dafür eine bessere Hilfe als der Glaube. Und auf die Vernunft gründeten die Bürger in Zukunft ihr Weltbild. Auch die Religion, wenn sie sich schon nicht vermeiden ließ, sollte künftig am Maßstab der Vernunft gemessen werden.</p>
<p>Wenig anfangen konnten die Bürger dagegen mit der Welt der Zeremonien, Feste, Mysterien, Heiligen und Wunder, in der das einfache Volk lebte, und die von der Kirche verwaltet wurde. Diese Welt erlebten sie als primitiv und abergläubisch, ungebildet und rückständig. Die Kirche wurde in ihrer Sicht zum Hort des Alten und Überholten. Sich selbst sah der Bürger als Agenten einer neuen Zeit des Fortschritts, die von Rationalität und Naturbeherrschung, Freiheit und globaler Zivilisierung geprägt war.</p>
<p>Dass die rückständige Kirche das Recht haben sollte, ihm in seine Geschäfts- und Lebensführung hineinzureden, erschien dem Bürger absurd und anmaßend. Die Kirchen wiederum verstanden die neue Lebenseinstellung als frevlerischen Hochmut gegenüber der göttlichen Ordnung. Dass es sich dabei um eine unvermeidliche Gegenbewegung gegen die weltverneinende Spiritualisierung des Glaubens handelte, kam ihnen nicht in den Sinn.</p>
<p>Das Unverständnis wuchs auf beiden Seiten. Und weil die Bürger de facto der biblischen Schöpfungs- und Freiheitstheologie näher standen und so die Welt realistischer sahen als die feudalen Kirchen, setzten sie sich am Ende durch. Die französische Revolution machte nicht nur Schluss mit der Dominanz von Königtum, Adel und Kirche, sondern auch mit dem Leben vieler ihrer Vertreter. Bis heute stehen Religionen in Frankreich unter misstrauischer Beobachtung durch die Gesellschaft.</p>
<p>In Deutschland lief die Sache etwas anders. Das deutsche Bürgertum machte nur zaghafte und erfolglose Versuche zur Machtübernahme. Stattdessen ergab sich ein Arrangement, das die Dominanz der feudalen Klassen für lange Zeit festschrieb; sie endete im Grunde erst 1918. Bis dahin blieb auch die gesellschaftliche Stellung der Kirche unangetastet; aber die Zeit einer echten Herrschaft der Kirche über die Gesellschaft war schon lange vorbei. Privat rümpften viele Vertreter der Oberschichten die Nase über diese überholte Institution. Aber sie war willkommen als Verbündeter gegen die gottlose Sozialdemokratie. Deshalb entstanden z.B. in den neuen Arbeitervierteln Berlins die vielen großen Kirchen, deren Bau in den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg oft von Angehörigen des Hochadels initiiert wurde.</p>
<blockquote><p>Wieso bürgerliche Kirche die Finger lieber von der Politik lassen sollte, weshalb die Glaubenskrise zum neuzeitlichen Christentum gehört und warum Christen dauernd an Sex denken, <a href="https://www.walterfaerber.de/geschichte/kirche-im-buergerlichen-zeitalter/">erfahrt ihr im zweiten Teil der Reihe</a>.</p></blockquote>
<p><p class=“querbalken“>Alle Posts dieser Reihe:  | <a title=“Wie alles anfing“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/abschied-vom-buergerlichen-christentum/“>Teil 1</a> | <a title=“Kirche im bürgerlichen Zeitalter“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/kirche-im-buergerlichen-zeitalter/“>Teil 2</a> | <a title=“Die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/die-buergerliche-gefangenschaft-der-kirche/“>Teil 3</a> | <a title=“Nur das Kollektiv schreckt den Bürger“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/nur-das-kollektiv-schreckt-den-buerger/“>Teil 4</a> | <a title=“Selbstorganisation und Verbindlichkeit dritter Art“ href=“https://www.walterfaerber.de/geschichte/selbstorganisation-und-verbindlichkeit-dritter-art/“>Teil 5</a> |<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Geschichte des Westens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Jul 2012 12:36:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Moderne]]></category>
		<category><![CDATA[Spuren des Evangeliums]]></category>
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					<description><![CDATA[Rezension von Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fgeschichte-des-westens%2F&amp;action_name=Geschichte%20des%20Westens&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" src="http://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2012/07/9783406592355.jpg" alt="Cover &quot;Geschichte des Westens I&quot;" width="157" height="250" class="alignleft size-full wp-image-2281" /></p>
<p>Der Historiker Heinrich August Winkler hat ein monumentales Werk geschrieben: &#8222;Geschichte des Westens&#8220;. &nbsp;2009 ist der erste Band erschienen, im Herbst 2011 der zweite (den ich noch nicht gelesen habe). Zwei Bände im 1350 Seiten-Format. Der erste reicht bis 1914, der zweite bis 1945. Ein dritter, der die Gegenwart erreichen soll, ist in Arbeit. Warum sollte man dieses&nbsp;Werk im christlichen Kontext zur Kenntnis nehmen?</p>
<p>Winkler sieht den &#8222;Westen&#8220; als Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alte Wertegemeinschaft, die mit den Ideen von 1776 und 1789 (also den Menschenrechten) ihren Maßstab formulierte, an dem sie sich seither messen lassen muss. Winkler beschreibt einerseits die langwierige Entstehung dieses Projekts, andererseits die Ungleichzeitigkeit seiner Verwirklichung und die Widersprüche zwischen dem Anspruch des Projektes und seiner Praxis.</p>
<p>Besonders interessant ist, dass Winkler den Ursprung des Westens im jüdischen Monotheismus sieht, der dann über das Christentum weltgeschichtlich wirksam wurde. Entscheidend ist für Winkler dabei die Trennung von weltlicher und göttlicher Sphäre, die er im Wort Jesu &#8222;Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist&#8220; ausgedrückt findet. Aus diesem Keim der Trennung von politischer und geistlicher Gewalt wächst nach Winkler binnen 1000 Jahren in der westlichen Christenheit der Dualismus von Kirche und Reich, Papst und Kaiser. Durch dieses spannungsvolle Mit- und Gegeneinander wird die Macht beider begrenzt. Dadurch entsteht ein Freiraum, in dem nach und nach eine Pluralität unabhängiger Akteure möglich wird: verschiedene Territorialherrschaften, Stände, Nationalitäten, schließlich Gewaltenteilung.</p>
<p>Winkler sieht das Spezifikum Europas in diesem Grundzug der Pluralität, der Machtmonopole verhütet und damit Freiheit ermöglicht. Wie diese Freiheit im Lauf der europäischen (und ab dem 18. Jahrhundert auch der amerikanischen) Geschichte zu sich selbst fand, beschreibt er im ersten Band seines Werkes; wie sie sich unter Aufbietung aller Kräfte gegen den vor allem deutschen Angriff 1914-1945 zur Wehr setzte, im zweiten.</p>
<p>Als Theologe mag einem die Herleitung der christlichen Wurzeln dieser Freiheit bei Winkler ein wenig zu mager erscheinen; dass Winkler sich theologisch vor allem auf Bultmann, Freud und ein einziges Jesuswort stützt, zeigt, dass die historische Theologie nicht zu seinem Fachgebiet zählt. Dennoch hat er eine bemerkenswert tragfähige Linie von der Freiheit des Evangeliums zur Freiheit des Westens gezogen. Nicht zuletzt bemerkenswert ist dabei die Parallele, dass beide sich immer wieder in Widersprüche zwischen Projekt und Praxis verstricken und darüber ins Stolpern geraten.</p>
<p>Von einer leicht veränderten theologischen Position aus könnte man es so formulieren: nachdem erst einmal der Gott Israels und sein Wort in der Welt waren, erwächst den Mächten dieser Welt ein ernsthafter Gegenspieler, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen. Wenn das gut läuft, entstehen daraus Gewaltenteilung, Menschenrechte und mannigfaltige zivilisatorische Errungenschaften. Aber niemand denke, dass solche Errungenschaften ein für alle Mal gesichert sind. Der Kampf ist noch nicht zu Ende.</p>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Das Emergent Forum 2010 und Karl der Große</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 21 Nov 2010 07:39:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Emergentes]]></category>
		<category><![CDATA[Erlebtes]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA["Christentum"/Christendom]]></category>
		<category><![CDATA[Emergent Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Missionales]]></category>
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					<description><![CDATA[Kirchengeschichte praktisch<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Femergentes%2Fdas-emergent-forum-ef10-und-karl-der-grose%2F&amp;action_name=Das%20Emergent%20Forum%202010%20und%20Karl%20der%20Gro%C3%9Fe&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" style="width: 300px;float: left;margin-right: 10px" src="http://tiefebene.files.wordpress.com/2010/11/dsc_0001.jpg" alt="Deutschlandkarte Emergent Forum" />Leider habe ich beim Emergent Forum in Essen die Deutschlandkarte mit den Heimatorten der Teilnehmer zu früh fotografiert &#8211; im Laufe des Tages ist der hier beschriebene Effekt noch deutlicher geworden. Aber auch auf diesem Bild ist er schon zu erkennen: die Herkunftsverteilung spiegelt in etwa die Missionssituation auf dem Gebiet des späteren Deutschland um etwa 800 (Kaiserkrönung Karls des Großen).</p>
<p>Im Einzelnen: Gut bestückt ist die Rheinschiene. Das ist alter christlicher Boden noch aus der Zeit des Imperium Romanum. Auch im Süden ist das Christentum seit alters hinter dem schützenden Limes früh verankert gewesen; die Missionstätigkeiten der irischen Mönche (Columban, Gallus) haben es nach der Völkerwanderung wieder neu aktiviert. In der Mitte Deutschlands (Hessen von Frankfurt bis Kassel) hat Bonifatius schon sein Werk getan. Von dort aus wird auch Thüringen beeinflusst.<br />
Spärlich hingegen sind der Norden und Osten christianisiert. Einzelne frühe Missionsstützpunkte (Hamburg, Bremen) liegen ziemlich verloren im heidnischen Gebiet. Auch in Ostfriesland hat sich der neue Glaube noch nicht so richtig durchgesetzt; das Blut des Bonifatius und seiner Mitstreiter wird erst später den Boden dort fruchtbar machen.</p>
<p>Eine relativ starke christliche Zusammenballung ist im Ruhrgebiet zu erkennen; von dort aus startete die fränkische Initiative gegen die heidnischen Sachsen. Wir stehen also an einem Scheidepunkt: sollen die Sachsen und die anderen Ostlinge mit Feuer und Schwert bekehrt werden, wie es ab 800 Karl der Große im Sachsenkrieg versuchte &#8211; oder werden wir diesmal andere Wege finden?<!-- /wp:post-content --></p>
<img decoding="async" src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Femergentes%2Fdas-emergent-forum-ef10-und-karl-der-grose%2F&amp;action_name=Das%20Emergent%20Forum%202010%20und%20Karl%20der%20Gro%C3%9Fe&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></content:encoded>
					
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		<item>
		<title>Dietrich Bonhoeffer: Entdecker, Erneuerer, Kämpfer</title>
		<link>https://www.walterfaerber.de/predigten/dietrich-bonhoeffer-entdecker-erneuerer-kaempfer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Feb 2006 15:42:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.walterfaerber.de/?page_id=9361</guid>

					<description><![CDATA[Predigt im Besonderen Gottesdienst am 26. Februar 2006 über Dietrich Bonhoeffer<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Fdietrich-bonhoeffer-entdecker-erneuerer-kaempfer%2F&amp;action_name=Dietrich%20Bonhoeffer%3A%20Entdecker%2C%20Erneuerer%2C%20K%C3%A4mpfer&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div id="predigt">
<img decoding="async" style="float:none;" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/gd2006-02-26-Bonhoeffer.jpg" alt="" width="555" height="474" class="alignleft size-full wp-image-9366" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/gd2006-02-26-Bonhoeffer.jpg 555w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/gd2006-02-26-Bonhoeffer-300x256.jpg 300w" sizes="(max-width: 555px) 100vw, 555px" /></p>
<p>Nach zehn Jahren Erfahrung mit dem Nationalsozialismus schreibt Dietrich Bonhoeffer zum Jahresende 1942 für sich selbst und für einige vertraute Freunde einen Rückblick auf das, was sie gemeinsam in dieser Zeit gelernt haben. Er schreibt:</p>
<div id="bibeltext">
<p>
Wer hält stand?<br />
Die große Maskerade des Bösen hat alle ethischen Begriffe durcheinandergewirbelt. Dass das Böse in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich Notwendigen, des sozial Gerechten erscheint, ist für den aus unserer tradierten ethischen Begriffswelt Kommenden schlechthin verwirrend; für den Christen, der aus der Bibel lebt, ist es gerade die Bestätigung der abgründigen Bosheit des Bösen. &#8230;<br />
Wer hält stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein gewissen, seine Freiheit, seine Tugend der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Frage und Ruf. Wo sind diese Verantwortlichen?
</p>
</div>
<p>Wer h&auml;lt stand? Das war die Frage, mit der sich Dietrich<br />
            Bonhoeffer auf vielen Stationen seines Lebens besch&auml;ftigt hat. Er<br />
            hatte schon fr&uuml;h den verbrecherischen Charakter des Nationalsozialismus<br />
            erkannt, als andere Kirchenm&auml;nner politisch durchaus mit Hitler<br />
            sympathisierten. Er hatte schon fr&uuml;h gesehen, dass die Kirche dem<br />
            Judenhass Hitlers in aller Klarheit widersprechen musste.  </p>
<p>Bonhoeffer ist zuerst ein Entdecker gewesen, der in seinem liberalen<br />
            Elternhaus fr&uuml;h die Frage nach Gott gestellt hat und diese Frage<br />
            dann in seinem Studium weiter f&uuml;r sich gekl&auml;rt hat. Die Begegnung<br />
            mit dem Nationalsozialismus aktivierte in ihm das Beste aus den<br />
            beiden Traditionen, in denen er stand: die geistige Freiheit des<br />
            liberalen B&uuml;rgertums einerseits und die Bibel andererseits. Er hat<br />
            sein Leben lang versucht, diese beiden Welten zusammenzubringen.</p>
<p>Vom Entdecker wurde er zum Erneuerer: er machte sich von da an<br />
            auch ganz praktisch auf die Suche nach Grundlagen, von denen aus<br />
            dem Nationalsozialismus zu widerstehen war. Er erlebte, wie Menschen<br />
            Hitler zufielen, weil sie in ihrem Denken kein Widerstandspotential<br />
            gegen ihn hatten. Und er dachte dar&uuml;ber nach, was f&uuml;r einen Grundansatz<br />
            Menschen brauchen, damit sie unabh&auml;ngig bleiben und widerstehen<br />
            k&ouml;nnen. Wie muss man denken, um in solch einer Situation standzuhalten?</p>
<p>Bonhoeffers erste praktische Antwort darauf lautete: Wir brauchen<br />
            eine neue Art von Kirche, die Menschen so in Gott verankert, dass<br />
            sie resistent werden gegen den Sog des Nationalsozialismus, Menschen<br />
            mit klarem Widerstandspotential. Er bekam die Gelegenheit, diese<br />
            neue Kirche experimentell zu erproben, als er die Leitung des Predigerseminars<br />
            der Bekennenden Kirche in Finkenwalde &uuml;bernahm. Von 1935 bis 1940<br />
            hat er junge Theologen der Bekennenden Kirche auf ihre Aufgaben<br />
            als Pfarrer vorbereitet. Zuerst im Predigerseminar, das bald verboten<br />
            wurde, aber illegal noch einige Zeit weiterbestand. Und als die<br />
            Gestapo 1937 das Predigerseminar schloss, da gab es noch bis 1940<br />
            ein improvisiertes Sammelvikariat. Damals hat er junge Theologen<br />
            auf eine unsichere Zukunft vorbereitet, denn sie wussten nicht,<br />
            ob sie jemals eine sichere Pfarrstelle bekommen w&uuml;rden, oder ob<br />
            sie nicht vielleicht nur im Untergrund als Pastoren t&auml;tig sein w&uuml;rden.<br />
            Zu dem R&uuml;stzeug, das er ihnen mitgab, geh&ouml;rte die praktische Erfahrung<br />
            einer geistlichen Gemeinschaft. Unter seiner Leitung entstand so<br />
            etwas wie ein geistliches Kraftzentrum. Die jungen Theologen lernten,<br />
            regelm&auml;&szlig;ig eine Meditationszeit mit der Bibel zu verbringen und<br />
            in verbindlicher geistlicher Gemeinschaft zu leben. Dazu legte Bonhoeffer<br />
            ihnen die Bergpredigt als Regel f&uuml;r das Zusammenleben aus. Daraus<br />
            entstand sein Buch &#8222;Nachfolge&#8220;.</p>
<p>In diesem Buch findet sich der Begriff der &#8222;billigen Gnade&#8220;:<br />
            eine Gnade, die Menschen zugesprochen wird, ohne dass ihnen auch<br />
            die Notwendigkeit der Umkehr und der Erneuerung des Lebens erm&ouml;glicht<br />
            und abverlangt wird. Und er schreibt: <b>&#8222;Billige Gnade ist der<br />
            Todfeind unserer Kirche.&#8220;</b> Dagegen entwarf er eine Lebensgestaltung<br />
            aus der Bergpredigt heraus.</p>
<p>Er schrieb damals an seinen Bruder: <b>&#8222;In der Bergpredigt sitzt<br />
            die einzige Kraftquelle, die den ganzen Zauber und Spuk einmal in<br />
            die Luft sprengen kann.&#8220;</b> Also auch da wieder die Frage: wo sitzt<br />
            die Kraftquelle, die dem Nationalsozialismus ein Ende bereiten kann?<br />
            Und Bonhoeffer f&auml;hrt fort: <b>&#8222;Die Restauration </b>(also die Wiederherstellung)<b><br />
            der Kirche kommt gewiss aus einer Art neuen M&ouml;nchtums, das mit dem<br />
            alten aber nur die Kompromisslosigkeit eines Lebens nach der Bergpredigt<br />
            in der Nachfolge Christi gemeinsam hat. Ich glaube, es ist an der<br />
            Zeit, hierf&uuml;r die Menschen einzusammeln.&#8220;</b> Das war seine Hoffnung,<br />
            eine Gruppe von Menschen zu sammeln, die mit ihrer Radikalit&auml;t eines<br />
            Lebens in der Nachfolge Jesu Ausstrahlung in die gesamte Kirche<br />
            hinein hatte.</p>
<p>Aber man muss sagen, dass der Krieg seine Hoffnungen in dieser<br />
            Richtung sehr begrenzt hat: viele seiner jungen Theologen wurden<br />
            bei Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen, viele sind gefallen.<br />
            Aber Bonhoeffer hat aufgrund der Erfahrungen mit dieser Kommunit&auml;t<br />
            im Predigerseminar Finkenwalde das Buch &#8222;Gemeinsames Leben&#8220; geschrieben:<br />
            ein Buch, das bis heute Menschen inspiriert und anleitet.</p>
<p>Noch viel sp&auml;ter, als er schon l&auml;ngst verhaftet war, hat er weiter<br />
            &uuml;berlegt, wie eine Kirche aussehen m&uuml;sste, die eine wirkliche geistliche<br />
            Macht sein und der Barbarei des Dritten Reiches widerstehen k&ouml;nnte.<br />
            Und er hat damals geschrieben: </p>
<p><b>&#8222;Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie f&uuml;r andere da ist. Um<br />
            einen Anfang zu machen, muss sie alles Eigentum den Notleidenden<br />
            schenken. Die Pfarrer m&uuml;ssen ausschlie&szlig;lich von den freiwilligen<br />
            Gaben der Gemeinden leben, evtl. einen weltlichen Beruf aus&uuml;ben.<br />
            <br />Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens<br />
            teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muss<br />
            den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist,<br />
            was es hei&szlig;t, &quot;f&uuml;r andere dazusein&quot;.&#8220;</b></p>
<p>Diese Vision einer &#8222;Kirche f&uuml;r andere&#8220; ist beim Neuanfang der<br />
            evangelischen Kirche nach dem Kriege f&uuml;r viele leitend geworden.<br />
            Wirklich umgesetzt worden ist sie nicht &#8211; sie wartet noch auf ihre<br />
            Verwirklichung.</p>
<p>Schlie&szlig;lich, als ihm seine Kirche nicht folgte auf den radikalen<br />
            Wegen, die er ging, wurde er mit wenigen guten Freunden zusammen<br />
            zum Verschw&ouml;rer. Er wurde zum K&auml;mpfer, zum Widerstandsk&auml;mpfer. Ein<br />
            Kreis von hohen Beamten, Offizieren und Politikern plante ein Attentat<br />
            auf Hitler. Als es 1944 misslang, fielen Tausende der Rache der<br />
            Gestapo zum Opfer, auch viele Menschen aus Bonhoeffers Verwandtschaft.
            </p>
<p>Bonhoeffer hat stets darauf bestanden, dass dies seine christliche<br />
            Entscheidung war, dass dies alles gewachsen war aus seiner Verwurzelung<br />
            in der Bibel. Er lebte von der Bibel, er war verwurzelt im Positiven<br />
            der Bibel, er strahlte Freude und Begeisterung aus und beeindruckte<br />
            damit die Menschen. Es war seine Antwort auf die Frage: &#8222;Wer h&auml;lt<br />
            stand?&#8220; Derjenige, der in Gott verankert ist, auf seine Stimme h&ouml;rt,<br />
            sich von ihm mit Freude f&uuml;llen l&auml;sst und so immer wieder seine Unabh&auml;ngigkeit<br />
            gewinnt. </p>
<p>Sp&auml;testens seit dem Beginn des zweiten Weltkrieges lebte Bonhoeffer<br />
            im Horizont des Todes. Das brachte die Verschw&ouml;rung mit sich. Und<br />
            in dieser Gemeinschaft der Verschw&ouml;rer fand er etwas, was er so<br />
            vielleicht auch in der geistlichen Gemeinschaft des Predigerseminars<br />
            nicht gefunden hatte: Menschen, die sein tiefstes Anliegen &#8211; die<br />
            Befreiung seines Volkes von dem nationalsozialistischen Joch &#8211; teilten.<br />
            Immer wieder klingt Kritik auf an denen, die sich in frommer Weltflucht<br />
            der Verantwortung f&uuml;r die kommende Generation entziehen, oder die<br />
            es f&uuml;r unfromm halten, f&uuml;r eine bessere irdische Zukunft zu abreiten.<br />
            <b>&#8222;Mag sein&#8220;</b> schrieb er, <b>&#8222;dass der J&uuml;ngste Tag morgen anbricht,<br />
            dann wollen wir gerne die Arbeit f&uuml;r eine bessere Zukunft aus der<br />
            Hand legen &#8211; vorher aber nicht.&#8220; </b></p>
<p>So lebte er in seinen letzten Jahren mit der Ahnung, dass er<br />
            das Kriegsende und die Befreiung Deutschlands nicht erleben werde.<br />
            Aber gleichzeitig verlobte er sich und schrieb Skizzen f&uuml;r eine<br />
            neue Kirche, die bis heute aktuell sind, und auf deren Verwirklichung<br />
            wir immer noch warten. Er stie&szlig; auf Menschen, die sich nicht als<br />
            Christen bezeichnet h&auml;tten, die aber durch den Gang der Ereignisse<br />
            (und vielleicht auch durch die Begegnung mit ihm) Zugang fanden<br />
            zu l&auml;ngst versch&uuml;tteten christlichen Wurzeln. </p>
<p>Er schreibt: <b>&#8222;Andere Zeiten erlebten es, dass die B&ouml;sen zu<br />
            Christus fanden und die Guten ihm fern blieben. Wir erleben es,<br />
            dass die Guten Christus finden und die B&ouml;sen sich gegen ihn verstocken.<br />
            Andere Zeiten konnten predigen: ehe du nicht ein S&uuml;nder geworden<br />
            bist wie dieser Z&ouml;llner und diese Dirne, kannst du Christus nicht<br />
            erkennen und finden. Wir m&uuml;ssten eher sagen: ehe du nicht ein Gerechter<br />
            geworden bist wie diese um Recht, Wahrheit, Menschlichkeit K&auml;mpfenden<br />
            und Leidenden, kannst du Christus nicht erkennen und finden.&#8220;</b></p>
<p>D.h., wer sich nicht am politischen Widerstandskampf beteiligt,<br />
            dem bleibt Christus fremd. Das ist die politische Zuspitzung der<br />
            Lehre von der teuren Gnade: nur wo Umkehr und Lebenserneuerung ist,<br />
            nur dort versteht man &uuml;berhaupt, wer Jesus ist. Ohne Nachfolge hat<br />
            man nur ein Zerrbild von Christus.</p>
<p>Diese Verbindung der kl&ouml;sterlichen Gemeinschaft im Predigerseminar<br />
            in Finkenwalde mit der politischen Praxis des deutschen Widerstandes<br />
            &#8211; diese Verbindung hat es damals nur in der Person Bonhoeffers und<br />
            einiger weniger Mitstreiter gegeben. Daf&uuml;r hat Bonhoeffer in seinen<br />
            letzten Jahren Wege skizziert, die bis heute noch nicht auf breiter<br />
            Front gegangen worden sind. Diese Verbindung war seine endg&uuml;ltige<br />
            Antwort auf die Frage &#8222;Wer h&auml;lt stand?&#8220;. In diesem Sinn hat sich<br />
            Bonhoeffer noch in seinen letzten Tagen mit dem Neffen des russischen<br />
            Kommunisten Molotow angefreundet, einem Atheisten, den er in der<br />
            Haft traf, und hat auf dessen Bitte seine letzte Andacht gehalten.<br />
            H&auml;tte es f&uuml;r diese Antwort Bonhoeffers auf die Frage nach dem Standhalten<br />
            eine breite Basis in Deutschland gegeben, dann h&auml;tte Hitler nicht<br />
            so einfach seine Zerst&ouml;rungen anrichten k&ouml;nnen. </p>
<p>Aber so blieb Bonhoeffer am Ende nur noch, mit dem Zeugnis seines<br />
            Lebens seinen Weg, seine Entw&uuml;rfe, seine Vision zu bekr&auml;ftigen.<br />
            In einem Gedicht &uuml;ber Mose, der das Gelobte Land nur von Ferne sehen<br />
            kann, aber selbst nicht hineinkommt, hat er wohl von sich selbst<br />
            gesprochen.</p>
<p>Seine Ahnung hat ihn nicht getrogen. Aber sein Wunsch, der Tod<br />
            m&ouml;ge ihn nicht zuf&auml;llig, nicht Abseits vom Wesentlichen treffen,<br />
            dieser Wunsch ist in Erf&uuml;llung gegangen. Wir haben es eben geh&ouml;rt,<br />
            was er zwei Jahre vor seinem Tod geschrieben hat: <b>&#8222;Nicht die<br />
            &auml;u&szlig;eren Umst&auml;nde, sondern wir selbst werden es sein, die unseren<br />
            Tod zu dem machen, was er sein kann, zum Tod in freiwilliger Einwilligung.&#8220;</b><br />
            So ist es gekommen. Als die SS kam, um ihn aus dem Kreis der anderen<br />
            zu holen, sagte er zu einem Mitgefangenen: &#8222;Das ist das Ende, f&uuml;r<br />
            mich aber der Beginn des Lebens&#8220;. </p>
<p>Einer der letzten, die ihn noch gesehen haben, war der Lagerarzt<br />
            von Flossenb&uuml;rg. Er schrieb sp&auml;ter: <b>&#8222;Durch die halbge&ouml;ffnete<br />
            T&uuml;r eines Zimmers im Barackenbau sah ich vor Ablegung der H&auml;ftlingskleidung<br />
            Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien. Die<br />
            hingebungsvolle und erh&ouml;rungsgewisse Art des Gebetes dieses au&szlig;erordentlich<br />
            sympathischen Mannes hat mich aufs Tiefste ersch&uuml;ttert. Auch an<br />
            der Richtst&auml;tte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und<br />
            bestieg dann mutig und gefasst die Treppe zum Galgen. Der Tod erfolgte<br />
            nach wenigen Sekunden. Ich habe in meiner fast 50j&auml;hrigen &auml;rztlichen<br />
            T&auml;tigkeit kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen.&#8220;</b>
</div>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Der Sachsenkrieg Karls des Großen und die Folgen</title>
		<link>https://www.walterfaerber.de/predigten/lukas09_51-56-der-sachsenkrieg-karls-des-grossen-und-die-folgen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Jan 2005 15:42:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.walterfaerber.de/?page_id=9679</guid>

					<description><![CDATA[Predigt am 23. Januar 2005 mit Lukas 9,51-56 (Wie die Deutschen Christen wurden III)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Flukas09_51-56-der-sachsenkrieg-karls-des-grossen-und-die-folgen%2F&amp;action_name=Der%20Sachsenkrieg%20Karls%20des%20Gro%C3%9Fen%20und%20die%20Folgen&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class=einleitung>Die Gestalt, in der wir das Christentum kennengelernt haben, ist entscheidend durch die Geschichte der Christianisierung Europas geformt worden. Selbst in Deutschland sind bis heute Unterschiede spürbar, die aus dieser weit zurückliegenden Zeit stammen. Vor allem aber ist die Zeit der Christianisierung eine Epoche, in der man gut beobachten kann, was das Evangelium vorantreibt und wodurch es behindert oder gebremst wird. Ich habe deshalb 2005 dazu eine Reihe von 3 Gottesdiensten gehalten: </p>
<ul>
<li><a href="https://www.walterfaerber.de/predigten/die-dunklen-jahre-und-die-mission-der-iren/" rel="noopener" target="_blank">Die dunklen Jahre und die Mission der Iren</a></li>
<li><a href="https://www.walterfaerber.de/predigten/bonifatius-und-die-organisation-der-deutschen-kirche/" rel="noopener" target="_blank">Bonifatius und die Organisation der deutschen Kirche</a></li>
<li>Der Sachsenkrieg Karls des Großen und die Folgen</li>
</ul>
</div>
<div id=bibeltext>
<p>51 Als die von Gott bestimmte Zeit da war und der Tag näher kam, an dem Jesus in den Himmel aufgenommen werden sollte, machte er sich stark und fasste den Entschluss, nach Jerusalem zu gehen. 52 Jesus schickte Boten vor sich her. Die kamen in ein Dorf in Samarien und wollten eine Unterkunft für ihn bereitmachen. 53 Aber die Dorfbewohner weigerten sich, Jesus aufzunehmen, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war. 54 Als seine Jünger Jakobus und Johannes das hörten, sagten sie zu Jesus: »Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet?« 55 Jesus wandte sich nach ihnen um und wies sie zurecht. 56 So zogen sie in ein anderes Dorf.</p></div>
<div id="predigt">
<p>Aus der Zeit, in der die Deutschen Christen wurden, gibt es vor allem zwei Ereignisse, die verhältnismäßig vielen Menschen noch irgendwie bekannt sind: das ist einmal die Geschichte, wie Bonifatius die Donar-Eiche im hessischen Geismar fällt &#8211; von Bonifatius habe ich am letzten Sonntag erzählt. Das andere Ereignis liegt uns geografisch näher. Die Geschichte ist aber viel trauriger, und es ist kein Zufall, dass sie bekannt ist. Denn in dieser Geschichte ist wie in einem Bild etwas eingefangen von dem traurigen Erstkontakt zwischen dem Christentum und den Sachsen, die damals hier in unserer Gegend wohnten. Im Jahre 782 ließ Karl der Große bei Verden an der Aller 4500 Sachsen hinrichten. Wohlgemerkt, es war keine Kampfhandlung im Krieg, sondern 4500 Gefangene, die keine Waffen trugen, wurden an einem Tag &#8211; ja, man muss wohl sagen: abgeschlachtet. Das sind mehr Menschen, als 2001 bei dem Anschlag auf das World Trade Center starben. Aber damals gab es ja viel weniger Menschen. Wahrscheinlich hat damals so ziemlich jede sächsische Sippe mindestens ein Opfer zu beklagen gehabt.</p>
<p>Wie ist es zu diesem schrecklichen Töten gekommen?<br />
<figure id="attachment_9659" aria-describedby="caption-attachment-9659" style="width: 695px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/karl-der-grosse-karte_jpg-e1629134854345.jpg" alt="Das Frankenreich beim Tode Karls des Großen 814" width="695" height="573" class="size-full wp-image-9659" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/karl-der-grosse-karte_jpg-e1629134854345.jpg 695w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/karl-der-grosse-karte_jpg-e1629134854345-300x247.jpg 300w" sizes="(max-width: 695px) 100vw, 695px" /><figcaption id="caption-attachment-9659" class="wp-caption-text">Das Frankenreich beim Tode Karls des Großen 814</figcaption></figure></p>
<p>Das Reich der Franken war nach und nach zur entscheidenden Großmacht in Westeuropa geworden. Es reichte von der spanischen Grenze im Südwesten bis zu den Alpen, es umfasste das heutige Frankreich, die Schweiz und Teile Österreichs, Süddeutschland, auch Hessen und Thüringen, aber hier im Norden gehörten die Friesen und die Sachsen nicht dazu. Sie widersetzten sich beharrlich der Expansion des fränkischen Reiches und dem Christentum &#8211; und wahrscheinlich war aus ihrer Sicht zwischen beiden kein großer Unterschied.</p>
<p>Viele Jahre lang gab es an der sächsisch-fränkischen Grenze Überfälle, Scharmützel, Raub und Brandschatzung. So ging das bis in die Zeit von Karl dem Großen. Er wurde 768 gemeinsam mit seinem Bruder fränkischer König. Er hatte zunächst in Südfrankreich mit abtrünnigen Lehensherren zu kämpfen. 772 wurde er nach dem Tod seines Bruders alleiniger Herrscher über das ganze Frankenreich. Und sogleich begann er einen Feldzug gegen die Sachsen an der nordöstlichen Grenze des Reiches.</p>
<p><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/karolingische_reiterei.jpg" alt="" width="338" height="406" class="alignleft size-full wp-image-9660" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/karolingische_reiterei.jpg 338w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/karolingische_reiterei-250x300.jpg 250w" sizes="(max-width: 338px) 100vw, 338px" />Damit beginnt ein dreißigjähriger Krieg, der ungefähr nach folgendem Schema abläuft: Die Franken marschieren ins Sachsenland ein, sie besiegen die sächsischen Truppen, die Sachsen schließen Frieden. Karl zieht sich mit seinem Heer zurück, aber sobald er an einer der anderen Grenzen seines Reiches beschäftigt ist, machen die Sachsen wieder einen Aufstand. Sie zerstören christliche Kirchen und Klöster, sie belagern sächsische Burgen und nehmen sie manchmal ein, und sie dringen auch tief ins Frankenreich ein, einmal sogar bis zum Rhein. Und dann gibt es wieder fränkische Vergeltungsangriffe, Karl marschiert ins ins sächsische Territorium ein, seinem Heer können die Sachsen nichts entgegensetzen, aber sobald er wieder weg ist, geht es von vorne los. Nach zehn Jahren ist die Verbitterung auf beiden Seiten immer größer geworden: die Franken halten die Sachsen für treulos und eidbrüchig, und die Sachsen sind durch all ihre Verluste und die Kriegszerstörungen nur noch erbitterter geworden. In dem jungen Adligen Widukind haben sie inzwischen auch einen anerkannten Führer. Seine Leute kämpfen nach Guerillataktik und verstecken sich in den Wäldern, wenn die fränkischen Truppen kommen.</p>
<p>Wahrscheinlich hat es auch bei den Sachsen Leute gegeben, die diesen Widerstand nicht mitgetragen haben. Der sächsische Adel z.B. hatte durchaus ein Interesse an Verbindungen zum fränkischen Reich, Interesse an seiner Kultur und wahrscheinlich auch Interesse an der neuen Weltreligion des Christentums. Es war ja nicht so, dass die Sachsen gar nichts davon wussten. Es gab Adelsgeschlechter, die sich durch Heirat mit den Franken verbunden hatten, und vielleicht hätten sie gar nicht so ungern im Heer des großen Königs mitgekämpft und Ruhm und Beute erworben. Wahrscheinlich waren es nur Teile des Adels und die kleinen Leute, die Mittel- und Unterschicht, die je länger, um so zäher an der alten Religion und der Sitte der Väter festhielten.</p>
<p>782, zehn Jahre nach Beginn des Krieges, nach einem großen sächsischen Aufstand, scheint sich Karl zu unnachgiebiger Härte entschlossen zu haben. Es kam zu der Massenhinrichtung von Verden an der Aller. Aber auch dieses Blutbad hat den Widerstandswillen nicht gebrochen, im Gegenteil, jetzt waren der Hass und die Erbitterung nur noch größer. Vergeltungsmaßnahmen machen normalerweise alles nur noch schlimmer, aber das haben viele bis heute nicht verstanden.</p>
<p>789 flammte der Aufstand wieder auf. Bischöfe und Priester wurden vertrieben oder getötet, Kirchen und Klöster niedergebrannt. Aber letztlich wurde der Krieg jetzt fast nur noch auf sächsischem Gebiet geführt, immer wieder werden die Dörfer zerstört und geplündert. Langsam gehen den Sachsen die Lebensmittel aus. Schließlich lässt Karl, der inzwischen zum Kaiser gekrönt ist, 10.000 Sachsen aus dem Elbegebiet nach West- und Süddeutschland sowie nach Frankreich umsiedeln, dort werden sie in kleinen Gruppen auf die Dörfer verteilt. Das war 804, und danach war Ruhe. Bei den Sachsen galt fränkisches Recht, und das Land wurde auf fränkische Weise verwaltet.</p>
<p><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/reich_karls_des_grossen.jpg" alt="" width="592" height="560" class="alignright size-full wp-image-9665" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/reich_karls_des_grossen.jpg 592w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/reich_karls_des_grossen-300x284.jpg 300w" sizes="(max-width: 592px) 100vw, 592px" />Man kann ein Volk besiegen, aber kein Friedensvertrag ist imstande, es zu gewinnen, wenn es nicht will. Es waren zuerst nur die sächsischen Adligen, die sich jetzt nach dem Ende der Kämpfe offen zu der neuen Religion des Christentums bekannten. Ob das persönliche Überzeugung war oder ob es da mehr um handfeste Vorteile ging, lässt sich heute nicht mehr genau sagen. Wahrscheinlich war es beides. Es kommt zu großen Schenkungen und Stiftungen, Klöster werden gebaut und Kirchen eingerichtet. Junge Sachsen werden zu Missionaren ausgebildet, damit die Sachsen durch ihre eigenen Leute für das Christentum gewonnen werden. Sächsische Adlige werden Bischöfe, im Kloster Corvey schreibt ein sächsischer Mönch die Geschichte seines Volkes auf. Jetzt soll nachgeholt werden, was vorher nicht gelungen ist: die Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen.</p>
<p>Aber was ist das für ein Unterschied im Vergleich etwa zur Mission in Süddeutschland oder gar zur Christenheit im Römischen Reich! In der frühen Christenheit im Römischen Reich gab es Gemeinden, die für ihren Glauben einstanden und trotz Bedrohung durch den Staat daran festhielten und zum Martyrium bereit waren. Die irischen Mönche kamen als kleine geistliche Gemeinschaften mit großer persönlicher und geistlicher Kraft auf den Kontinent. Bonifatius war eine Jahrhundertpersönlichkeit, die ihre Kraft &#8211; auch im Konflikt mit dem fränkischen Kaiser und seinen Bischöfen &#8211; aus dem Glauben zog. Er gründete immerhin noch seine Bistümer im Auftrag des Papstes, und dadurch kam es mindestens zu einem Gegenüber von Staat und Kirche.<br />
Aber in Sachsen war alles anders. Dort gründete Kaiser Karl, also der Staat, die Bistümer. Auf Karls Befehl wurde das Netz der fränkischen Kirchenverwaltung über das besiegte Land geworfen, die Sachsen wurden äußerlich in die Kirche eingefügt, aber sie waren nicht gewonnen. Christentum in Sachsen blieb vor allem eine Sache des Adels. Der Adel richtete auch die örtlichen Kirchen ein, die sogenannten »Eigenkirchen«, die dem örtlichen Grundherren gehörten, und wo er auch den Priester anstellte. So wurde das Christentum nicht zur Sache der Menschen, sondern es blieb etwas, das von oben aufgedrückt wurde, erst von den Feinden und dann von den eigenen Grundherren. Kirche nach Gutsherrenart sozusagen.</p>
<p><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/kirche1_jpg.jpg" alt="" width="294" height="206" class="alignleft size-full wp-image-9661" />Dazu kam noch das System der Pfründen und Domstifte: an den Bischofskirchen lebten die Domherren, die Priester der Zentralkirchen. Ihnen wurden Pfründen im Umland zugeteilt, Kirchenbezirke, von deren Einkünften sie lebten. Theoretisch mussten sie dafür dort die pastorale Versorgung sicherstellen, praktisch überließen sie das schlecht bezahlten, halbgebildeten Hilfsgeistlichen und strichen die Einkünfte trotzdem ein. Auf die Weise mussten die Gemeinden im Umland die Geistlichkeit der Bischofskirchen bezahlen, ohne dass sie einen Mehrwert dafür bekamen.</p>
<p>Kann man es den Sachsen verdenken, dass sie unter diesen Umständen Abstand vom Christentum hielten? Erst der Krieg mit all dem Blutvergießen, der Massenhinrichtung von Verden und den Deportationen. Dann das Christentum als eine Sache des Adels, für die man auch noch bezahlen musste, ohne viel dafür zu kriegen.</p>
<p>Im Lauf der Jahrhunderte ist natürlich viel getan worden, um den Sachsen die Kirche schmackhaft zu machen. Auch jetzt wurden wieder unter großer Anteilnahme der Bevölkerung Reliquien nach Niedersachsen überführt. Klöster wurden als Missionszentren gegründet, wenn auch wohl nicht so viele wie im Süden. Später kamen die Zisterzienser auch zu uns, eine geistliche Bewegung in den Klöstern, die da noch einmal einen mutigen Neuanfang machte.</p>
<p>Aber der Schaden war geschehen, und auch all diese nachträglichen Bemühungen haben nicht wirklich wiedergutmachen können, was am Anfang falsch gelaufen ist. Das ist wie beim Zuknöpfen: wenn du den ersten Knopf falsch knöpfst, dann stimmen alle weiteren nicht. Die erste Erfahrung, die ein Volk am Anfang seiner Begegnung mit dem Christentum gemacht hat, die bestimmt für lange Zeit seine religiöse Grundhaltung. Dieses Grundverständnis, was Christentum ist und was man von ihm erwarten kann, das wird weitergegeben durch alle Generationen. Und man kann es in der Regel nicht durch Worte und Erklärungen ändern, sondern da müssen erst ganz neue Erfahrungen gemacht werden, bevor es einen Neuanfang geben kann.</p>
<p>Und nach meinem Eindruck hat es den bis heute nicht wirklich gegeben. Bis heute ist in der Sicht vieler Menschen die Kirche nicht ihre eigene Sache: sie ist eine Behörde mit heute durchaus menschlichen Zügen, aber die Menschen haben innerlich Distanz dazu. Das ist gar kein böser Wille, sondern die Menschen können sich wirklich nicht vorstellen, dass die Gemeinde eine Gruppe von Menschen ist, die von Jesus begeistert sind, in seinem Namen leben und sein Leben und seine Freiheit weitergeben. Die Erfahrungen, die die Menschen mit der Kirche gemacht haben und das, was in der Bibel über die christliche Gemeinde zu lesen ist, das ist so ein Unterschied, das kriegen die Menschen in ihrem Kopf einfach nicht zusammen. Und man muss bedenken, dass in den ersten Jahrhunderten ja sowieso keiner die Bibel selbst lesen konnte, sondern die Menschen hörten das Evangelium nur gefiltert durch die kirchliche Tradition. Das änderte sich erst durch Martin Luther.</p>
<p>Aber selbst in der Reformationszeit, als ganz Deutschland sich leidenschaftlich in religiösen Fragen engagierte, ist es bei uns in Niedersachsen ziemlich ruhig geblieben. Natürlich hat es in den Jahrhunderten auch geistliche Aufbrüche gegeben. Aber es fällt auf, dass sie ziemlich begrenzt blieben, und sich in der Fläche nicht durchsetzen konnten.</p>
<p>Manchmal wurden sie auch von der Obrigkeit schnell wieder ausgelöscht. Die Obrigkeit hatte ja die Kirchen gegründet, und so übte sie auch die Kontrolle über die Kirchen aus und schritt ein, wenn es ihr zu lebendig wurde. Und die Kultur einer Behördenkirche breitete sich aus: mit Vorschriften und Genehmigungen, Kirchenaufsicht über die Pfarrer und Kontrollen, also mit Mechanismen und einer Mentalität, wie sie eben bei staatlichen Behörden üblich sind. Weil keine lebendigen Gemeinden da waren, trat an ihre Stelle die Behördenkirche. Und gleichzeitig verhinderte sie, dass lebendige Gemeinden entstehen konnten.</p>
<figure id="attachment_9666" aria-describedby="caption-attachment-9666" style="width: 267px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/reiterstandbild_karl_der_grosse.jpg" alt="" width="267" height="454" class="size-full wp-image-9666" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/reiterstandbild_karl_der_grosse.jpg 267w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/reiterstandbild_karl_der_grosse-176x300.jpg 176w" sizes="(max-width: 267px) 100vw, 267px" /><figcaption id="caption-attachment-9666" class="wp-caption-text">Reiterstandbild Karls des Großen</figcaption></figure>
<p>Ich habe am Anfang eine traurige Geschichte erzählt, und leider hat es auch weiterhin viele traurige Fortsetzungen gegeben. Der Sachsenkrieg Karls des Großen war der einzige große Krieg, den es in Deutschland zwischen Heidentum und Christentum gegeben hat. Aber an den Folgen leiden wir immer noch. Erinnern Sie sich an die Lesung vorhin? Jesus weist seine Jünger streng zurecht, als sie vorschlagen, man könnte doch mal auf das Dorf, wo sie nicht willkommen waren, Feuer vom Himmel fallen lassen. Jesus antwortet auf die Ablehnung in dem Samariterdorf ganz undramatisch: er geht einfach in ein anderes Dorf. Wenn Menschen noch nicht so weit sind, das Evangelium anzunehmen, dann muss man nicht kämpfen und erzwingen. Dann muss man einfach warten. Irgendwann wird es soweit sein, und bis dahin geht man eben zu anderen Menschen.</p>
<p>Aber staatliche Macht kann nie ein Weg sein, um das Christentum zu verbreiten. Es ist eine Versuchung, sich der Hilfe der Macht zu bedienen: würde das nicht die Gewinnung von Menschen erleichtern, und wäre es nicht toll, wenn man christliche Werte durch staatliches Gesetz in der Gesellschaft durchsetzen könnte? Aber wir sehen an Karl dem Großen, dass der langfristige Schaden viel zu groß ist. Wenn der erste Knopf falsch geknöpft wird, dann werden auch alle anderen falsch. Vielleicht müssen wir mit dem Zuknöpfen noch einmal ganz von vorn anfangen. Aber dann hoffentlich nicht nach der Methode Karl, sondern nach der Methode Jesu.</p></div>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Bonifatius und die Organisation der deutschen Kirche</title>
		<link>https://www.walterfaerber.de/predigten/bonifatius-und-die-organisation-der-deutschen-kirche/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Jan 2005 15:42:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
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					<description><![CDATA[Predigt am 16. Januar 2005 (Wie die Deutschen Christen wurden II)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Fbonifatius-und-die-organisation-der-deutschen-kirche%2F&amp;action_name=Bonifatius%20und%20die%20Organisation%20der%20deutschen%20Kirche&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class=einleitung>Die Gestalt, in der wir das Christentum kennengelernt haben, ist entscheidend durch die Geschichte der Christianisierung Europas geformt worden. Selbst in Deutschland sind bis heute Unterschiede spürbar, die aus dieser weit zurückliegenden Zeit stammen. Vor allem aber ist die Zeit der Christianisierung eine Epoche, in der man gut beobachten kann, was das Evangelium vorantreibt und wodurch es behindert oder gebremst wird. Ich habe deshalb 2005 dazu eine Reihe von 3 Gottesdiensten gehalten: </p>
<ul>
<li><a href="https://www.walterfaerber.de/predigten/die-dunklen-jahre-und-die-mission-der-iren/" rel="noopener" target="_blank">Die dunklen Jahre und die Mission der Iren</a></li>
<li>Bonifatius und die Organisation der deutschen Kirche</li>
<li><a href="https://www.walterfaerber.de/predigten/der-sachsenkrieg-karls-des-grossen-und-die-folgen/" rel="noopener" target="_blank">Der Sachsenkrieg Karls des Großen und die Folgen</a></li>
</ul>
</div>
<div id="predigt">
<p><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2021/08/img8.gif" alt="" width="365" height="398" class="alignright size-full wp-image-9656" />Im Jahre 723 versammelte sich eine große Menge von Menschen in Geismar in der Nähe der heutigen hessischen Stadt Fritzlar, südlich des heutigen Kassel, in der Nähe einer fränkischen Festung namens Buraburg. Dort befand sich ein heidnisches Heiligtum, das dem Gott Donar geweiht war. Im Zentrum dieses Heiligtum befand sich eine gewaltige Eiche, die Donar-Eiche. Es hatte sich herumgesprochen, dass der christliche Missionar Bonifatius diese Eiche fällen würde. Er war noch nicht lange im Land, er kam direkt aus Rom, hatte sich beim fränkischen König Karl Martell Rückendeckung geholt, und suchte nun im Lande der Hessen die Entscheidung: welcher Gott war mächtiger, Donar oder Christus? Motorsägen gab es damals noch nicht, und so hat es wahrscheinlich mehrere Stunden und viel Schweiß gekostet, bis unter den Axthieben der Mönche schließlich die Eiche fiel. In den Augen der Zuschauer war das die Entscheidung: der Gott hatte seine Eiche nicht schützen können, kein Blitzschlag traf die Baumfrevler, und so hatte der alte Götterglaube einen entscheidenden Schlag erlitten, von dem er sich nicht mehr erholte. Viele der Zuschauer wurden an diesem Tag getauft. Aus dem Holz der Eiche wurde eine kleine Kirche gebaut, und in Fritzlar wurde ein Kloster gegründet, von dem aus die Neubekehrten im christlichen Glauben unterwiesen wurden.</p>
<p>Bonifatius, der Leiter dieses ganzen Unternehmens, war damals etwa 50 Jahre alt. Er stammte aus England (also wieder einmal kommt ein entscheidender Einfluss für das Christentum in Mitteleuropa von den britischen Inseln), war seit seinem siebten Lebensjahr in einem Kloster erzogen worden und früh durch seine besondere Begabung aufgefallen. Er hatte eine glänzende Karriere als theologischer Lehrer vor sich, er hätte Abt seines Klosters werden können, aber er verzichtete darauf und wollte lieber als Missionar zu den heidnischen Friesen auf dem europäischen Kontinent gehen. 716 machte er mit einigen anderen Freunden einen ersten Versuch, aber der Moment war nicht günstig, sie scheiterten an der Feindseligkeit des friesischen Herzogs Radbod, der gerade Krieg mit den Franken führte. Bonifatius kehrte daraufhin noch einmal in seine Heimat zurück und reiste im folgenden Jahr nach Rom, um sich zunächst einmal die Unterstützung des Papstes zu sichern. Der beauftragte ihn offiziell mit der Mission unter den Heiden und mit der Reorganisation der Kirche. Bonifatius versuchte es noch einmal drei Jahre lang bei den Friesen und ging dann nach Hessen. In Friesland sowie in Hessen und Thüringen verlief damals die Grenze zwischen Christen und Heiden. 722 wurde er vom Papst zum Missionsbischof geweiht, damit konnte er Priester einsetzen. Der Frankenherrscher Karl Martell erkannte ihn an, und anschließend fiel die Donar-Eiche bei Geismar.</p>
<p>In Hessen verlief damals nicht nur die Grenze zum Heidentum, Hessen war auch der äußersten Rand des fränkischen Machtbereichs. Die Hessen hatten sich der fränkischen Oberherrschaft unterstellt, durften aber ihre inneren Angelegenheiten selbst regeln. Christliche Missionare hatten deshalb dort nicht um ihr Leben zu fürchten, aber die Menschen mussten eben erst gewonnen werden.</p>
<p>Eigentlich gab es dort schon Christen, aber sie übten oft gleichzeitig auch heidnische Kulte aus, Baum- und Quellenverehrung etwa. Es gab christliche Priester, die auch Wotan opferten. Fast niemand konnte lesen oder schreiben. Wenn Bonifatius ein Kloster gründete, dann wurden den Priestern und Mönchen dort zuerst einmal diese grundlegenden Kulturtechniken beigebracht. In den Klöstern wurden auch Bibelteile und liturgische Handbücher abgeschrieben, damit jede neugegründete Gemeinde wenigstens die wichtigsten Texte hatte.</p>
<p>Die Menschen lebten damals in einer von Furcht erfüllten Welt. Gegen Unglück, Krankheiten und Tod versuchen sie sich zu schützen durch Amulette und wundertätige Gegenstände. Sie ziehen Furchen um ihre Dörfer, um Unholde fernzuhalten, sie schnitzen Hände und Füße aus Holz als magische Mittel, sie lassen Hörner tönen, um das Böse fern zu halten. Wahrsager haben sie, die ihnen ihre Zukunft deuten aus toten Pferden und Vögeln, auch aus Stäben mit eingeritzten Runen, den Buch-Staben. Zaubertränke mischen sie. Mit Zaubersprüchen versuchen sie das Wetter zu ändern.</p>
<p>Immer wieder kämpfen Bonifatius und seine Mitarbeiter dagegen an. Immer wieder weisen sie darauf hin, dass man mit dem alten Aberglauben dem Teufel dient. Machterweise wie die Fällung der Eiche von Geismar sollen handgreiflich zeigen, dass Christus stärker ist als die Mächte des Bösen. Gegen die magischen Gegenstände, an denen die Menschen hängen, setzen die christlichen Missionare christliche Bedeutungsträger: Weihwasser zum Beispiel, oder das Chrisamöl (eine Mischung aus Olivenöl und dem Saft der Balsamstaude), das Bonifatius extra aus Rom geschickt wird. Dazu kommt der Duft des Weihrauchs, der die Germanen immer wieder beeindruckt. Vor allem spielen die Reliquien eine wichtige Rolle. Bonifatius hat aus Rom eine ganze Menge davon mitgebracht, und im Altar jeder neu erbauten Kirche wird ein kleines Stückchen eines Heiligen deponiert. Besonders der Apostel Petrus ist oft vertreten und verbindet die Menschen mit dem Papst, dem Nachfolger des Apostels Petrus.</p>
<p>Für uns heute, besonders als Protestanten, ist das ein merkwürdiges Denken: dass es besondere, heilige Dinge gibt, durch die man Gott besonders nahe ist, wenn man mit ihnen in enge Berührung kommt, wenn man z.B. mit Weihwasser besprengt wird. In der Bibel gibt es zwar die Geschichte, wie die Menschen Tücher, die Paulus auf dem Leib getragen hat, zu den Kranken bringen, so dass sie geheilt werden (Apg. 19,12). Und das geschieht ausgerechnet in Ephesus, einer Stadt, in der die Produktion magischer Gegenstände blüht. Aber das ist eine vereinzelte Geschichte. Sie steht ganz am Rande der biblischen Überlieferung. So hat Paulus normalerweise nicht gearbeitet. Im Erleben der germanischen Neubekehrten hatten solche heiligen Gegenstände aber eine große Bedeutung. Und eine ganze Menge Spuren davon findet man bis heute noch in der Volksfrömmigkeit.</p>
<p>Man kann sich den Unterschied vielleicht am Abendmahl deutlich machen: da gibt es ja im christlichen Glauben auch materielle Dinge, die eine besondere Bedeutung tragen, nämlich Brot und Wein. Aber es sind eben keine magischen Gegenstände, sondern sie sollen die Begegnung mit der Person Jesus Christus ermöglichen, und diese Beziehung ist das Entscheidende.</p>
<p>Vielleicht kann man es so sagen: Bonifatius hat sich sehr weit auf die germanische Weltsicht eingelassen. Das muss man auch in der Mission. Und in der Verehrung der Knochen von Heiligen spiegelt sich etwas davon wider, dass Gott sich mit Menschen verbindet, dass er kein abstraktes Prinzip ist, sondern eine Person, und zu jedem Menschen will er eine eigene Beziehung haben. Man könnte sagen: in der Reliquienverehrung zeigt sich der Wunsch, an dieser Großen Geschichte Gottes Anteil zu haben. Die Heiligen sind diejenigen, die zu dieser Geschichte dazugehören, und ich komme auch mit ihr in Berührung, wenn die Knochen der Heiligen in meiner Nähe sind.</p>
<p>Aber natürlich müsste man hier sagen: was suchst du den Lebendigen bei den Toten? Wir sollen selbst in die große Geschichte Gottes mit der Welt eintreten. Man kann nicht auf die Dauer nur auf dem Umweg über die Heiligen Anteil an Gottes Geschichte haben, als Trittbrettfahrer sozusagen. Nein, wir sollen selbst an dieser Geschichte teilnehmen.</p>
<p>Trotzdem war das bei Bonifatius eine andere Situation als 800 Jahre später bei Martin Luther, als sich um die Reliquien herum eine ganze Theologie entwickelt hatte und die Knochen von Heiligen auch materiell eine wichtige Einnahmequelle waren.</p>
<p>Bonifatius, der eigentlich mit Leib und Seele Missionar war, wurde je länger, je mehr zum fähigen Organisator der deutschen Kirche. Er sah genau, dass es nicht reicht zu bekehren und zu taufen. Die Menschen müssen weiter betreut werden, damit ihr Denken und ihr Lebenswandel nicht heidnisch bleibt. Deshalb arbeitete Bonifatius immer auch am Aufbau einer effektiven Organisation. Im Auftrag des Papstes ordnete er die kirchlichen Verhältnisse, zuerst in Hessen, dann in Thüringen. Schließlich machte der Papst ihn zum Erzbischof mit der Berechtigung, Bistümer einzurichten und Bischöfe zu weihen. Ab 739 organisierte er die bayerische Kirche, ab 741 die fränkische Reichskirche in den deutschen Gebieten. Und als er 753 ein letztes Mal zu den Friesen aufbrach, was tat er als erstes? Er ordnete die kirchlichen Verhältnisse.</p>
<p>Seine Prinzipien waren einfach: er sorgte für klare Zuständigkeiten, und er machte die Amtsträger dafür verantwortlich, dass sie ihre Aufgaben auch erfüllten. Aber in der Praxis bedeutete das immer wieder Kämpfe, Konflikte, Sorgen, Verhandlungen mit den weltlichen Machthabern und unzählige Briefe nach Rom an den Papst. Auf einem Treffen der Bischöfe, Concilium Germanicum genannt, setzte er zum Beispiel durch, dass Bischöfe und Priester keine Waffen tragen, keine Hunde und Falken halten und nicht zur Jagd gehen dürfen. Man merkt, da hat es offensichtlich Adlige gegeben, die mit einem kirchlichen Posten versorgt wurden und dann ihren alten Lebensstil einfach beibehielten. Solche Bischöfe übten dann auch schon mal Blutrache, oder sie hatten Kinder, denen sie die Bischofswürde vererbten wie andere einen Grafentitel. Kein Wunder, dass es Ärger gab, als Bonifatius diese Missstände abstellte. In einem Brief schreibt er, dass ihm die falschen Brüder viel mehr Probleme machen als die ärgsten Heiden.</p>
<p>Die fränkischen Herrscher waren kirchenfreundlich, aber sie kontrollierten auch die Kirche und machten sie zum Werkzeug ihrer Politik. Sie rissen sich kirchliche Besitztümer unter den Nagel und belohnten ihre Gefolgsleute mit kirchlichen Posten. Bonifatius stützte sich dagegen auf den Papst, um die Selbstständigkeit der Kirche zu sichern. Das bedeutete aber eben auch Abhängigkeit von römischen Entscheidungen. Und auch das ist bis heute geblieben.</p>
<p>Wenn Sie sich erinnern: der Streit darum, ob sich die katholische Kirche in Deutschland weiterhin in der Schwangerschaftskonfliktberatung engagieren soll, dieser Streit wurde vor einigen Jahren vom Papst entschieden, und zwar anscheinend gegen den Willen der Mehrheit der deutschen Bischöfe. Es geht mir nicht um den Inhalt dieser Entscheidung (der Papst ordnete ja den Ausstieg aus der Beratung an, damit die Kirche auf keinen Fall irgendwie Abtreibungen unterstützt), inhaltlich haben sicher beide Seiten ehrlich an ihre guten Argumente geglaubt. Aber dass in so einem Fall nicht die deutsche Kirche entscheidet, sondern ein Pole im fernen Rom, das will mir nicht in den Kopf.</p>
<p>Das ist eine Aufgabe, die bis heute nicht zu Ende gebracht ist: nicht staatliche Machthaber und nicht eine Kirchenorganisation sollen herrschen in der Kirche, sondern die mündige Gemeinde der Nachfolger Jesu. Und auf die warten wir immer noch.</p>
<p>Bonifatius war inzwischen alt geworden, über 70 war er jetzt. Er gründete das Kloster Fulda und machte seinen Lieblingsschüler Sturmius zum Abt. Noch einmal erreichte er beim Papst, dass dieses Kloster unabhängig von der Kirchenorganisation blieb und nur dem Papst direkt unterstellt wurde. Er bestimmte auch, dass er selbst in Fulda begraben werden wollte.</p>
<p>Dann machte er sich ein letztes Mal zu den Friesen auf, die knapp 40 Jahre vorher schon sein erstes Ziel auf dem Kontinent gewesen waren. In seinem Herzen war er eben doch Missionar geblieben. Der alte Friesenherzog Radbod war inzwischen tot, unbekehrt bis zuletzt, und jetzt erlebte Bonifatius noch, dass die Friesen sich dem Glauben zuwandten. Er konnte viele Menschen taufen. An dem Tag jedoch, an dem sie zur Firmung wiederkommen sollten, kamen stattdessen Räuber und überfielen das Lager der christlichen Missionare. Bonifatius forderte seine Gefährten auf, sich entsprechend dem Wort Jesu nicht zu wehren. So wurden sie alle getötet, am 5. Juni 754. Im vergangenen Jahr war das 1250 Jahre her.</p>
<p>Bonifatius wird »der Apostel der Deutschen« genannt. Er war sicher nicht der erste, der den späteren Deutschen das Evangelium brachte. Aber indem er die deutsche Kirche effektiv organisierte und sie zum Arbeiten brachte, hat er bei uns das Christentum unumkehrbar verankert, mindestens für 1250 Jahre.</p>
<p>Neben den Friesen waren jetzt nur noch die Sachsen unbekehrt, also unsere Gebiete hier. Es sollte noch fünfzig Jahre dauern, bis sich das änderte. Und das ist leider eine blutige und traurige Geschichte. Davon erzähle ich beim nächsten Mal.</p></div>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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