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	<title>Besonderer Gottesdienst &#8211; Walters Werkstatt: Theologie, Gesellschaft und Kirche</title>
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	<description>Texte aus der norddeutschen Tiefebene</description>
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	<title>Besonderer Gottesdienst &#8211; Walters Werkstatt: Theologie, Gesellschaft und Kirche</title>
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		<title>Seitenwechsel</title>
		<link>https://www.walterfaerber.de/predigten/markus14_01-11-seitenwechsel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Mar 2026 10:50:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besonderer Gottesdienst]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
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					<description><![CDATA[Predigt am 29. März 2026 zu Markus 14,1-11<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Fmarkus14_01-11-seitenwechsel%2F&amp;action_name=Seitenwechsel&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Eine weitere Predigt zum Text finden Sie <a href="https://www.walterfaerber.de/predigten/markus14_03-09-jesus-unter-emotionalen-analphabeten/">hier</a>.</p>
<div id="bibeltext">
<p>1 Es war zwei Tage vor dem Pascha und dem Fest der Ungesäuerten Brote. Die Hohepriester und die Schriftgelehrten suchten nach einer Möglichkeit, Jesus mit List in ihre Gewalt zu bringen, um ihn zu töten. 2 Sie sagten aber: Ja nicht am Fest, damit es im Volk keinen Aufruhr gibt!<br />
3 Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen zu Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echtem, kostbarem Nardenöl, zerbrach es und goss das Öl über sein Haupt. 4 Einige aber wurden unwillig und sagten zueinander: Wozu diese Verschwendung? 5 Man hätte das Öl um mehr als dreihundert Denare verkaufen und das Geld den Armen geben können. Und sie fuhren die Frau heftig an. 6 Jesus aber sagte: Hört auf! Warum lasst ihr sie nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn die Armen habt ihr immer bei euch und ihr könnt ihnen Gutes tun, sooft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht immer. 8 Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat im Voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt. 9 Amen, ich sage euch: Auf der ganzen Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man auch erzählen, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis.<br />
10 Judas Iskariot, einer der Zwölf, ging zu den Hohepriestern. Er wollte Jesus an sie ausliefern. 11 Als sie das hörten, freuten sie sich und versprachen, ihm Geld dafür zu geben. Von da an suchte er nach einer günstigen Gelegenheit, ihn auszuliefern.
</p></div>
<div id="predigt">
<figure id="attachment_11524" aria-describedby="caption-attachment-11524" style="width: 300px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/couleur-olive-oil-pxb1596417-scaled-e1774780885269-300x300.jpg" alt="Glaskaraffe mit Salböl zwischen Oliven und Kräutern" width="300" height="300" class="size-medium wp-image-11524" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/couleur-olive-oil-pxb1596417-scaled-e1774780885269-300x300.jpg 300w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/couleur-olive-oil-pxb1596417-scaled-e1774780885269-1024x1024.jpg 1024w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/couleur-olive-oil-pxb1596417-scaled-e1774780885269-133x133.jpg 133w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/couleur-olive-oil-pxb1596417-scaled-e1774780885269-768x768.jpg 768w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/couleur-olive-oil-pxb1596417-scaled-e1774780885269-1536x1536.jpg 1536w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/couleur-olive-oil-pxb1596417-scaled-e1774780885269-600x600.jpg 600w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/couleur-olive-oil-pxb1596417-scaled-e1774780885269.jpg 1680w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-11524" class="wp-caption-text">Bild von <a href="https://pixabay.com/de/users/couleur-1195798/?utm_source=link-attribution&#038;utm_medium=referral&#038;utm_campaign=image&#038;utm_content=1596417">Couleur</a> auf <a href="https://pixabay.com/de//?utm_source=link-attribution&#038;utm_medium=referral&#038;utm_campaign=image&#038;utm_content=1596417">Pixabay</a></figcaption></figure></p>
<p>In diesen Geschichten aus dem Markusevangelium geht es um Seitenwechsel. Um Verrat. Da ist einmal Judas. Er gehört zum engsten Kreis um Jesus. Und irgendetwas muss ihn getrieben, sich den Feinden Jesu anzudienen. Es gibt viele Vermutungen darüber – vielleicht war er neidisch auf Petrus, Johannes und Jakobus, weil die noch ein bisschen näher an Jesus dran waren als er. Vielleicht wollte er auch Jesus unter Druck setzen, damit der endlich mal die Engeltruppen einsetzt, über die er doch wohl das Kommando hatte – oder? Egal. In jeder Gruppe gibt es so ein schwächstes Glied, und wenn der Druck hoch genug ist, dann wechselt so einer die Seiten.</p>
<h5>Was treibt so einen?</h5>
<p>Vielleicht war es auch wirklich nur schnöde Geldgier. 30 Denare soll er bekommen haben, das war damals ein Monatslohn am unteren Rand der Skala, also ungefähr unser heutiger monatlicher Mindestlohn: 2.409 €. Ein bisschen dürftig war der Judaslohn schon. Man liebt Verräter nicht, noch nicht mal, wenn man von ihnen profitiert.</p>
<p>Denn profitiert haben die Führungsgruppen Jerusalems tatsächlich von Judas. Sie steckten ja in einem Dilemma und haben anscheinend pausenlos getagt. Sie mussten Jesus zum Schweigen bringen, bevor er beim Passafest eine große Bühne bekommen würde. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn er seine tempelkritischen Parolen vor Tausenden von Pilgern wiederholen würde. Andererseits konnte eine öffentliche Verhaftung Jesu der Auslöser für einen Volksaufstand sein. Sie mussten ihn deshalb heimlich in ihre Gewalt bekommen. Dazu brauchten sie einen Informanten im engsten Kreis um Jesus, und jetzt hatten sie ihn endlich.</p>
<h5>Eine andere Art von Verrat</h5>
<p>In diesen Geschichten gibt es aber noch eine weitere Verräterin, aber eine Verräterin ganz anderer Art. Das ist die Frau, die kommt und Jesus mit Nardenöl salbt. Die indische Narde, aus der man dieses Öl herstellt, kommt aus den Höhenlagen des Himalaya. Sie wächst dort wild bis auf 5.500 Meter Höhe. Sie ist mit unserem Baldrian verwandt und soll auch diese beruhigende Wirkung haben. Man kann sich vorstellen, dass es ziemlich teuer war, dieses Öl herzustellen und zu importieren. Auf über dreihundert Denare wird der Wert des Öls geschätzt, also vielleicht 25.000 €, das Zehnfache des Judaslohns.</p>
<p>Diese Frau muss aus einem ziemlich reichen Haus kommen. Es gab wahrscheinlich in Jerusalem nur sehr wenige Familien, wo man Kosmetik für 25.000 € vorrätig hatte. Die Frau kommt also aus der Oberschicht, und man kann sich gut vorstellen, dass ihr Mann gerade in einer Geheimsitzung im Tempel berät, wie man das Problem Jesus lösen kann. Wahrscheinlich weiß sie sogar davon, und sie hat gedacht: Das ist meine letzte Chance! Sie schnappt sich das Öl; irgendwoher weiß sie, wo Jesus zu finden ist, sie macht sich auf den Weg nach Bethanien, sie zerbricht das kostbare, versiegelte Gefäß und salbt Jesus mit dem Öl. Wahrscheinlich hat sie gedacht: Jesus braucht jetzt Klarheit im Kopf, in dieser Situation lasten auf ihm Sorgen und Ängste, und ich will wenigstens dazu beitragen, dass die ihm nicht das Gehirn vernebeln.<br />
Merkt ihr, wie mutig diese Frau ist? Sie wechselt die Seite, sie bringt sich in einen offenen Gegensatz zu ihrem Mann (das konnte im Patriarchat damals sehr gefährlich sein), und wenn sich das herumspricht, dann ist sie auch bei den anderen Damen der guten Gesellschaft unten durch.</p>
<p>Die Frau muss eine wirklich selbständige Persönlichkeit gewesen sein. Höchstwahrscheinlich gibt es auch eine Vorgeschichte, von der wir nichts erfahren. Vielleicht hat Jesus die Frau geheilt oder wenigstens ermutigt, vielleicht hat sie ihn gehört, und er hat ihr aus der Seele gesprochen. Was auch immer: wir wissen nur, dass sie sich traut, ihm dieses Zeichen des Danks und der Unterstützung zu geben, auch wenn sie dafür noch jede Menge Ärger kriegen kann. Und Jesus erfasst die Situation sofort und sagt: sie hat getan, was sie konnte. Sie konnte nichts dran ändern, dass gerade mein Tod beschlossen wird, aber was in ihrer Macht stand, das hat sie getan.</p>
<h5>Sie tut was sie kann</h5>
<p>Liebe Freunde, von niemandem von uns wird verlangt, dass wir mehr tun als das, was in unserer Macht steht. Es gibt so viel Böses in der Welt, an dem wir nichts ändern können. Und viele legen dann die Hände in den Schoß und sagen: ich kann ja nichts machen. Aber irgendetwas können wir immer machen. Und es ist für Gott nicht schwer, durch viel oder durch wenig etwas zu bewirken, durch Großes oder durch Kleines. Vielleicht hat die Erinnerung an diese Frau Jesus geholfen, bis zum Schluss durchzuhalten und sein Vertrauen auf Gott auch am Kreuz nicht zu verlieren. Vielleicht war diese Salbung ja das Zeichen, das er noch brauchte: Wenn ich sogar die Seele dieser Frau aus der Oberschicht erreiche, dann hat meine Mission Zukunft. Wir wissen das nicht, aber Gott weiß es. Er weiß es auch bei dem, was wir tun.</p>
<p>Jesus ist in dieser Geschichte der Einzige, der wirklich versteht, was passiert. Die anderen sind pikiert, dass sich wieder mal eine Frau in ihre Männergesellschaft wagt und natürlich auch wieder Jesus viel zu nahe kommt. Aber wahrscheinlich sind sie auch verstört von der Entschiedenheit dieser Frau. Was will diese reiche Tussi hier? Das kann doch nicht sein, dass sie es ehrlich meint. Will die sich an Jesus ranschmeißen? Meint die, sie wäre wichtiger als wir hier?</p>
<p>Und auf einmal entdecken sie ihr Herz für die Armen. So wie manche Leute plötzlich ihr Herz für die Armen entdecken, wenn es um die Benzinpreise geht oder um billiges Fleisch aus Massentierhaltung. Unmöglich diese Frau! Kommt und meint, sie könnte Jesus mit ihrem teuren Zeug beeindrucken! Die soll lieber Almosen geben!</p>
<h5>Worum es wirklich geht</h5>
<p>Und sie sehen nicht, was in Wirklichkeit geschieht: Die Frau wechselt die Seite, weil sie weiß, dass es richtig so ist. Sie verrät ihre Klasse, sie verlässt den goldenen Käfig, in dem sie bisher gelebt hat, und sie tut es, weil Jesus ihr den Mut dafür gegeben hat. Wir müssen Menschen nicht auf ihren sozialen Status, ihr Geld oder ihre Herkunft reduzieren. Jeder von uns hat die Möglichkeit, sich für den neuen Weg Jesu zu entscheiden, unabhängig davon, wo er herkommt und wie sein Leben bisher ausgesehen hat. Niemand ist mehr an seine Vergangenheit gebunden.</p>
<p>Aber »Sich für Jesus entscheiden«, das bleibt eine fromme Phrase, wenn man nicht auch dazu sagt, dass das einen fundamentalen Bruch bedeutet: den Bruch mit den gottlosen politischen und wirtschaftlichen Mächten, die so tun, als ob sie die wahren Herren der Welt wären. Und Jesus sieht, dass die Frau diesen Schritt getan hat. Sie hat es getan mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen. Manche haben Öl für 25.000 €, andere wie die arme Witwe im Tempel haben nur ein paar Cent. Aber der menschliche Akt dahinter, um den geht es. Und den sieht Jesus: Sie hat getan, was sie konnte.</p>
<p>Wir leben heute in einer Welt, wo alles seinen Preis hat. Überall sehen wir jeden Tag Zahlen, die so tun, als ob sie uns genau sagen könnten, wieviel etwas wert ist. Im Vergleich dazu ging es in biblischen Zeiten beinahe gemütlich zu. Aber Jesus hat schon damals gesehen: Geld ist der große Gleichmacher. Es reduziert alle Verhältnisse und Beziehungen unter Menschen auf eine einzige Zahl, es macht alles zur käuflichen Ware, und wir sehen dahinter nicht mehr die Menschen, mit denen wir durch die Dinge in Beziehung treten.</p>
<h5>Wir können die Seite wechseln</h5>
<p>Manchmal haben wir das noch im Blick, wenn wir sagen: ich kaufe in dem kleinen Laden, wo ich die Leute kenne, auch wenn es da etwas teurer ist. Aber auch da wissen wir in der Regel nicht, wer eigentlich die Sachen hergestellt hat, die wir kaufen. In Jesu Zeiten wusste man meistens noch, wer den Mantel gewebt hatte, den man trug. Bei Nardenöl aus dem Himalaya war das schon schwieriger. Wir können uns die Gesellschaft, in der wir leben, nicht aussuchen. Wir heute sind hineingeboren in eine kapitalistische Welt, in der alles seinen Preis hat. Wo menschliche Beziehungen durch anonyme Warenbeziehungen unsichtbar gemacht werden.</p>
<p>Aber das muss nicht darüber bestimmen, wem unsere Loyalität gilt. Wir können die Seite wechseln. Wir können hinter das Preisschild schauen und wenigstens ahnen, mit welchen Menschen uns die Dinge in Verbindung bringen. Wir können auch etwas von unserem Essen selbst anbauen, damit wir nicht vergessen, dass Kartoffeln nicht in einer Fabrik zusammengeschraubt werden, sondern in richtiger Erde wachsen. Dann sind wir näher dran am Wunder des Lebens. Wir können auch gemeinsam Dinge reparieren, obwohl sich das wirtschaftlich gesehen gar nicht lohnt – aber es baut neue Beziehungen und Solidaritäten. Wir können die menschliche Arbeit und die Fantasie sehen, die in den Dingen steckt. Wahrscheinlich können wir noch sehr viel mehr tun, um hinter das Trugbild des Preisschildes zu sehen und das wahre Leben dahinter zu erkennen. Aber das ist doch schon mal ein Anfang.</p>
<h5>Beziehung statt Mammon</h5>
<p>Judas hat seine Beziehung zu Jesus für Geld verraten. Die Frau setzt ihren Reichtum ein, um ihre Beziehung zu Jesus zu vertiefen. Sie macht für sich selbst und für alle anderen deutlich, wo sie steht. »Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon!« sagt Jesus bei einer anderen Gelegenheit. Also: den Mammon, an dem Ausbeutung und Gewalt kleben wie ein altes Kaugummi, den tauscht ein gegen lebendige Beziehungen! Den Mammon nimmt man nicht mit ins Grab, und auch schon vorher kann er plötzlich weg sein. Heile Beziehungen zu Gott und den Menschen bleiben, auch in Krisen und Katastrophen, und auch wenn diese Welt irgendwann für uns zu Ende geht.</p>
<p>Jesus zeigt uns, wie wir den trügerischen Schein des Geldes zerreißen können, damit wir dahinter die Realität sehen, auf die es ankommt. Und damit wir tun, was wir können. Keiner weiß, ob nicht gerade mein kleiner Beitrag Gott noch fehlte. Vielleicht ist ja meine Entschiedenheit und das Wenige, was ich tun kann, der entscheidende Schritt für mich, für einen anderen Menschen, und für die neue Welt Gottes.	</p>
</div>
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			</item>
		<item>
		<title>Eine Frage der Loyalität</title>
		<link>https://www.walterfaerber.de/predigten/lukas09_57-62-eine-frage-der-loyalitaet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 08 Mar 2026 15:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besonderer Gottesdienst]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
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					<description><![CDATA[Predigt am 8. März 2026 zu Lukas 9,57-62<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Flukas09_57-62-eine-frage-der-loyalitaet%2F&amp;action_name=Eine%20Frage%20der%20Loyalit%C3%A4t&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Weiter Predigten zum Text finden Sie <a href="https://www.walterfaerber.de/predigten/lukas09_57-62-unabhangig-am-rand/">hier</a> und <a href="https://www.walterfaerber.de/predigten/lukas09_57-62-nachfolge-jesu-heute/">hier</a>.</p>
<div id="bibeltext">
<p>57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu Jesus: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. 59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! 61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes.
</p></div>
<div id="predigt">
<p>Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem. Nur ein paar Verse vor dieser Textstelle hat Lukas beschrieben, wie er dorthin aufgebrochen ist. Im Lukasevangelium ist dieser Weg nach Jerusalem der zentrale Teil, er geht über 10 Kapitel, von Kapitel 9 bis Kapitel 19. Und ganz viele der bekanntesten Jesusgeschichten passieren unterwegs auf dieser Wanderung nach Jerusalem.</p>
<h5>Lieber das bekannte Unglück &#8230;</h5>
<figure id="attachment_11509" aria-describedby="caption-attachment-11509" style="width: 300px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/Herzschloss-scaled-e1772983523376-300x294.png" alt="Ein rotes Vorhängeschloss in Herzform" width="300" height="294" class="size-medium wp-image-11509" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/Herzschloss-scaled-e1772983523376-300x294.png 300w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/Herzschloss-scaled-e1772983523376-1024x1002.png 1024w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/Herzschloss-scaled-e1772983523376-768x752.png 768w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2026/03/Herzschloss-scaled-e1772983523376.png 1037w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-11509" class="wp-caption-text">Image by <a href="https://pixabay.com/users/neelam279-9820894/?utm_source=link-attribution&#038;utm_medium=referral&#038;utm_campaign=image&#038;utm_content=10092768">Frauke Riether</a> from <a href="https://pixabay.com//?utm_source=link-attribution&#038;utm_medium=referral&#038;utm_campaign=image&#038;utm_content=10092768">Pixabay</a></figcaption></figure>
<p>Wir sind also hier in einer Reisegeschichte. Das ist in der Bibel gar nicht selten, dass Menschen auf lange Wanderungen gehen. Am bekanntesten ist wahrscheinlich der Auszug Israels aus der ägyptischen Sklaverei, der Exodus. Mose führt Israel raus aus Ägypten, wo sie beinahe einem Völkermord zum Opfer gefallen wären. Wohin geht die Reise? Ins Ungewisse, in ein fernes Land, das das Volk nur noch aus jahrhundertealten Erzählungen kennt. Und kaum gibt es die ersten Schwierigkeiten, schon sagen die ersten: In Ägypten war es eigentlich gar nicht so schlecht. Lasst uns wieder umkehren zu den Fleischtöpfen Ägyptens!</p>
<p>Das ist eine Erfahrung, die die Anführer Israels immer wieder machen mussten: Die Menschen halten fest am Alten, auch wenn es schlecht ist. Lieber das bekannte Unglück als ein unbekanntes Neues, auch wenn Gott vorangeht. Menschen ist unwohl bei dem Gedanken, einfach so ihr ganzes bisheriges Leben zurück zu lassen und ins Offene hinaus zu ziehen.</p>
<p>Das ist ein Problem, weil Gott aufbricht und uns auf neue Wege führt. Er geht voran, er geht mit, aber wir wissen vorher nicht wirklich genau, wie das Neue aussieht, in das er uns führen will. Das hängt damit zusammen, dass unsere Welt seit Adam und Evas Ungehorsam zutiefst beschädigt ist. Deshalb haben wir nie eine andere Welt kennen gelernt.</p>
<h5>Etwas stimmt nicht mit unserer Welt</h5>
<p>Vielleicht ist diese Geschichte vom Sündenfall Adam und Evas eine dunkle Erinnerung an den Augenblick, als die Menschen vor ungefähr 10.000 Jahren sesshaft wurden. Vorher besaß man nur das, was man tragen konnte. Jetzt hatte man ein Dach über dem Kopf und konnte Vorräte lagern. Aber Vorräte muss man beschützen, damit sich kein anderer daran bedient. Das individuelle Eigentum war erfunden, und manche hatten bald viel mehr als die anderen. Manche konnten sich auch Soldaten leisten und andere beherrschen.</p>
<p>Aber egal, wie man sich das genau vorstellt: wir spüren alle, dass mit unserer Welt etwas grundlegend schief läuft: Misstrauen zwischen Menschen, Unterdrückung, Ausbeutung, Ungleichheit, Gewalt und Kriege sind Zeichen dafür, genauso wie die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Und Gott möchte uns da rausholen, so wie er Israel aus Ägypten befreit hat. Dazu ist Jesus gekommen, als Beginn einer neuen Welt, die nicht mehr beschädigt und vergiftet ist. Um Jesus herum war diese Welt schon sichtbar: Menschen wurden innerlich und äußerlich geheilt, Menschen erlebten ein neues gleichberechtigtes Miteinander, auch zwischen Männern und Frauen, und das war anziehend. Viele Menschen kamen, weil sie merkten, wie gut ihnen das tat.</p>
<p>Das Problem ist nur, dass wir alle an diesem Punkt hin und her gerissen sind: wir wünschen uns eine andere, neue Art zu leben, und zum Glück haben auch viele in christlichen Gemeinschaften eine Ahnung davon bekommen, wie gut das sein kann. Aber gleichzeitig haben wir uns doch in unserem gewohnten Leben eingerichtet. Es gibt eine gewisse Sicherheit, zu wissen, wo man hingehört und wie das Leben läuft. Wir wissen im Grunde alle, dass das eine brüchige Sicherheit ist, und Kriege gibt es nicht nur zwischen Staaten, sondern manchmal auch im Nahbereich, in Familien, Firmen, Schulen und zwischen Nachbarn. Aber gibt es eine Alternative? Und wie sicher ist die?</p>
<h5>Die attraktive Alternative</h5>
<p>Jesus hat diese Alternative vorgemacht und dazu eingeladen. Und es ist kein Wunder, dass manche auch mehr davon haben wollten. Manche wollten bei Jesus bleiben und mit ihm gehen und wurden seine Jünger und Schüler. Und damit sind wir bei den drei Männern aus unserer heutigen Geschichte. Für die steht die Entscheidung an, ob sie mit Jesus mitgehen wollen. Zwei bieten das von sich aus an, einen anderen fordert Jesus selbst auf »Komm mit!«</p>
<p>Und sie stecken damit in einem Zwiespalt zwischen ihrem bisherigen Leben und der verlockenden Möglichkeit, sich ganz mit dieser neuen Art des Lebens zu verbinden, die Jesus in die Welt bringt.</p>
<p>Damit es keine Missverständnisse gibt: Es geht hier nicht um die Frage, ob man als Christin oder Christ immer Haus und Hof verlassen und ein Wanderleben beginnen muss. Auch in der Zeit der ersten christlichen Gemeinden sind es nur wenige gewesen, die das getan haben. Die meisten haben die Alternative Jesu in ihrer normalen Umwelt gelebt. Es geht also hier nicht um einen bestimmten Lebensstil. Es geht darum, wem meine wichtigste Loyalität gehört: meinem alten Leben oder der neuen Lebensart Jesu? Und von da aus schaue ich dann auf mein Leben.</p>
<h5>Jetzt noch nicht!</h5>
<p>Das sieht man besonders gut an dem Menschen, der erst seinen Vater begraben will. Damit ist nicht gemeint, dass der Vater gerade gestorben ist. Man hat damals in dem warmen Klima die Toten sehr schnell begraben, oft noch am selben Tag oder spätestens am Tag nach ihrem Tod. Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Mann in der kurzen Zeit zwischen dem Tod seines Vaters und der Beerdigung noch schnell mit Jesus eine Diskussion begonnen hat.</p>
<p>Gemeint ist stattdessen: der Mann will erst mit Jesus gehen, wenn sein Vater gestorben ist. Das macht durchaus Sinn. Die lebten in patriarchalischen Verhältnissen, wie es sie bei uns früher auch gab und in vielen Teilen der Welt bis heute gibt. Da kann man als Sohn nicht einfach sagen: Tschüß, ich bin dann mal weg, Rückkehr ungewiss. Das wäre ein massiver Tabubruch. Deswegen sagt dieser Mann: Ja, ich will mit dir kommen, Jesus, aber erst muss der Alte tot sein, vorher geht es nicht.</p>
<p>Heute würde der Mann vielleicht stattdessen sagen: ich muss mich noch um meine kleinen Kinder kümmern, und meine Frau beschwert sich auch immer, dass ich zu wenig Zeit mit der Familie verbringe. Aber wenn die Kinder aus dem Haus sind, dann komme ich mit dir! Oder besser noch: wenn ich nicht mehr arbeiten muss! Oder wenn wir uns nicht mehr um die Enkel kümmern müssen.</p>
<p>Und Jesus weiß: irgendwann hat dieser Mann meinen Ruf der Freiheit vergessen. Dieser Ruf hat süß geklungen, aber wer ihm nicht folgt, der vergisst ihn auch irgendwann wieder. Und deshalb sagt Jesus: komm jetzt und verschreib dich der neuen Welt, die ich bringe. Entscheide dich jetzt mit ganzem Herzen! Steig aus aus den Selbstverständlichkeiten dieser alten Welt. Lass die Toten ihre Toten begraben! Also: Um die ganzen Probleme und Pflichten und Vorschriften, die die alte Welt einem auferlegt, sollen sich die kümmern, die bis über beide Ohren da drinstecken, die den Ruf der Freiheit nie gehört haben, die voll in ihren Traditionen gefangen sind und die immer erst danach fragen, was »man« tut und was »man« nicht tut.</p>
<h5>Mit ganzem Herzen</h5>
<p>Noch einmal: es geht im Christentum nicht darum, dass alle Haus, Hof und Familie verlassen müssten. Es geht um die Frage, wem meine erste Loyalität gilt. Und es kann viel schwieriger sein, mitten in der alten Welt ein Leben zu führen, das den Geist der neuen, kommenden Jesuswelt atmet. Da ist die Gefahr viel größer, dass man doch wieder zurückfällt ins alte Denken, in die alten – durchaus auch kirchlichen! – Loyalitäten, in die Gefangenschaft der Tradition und in die Abhängigkeit von dem, was die anderen alle denken und meinen. Davon sollen wir frei werden!</p>
<p>Darum geht es auch bei der Begegnung Jesu mit dem anderen Mann, der sich erst noch von denen in seinem »Haus« verabschieden will. Das »Haus« war damals die Gemeinschaft, wo man als Großfamilie, als Sippe miteinander lebte und arbeitete. Und wenn der sich erst noch von seiner Sippe verabschieden will, dann ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass sich der Abschied ewig hinzieht, und dass sie ihm zu Hause 1000 Versprechen abpressen, dass er bald wiederkommt, mindestens zu Weihnachten, und sie nicht vergisst, und dass es ja nur für eine begrenzte Zeit ist, und dann ist der Mann in diesen Versprechungen gebunden, sein Herz ist nicht frei, und er wird immer hin und her schwanken zwischen der Loyalität zu seinen Leuten und der Nachfolge Jesu.</p>
<p>Wer mit dem Pflug eine neue Furche ziehen will, der muss nach vorn schauen, sonst wird die Furche krumm!</p>
<h5>Das Abseits als Ort der Freiheit</h5>
<p>Wir alle stecken mit ganz festen Bindungen in der Ordnung der alten beschädigten Welt drin. Die hat sich tief eingegraben in unsere Köpfe und Herzen. Oberflächlich gesehen sind wir heute alle frei und ungebunden und wollen uns von niemandem sagen lassen, wie wir zu leben haben. Aber in Wirklichkeit steckt die Logik dieser Welt tief in uns drin: der Wunsch nach Sicherheit, die Wichtigkeit des Geldes, das Misstrauen, ob die anderen oder die Welt überhaupt es wirklich gut mit uns meinen. Nur so erklären sich doch die ganze Konflikte, die gedrückte Stimmung, die vielen psychischen Defizite und der Neid, die Gier, die Wut und die Aggressionen, die sich so oft melden.</p>
<p>Jesus hat uns gezeigt, wie man aus einer neuen Quelle lebt, aus Gott, aus Vertrauen, aus Liebe und Kraft. Dazu  bringt er sich und seine Jünger bewusst in eine Randlage, außerhalb des normalen Regelwerks der Gesellschaft, und dort, im Abseits, formt er aus seinen Jüngern den Kern eines neuen Volkes. Immer wieder geht er mit ihnen in Gegenden, wo keine Menschen sind, oder ins Ausland, wo ihn keiner kennt, oder er fährt mit ihnen im Boot über den See Genezareth, wo sie unbelauscht sind.</p>
<p>Darum sagt Jesus dem, der mit ihm mitkommen will, von vornherein: ich bin heimatlos, und wenn du dich mir anschließt, musst du dieses Schicksal teilen. Ich habe keinen Ort, wo ich mein Haupt zur Ruhe betten kann. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass Jesus nie schläft, sondern dass er keinen festen, geschützten Platz in der Gesellschaft hat, dass er überall nur zu Gast ist. Dass er nicht in der Mitte der Gesellschaft verankert ist, sondern irgendwo am Rand steht, im Abseits. Nur von da aus kann er etwas so radikal Neues bewirken.</p>
<h5>Unabhängigkeit kann etwas kosten</h5>
<p>Aber das hat einen Preis. Man hat am Rand nicht die Sicherheit, die eine Sippe ihren Mitgliedern gibt oder die die Gesellschaft ihren Gliedern gibt. Man muss wirklich auf Gott vertrauen. Am Ende wird Jesu Platz am äußersten Rand der Gesellschaft sein, am Kreuz, wo überhaupt keine Sicherheit und kein Schutz mehr ist. Wer etwas Neues schaffen will, der muss der Gefahr ins Auge sehen, dass er dann auf die Sicherheit des Alten verzichten muss, auch wenn das nicht immer gleich den Tod bedeutet.</p>
<p>So schafft Jesus eine göttliche Alternative zur Welt, wie wir sie kennen. Und diese Alternative wirkt auf die anderen ein und zeigt immer wieder, wie es besser gehen könnte. Das ist eine Art Revolution, aber eine Revolution ohne Bürgerkriege. Nur die Leute Jesu selbst geraten manchmal unter Druck, wenn die Gesellschaft diese Alternative, die sie verunsichert, zum Schweigen bringen will.</p>
<p>Es geht also bei all dem nicht darum, dass Jesus es seinen Leuten irgendwie besonders schwer machen will. Es geht ihm darum, dass wir unabhängig werden. Wir sollen Abstand bekommen, von der alten Ordnung, aus der wir kommen. Nur so werden wir frei für die neue Ordnung, die Jesus mit uns aufbaut. Er legt mit uns den Keim einer neuen Welt, die Grundlage für einen neuen Himmel und eine neue Erde. </p>
<p>Und dazu sagt er uns: trennt euch vom Alten, lasst es hinter euch, damit ihr eine gerade neue Furche ziehen könnt!
</p></div>
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			</item>
		<item>
		<title>Die Wüste soll blühen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 08 Dec 2024 11:36:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besonderer Gottesdienst]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
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					<description><![CDATA[Predigt am 8. Dezember 2024 (2. Advent) zu Jesaja 35,1-10<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Fjesaja35_01-10-die-wueste-soll-bluehen%2F&amp;action_name=Die%20W%C3%BCste%20soll%20bl%C3%BChen%21&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="bibel">
<p>1 Die Wüste und das dürre Land werden fröhlich sein. Die Steppe wird jubeln und blühen wie eine Lilie. 2 Sie steht in voller Blüte und jubelt, sie jubelt und jauchzt vor Freude. Sie wird so herrlich sein wie der Libanon, so prächtig wie der Karmel und die Scharon-Ebene. Alle werden die Herrlichkeit des Herrn sehen, die Pracht unseres Gottes erblicken.</p>
<p>3 Macht die müden Hände wieder stark und die weichen Knie wieder fest. 4 Sagt denen, die den Mut verloren haben: »Seid stark und habt keine Angst! Seht, das ist euer Gott! Er übt Vergeltung und schafft Recht. Er selbst kommt, um euch zu befreien.« 5 Dann gehen den Blinden die Augen auf, und die Ohren der Tauben werden geöffnet. 6 Der Gelähmte springt wie ein Hirsch, der Stumme jubelt aus vollem Hals. In der Wüste brechen Quellen auf, und Bäche bewässern die Steppe. 7 Der glühende Sand wird zu einem Teich, in der Dürre sprudeln frische Wasserquellen. Wo einst die Schakale hausten, wachsen Gras, Schilf und Papyrus.</p>
<p>8 Eine Straße wird dort verlaufen, die wird man den »heiligen Weg« nennen. Kein Unreiner wird sie betreten. Sie gehört denen, die auf dem rechten Weg sind. Selbst Unwissende gehen nicht in die Irre. 9 Auf dieser Straße gibt es keinen Löwen, kein Raubtier ist auf ihr zu finden. Nur die erlösten Menschen sind dort unterwegs. 10 Alle, die der Herr befreit hat, kehren jubelnd zum Berg Zion zurück. Grenzenlose Freude steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Jubel und Freude stellen sich ein, Sorgen und Seufzen sind für immer verschwunden.</p>
</div>
<div id="predigt">
<p>Das ist ein Prophetenwort, das ungefähr 500 Jahre vor Christus entstanden ist. Und es soll unser Vorstellungsvermögen trainieren: wir sollen lernen, Dinge zu sehen, die es noch gar nicht gibt.</p>
<h5>Können Landschaften singen?</h5>
<figure id="attachment_11346" aria-describedby="caption-attachment-11346" style="width: 300px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2024/12/oasis-pxb1631145_1280-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" class="size-medium wp-image-11346" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2024/12/oasis-pxb1631145_1280-300x225.jpg 300w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2024/12/oasis-pxb1631145_1280-1024x768.jpg 1024w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2024/12/oasis-pxb1631145_1280-768x576.jpg 768w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2024/12/oasis-pxb1631145_1280.jpg 1280w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-11346" class="wp-caption-text">Bild von <a href="https://pixabay.com/de/users/jdbenthien-2698911/?utm_source=link-attribution&#038;utm_medium=referral&#038;utm_campaign=image&#038;utm_content=1631145">jdbenthien</a> auf <a href="https://pixabay.com/de//?utm_source=link-attribution&#038;utm_medium=referral&#038;utm_campaign=image&#038;utm_content=1631145">Pixabay</a></figcaption></figure>
<p>Das Wort stammt wahrscheinlich aus der Zeit, als Israel, das Volk Gottes, nach Babylon verschleppt war. Zwischen Babylon und Israel liegen viele hundert Kilometer Wüste: heißer Sand, trockene Felsen, nirgendwo ein Baum. Aber der Prophet sagt: schaut hin und seht in dieser Wüste etwas, was nach menschlichem Ermessen unmöglich ist. Seht die Berufung dieser scheinbar unfruchtbaren Räume: die sollen zu einem fruchtbaren Garten werden, sie sollen die Herrlichkeit eines prächtigen Waldes und die Fülle einer fruchtbaren Ebene ausstrahlen. Sie sollen jubeln vor Freude, sie sollen singen von der Herrlichkeit Gottes.</p>
<p>Können Landschaften singen und jauchzen? Natürlich nicht so wie Menschen, und selbst für uns Menschen ist das ja auch nicht so einfach. Man kann nicht auf Befehl jublen, außer in Nordkorea. Aber auf ihre Weise können auch Landschaften etwas ausstrahlen und eine Botschaft haben.</p>
<p>Ich fahre gelegentlich mal mit dem Zug durch die Rheinebene, da unten im Süden, in Baden-Württemberg. Und wenn es gerade im Spätsommer vor der Ernte ist, dann stehen da überall die Obstbäume, über und über behangen mit Äpfeln, Birnen, Pfirsichen und Pflaumen und allem möglichen anderen Obst. Und das strahlt so eine Fülle und Fruchtbarkeit aus – da habe ich verstanden, dass auch eine Landschaft eine Botschaft aussenden kann. Sie singt von der Fülle und Freude, die Gott in seine Schöpfung hineingelegt hat. Er hat die Welt nicht stumm geschaffen, sondern sie hat eine Botschaft, sie spiegelt etwas von Gottes Herrlichkeit. Bloß wir sind so unsensibel, dass wir das nicht verstehen. Und ich bin überzeugt, dass die Rheinebene wahrscheinlich noch viel mehr zu sagen hat als das, was bei einem ganz unpoetischen Menschen wie mir angekommen ist.</p>
<h5>Wie macht Gott das?</h5>
<p>Aber wie soll das geschehen, dass eine vertrocknete kahle Wüste zu einem blühenden Garten wird? Muss man da warten, dass Gott eines Tages mit einem Zauberstab vorbeikommt, und – schwuppdiwupp! – ist alles grün? Im Advent warten wir darauf, dass Gott kommt, ja, aber heißt das, dass er das einfach so hinzaubert?</p>
<p>Das Interessante bei diesem Prophetenwort ist ja, dass da nicht einfach nur von Landschaften und Natur gesprochen wird, sondern gleich anschließend geht es um Menschen, die anscheinend mutlos und ohne Kraft sind. Menschen und Land gehören zusammen, und es geht ihnen gemeinsam gut oder schlecht. Die trockene Wüste zwischen Babylon und Israel spiegelt ja etwas von der Situation der verschleppten Menschen: unfruchtbar, ohne Perspektive und aller Freude und Herrlichkeit beraubt leben sie in einem Land, das ihnen nicht gehört. Menschen und Erde gehören zusammen, auch in ihrer Niedergedrücktheit. Und sie werden nur gemeinsam geheilt. Deswegen vermischt sich das hier in diesem Prophetenwort: die Beschreibung einer Wüste, die zur blühenden Landschaft wird, und die Hoffnung auf Menschen, die wieder Mut fassen, die befreit werden aus Unterdrückung und einem perspektivlosen Leben in einem Land, in dem sie nicht zu Hause sind. Wie die Wüste zum fruchtbaren, bewässerten Land wird, so sollen dann die Blinden wieder sehen können und die Gelähmten sollen tanzen.</p>
<p>Das waren damals kühne Bilder, und keiner konnte schon sagen, wie das geschehen würde. Aber als Jesus kam, da rückte die Realität ein Stück näher an diese Bilder heran. Von ihm wird erzählt, wie er in der Einöde einen großen Haufen von Menschen satt machte, nur mit einem Korb voll Brot und ein paar Fischen. Ein unfruchtbarer Ort wird durch Jesus zu einem Ort der Fülle. Es ist genug für alle da. Gott kommt in Jesus in seine Welt und bringt seine Schöpfung wieder ein Stück näher an ihre Bestimmung heran.</p>
<h5>Gott kommt</h5>
<p>Das ist das Thema des Advents: Gott kommt. Gott mischt sich ein. Menschen haben die Bausteine der Schöpfung durcheinander geworfen und Chaos angerichtet, Gott kommt und weckt in allem Geschaffenen die Herrlichkeit und Fülle auf, die er schon bei der Schöpfung da hineingelegt hat – aber es muss hervorgerufen und aufgeweckt werden.</p>
<p>Bei Jesus sieht man nun schon genauer, wie das gehen soll: er tut das nicht ohne Menschen, er zaubert nicht irgendwie hinter unserem Rücken, und auf einmal ist es da. So könnte man die Propheten des Alten Testaments manchmal noch verstehen. Bei Jesus sieht man aber, dass er Menschen mit einbezieht: seine Jünger, die auch heilen und Brot austeilen; und immer wieder Menschen, die sich in kleinen Gemeinschaften organisieren, wo Solidarität herrscht und jeder seinen Platz hat. Gott kommt in Jesus und vollbringt sein Werk durch Menschen hindurch, die im Namen Jesu in Gemeinschaften des neuen Lebens organisiert sind. Überall soll es solche Gemeinschaften geben, Gemeinden, die sich der Verwüstung von Erde und Menschen entgegenstellen.</p>
<p>Dafür braucht es aber diese Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, was es noch nie gegeben hat. Eine Möglichkeit zu sehen, die noch schlummert, verborgen in der Tiefe der Schöpfung. Oder besser: eine Möglichkeit zu sehen, die im Himmel noch darauf wartet, dass sie auf der Erde sichtbar wird. Der Himmel ist ja die verborgene Seite der Schöpfung, wo Gottes Möglichkeiten darauf warten, auf der Erde zur handgreiflichen Wirklichkeit zu werden.</p>
<h5>Das Unsichtbare sehen lernen</h5>
<p>Deshalb trainieren die Propheten unser Vorstellungsvermögen. Sie weiten unseren Horizont, damit wir nicht immer nur in unserem kleinen alltäglichen Erfahrungsbereich denken: meine täglichen Aufgaben, meine Familie, der Smalltalk mit den Nachbarn und Kolleginnen, die Gesundheit, die Sonderangebote der Woche, und was eben unser Denken den Tag über so beschäftigt. Wir sollen lernen, darüber hinaus zu sehen in die große Welt von Gottes Möglichkeiten.</p>
<p>Gott arbeitet daran, dass seine Fülle in unseren Herzen und Gedanken ankommt. Die ganze Schöpfung wartet auf solche Menschen, auf die Gemeinschaften des neuen Lebens. Wo es sie schon gibt, da geht es auch der Erde besser. Da werden Hänge terrassiert, Erosion gestoppt, die Vergiftung der Böden beendet und die natürliche Fruchtbarkeit angeregt. Da werden alte Techniken neu entdeckt und neue technologische Möglichkeiten entwickelt.</p>
<p>Ich habe neulich von einem Mann gelesen, der als christlicher Entwicklungshelfer nach Afrika gegangen ist und dort entdeckt hat, dass auch in vertrockneten Landstrichen, wo kaum noch etwas wächst, im Untergrund immer noch die Keime von Bäumen und Wald vorhanden sind. Man muss ihnen nur etwas helfen, und dann wächst da wieder Wald, der den Boden vor Austrocknung schützt. Auf diese Weise sind schon ganze Landschaften wieder zu fruchtbarem Land geworden.</p>
<p>Dafür braucht es aber Menschen, die das Verborgene sehen können, die unsichtbaren Möglichkeiten, die Gott in seine Schöpfung hineingelegt hat. Es muss Gemeinschaften geben, die sich einig darin sind, dass sie mit dem Unsichtbaren rechnen wollen. Einzelne geben da oft den Anstoß, aber dann müssen Gemeinschaften das übernehmen, Gemeinschaften des neuen Lebens. Menschen können in der Regel nur gemeinsam neu denken und handeln. Wir sind fundamental soziale Wesen, auch in der Art, wie wir denken und die Welt sehen.</p>
<h5>Gott dehnt unseren Horizont</h5>
<p>Deshalb ist immer die Frage: was ist es, was Gemeinschaften verbindet? Was ist ihre Basis? Welche Geschichte erzählen sie sich? Was treibt sie an? Denken sie nur im Rahmen des gewohnten alltäglichen Einerleis, oder sind da diese prophetischen Bilder lebendig, Bilder von den unbegrenzten Möglichkeiten Gottes?</p>
<p>Gott hat über viele Jahrhunderte in seinem Volk solche prophetischen Bilder ausgestreut. Er wollte ihre Fantasie wecken, dass sie sich fragen: wie kann es dazu kommen, dass die Erde und die Menschen aufatmen und jubeln können? Er hat die Menschen vorbereitet auf Jesus.</p>
<h5>Gottes lange Geschichte der Hoffnung</h5>
<p>Wenn man sich das im Rückblick anschaut, dann ist es erstaunlich, wie es da ganz viele Linien gibt, die schließlich in Jesus zusammenlaufen. Und es gibt keinen Menschen und keine Menschengruppe, die das Jahrhunderte hindurch so geplant haben könnte. Sondern wir müssen ernsthaft damit rechnen, dass es wirklich so ist, dass Gott zielgerichtet in die Weltgeschichte hineingewirkt hat, um etwas Neues zu schaffen und die Menschen gleichzeitig Stück für Stück darauf vorzubereiten.</p>
<p>Wir dürfen nicht Gott aus der Rechnung streichen, wenn wir die Weltgeschichte anschauen, weil wir damit auch die Hoffnung streichen würden. Ich meine nicht die Hoffnung auf einen starken Mann, der Ordnung in den Laden bringt. Das ist ein gefährlicher Traum, der richtet immer nur Chaos und Zerstörung an. Aber die Hoffnung, dass durch normale Menschen, die von Jesus inspiriert sind, völlig ungewöhnlich Dinge passieren können. Und dass wir, jeder in seinem Leben, daran Anteil haben können.</p>
<p>Es gibt eine lange Geschichte der Hoffnung in unserer Welt. Gott schreibt sie schon seit Tausenden von Jahren. Diese Geschichte hat sich dann in Jesus konzentriert und trägt seither seinen Namen. Sie ist für jeden Menschen zugänglich und Gott wartet darauf, dass du auch deinen Platz in dieser Geschichte findest. Es kommt nicht darauf an, ob du Kleines oder Großes tust, das weiß man vorher nie, aber es ist wichtig, dass du dabei bist und auch durch dich diese Hoffnung gelebt wird, gemeinsam mit vielen anderen.</p>
</div>
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		<title>Wo ist nur die Zeit geblieben?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 Nov 2018 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besonderer Gottesdienst]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
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					<description><![CDATA[Besonderer Gottesdienst am 11. November 2018 mit Predigt zu Prediger 3,1-9<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Fprediger03_01-09-wo-ist-nur-die-zeit-geblieben%2F&amp;action_name=Wo%20ist%20nur%20die%20Zeit%20geblieben%3F&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2020/10/GD2018-11-11-Zeit.png.png" alt="" width="730" height="488" class="alignleft size-large wp-image-6793" /></p>
<div id="predigt">
<h4>Einleitung:</h4>
<p>Können Sie sich vorstellen, dass es mal eine Zeit gegeben hat, wo Menschen keine Armbanduhren hatten? Oder noch weiter zurück: wo es in einem Dorf nur die Kirchturmuhr gab, und weil ja nicht jeder immer in Sichtweite des Kirchturms war, gab es dann noch den Uhrschlag, jede Stunde vielleicht, vielleicht aber auch nur um die Mittagszeit, damit die Leute auf dem Feld wussten, wann Mittagspause war. Erst vor 100 Jahren ungefähr fing das an, dass die meisten Menschen eine Uhr dabei hatten.</p>
<p>Heute ist das kaum noch denkbar. Unsere ganze Gesellschaft käme aus dem Takt, wenn es keine präzise gemeinsame Uhrzeit gäbe. Wir nutzen die Zeit bis zum letzten Minütchen, in jede kleine Lücke wird etwas hineingestopft: Arbeit oder Vergnügen.</p>
<h5>Die Herrschaft der Uhr</h5>
<p>Deswegen haben wir dann das Gefühl, wir würden unter der Herrschaft der Uhr leben, die uns unbarmherzig vor sich her treibt. Wir haben wenig Spielraum, um zu verweilen und etwas Unerwartetes in unsere Tagesplanung aufzunehmen. Selbst für das Unabweisbare ist oft eigentlich keine Zeit vorhanden. Manchmal allerdings gibt es die Ereignisse, die die Zeitplanung völlig durcheinander bringen. Manchmal wird man für einige Zeit aus dem Verkehr gezogen, und das fühlt sich seltsam an, wenn man auf einmal völlig ungeplant Zeit hat, weil der Flug ausfällt oder weil der Arm eingegipst ist und man fast nichts erledigen kann.</p>
<p>Wie kommt es eigentlich zu unserem Eindruck, die Zeit sei knapp? Es ist eine Binsenweisheit, dass jeder von uns nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung hat, aber in diesen 24 Stunden wollen oder müssen viele von uns immer mehr erledigen. Das Lebenstempo hat sich beschleunigt. Was tun wir aber, wenn wir mehr erledigen müssen?</p>
<h5>Technische Beschleunigung und sozialer Wandel</h5>
<p>Wir nehmen die Technik zu Hilfe. Früher hat man Nachrichten mit Boten geschickt, dann gab es die regelmäßige Post, und heute versendet man Informationen per Email oder mit dem Messenger. Das geht viel schneller als Briefe zu schreiben. Früher gab es einen Waschtag in der Woche, wo die Frauen den ganzen Tag mit Wäsche beschäftigt waren. Heute haben wir Waschmaschinen. Warum haben wir also nicht mehr Zeit? Weil die Einsparungen durch Technik regelmäßig durch gewachsene Ansprüche aufgezehrt worden sind. Wir haben Waschmaschinen, aber jetzt wechseln wir die Wäsche viel häufiger. Wir sparen Zeit, wenn wir Mails schicken statt Briefe zu schreiben, aber jetzt müssen wir auch mit viel mehr Menschen kommunizieren. Einfach weil es möglich geworden ist.</p>
<p>Und diese technische Beschleunigung führt nicht nur dazu, dass wir immer mehr erledigen können. Sie treibt auch den sozialen Wandel an. Es gibt schon lange keine Waschfrauen mehr. Postboten, die täglich kommen, ihre Leute kennen und auch noch Zeit für ein Schwätzchen haben, sind auch selten geworden. Es gibt schon den ersten Prototyp eines Supermarktes ohne Kassen: man loggt sich mit dem Smartphone ein, man nimmt die Waren aus den Regalen, und die werden automatisch auf unsere Rechnung gesetzt. Kassiererinnen sind nicht mehr notwendig. Ein Beruf stirbt aus, und das ganze Einkaufen verändert sich. Aber wir müssen nicht mehr an der Kasse warten.</p>
<h5>Ein Beschleunigungskreislauf</h5>
<p>Das wäre ja an sich noch nichts Schlimmes. Berufe haben sich immer verändert. Das Problem ist, dass</p>
<ul>
<li>diese drei Beschleunigungen zusammenhängen: wenn der Alltag stressiger wird, sollen uns technische Innovationen Zeit sparen,</li>
<li>die führen dann zu schnellerer Veränderung unserer Lebenswelt,</li>
<li>und die wiederum vermehrt die Hektik. Denn früher war man vielleicht ein Leben lang im selben Beruf und bei derselben Firma tätig, heute wechseln Menschen Beruf und Betrieb viel häufiger, aber all diese Veränderungen bedeuten ja auch wieder zusätzlichen Stress. Jede Veränderung, auch wenn sie noch so positiv ist, bedeutet auch mehr Aufwand für Umstellung und Lernen.</li>
</ul>
<p>So stecken wir in einem Kreislauf drin, der sich selbst beschleunigt. Und wir müssen sehen, dass wir mit dieser Geschwindigkeit irgendwie mithalten. Denn wir versuchen ja nicht mit einem abstrakten Prinzip Schritt zu halten, sondern wir laufen in Wirklichkeit ein Wettrennen mit vielen anderen Menschen. Jeder versucht, irgendwie einen kleinen Vorsprung herauszuholen, indem er etwas mehr arbeitet, etwas mehr in seinen Tag hineinpresst; und auch die Schulkinder ahnen, dass sie für ihre künftigen Lebenschancen lernen, und dass sie vielleicht bessere Chancen haben, wenn sie noch ein bisschen mehr tun.</p>
<p>Nur nicht den Anschluss verpassen, zurückfallen und vielleicht abgehängt werden! Kein Status ist mehr sicher. Und diese Logik des Wettbewerbs frisst sich in die ganze Gesellschaft hinein. Sie betrifft längst nicht nur den Beruf, sondern Konkurrenzkampf herrscht schon bei den Bildungsabschlüssen, beim Erfolg der Kinder, bei der mehr oder weniger gekonnten Selbstdarstellung, und in vielen anderen Bereichen.</p>
<h5>Zu wenig Zeit für die Welt</h5>
<p>Und dann fehlt uns die Zeit, um uns richtig auf die Welt einzulassen. Mal ehrlich, wie viele von uns haben sich mit allen Möglichkeiten unseres Smartphones vertraut gemacht? Das dauert viel zu lange, und demnächst gibt es sowieso ein neues Modell. Du kannst auch im Netz einen Haufen Freunde haben, aber du kannst dich immer nur auf eine begrenzte Zahl von Menschen wirklich einlassen – für mehr fehlt die Zeit. In der Zeit von Jules Verne war es eine Sensation, dass man in 80 Tagen um die Welt reisen konnte. Heute geht das viel schneller – und wer hat noch die Zeit, 80 Tage unterwegs zu sein? Aber kann man sich in so kurzer Zeit auf andere Orte, andere Länder wirklich einlassen?</p>
<p>Und wenn man an den Beruf denkt – wieviel Menschen kommen viel zu wenig zu den Dingen, wegen denen sie ihren Beruf mal gewählt haben? Wie viel Zeit geht drauf für Mails, Verwaltung und Dokumentation statt für die Arbeit mit Menschen oder an tollen Projekten. Am Ende sind Menschen nicht so sehr von der Arbeit erschöpft, sondern weil sie zu ihrer eigentlichen Hauptarbeit wieder mal nicht gekommen sind.</p>
<h5>Wenn die Dinge ihre Zeit bekommen</h5>
<p>Wenn wir in die Bibel schauen, finden wir da eine ganz andere Welt: eine Welt, die nicht von wachsender Beschleunigung gezeichnet ist, sondern wo die Dinge die Zeit bekommen, die sie brauchen. In den Evangelien wird extra von einem Tag erzählt, wo bei Jesus so viel los war, dass sie nicht mal Zeit zum Essen hatten. Das war eine große Ausnahme! Aber die wurde ausgeglichen durch Zeiten der Ruhe, Zeiten des Gebets, Zeiten des absichtslosen Beisammenseins. Und vor allem erscheint die Welt da nicht als ein Ort des Wettkampfes aller gegen alle, wo jeder versucht, noch ein bisschen schneller und besser zu sein als die anderen.</p>
<p>Es ist eine Welt, in der Menschen und Dinge die Zeit bekommen, die sie brauchen, um zu wachsen und zu reifen. Und auch wir brauchen die Zeit, die man nicht abkürzen und beschleunigen kann, um zum vollen Menschen zu werden.</p>
<h4>Predigt:</h4>
<p>Von Jesus haben wir vorhin in der Lesung (Markus 1,32-39) gehört, wie er nach einem anstrengenden Tag früh morgens aus der Stadt hinausging an einen einsamen Ort und dort betete. Als die Jünger ihn fanden, machten sie ihm Vorwürfe: Wie kannst du nur einfach weggehen? Alle suchen dich, alle wollen was von dir. Da musst du doch reagieren!<br />
Aber Jesus sagte: Nein, wir gehen weiter. Jesus wusste, wann es Zeit war, aufzuhören. Wäre er geblieben, dann wäre seine Geschichte gleich am Anfang ins Stocken geraten. Aber Jesus wusste, was jetzt gerade dran war. Damit ging er in den Spuren des alttestamentlichen Weisen, der uns im Prediger Salomo begegnet, und der (in Kapitel 3) die berühmte Zeilen über die Zeiten und ihre innere Logik verfasst hat:</p>
<div class="bibel">
<p>1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:</p>
<p>2 Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;<br />
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;<br />
3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;<br />
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;<br />
4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;<br />
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;<br />
5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;<br />
herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;<br />
6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;<br />
behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;<br />
7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;<br />
schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;<br />
8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;<br />
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.</p>
<p>9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.</p>
</div>
<p>Der Weise spricht hier nicht von »der« Zeit, sondern von »den Zeiten«. Er redet also nicht von der physikalischen Zeit, die eine Uhr misst, sondern von gefüllten Zeiten: eine Zeit zum Weinen, eine Zeit zum Lachen, eine Zeit zum Suchen, eine zum Verlieren usw. Zeit ist eben nicht Geld. Ein Euro mag ein Euro sein, aber eine Stunde ist nicht wie die andere. Es gibt immer nur Zeit, die auf bestimmte Weise gefüllt ist. Um es noch mal mit Jesus zu sagen: Gestern war Heilen dran, heute ist es Zeit zum Weitergehen. Und wer versucht, gegen die Bestimmung der Stunde zu leben, verschwendet sinnlos seine Energie.</p>
<p>Diese Gedanken des Predigers stammen aus der Zeit, als Alt-Israel von den Griechen unterworfen war, so etwa ab 330 v. Chr. Damals ging die »moderne« Geldwirtschaft endgültig daran, die Welt der freien Bauern zu zerstören. Damals entstand die Welt der Großgrundbesitzer und Tagelöhner, die wir aus den Evangelien kennen. Es war eine frühe Zeit der Globalisierung, als man sich nicht mehr auf die herkömmlichen Regeln des Zusammenlebens im Dorf verlassen konnte.</p>
<h5>Liebe das Leben!</h5>
<p>Die Antwort des Predigers darauf ist: versuche nicht, im Hamsterrad mitzuhalten, sondern lebe! Leben ist kein ewiger Kampf. Deshalb entzieh dich dem Hamsterrad. Widme dich intensiv der gegenwärtigen Zeit, vor allem, wenn du eine Gelegenheit zur Freude hast. Wer weiß, wann sie wiederkommt? Iss und trink, freue dich am Leben mit der Frau, die du liebst, und wenn die Gelegenheit günstig ist, setz deine Pläne entschlossen um. Aber tu das alles im Bewusstsein, dass es nicht in deiner Macht steht, die Zeiten zu ändern. Gottes Wege sind gut, aber wir durchschauen sie nicht wirklich, und erst recht nicht im Voraus. Also sei offen dafür, deine Pläne und Entscheidungen über den Haufen zu werfen, wenn du merkst, dass jetzt etwas anderes dran ist. Bleib offen für das, was Gott dir über den Weg schickt.</p>
<p>Übersetzt in unsere Zeit hieße das: stell immer wieder in Frage, ob du etwas wirklich tun musst. Ist es wirklich nötig, dir auch noch diesen Termin oder diese Aufgabe aufzubürden? Andererseits: wenn eine Sache jetzt dran ist, dann tu sie auch wirklich und mit vollem Einsatz! Jesus hatte auch Tage, wo er am Abend schlagkaputt war von all den vielen Menschen, denen er sich gewidmet hatte. Aber er wusste auch, dass danach die Zeit zum Ausruhen war, wo er mit seinen Jüngern im Boot weggefahren ist, irgendwohin, wo keine Menschen waren, und manchmal ist er im Boot gleich eingeschlafen. Es gab die langen Wanderungen von Dorf zu Dorf, wo sie Zeit für Gespräche hatten und sich in der Natur mit ihrer Schönheit bewegten – auch das ist ja eine Quelle der Regeneration.</p>
<h5>Was ist wirklich dran?</h5>
<p>Und Jesus hatte immer diese Zeiten, wo er sich ganz auf Gott konzentriert hat und dadurch verstanden hat, was jetzt dran ist. Er hat nichts bloß deshalb gemacht, weil Menschen meinten, er müsste das. Er hatte keinen todsicheren Masterplan, er blieb flexibel, aber er wusste, was sein Auftrag war. Und den hat er erfüllt, ohne Eile und Hektik, aber als sie schließlich kamen, um ihn gefangen zu nehmen, da war er gerade mit allem fertig geworden, was er zu tun hatte.</p>
<p>So auf den Punkt mit allem fertig zu sein, das ist für uns wahrscheinlich traumhaft, wo wir den Eindruck haben, dass unsere ToDo-Listen niemals abgearbeitet sind. Gut, wir sind nicht Jesus, aber lernen sollten wir schon von ihm: nach der inneren Logik der Zeiten fragen, verstehen, welche Stunde jetzt ist und welche nicht. Immer wieder Gelegenheiten schaffen, wo wir zurücktreten und fragen: ist das jetzt noch dran? Muss ich das wirklich tun? Bin ich hier nicht in einem Hamsterrad, in dem ich in Wirklichkeit gar nicht sein müsste? Muss ich wirklich Angst haben, sonst den Anschluss zu verpassen? Ist mein Leben möglichst einfach, ohne unnötig viele lose Enden, die ich im Auge behalten muss? Wollen wir wirklich in einem Konkurrenzkampf aller gegen alle sein? Erreichen wir nicht in Wirklichkeit mehr, wenn wir nicht auf jeden Dampfer aufspringen? Ich glaube, es ist ein besserer Weg, wenn wir danach fragen, was jetzt wirklich dran ist, dann das andere lassen, aber das wirklich Wichtige mit aller Kraft tun.</p>
<p>Manchmal ist es auch heilsam, zurückzuschauen auf das, womit wir vor einem Jahr oder so intensiv beschäftigt waren und sich zu fragen: was hat es gebracht? War diese Energie gut investiert, oder war es Haschen nach Wind? Manches hat Früchte getragen, manches ist einfach verpufft.</p>
<p>Oder andersherum: Sieh dir etwas an, was gut ist in deinem Leben, was gelungen ist und Früchte trägt, und versuch herauszufinden, was du dafür getan hast: welche guten Entscheidungen haben dazu geführt? Welche Energie hast du im richtigen Moment für die richtige Sache aufgewandt? Hat sich diese mutige Entscheidung bewährt? Waren die Sorgen berechtigt oder nicht? Auch so kann man lernen und ein besseres Verständnis der Zeiten bekommen.</p>
<h5>Andere schützen, nicht belasten</h5>
<p>Uns muss klar sein, dass das eine ganz anderer Umgang mit der Zeit ist, als ihn die meisten Menschen pflegen. Deshalb wäre es schon gut, wenn wir uns gegenseitig in dieser Haltung bestätigen. Man kann sich ja auch gegenseitig noch antreiben und von anderen verlangen, dass sie dies noch tun und das noch. Man kann Menschen ohne Not auch noch mehr Arbeit und Termine aufdrücken. Ich habe mal gelernt, das man sich vor jeder Sitzung, die man einberuft, fragen sollte: ist die wirklich nötig? Was würde Schlimmes passieren, wenn sie ausfällt? Und wenn sie stattfindet, dann muss sie so vorbereitet sein, dass sie nicht ewig dauert. Manches braucht seine Zeit, das ist klar, aber vieles kann auch kurz sein.</p>
<p>Nun gut, Sitzungen gehören zu <em>meinem</em> Job, andere müssen das für <em>ihre</em> Situation überlegen: wie helfe ich anderen, ihre Zeit gut einzusetzen und sie nicht sinnlos herumzubringen? Wie schütze ich andere vor Stress? Wie sorge ich dafür, dass Menschen bei mir nicht unnütz warten müssen? Oder auf mich warten müssen? Welche Folgen haben meine Entscheidungen für das Zeitbudget anderer?</p>
<h5>Es ist genug für alle da</h5>
<p>Auch für die Zeit gilt: Gott hat nicht eine Welt des Mangels geschaffen, sondern der Fülle. Es ist genug da für alles, was wir brauchen, und wir bekommen genügend Zeit für alles, was zu unserer Berufung gehört. Und wir bekommen auch noch unerwartete Geschenke obenauf, damit wir nicht knapsen müssen. Aber es ist nicht so viel da an Gütern und an Zeit, dass wir unsere Zeit gedankenlos vertun und die Dinge sinnlos verschwenden könnten.</p>
<p>Der Anfang und das Ende eines guten Umgangs mit unserer Lebenszeit bleibt aber die Frage: was ist jetzt dran? Welche Zeit ist jetzt? Unsere Zeiten kommen aus Gottes Hand, sie sind gefüllt und geprägt, und wenn wir versuchen, uns gegen den inneren Sinn der Zeiten zu stellen, dann kostet uns das Kraft, die wir nicht haben.</p>
<h5>Unerwartete Geschenke</h5>
<p>Aber wenn wir beginnen, auf die Zeiten zu achten und sie zu verstehen, dann werden wir sicherer in unseren Entscheidungen. Dann werden wir auch nicht mehr die Geschenke übersehen, die Gott großzügig für uns am Wegesrand verstreut.</p>
<p>Gegen den Stress hilft die einfache Freude am Leben: gutes Essen und Trinken, der Mensch, den man liebt, die Freude am Gelingen der Arbeit. Wer sich dafür öffnet, für den wird das Hamsterrad schon viel weniger attraktiv. Im richtigen Moment ein unverhofftes Geschenk entgegen zu nehmen kann uns weiter bringen als viele Anstrengungen.</p>
</div>
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		<title>Freundschaft von Geist und Materie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Sep 2018 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besonderer Gottesdienst]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
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					<description><![CDATA[Predigt im Segnungsgottesdienst am 23. September 2018 mit Markus 8,22-26<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Fmarkus08_22-26-freundschaft-von-geist-und-materie%2F&amp;action_name=Freundschaft%20von%20Geist%20und%20Materie&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2020/10/GD2018-09-23Segnung_740px.png.png" alt="" width="740" height="494" class="alignleft size-full wp-image-6788" style="float:none;" /></p>
<div id="predigt">In diesem Gottesdienst konnte man sich an verschiedenen Stationen u.a. segnen lassen.</p>
<div class="bibel">
<p>22 Sie kamen nach Betsaida. Dort brachte man einen Blinden zu Jesus und bat ihn, den Mann anzurühren.<br />
23 Jesus nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn aus dem Ort hinaus. Er benetzte ihm die Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: »Siehst du etwas?« 24 Der Mann blickte auf und erwiderte: »Ich sehe Menschen; sie gehen umher, aber sie sehen aus wie Bäume.«<br />
25 Da legte Jesus ihm noch einmal die Hände auf die Augen; nun konnte er deutlich sehen. Er war geheilt und konnte alles klar erkennen.<br />
26 »Geh nicht in den Ort ´zu den Leuten`«, sagte Jesus und schickte ihn nach Hause.</p>
</div>
<p>Wir haben heute einen Segnungsgottesdienst. Was ist das Besondere daran? Wir haben nachher Gelegenheit, hier zu einzelnen Stationen zu gehen, wo man gesegnet wird oder eine Kerze anzündet oder eine Karte mit einem Bibelvers bekommen kann. Was ist der Unterschied zu anderen Gottesdiensten? Unser Körper ist mehr beteiligt als sonst.</p>
<p>Das Besondere ist also heute gerade nicht, dass wir besondere geistige Höhen oder Tiefen erklimmen, sondern es ist so, dass wir hier mehr an materieller, körperlicher Wirklichkeit dabei haben. Christliche Spiritualität hat ganz bewusst viel mit unserem Körper zu tun. Wenn wir auf dieser Spur weiter denken, dann können wir noch auf andere Dinge stoßen. Auch die Taufe ist ein Augenblick, wo sich Materielles und Gedankliches ganz eng berühren: da kommen ein menschlicher Körper und Wasser mit Gedanken und Worten zusammen. Und genauso beim Abendmahl: es geht um Erinnerungen an Jesus, die sich mit handfester Nahrung, mit Brot und Wein verbinden. Und beim Segen werden Hände aufgelegt, damit man versteht: du bist es, genau du, dem dieser Segenszuspruch gilt.</p>
<p>Und wir haben eine Jesusgeschichte gehört, die das noch mal zuspitzt: Jesus wird mit einem blinden Mann konfrontiert, und er fasst den Blinden an der Hand, er zieht ihn mit sich und bringt ihn weg aus dem Brennpunkt der Aufmerksamkeit, wo sie alle schon die Handys gezückt haben, um den entscheidenden Moment festzuhalten und zu teilen. Stellen Sie sich mal vor, was das gäbe, wenn sich das Bild ausbreitet, wie Jesus mit seiner Spucke die blinden Augen berührt! Wie viele Leute dann kommentiert hätten: »Voll eklig!« Wir haben in uns eine ganz große Hemmung vor der ganzen Körperlichkeit, und wenn es dann auch noch so was Feuchtes wie Spucke ist, dann ist das noch mal eine Stufe unheimlicher.</p>
<p>Aber wir haben von Jesus eine ganze Menge Geschichten, wo er überhaupt keine Angst vor Körperkontakt hat. Menschen sind nun mal nicht als reine Geistwesen geschaffen, sondern wir stehen auf der Grenze zwischen der materiellen und der geistigen Welt, und das ist gut so. Wir schweben nicht ziellos hin und her, sondern wir haben einen Ort in der Welt, wo wir hingehören, unseren Körper. So wollte Gott uns. Und das Ziel ist nicht, dass wir das Irdische und Materielle hinter uns lassen, sondern dass genau an dem Ort, an den wir gehören, Geist und Materie in Freundschaft zusammenfinden. Und der gute Geist Gottes soll an diesem Ort Heilung, Versöhnung und Erneuerung bringen.</p>
<p>Wenn christliche Spiritualität gut ist, dann verbindet sie uns fester mit unserer körperlichen Realität und macht die Verheißung sichtbar, die mit diesem materiellen Ort verbunden ist: auch da, wo wir sind, soll der Himmel zur Erde kommen. Dieses Stück Welt soll gesegnet werden, es ist berufen, zur neuen Welt Gottes zu gehören. Das Stück Welt, das unseren Namen trägt, soll vom Segen Gottes berührt und vielleicht sogar erfüllt werden.</p>
<p>Das Evangelium holt uns also nicht weg aus der materiellen, körperlichen Welt, sondern es bestätigt uns gerade an unserem Ort und sagt: nimm es als deinen Auftrag an, an diesem Punkt der Welt für ein freundschaftliches Miteinander von Materie und Geist zu sorgen! Du stehst in der Gemeinschaft der Menschheit, die als Ganze den Auftrag hat, Gott in seiner Schöpfung zu vertreten. Sei also auch du ein Weg, auf dem Gottes Geist in diese Schöpfung kommen und sie bewohnen kann. Gottes Herrlichkeit ist eine von seinem Glanz erfüllte Schöpfung, und Gottes Ruhm ist ein freier Mensch, der sich an seinem Ort für Gott öffnet und dadurch ein guter Verwalter wird, der diesen Teil der Schöpfung mit Weisheit und Sorgfalt bebaut und bewahrt.</p>
<p>Also lasst uns nicht gering denken von der materiellen Seite der Welt. Sie soll vom Geist berührt werden, damit sich Geist und Materie nicht mehr fremd oder gar feindlich gegenüber stehen, sondern damit sie gemeinsam die Herrlichkeit von Gottes Schöpfung sichtbar machen. Die sichtbare und die unsichtbare Seite der Schöpfung, Materie und Geist, Himmel und Erde, beide sind allein zu wenig, aber gemeinsam loben sie Gottes großes Werk.</p>
</div>
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		<title>Warum das Kreuz?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Mar 2017 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besonderer Gottesdienst]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
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					<description><![CDATA[Besonderer Gottesdienst am 26. März 2017 mit Predigt zu Kolosser 2,12-15<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Fkolosser02_12-15-warum-das-kreuz%2F&amp;action_name=Warum%20das%20Kreuz%3F&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2020/10/GD_2017-03-26_Kreuz.png.png" alt="" width="730" height="550" class="alignleft size-large wp-image-5291" style="float:none;" /></p>
<div class="predigt">
<strong>Die folgenden Texte waren im Gottesdienst auf zwei Blöcke aufgeteilt.</strong></p>
<p>»Warum das Kreuz?« ist ja eigentlich ein Karfreitags-Thema, aber die Passionszeit ist dafür da, dass wir diese Feiertage vorbereiten, damit wir nicht erst dann, wenn es soweit ist, anfangen, uns darüber klar zu werden, worum es da geht.</p>
<p>Das Kreuz ist das zentrale christliche Symbol, aber natürlich nicht als geometrisches Zeichen, sondern als Erinnerung an den grausamen Tod, den die Feinde Jesu ihm bereitet haben. Und die Christen haben immer gesagt, dass das kein dummer Zufall war, auch nicht der tragische Tod eines großen Mannes, sondern dass Jesus bewusst auf diesen Tod zugegangen ist. Jesus sah ihn als Schluss- und Höhepunkt seines ganzen Weges.</p>
<h5>Warum ein entscheidender Moment?</h5>
<p>Besonders krass sieht man das im Johannes-Evangelium, wo die Kreuzigung Jesu doppeldeutig als seine »Erhöhung« bezeichnet wird. In der Lesung werden wir einen Abschnitt hören, wo das vorkommt: wenn Jesus an das hoch aufragende Kreuz geschlagen wird, ist das gleichzeitig seine Erhöhung, also der Höhepunkt seines Weges, ja, sogar die entscheidende Aufrichtung seiner Macht.</p>
<p>Das muss jetzt für uns noch keinen Sinn ergeben – es reicht, wenn wir erstmal wahrnehmen, dass die frühen Christen jedenfalls überzeugt waren, dass in dem Moment, in dem Jesus seinen letzten mühsamen Atemzug tat, etwas Revolutionäres und Entscheidendes passierte. Die Welt war danach nicht mehr dieselbe wie zuvor.</p>
<p>Paulus zitiert z.B. im 1. Korintherbrief ein ganze frühes christliches Glaubensbekenntnis,<br />
in dem gesagt wird: »Christus ist für unsere Sünden gestorben nach der Schrift«, also im Einklang mit den heiligen Überlieferungen Israels. Warum war das das entscheidende Ereignis? Und warum wird z.B. auch in der Abendmahlsüberlieferung als beinahe einzige Erklärung für den Tod Jesu gesagt, dass sein Blut »zur Vergebung der Sünden« vergossen wird? Woran dachten die Jünger Jesu und die ersten Christen, wenn sie diesen Begriff hörten? Warum werden durch Jesu Tod Sünden vergeben, und warum ist das so zentral?</p>
<h5>Wurzeln in der Vergangenheit</h5>
<p>Wenn wir das verstehen wollen, dann müssen wir die Schrift befragen, auf die hier ja ausdrücklich verwiesen wird. Und wir müssen tatsächlich ein ganzes Stück zurückgehen zu einer entscheidenden Datum in der Geschichte des Volkes Israel. Über 600 Jahre vor der Kreuzigung Jesu, im Jahre 587 vor Christus, eroberten die Babylonier Jerusalem und zerstörten es. Das war der entscheidende Bruch in der Geschichte Israels. Und die Einsicht setzte sich durch: das haben wir selbst verschuldet, weil wir uns vom lebendigen Gott abgewandt haben, weil wir nicht auf seine Propheten gehört haben, weil wir die Armen unterdrückt und eine arrogante, abenteuerliche Außenpolitik betrieben haben. Es ist die Folge unserer Sünden. Damals sind die Bücher der Propheten in die Bibel aufgenommen worden, weil ihre Warnungen sich als wahr erwiesen hatten.</p>
<p>Und es waren wieder die Propheten, die einen Neuanfang für das Volk verkündeten und den Menschen die Hoffnung gaben: Gott hat euch nicht vergessen. Allen voran der unbekannte Prophet, den wir im Jesajabuch ab Kapitel 40 hören. Er verkündete, dass die Strafe für die Sünden begrenzt war und nun zu Ende ging. Und tatsächlich, als der persische König Kyros 70 Jahre später Babylon eroberte, durften die Israeliten wieder zurück in ihr Land.</p>
<h5>Ein ungelöstes Problem</h5>
<p>Aber es war es war ein mühsames Leben dort zwischen Trümmern, und auf eine echte Erneuerung mussten sie immer noch warten, und zu Jesu Zeit, 500 Jahre später, warteten sie immer noch auf einen Neuanfang, obwohl inzwischen der Tempel glanzvoll wieder aufgebaut worden war. Aber sie lebten unter fremden Herren, erst die Griechen, dann die Römer, und die Verheißungen schienen in weite Ferne gerückt. Wieso waren die fremden Mächte so stark und das Volk Gottes so ohnmächtig? Warum schwieg Gott und sandte sein prophetisches Wort nicht mehr? Anscheinend standen ihre Sünden immer noch zwischen Gott und ihnen.</p>
<p>In dieser Situation behaupteten die Jünger Jesu, dass durch Jesus ein entscheidender Neuanfang geschehen war: er ist »für unsere Sünden gestorben«, so dass nun der Weg frei ist für eine neue Befreiung. Deswegen führte Jesus seinen Tod gerade am Passafest herbei, wo man die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei feierte. Da ist eine neue Befreiung von brutalen Tyrannen geschehen, und sie ist durch den Tod Jesu geschehen. Wie genau das funktioniert, dafür gab es unterschiedliche Vorstellungen, und auch wir werden nachher weiter darüber nachdenken. Aber die frühen Christen waren sich einig, dass durch das Kreuz das Entscheidende geschehen war. Denn die erste Konsequenz davon war die Auferstehung Jesu drei Tage später.</p>
<div class="bibel">
<p>12 Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch auferweckt, durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat. 13 Ihr wart tot infolge eurer Sünden, und euer Leib war unbeschnitten; Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und uns alle Sünden vergeben.<br />
14 Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat. 15 Die Fürsten und Gewalten hat er entwaffnet und öffentlich zur Schau gestellt; durch Christus hat er über sie triumphiert.</p>
</div>
<p>In diesem Abschnitt aus dem Kolosserbrief stoßen wir wieder auf den Zusammenhang, den ich vorhin angesprochen habe: die Verbindung von Tod und Auferstehung Jesu und der Vergebung der Sünden. Wir stoßen aber auch auf neue Mitspieler: die »Fürsten und Gewalten«. Im Neuen Testament spielen die eine erhebliche Rolle: überpersönliche Machtzusammenballungen, die diese Welt beherrschen.</p>
<h5>Eine Welt voller Mächte</h5>
<p>Gerade das macht die Bibel so erstaunlich aktuell: wir heute erleben das ja sehr deutlich, dass unsere Gesellschaft von gewaltigen Machtzusammenballungen gesteuert wird, gegen die selbst mächtige Staaten kaum noch ankommen: an ihrer Spitze natürlich die gewaltige Masse an Kapital, das in Sekundenschnelle um den Erdball geschoben wird und und nach Orten sucht, wo es mit Gewinn investiert werden kann. Und nebenbei ruiniert es hier einen Staat und richtet dort eine Wirtschaftskrise an, stampft mal eben eine ganze neue Metropole wie Dubai aus dem Boden, wo vorher Wüste war, und bringt irgendwo anders Menschen um das Haus, in dem sie wohnen.</p>
<p>Das ist der Hintergrund, wenn unsere Bundeskanzlerin davon spricht, dass irgendetwas »alternativlos« wäre. Sie benutzt das Wort aber, glaube ich, inzwischen nicht mehr, weil sie damit zu viel über die innere Mechanik der Macht enthüllt hat, nämlich dass heute auch die Führer großer Staaten Getriebene sind, die oft nicht viel mehr tun, als sogenannte Sachzwänge auszuführen.</p>
<h5>Der »Fürst dieser Welt« verliert</h5>
<p>Die Mächte und Gewalten, die unsere Welt unter Kontrolle bringen möchten, haben heute eine Stärke, die zu Jesu Zeiten gar nicht vorstellbar war. Und in der Bibel wird gesagt, dass das nicht nur reine Sachzwänge sind, sondern diese Mächte haben eine Art Pseudo-Persönlichkeit, wir haben es mit Zombies zu tun, mit Untoten, die wir selbst zum Leben erweckt haben, mit Vampiren, die sich von unserer Lebenskraft nähren und davon immer stärker werden.</p>
<p>Der oberste dieser bösen Geister ist Satan, der Feind Gottes, der Versucher, der Fürst dieser Welt, und von dem haben wir vorhin in der Lesung (Johannes 12,20-33) gehört: Jesus sagt »jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen werden«. Jetzt, wenn ich gekreuzigt werde. Dann wird er die entscheidende Niederlage erleben.</p>
<h5>Drei verknüpfte Themen</h5>
<p>Das bedeutet: im Tod Jesu geht es um Vergebung der Sünden, und es geht um die Auseinandersetzung mit den Mächten und Gewalten, die unsere Welt scheinbar alternativlos unter Kontrolle haben. Und zu dieser Kombination gesellt sich hier im Kolosserbrief noch ein drittes Thema dazu: die Taufe, also das neue Leben, das in der Gemeinschaft mit Jesus beginnt. Das alles kommt im Kreuz Jesu zusammen, und wir müssen verstehen, wieso das so ist. Wie hängen die Vergebung der Sünden, die Entmachtung der bösen Mächte und das neue Leben zusammen? Und warum treffen sie sich ausgerechnet am Kreuz Jesu?</p>
<h5>Was ist ein »Schuldschein«?</h5>
<p>Versuchen wir, den Knoten aufzulösen! »Gott hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben.« heißt es bei Paulus. Schuldscheine bringen dich in Abhängigkeit. Du bist nicht mehr Herr deiner Entscheidungen, weil du in der Vergangenheit eine Verpflichtung eingegangen bist, und die musst du erfüllen. Egal, wie das zu Stande gekommen ist, du hast es akzeptiert, und jetzt bist du nicht mehr frei.</p>
<p>Einem Haufen Ländern in der Welt ist das so gegangen und geht es bis heute so: irgend eine Regierung hat mal Kredite aufgenommen, die Verantwortlichen sind längst nicht mehr da und haben ihren Anteil an dem Deal in der Schweiz in Sicherheit gebracht, die Menschen haben von dem Kredit gar nichts gehabt, aber jetzt sollen sie die Schulden bezahlen. Ihnen wird die Gesundheitsversorgung gestrichen, ihnen werden Lebensmittel verteuert und die Renten gekürzt, die Häfen und die Schnellstraßen werden an Private verscherbelt. Sie bezahlen für Entscheidungen in der Vergangenheit. Es gibt einen Schuldschein gegen sie, und jetzt sind sie nicht mehr frei, über ihr Leben zu bestimmen.</p>
<h5>Blockaden aus der Vergangenheit</h5>
<p>Genau das war auch der Effekt in der Geschichte Israels, von der ich am Anfang erzählt habe: sie hatten sich von Gott abgewandt, und jetzt stand das zwischen Gott und ihnen. Sie konnten nicht einfach zurück in die Zeit davor. Sie waren nicht mehr frei, um ihren Auftrag auszuführen: nämlich als befreites Volk Gottes den anderen Völkern zu zeigen, wie man eigentlich leben soll. Sie hatten die Konsequenzen ihrer Abwendung von Gott tragen müssen, die babylonische Gefangenschaft. Die war zum Glück vorbei, aber immer noch waren sie blockiert von den alten Fehlentscheidungen von damals, den unvergebenen Sünden, die sie daran hinderten, ihre Berufung zu erfüllen.</p>
<p>Und an Israel wird ja nur deutlich, was der ganzen Welt passiert ist: Menschen füllen ihre Berufung nicht aus, weil sie sich vor langer Zeit von Gott abgewandt haben. Wir sollten eigentlich als Stellvertreter Gottes diese Welt in seinem Auftrag regieren. Wir sollten die königlichen Menschen sein, denen die Mächte der Welt gehorchen. Geld sollte eigentlich ein Mittel sein, mit dem wir die Welt gestalten, und keine Macht, die die Welt in immer neue Abgründe reißt.</p>
<h5>Beschuldigungen machen schwach</h5>
<p>Aber das ist verloren gegangen. Ohne Gott im Rücken fallen wir den Mächten zum Opfer, die uns eigentlich dienen sollen. Sie treiben uns vor sich her, weil wir ihnen die Tür aufgemacht haben, durch unsere Fehlentscheidungen. Fehlentscheidungen, Sünden, schwächen uns. Egal, ob es dabei um Geldforderungen oder moralische Forderungen geht: du bist etwas schuldig, und das macht dich unsicher und gibt dich in die Hand anderer.</p>
<p>Deswegen machen Menschen sich ja gegenseitig Vorwürfe: du bist schuld! Jeder Vorwurf ist sozusagen die Präsentation einer Rechnung, eines Schuldscheins: du hast dies und jenes getan, und deshalb bist du mir jetzt etwas schuldig. Ob der Vorwurf stimmt oder nicht, ist dabei ziemlich egal. Das lässt sich ja meistens auch gar nicht wirklich klären. Aber wer sich diesen Schuh anzieht oder anziehen lässt, der ist dran. Der muss Wiedergutmachung leisten. Vielleicht ist es mit einem Blumenstrauß und netten Worten getan, vielleicht muss er sich aber auch für den Rest des Lebens immer wieder daran erinnern lassen, wie unterirdisch sein Verhalten damals gewesen ist.</p>
<p>Das funktioniert aber nicht nur zwischen zwei Menschen, sondern diese Mechanismen funktionieren genauso gut in der öffentlichen Diskussion. Haben Sie mal darauf geachtet, wie es an ganz vielen Stellen um Vorwürfe geht, dass jemand oder eine Gruppe von Menschen irgendwie schuld sind und das anerkennen und wiedergutmachen sollen? Ganz viele versuchen, gegenüber anderen oder gegenüber der ganzen Gesellschaft einen Schuldschein in die Hand zu bekommen. Denn wer sich erfolgreich als Opfer darstellen kann, der hat einen Anspruch auf Ausgleich.</p>
<p>Mir geht es dabei nicht um die Frage, ob solche Ansprüche berechtigt sind. Manchmal sind sie es, manchmal nicht. Der ganze Mechanismus des Schuldaufrechnens ist das Problem. Das sorgt für jede Menge Verbitterung auf allen Seiten, es macht alle schwach, weil die einen wirklich schwach werden, wenn sie sich lange genug als Opfer darstellen, und die anderen werden unter den Anschuldigungen und Forderungen schwach und unsicher.</p>
<h5>Mächte sind stark durch Schuld(en)</h5>
<p>Die anonymen Mächte und Gewalten in unserer Welt leben davon, dass Menschen sich gegenseitig moralische Schuld und finanzielle Schulden zuschieben. Aber nun hat Gott den Schuldbrief durchgestrichen. Er hat die Forderungen für Null und nichtig erklärt, und damit den Mächten und Gewalten die Geschäftsgrundlage entzogen. Er hat den Weg dafür frei gemacht, dass Menschen wieder ihren Auftrag ausführen können, als Stellvertreter Gottes die Welt weise und gerecht zu regieren. Deswegen heißt es im Vaterunser: vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern: du vergibst uns, dass wir uns von dir abgewandt haben, wir erlassen den Griechen ihre Schulden. Das ist der Deal, und so können alle wieder auf neue Weise, frei und versöhnt, miteinander leben.</p>
<p>Aber was hat das mit dem Kreuz Jesu zu tun?</p>
<h5>Das Ende der Schuld(en)</h5>
<p>Jesus hat sein Leben lang darauf verzichtet, anderen Schuld anzurechnen und Forderungen zu stellen. Sogar als er gekreuzigt wurde, hat er daraus keinen Vorwurf gemacht, was ja leicht zu machen gewesen wäre. An ihm sind tatsächlich alle schuldig geworden. Und trotzdem hat er noch am Kreuz um Vergebung für seine Feinde gebeten. Ohne Gegenleistung und Vorbedingungen. Dadurch hat er bis zum Ende das neue Modell des Menschseins durchgehalten, das er gebracht hat. Sie haben es nicht geschafft, ihn in das System von Schuld und Vorwürfen hineinzubekommen. Sie haben ihm nicht ihre Geschäftsgrundlage aufzwingen können.Stattdessen hat er sichtbar gemacht, welche mörderischen Konsequenzen ihr System hat.</p>
<p>Im Kreuz bekommt das ganze Leid, das Menschen einander antun, einen Ort, an dem es sichtbar wird. Es wabert nicht mehr formlos als Unterströmung durch die Geschichte, sondern bekommt endlich einen angemessenen Ausdruck. Aber es wird so sichtbar, dass es nicht niederdrückt, sondern mit der Hoffnung auf eine neue Art des Menschseins verbunden wird, die Jesus auch am dunkelsten Ort der Welt nicht aufgegeben hat. Und in der Taufe werden wir mit dieser neuen Art des Menschseins in Verbindung gebracht. Wir werden da mit hinein gezogen.</p>
<h5>Das Zeichen der Befreiung</h5>
<p>Deswegen war für die ersten Christen das Kreuz keine dunkle Bedrohung, sondern das Zeichen des Sieges Gottes über die zerstörerischen Mächte; das Zeichen dafür, dass das Tor zu einem neuen Zeitalter aufgestoßen wurde, wo Menschen auf andere Weise leben können als zuvor.</p>
<p>Das Zeichen für diesen Neuanfang und gleichzeitig die erste Auswirkung des Kreuzes war die Auferstehung Jesu. Da verstanden sie: jetzt ist der Punkt gekommen, wo die Sünden vergeben sind und Gott mit seinem Volk einen neuen Anfang macht, großartiger und breiter, als sie es sich je erträumt hätten.</p>
</div>
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		<title>Wer bin ich?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Jan 2017 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besonderer Gottesdienst]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
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					<description><![CDATA[Besonderer Gottesdienst am 22. Januar 2017 mit Predigt zu Philipper 2,5-9<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Fphilipper02_05-09-wer-bin-ich%2F&amp;action_name=Wer%20bin%20ich%3F&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="predigt">
<h6><strong>Die folgenden Texte waren im Gottesdienst auf zwei Blöcke aufgeteilt.</strong></h6>
<p>Dieser Besondere Gottesdienst hat den Titel: »Wer bin ich?«. Ich glaube, wir sind uns einig, dass das eine wichtige Frage ist. Was für eine Sorte Mensch ich bin, wie ich funktioniere und reagiere, wie meine Lebensgeschichte mich geprägt hat, woher ich mein Selbstbewusstsein nehme – das sind alles ganz zentrale Fragen.</p>
<p>Mit einem Spezialbegriff kann man auch sagen: die Frage »wer bin ich?« ist die Frage nach der »Identität«. Wo gehöre ich hin? Von wo aus definiere ich mich? Was macht mich aus? Woher nehme ich mein Selbstwertgefühl? Die Antwort darauf ist ganz häufig ein Satz über unsere Zugehörigkeit: ich bin Fan von …, ich stamme aus dieser Stadt oder gehöre zu jener Familie, ich gehöre zu diesem Volk oder zu jener Firma. Wir Menschen definieren uns ganz stark durch die Zughörigkeit zu einer Gruppe.</p>
<p>Das ist aber natürlich ein Risiko. Man kann z.B. aus einer Gruppe ausgeschlossen werden: der Stamm oder die Familie kann einen verstoßen. Oder die Gruppe selbst wird ein Problem: wenn der Verein oder der Mensch, dessen Fan man ist, dauerhaft Misserfolg hat z.B. Oder wer seine Identität daraus zieht, dass er bei VW arbeitet, der könnte im Moment durchaus Probleme mit dieser Identität haben.</p>
<p>Aber natürlich wissen wir im Grunde alle, dass es nicht reicht, auf die Frage »wer bin ich?« zu antworten: ich bin Fan von … oder ich arbeite bei … Noch nicht mal zu sagen »ich bin der der Papa oder die Mama von …« gibt eine wirkliche Antwort auf diese Frage. Irgendwie wissen wir, dass das noch nicht genug darüber sagt, wer wir sind. Wenn wir unsere Identität von Menschen abhängig machen, dann können wir uns nie sicher sein, wer wir sind.</p>
<p>In unserer Neuzeit hat Dietrich Bonhoeffer dazu etwas sehr Persönliches geschrieben. Viele von uns wissen: Bonhoeffer war jahrelang im Gefängnis, weil er ein Gegner Hitlers war. Ganz am Ende des 2. Weltkrieges ist er schließlich noch schnell hingerichtet worden. Aber er muss wohl schon während seiner ganzen Gefangenschaft sogar auf seine Bewacher einen tiefen Eindruck gemacht haben. Und gleichzeitig wusste er sehr genau, dass er sich selbst überhaupt nicht besonders mutig und stark fühlte.</p>
<figure style="width: 1747px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.dietrich-bonhoeffer.net/fileadmin/media/downloadangebot/bonhoefferpostkarte-wer-bin-ich.jpg"><img alt='bonhoefferpostkarte-wer-bin-ich-8649417' src='https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2017/01/bonhoefferpostkarte-wer-bin-ich-8649417.jpg' width="1747" height="1254" class="size-medium" /></a><figcaption class="wp-caption-text">Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Internationalen Dietrich Bonhoeffer-Gesellschaft</figcaption></figure>
<p>Bonhoeffer hätte sich von seiner Familientradition her definieren können. Er hatte berühmte Leute unter seinen Vorfahren, Professoren, Generäle, hohe Beamte. In einem Brief an die Gestapo hat er die alle mal aufgezählt, aber das war Taktik. Ihm selbst war zum Glück immer klar, dass es nicht reicht, sich durch seine Abstammung zu definieren. Spätestens im Gefängnis hätte ihm das nichts mehr genützt. Aber das Gefängnis hat ihn trotzdem gezwungen, sich mit dieser Frage »wer bin ich?« auseinanderzusetzen.</p>
<p>Und er hat das in einem Gedicht so beschrieben, dass man sich bis heute darin wiederfinden kann, auch wenn man kein Gestapo-Häftling ist. Aus diesem Gedicht stammt auch der Titel unseres Gottesdienstes heute: Wer bin ich?</p>
<blockquote><p>Wer bin ich?<br />
Sie sagen mir oft,<br />
ich träte aus meiner Zelle<br />
gelassen und heiter und fest,<br />
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.</p>
<p>Wer bin ich?<br />
Sie sagen mir oft,<br />
ich spräche mit meinen Bewachern<br />
frei und freundlich und klar,<br />
als hätte ich zu gebieten.</p>
<p>Wer bin ich?<br />
Sie sagen mir auch,<br />
ich trüge die Tage des Unglücks<br />
gleichmütig lächelnd und stolz,<br />
wie einer, der Siegen gewohnt ist.</p>
<p>Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?<br />
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?<br />
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,<br />
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,<br />
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,<br />
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,<br />
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,<br />
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,<br />
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,<br />
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,<br />
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?</p>
<p>Wer bin ich? Der oder jener?<br />
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?<br />
Bin ich beides zugleich?<br />
Vor Menschen ein Heuchler<br />
und vor mir selbst<br />
ein verächtlich wehleidiger Schwächling?<br />
Oder gleicht, was in mir noch ist,<br />
dem geschlagenen Heer,<br />
das in Unordnung weicht<br />
vor schon gewonnenem Sieg?</p>
<p>Wer bin ich?<br />
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.<br />
Wer ich auch bin, Du kennst mich,<br />
Dein bin ich, o Gott!</p></blockquote>
<p>In dieser Extremsituation des Gefängnisses merkt Bonhoeffer, dass er es nicht in der Hand hat, wer er ist. Er hat keine Kontrolle darüber, er kann es nicht definieren und garantieren. Er überlässt es Gott, was der in ihm sieht und wohin er ihn führt. Er lässt sich von Gott sagen, wer er ist.</p>
<p>Vielleicht ist das die erste und wichtigste Antwort auf die Frage »Wer bin ich?«: wir können das nicht willkürlich bestimmen; wer wir sind, das bildet sich in einem komplizierten Zusammenspiel von Gott und uns und anderen Menschen heraus. Unsere »Identität« liegt außerhalb unserer Verfügungsmacht. Und nur Gott kennt unser Herz wirklich und weiß, was mit uns ist.</p>
<p>Wir sind ins Ungewisse gestellt, aber gerade so geborgen; wir haben keine Macht über uns, aber so sind wir in den besten Händen. Und dann müssen wir auch nichts aus uns zu machen versuchen. Denn das geht häufig schief, davon werden wir heute noch hören.</p>
<p>Dazu konzentrieren wir uns auf einen Abschnitt aus dem Philipperbrief des Apostels Paulus:</p>
<div class="bibel">
<p>5 Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:<br />
6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.<br />
8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. 9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist.</p>
</div>
<p>Wir sprechen heute über schwierige Fragen, und dieser Abschnitt aus dem Philipperbrief des Pauls ist auch nicht einfach.</p>
<p>Viel hängt dabei an der Frage, was die Formulierung bedeutet »Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein.« Ein Raub, eine Beute, ist etwas, was du einem anderen gegen seinen Willen weggenommen hast, und du bist dauernd auf dem Sprung für den Fall, dass jemand das merkt und es zurück haben will.</p>
<p>Wer sich im Laden heimlich – sagen wir – eine DVD mit einem teuren Spiel unter den Pullover geschoben hat, der achtet genau darauf, ob ihn keiner beobachtet hat oder ob ihm ein Ladendetektiv folgt. Er ist darauf vorbereitet, nötigenfalls sofort einen Sprint einzulegen, falls ihm einer auf den Fersen ist. Eine Beute ist nichts Sicheres, jedenfalls so lange man noch in Reichweite des Ladenpersonals ist.</p>
<p>Paulus sagt also: Jesus war Gott gleich, aber er hat sich diesen Status nicht gegen Gottes Willen unter den Nagel gerissen. Er hat das deshalb auch nicht mit Zähnen und Klauen verteidigt, er hat es sogar freiwillig aufgegeben, um Mensch zu werden. Du kannst etwas nur dann freiwillig aufgeben – es verschenken – , wenn es dir wirklich gehört. Eine Beute, die du dir mühsam erkämpft hast, die hältst du fest, die gibst du nicht freiwillig her.</p>
<figure id="attachment_5222" aria-describedby="caption-attachment-5222" style="width: 350px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2020/10/vanLeydenSC3BCndenfall1530.jpg.jpg" style="float: rigth; margin-left: 10px; alt="" width="350" height="268" class="size-medium wp-image-5222" /><figcaption id="caption-attachment-5222" class="wp-caption-text">Lucas van Leyden: Sündenfall (1530)</figcaption></figure>
<p>Das wird noch klarer, wenn man fragt: zu wem ist Jesus denn die Alternative, wer hat sich das denn unter den Nagel gerissen, »Gott gleich zu sein«? Wer wollte denn gegen Gottes Willen wie Gott sein? Und dann merkt man: Paulus erinnert hier an die Paradiesgeschichte, an Adam und Eva, denen die Schlange einflüsterte: wenn ihr von dem Baum esst, dann werdet ihr sein wie Gott!</p>
<p>Gegen Gottes Willen wollten sie werden wie Gott, sie wollten nicht mehr von Gott abhängig sein, sie wollten sich ihre Identität – da ist es wieder, das Wort! – sie wollten sich ihre Identität gegen Gott erkämpfen. Und von da an ging alles schief.</p>
<p>Wenn man erstmal anfangt, darauf zu achten, dann merkt man, wie sich diese Frage durch die ganze Bibel zieht. Schon in der zweiten Generation der Menschen gerieten Kain und Abel in einen tödlichen Streit, aber dabei ging es nicht um Essen oder Geld oder so etwas, sondern darum, wen Gott freundlich ansieht und wen nicht. Seit ihre Eltern Adam und Eva versucht haben, mit Gewalt Gott gleich zu sein, kämpfen Menschen darum, wer sie sind. Wenn uns das nicht mehr Gott sagt, dann müssen wir das von anderen Menschen hören. Wir leben nicht mehr selbstverständlich von Gott und vor Gott und überlassen es ihm, zu sagen wer wir sind und was wir wert sind, sondern jetzt kämpfen wir um unsere Identität, und meistens tun wir das so, dass wir um die Anerkennung durch andere kämpfen.</p>
<figure id="attachment_5225" aria-describedby="caption-attachment-5225" style="width: 400px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2020/10/TurmzuBabel2.jpg.jpg" alt="" width="400" height="271" class="size-full wp-image-5225" /><figcaption id="caption-attachment-5225" class="wp-caption-text">Lucas van Valckenborch “Der Turm zu Babel” (1595)</figcaption></figure>
<p>Die biblische Urgeschichte schließt dann ab mit der Geschichte vom Turm zu Babel. Da beschließen Menschen, einen Turm zu bauen, ausdrücklich »um sich einen Namen zu machen«. Nichts sagt so sehr etwas darüber, wer wir sind, wie unser Name. Sie wollen ein unübersehbares Zeichen für ihren Namen, für ihre Identität aufrichten. Sie wollen sich auch als Volk nicht von Gott sagen lassen, wer sie sind, sondern sie wollen es in die eigene Hand nehmen, und so bauen sie den Turm. Und es passiert dem Menschenvolk genau das, was schon den Brüdern Kain und Abel passiert ist: gerade dieser Kampf um ihre Identität bringt sie gegeneinander auf. Am Ende gibt es viele Sprachen und Nationen. Und so gibt es heute all die vielen Nationen, die gegeneinander stehen und manchmal auch miteinander Kriege führen. Und alle bauen ihr eigenes babylonisches Türmchen, irgendetwas, was sie zusammenhalten soll, worauf sie stolz sind, und was auf jeden Fall möglichst groß und hoch sein soll. Aber in Wirklichkeit produziert das Streit und Spaltung.</p>
<p>Man könnte diesen Streit um die Frage, woher man seine Identität nimmt, durchs ganze Alte Testament verfolgen. Aber keine Angst, ich tue das nicht, sondern ich mache den großen Sprung zum Neuen Testament, zu Jesus, von dem wir vorhin in der Lesung die Geschichte von der Versuchung gehört haben (Matthäus 4,1-11).</p>
<p>Bei Jesus wiederholt sich ja unter neuen Bedingungen die alte Geschichte von der Versuchung. Er hat kurz vorher bei seiner Taufe von Gott zugesprochen bekommen: du bist mein lieber Sohn, und deshalb ruht er jetzt ganz sicher in seiner Identität. Die hat er sich nicht erkämpft, sondern sie ist ihm geschenkt worden. Bonhoeffer hat darauf vertraut, dass Gott weiß, wer er ist – Jesus hat es sogar ausdrücklich gehört.</p>
<p>Und dann kommt der Versucher und möchte das nachträglich untergraben. Das hat für ihn höchste Priorität, weil er an Menschen, die ein sicheres Selbstbewusstsein haben, nicht mehr herankommt. Wenn du weißt, wer du bist, wo du hingehörst und was du brauchst, dann ist es z.B. ganz schwer, dir etwas zu verkaufen, was du nicht brauchst: Statussymbole, Parfüms, die dich unwiderstehlich machen, dicke Autos, die viel Sprit fressen, all so was. Und wer nicht darum kämpfen muss, wer er ist, der ist auch ein viel friedlicherer Zeitgenosse, privat wie politisch.</p>
<p><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2017/01/1280px-Temptations_of_Christ_28San_Marco29-9614020-1024x639.jpg" alt="1280px-temptations_of_christ_28san_marco29-9614020" width="1024" height="639" class="alignleft size-large wp-image-8027" style="margin-bottom:10px;" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2017/01/1280px-Temptations_of_Christ_28San_Marco29-9614020-1024x639.jpg 1024w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2017/01/1280px-Temptations_of_Christ_28San_Marco29-9614020-300x187.jpg 300w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2017/01/1280px-Temptations_of_Christ_28San_Marco29-9614020-768x479.jpg 768w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2017/01/1280px-Temptations_of_Christ_28San_Marco29-9614020.jpg 1280w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></p>
<p>Der Teufel versucht also, Jesus diese Sicherheit irgendwie wieder zu nehmen, weil er ihn sonst nicht unter Kontrolle kriegt. Vordergründig bietet er ihm Geld, Ruhm und Macht an – auf diesem alten Mosaik aus dem Markusdom in Venedig ist das schön dargestellt: mach Steine zu Brot, spring vom Tempeldach, nimm aus meiner Hand die Weltherrschaft. Aber in Wirklichkeit geht es immer darum, ob er Jesus dazu kriegen kann, dass er um seine Identität kämpft. Dass er sich nicht einfach schenken lässt, wer er ist, nämlich Gottes geliebter Sohn, sondern dass er das im Streit mit Gott an sich nimmt wie eine Beute. Dass er nicht sicher in seiner Identität ruht, sondern sie sich selbst und anderen beweisen muss. Und wenn man damit erstmal anfängt, muss man es immer wieder tun. Man hat nie genug Geld, man ist sich seines Ruhms und seiner Beliebtheit nie sicher, und Macht ist immer gefährdet. Je kleiner das Selbstbewusstsein in Wirklichkeit ist, um so höher die Türme und Wolkenkratzer, die einer baut. Aber sie werden nie hoch genug sein.</p>
<figure id="attachment_7912" aria-describedby="caption-attachment-7912" style="width: 702px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2017/01/SatanTriedToTemptJesus_Tissot.jpg-702x1024.jpg" alt="" width="702" height="1024" class="size-large wp-image-7912" style="margin-bottom:-20px;" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2017/01/SatanTriedToTemptJesus_Tissot.jpg-702x1024.jpg 702w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2017/01/SatanTriedToTemptJesus_Tissot.jpg-206x300.jpg 206w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2017/01/SatanTriedToTemptJesus_Tissot.jpg.jpg 768w" sizes="(max-width: 702px) 100vw, 702px" /><figcaption id="caption-attachment-7912" class="wp-caption-text">Satan Tried to Tempt Jesus</figcaption></figure>
<p>In diesem Zusammenhang hat mir dieses Bild von der Versuchung Jesu gut gefallen, obwohl man darauf gar nichts sieht von Brot, oder von Weltherrschaft, und eigentlich auch nichts vom Runterspringen. Auf dem Bild des französischen Malers James Tissot (1836-1902) hebt der Satan Jesus hoch, ganz hoch, er versucht ihm schmackhaft zu machen, wie es wäre, wenn er viel größer wäre, wenn er das menschliche Maß hinter sich lässt. Das ist die Versuchung: die Grenzen des Menschseins hinter sich zu lassen, individuell oder gemeinsam, und wie Gott zu werden.</p>
<p>Solche Versuchungen drücken sich deshalb oft in übermenschlich großer Architektur aus. Mit dem Turm zu Babel fing es an, aber genauso haben die Riesenbauten der Nazis funktioniert, wo der Einzelne ganz klein wird und ihm durch die Gebäude suggeriert wird: nur als Teil deines Volkes bist du was, aber da bist du dann ganz großartig.</p>
<p>Aber all diese Versuche werden dadurch beschämt, dass Gott gar nichts daran liegt, besonders groß zu sein. Gott hat das ganze Universum geschaffen, der braucht es nicht, in unseren Augen groß dazustehen. Stattdessen setzt er seine Ehre darein, so wie wir zu werden: ein Mensch. Vielleicht haben Sie schon mal den Spruch gehört: »Schon viele Menschen wollten Götter sein, aber nur ein Gott wollte Mensch sein.«</p>
<p>Weil Jesus so sicher darin war, das Gott sein großes Ja zu ihm gesagt hatte, deshalb konnte er alles aufgeben und nicht nur Mensch werden, sondern ein Mensch ganz unten, der nie um irgendwelche Positionen gekämpft hat. »Er nahm Knechtsgestalt an« sagt Paulus. Jesus diente den Menschen und nahm sogar unseren Tod in einer seiner schlimmsten Formen auf sich. Und er konnte das, weil er wusste wer er war, und weil er wusste, dass ihm das von vornherein geschenkt war.</p>
<p>Und deswegen können und sollen wir es auch wissen: von Gott aus haben wir unseren Namen, wir haben unsere Identität, Gott sieht uns an und kennt uns und nennt uns seine Kinder. Aber unsere ganze Kultur, unsere ganze Art zu leben ist durchtränkt von dem Misstrauen, ob das denn wirklich so ist. Menschen bauen Hohes, sie bauen Türme aus allem Möglichen, und das führt dann zu Unterdrückung und Streit, z.B. um die Frage, wer die Türme baut, wer dafür zahlt, wer dazu gehört und wer das Kommando hat.</p>
<p>Und all dies Gegeneinander wird erst aufhören, wenn wir das so sagen können wie Dietrich Bonhoeffer:</p>
<p>»Wer ich auch bin, Du kennst mich,<br />
Dein bin ich, o Gott!«</p>
</div>
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			</item>
		<item>
		<title>Advent &#8211; wenn der König kommt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Dec 2016 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besonderer Gottesdienst]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
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					<description><![CDATA[Besonderer Gottesdienst am 04. Dezember 2016 (2. Advent) mit Predigt zu Matthäus 24,1-14<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Fmatthaeus24_01-14-advent-wenn-der-koenig-kommt%2F&amp;action_name=Advent%20%26%238211%3B%20wenn%20der%20K%C3%B6nig%20kommt&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" style="float:none;" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2020/10/gd2016-12-04Koenig.jpg.jpg" alt="Besonderer Gottesdienst am 4. Dezember 2016 (2. Advent)" width="730" height="442" class="alignleft size-large wp-image-5151" /></p>
<div class="predigt">
<p><strong>Im Gottesdienst gab es zwei aufeinander bezogene inhaltliche Teile: eine Einführung in die Adventszeit und eine Predigt zu Matthäus 24,1-14. Beide werden hier gemeinsam veröffentlicht, der erste Teil in gekürzter Form; im Gottesdienst waren sie getrennt und in andere Elemente liturgischer und musikalischer Art eingebettet.</strong></p>
<p>Wie wahrscheinlich viele wissen, bedeutet Advent »Ankunft«. Und dahinter steckt ein fundamentaler Sinn: Gott kommt, er kommt in die Welt. Das ist eine entscheidende Grundaussage über Gott. Denn was wäre die Alternative? Gott könnte ja auch irgendwo weit weg im Himmel sitzen und sich nicht sonderlich für die Welt interessieren. So wie ein Mechaniker, der einen Motor gebaut hat, und jetzt läuft der, ab und zu braucht er ein bisschen Öl, aber sonst kümmert sich der Monteur nicht mehr darum. Vielleicht verkauft er sogar die Maschine, oder er stellt sie in den Schuppen. Und viele Menschen haben tatsächlich so ein Bild von Gott: vielleicht hat er ja mal irgendwann die Welt geschaffen, aber jetzt ist er weit, und nur wenn es nicht mehr so läuft wie geschmiert, dann rufen sie nach dem Service.</p>
<p>Dieses Bild von einem fernen, wenig interessierten Mechaniker-Gott ist etwas ganz anderes als das, was mit dem Wort »Advent« signalisiert wird. Advent bedeutet: Gott kommt in seine Welt, wird als Mensch Teil seiner Welt und nimmt aktiv teil an der Welt. Und er kommt als König, das heißt: er gestaltet die Welt. Könige sind ja ursprünglich nicht für die Regenbogenpresse erfunden worden, sondern das waren die Leute, auf die es ankam. Die sagten, wo es lang ging.</p>
<p>Am zweiten Advent geht nun der Blick nicht 2000 und mehr Jahre zurück in die Vergangenheit, als Gott sich anschickte, mit Jesus den entscheidenden Schritt in die Welt zu tun, sondern der Blick geht nach vorn: wie wird es werden, wenn Gott seinen Weg fortsetzt und in der ganzen Welt ankommt? Diesen Blick nach vorn hat Jesus seinen Jüngern damals kurz vor seinem Tod und seiner Auferstehung geöffnet:</p>
<div class="bibel">
<p>1 Als Jesus den Tempel verlassen hatte, wandten sich seine Jünger an ihn und wiesen ihn auf die gewaltigen Bauten des Tempels hin. 2 Er sagte zu ihnen: Seht ihr das alles? Amen, das sage ich euch: Kein Stein wird hier auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden. 3 Als er auf dem Ölberg saß, wandten sich die Jünger, die mit ihm allein waren, an ihn und fragten: Sag uns, wann wird das geschehen, und was ist das Zeichen für deine Ankunft und das Ende der Welt? 4 Jesus antwortete: Gebt Acht, dass euch niemand irreführt! 5 Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin der Messias!, und sie werden viele irreführen. 6 Ihr werdet von Kriegen hören und Nachrichten über Kriege werden euch beunruhigen. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende. 7 Denn ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere und an vielen Orten wird es Hungersnöte und Erdbeben geben. 8 Doch das alles ist erst der Anfang der Wehen. 9 Dann wird man euch in große Not bringen und euch töten und ihr werdet von allen Völkern um meines Namens willen gehasst. 10 Dann werden viele zu Fall kommen und einander hassen und verraten. 11 Viele falsche Propheten werden auftreten und sie werden viele irreführen. 12 Und weil die Missachtung von Gottes Gesetz überhandnimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten. 13 Wer jedoch bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet. 14 Aber dieses Evangelium vom Reich wird auf der ganzen Welt verkündet werden, damit alle Völker es hören; dann erst kommt das Ende.</p>
</div>
<p>Was wir eben gehört haben, das müsste uns eigentlich bekannt vorkommen. Es ist die Welt wie wir sie kennen, auch heute noch, 2000 Jahre später: Kriege und Unruhen, Propagandakriege und Lügner, die sich als Heilsbringer feiern lassen, Hungersnöte und Erdbeben, Orientierungslosigkeit und Egoismus. Eine Zeitlang hatten wir gedacht, das hätten wir hinter uns, aber 70 Jahre nach dem letzten Kriegsende wird die Welt zunehmend so, wie sie sonst meistens war: ziemlich rücksichtslos.</p>
<h5>Ein Verständnisrahmen</h5>
<p>Mitten in diese Welt ist Gott gekommen – das ist die Botschaft vom Advent. Und Jesus gibt hier seinen Jüngern, und also auch uns, einen Leitfaden, um sich zu orientieren in so einer Welt. Denn wenn Gott in die Welt kommt, wie es das Wort Advent, also: Ankunft, signalisiert, dann wird die Welt nicht einfacher, sondern komplizierter. Und wir können die verwirrenden Fülle an Informationen nicht vernünftig ordnen und verstehen ohne einen Leitfaden, oder, wie man es auch nennen kann, einen Verständnisrahmen.</p>
<p>Wir alle kennen solche Versuche, die unübersichtliche Fülle der Welt in ein eindeutiges Muster einzuordnen. Es gibt sie als ausgefeilte philosophische Theorien, aber es gibt sie auch einfacher: als Lebensgefühl im Bauch, als Muster, nach dem wir die Welt erleben und deuten.</p>
<h5>Der Deutungsrahmen &#8222;Fortschritt&#8220;</h5>
<p>Eins dieser Muster ist die Theorie vom Fortschritt der Geschichte. Die ist vor einigen Jahrhunderten am Beginn der Neuzeit aufgekommen und sagt: die Welt und die Menschheit entwickeln sich zum Besseren. Wir haben Wissenschaft und Technik, wir haben moderne Medizin, wir haben Internet, unsere Leute können alle schreiben und lesen, wir glauben nicht mehr an Hexen und Zauberer, und wenn dieser ganze alte Aberglaube einmal nur noch im Museum zu betrachten ist, dann wird es eine bessere Welt geben. Es gibt natürlich Rückschläge, aber insgesamt ist der Fortschritt nicht aufzuhalten.</p>
<p>Die Probleme dieses Musters sind uns heute klar: die großen Verbrechen werden nicht trotz der Technik und Wissenschaft, sondern mit ihrer Hilfe begangen. Und gerade die Zivilisation scheint im Moment dafür zu sorgen, dass unser Planet vergiftet, verhässlicht und vermüllt wird.</p>
<h5>Der Deutungsrahmen &#8222;Untergang&#8220;</h5>
<p>Deswegen gewinnt zunehmend ein entgegengesetztes Muster an Boden: alles wird schlechter, die Welt steuert auf den Abgrund zu, und wir können nur versuchen, irgendwo in einer Nische möglichst lange zu überleben: fernab der Zivilisation auf dem Lande vielleicht, oder auch in einem sicheren Wohnbezirk nur für Reiche mit Atombunker für alle Fälle. Oder wir machen noch mal so richtig einen drauf, bevor wir sowieso alle bankrott sind.</p>
<p>Auch dieser Deutungsrahmen hat seine Probleme: vor allem sorgt er natürlich selbst dafür, dass seine Vorhersagen eintreffen; denn je weniger Hoffnung Menschen haben, um so weniger setzen sie sich für eine Verbesserung ein. Aber dieser Rahmen hat auch ein Problem mit den Fakten: denn in den letzten Jahrzehnten ist tatsächlich vieles besser geworden. Mehr Menschen haben Zugang zu medizinischer Hilfe, es gibt weniger Hunger, die Menschen leben länger; in einer ganzen Reihe von Ländern, auch in unserem, geht die zwischenmenschliche Gewalt zurück, und man könnte da noch eine ganze Reihe von Fakten anführen, die sich nicht vereinbaren lassen mit der Behauptung: alles wird schlechter.</p>
<h5>Eine komplexe Welt braucht komplexe Deutungsmuster</h5>
<p>Die Welt ist offenbar zu kompliziert, um sie mit einem simplen Muster wie »alles wird besser« oder »alles wird schlechter« zu erklären. Es ist aber auch keine Lösung, wenn wir je nach Stimmung zwischen diesen beiden Mustern hin und her switchen, also mal der optimistische Strahlemann sind und mal der pessimistisch-depressive Schwarzseher. Ein Muster, das man je nach Stimmung wechselt, gibt uns keine Orientierung. Wir brauchen aber einen verlässlichen Rahmen, in dem wir die ganzen Daten, die jeden Tag auf uns einströmen, verstehen können.</p>
<p>Deswegen spricht es für den Deutungsrahmen Jesu, wenn der nicht simpel ist, sondern eher kompliziert, oder sagen wir: komplex. Nur ein komplexer Rahmen kann der komplizierten und widersprüchlichen Realität, in der wir leben, angemessen sein.</p>
<h5>Eine Welt des Konflikts</h5>
<p>Jesus beschreibt eine Welt, die gerade nicht nach einem einheitlichen Muster funktioniert, sondern wo zwei miteinander unverträgliche Muster miteinander in Konflikt geraten. Da ist einmal die Ordnung der Welt, die auf Herrschaft beruht, und das heißt immer: auf Gewalt, wo sich die Stärkeren durchsetzen und die Schwächeren auf der Strecke bleiben. Und dann ist da das Muster Gottes, das auf Liebe beruht, auf Gerechtigkeit und Solidarität aller Geschöpfe miteinander. Dieses zweite Muster bringt Gott mit, wenn er in die Welt kommt. Aber dummerweise sagen dann nicht alle: o wie schön, jetzt wissen wir endlich, wie man gut leben kann! Stattdessen gibt es massiven Widerstand von denen, die im bisherigen Muster ganz gut gelebt haben. Und sogar die, die unter die Räder gekommen sind, wehren sich nicht selten, einfach, weil sie Angst vor dem Neuen haben.</p>
<p>Deshalb folgt die Welt keinem einheitlichen Muster: in ihr kämpfen ja zwei entgegengesetzte Muster miteinander. Und dieser Konflikt zieht sich durch alles hindurch, durch Staaten, Institutionen, Familien, ja sogar einzelne Menschen sind hin- und hergerissen. Selbst heilige Stätten wie der Tempel werden nicht verschont. Und auch durch uns selbst verläuft so eine Kampflinie. Vermutlich sind wir getauft, vielleicht haben wir auch mal bewusst Ja zu unserer Taufe und zu Jesus gesagt, aber damit fängt der Konflikt eigentlich erst richtig an. Denn aus Gottes Sicht ist das eine Einladung, in unser Leben zu kommen und es immer mehr nach seinem Muster der Gerechtigkeit und Solidarität zu gestalten, und das geht nicht ohne Kampf ab.</p>
<h5>Wer gewinnt?</h5>
<p>Das ist der eine Teil des Erklärungsmusters, das Jesus seinen Jüngern gibt. Daraus ergibt sich natürlich sofort die Frage: wie werden diese Konflikte ausgehen? Welches Muster wird gewinnen? Und das Schöne ist, dass Jesus ebenso wie die alten Propheten Israels sagt: am Ende siegt Gott. Am Ende wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen, wie wir es in der Evangelienlesung vorhin gehört haben. Am Ende, könnte man sagen, wird der Optimist Recht behalten.</p>
<p>Aber ganz so einfach ist das nicht. Das wird uns klar, wenn wir verstehen, dass Jesus die Zukunft der Welt nach dem Muster seines persönlichen Weges beschreibt. Auch da könnte man ja sagen: am Ende ist Jesus auferstanden, also hatte der Optimist Recht. Man vergisst dabei nur, dass vor der Auferstehung die Kreuzigung kam, die ultimative Niederlage, der Tod, und keiner konnte voraussehen, dass Gott diesen Tod durch die Auferstehung konterkarieren würde. Das Leben hat gesiegt – aber durch den Tod hindurch.</p>
<p>Deswegen beschreibt Jesus so ausführlich die Zerreißproben, die nun auf die ganze Welt zukommen: es wird Kriege und Erschütterungen geben, es wird falsche Propheten und Messiasse geben: Idole und Führungspersonen, von denen sich viele das Heil erhoffen. Es wird Aufstände und Erschütterungen jeder Art geben. Und irgendwann werden die Menschen merken, dass es die Anhänger Jesu sind, die der Ursprung dieser ganzen Unruhe sind, und sie werden sich gegen sie wenden, weil sie sagen: die haben uns das eingebrockt.</p>
<h5>God&#8217;s way</h5>
<p>Und dann sagt Jesus: genau das ist die Art, wie Gott seinen Kampf führt. Was mit Jesus in die Welt gekommen ist, das ist so anders, dass das am Ende keiner mehr übersehen kann. Es wird siegen, nicht weil es so stark ist, sondern weil es so anders ist. Ihr braucht gar nicht groß auf euch aufmerksam machen, seht einfach zu, dass ihr das Muster Gottes gut widerspiegelt, dann werden die Menschen das nicht übersehen können. Einfach weil es dann eine echte Alternative ist, die Kraft des Besseren. Entweder man ist riesig froh darüber, oder man bekämpft es mit aller Kraft – und macht es so gerade bekannt. Ihr müsst nur bei eurer Sache bleiben und sie so stark wie möglich leben. Das ist der hoffnungsvollste Platz in der Welt. Und das ist der Weg, wie die Völker der ganzen Welt dem Evangelium begegnen sollen.</p>
<p>Das ist der Rahmen, den Jesus uns gibt, damit wir uns orientieren können. Und am Ende läuft es auf die Frage zu: wo willst du in diesem Konflikt stehen? Auch wenn dieser Kampf immer in uns selbst tobt, müssen wir wissen, wofür wir unsere Kraft einsetzen wollen. Will ich bei Jesus sein, trachte ich zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, oder will ich mich mit der alten Weltordnung arrangieren? So gibt uns Jesus mitten in einer komplizierten und oft furchteinflößenden Welt Handlungsspielraum, trotz unserer begrenzten Kraft. Und wir sollten ihn nutzen, weil wir dadurch freie Menschen werden, die nicht von den Mächten der Welt hilflos hin und her getrieben werden.</p>
</div>
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		<title>Reformation &#8211; Morgenlicht der Neuzeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 05 Nov 2016 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besonderer Gottesdienst]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
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					<description><![CDATA[Besonderer Gottesdienst am 6. November 2016 mit Predigt zu Galater 5,1-6<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Fgalater05_01-06-reformation%2F&amp;action_name=Reformation%20%26%238211%3B%20Morgenlicht%20der%20Neuzeit&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" style="float: none;" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2020/10/2016-11-06Reformation.jpg.jpg" alt="Besonderer GD "Reformation" am 06.11.2016" width="730" height="496" class="alignleft size-large wp-image-5015" /></p>
<p><strong>Im Gottesdienst gab es zwei aufeinander bezogene inhaltliche Teile: eine Einführung in die Reformation im Kontext der Neuzeit und eine Predigt zu Galater 5,1-6. Beide werden hier gemeinsam veröffentlicht; im Gottesdienst waren sie getrennt und in andere Elemente liturgischer und musikalischer Art eingebettet.</strong></p>
<div class="predigt">
<p>Der Untertitel »Morgenlicht der Neuzeit« soll andeuten, dass die Reformation nicht ein isoliertes Ereignis war, so als ob Martin Luther sich einfach mal so ein paar Thesen ausgedacht hat, weil er nichts Besseres zu tun hatte und dann aus Versehen so einen Riesenumbruch angestoßen hat. In Wirklichkeit war das eine Zeit, die schon lange vorher voller gewaltiger Umbrüche war. Ganz viele wichtige Dinge geschahen in den Jahrzehnten vor der Reformation:</p>
<ul>
<li>Sechzig Jahre vorher wurde der Buchdruck erfunden. Der Ausstoß an lesbaren Texten explodierte. Solange Texte per Hand abgeschrieben wurden, waren Bücher selten und kostbar. Nur wenige konnten Bücher lesen. Aber jetzt gab es auf einmal viele Bücher in hohen Auflagen, es gab bedruckte Flugblätter in riesigen Stückzahlen. Auch Luthers Thesen und andere Schriften wurden gedruckt, am Ende hatten seine Werke eine Millionenauflage erreicht. Das bedeutet, dass viele Menschen begonnen hatten, an der gesellschaftlichen Diskussion teilzunehmen. Wer nicht lesen konnte, ließ sich die neuesten Produktionen vorlesen. Auf einmal bekamen auch die Menschen hinten in Posemuckelsdorf Anschluss an das, was vorher nur in kleinen gelehrten Kreisen diskutiert wurde. Der Horizont weitete sich gewaltig. Menschen lernten Gedanken kennen, denen sie sonst nie begegnet wären. Menschen verstanden nach und nach, dass es über eine Sache auch zwei Meinungen geben konnte. Der Horizont weitete sich noch in anderer Hinsicht:</li>
<li>25 Jahre vorher war Amerika entdeckt worden. Für die amerikanischen Ureinwohner war das tödlich. Sie wurden zu Millionen ausgerottet. Gigantische Mengen an Edelmetall, vor allem Silber, wurden aus der Neuen Welt nach Europa gebracht. Das kurbelte die Wirtschaft und den Handel an. Im Vergleich zu früheren Zeiten waren die Menschen wohlhabender; es stand mehr Geld zur Verfügung. Die Städte blühten auf. Auf einmal kam Europa ins Zentrum des Welthandels. Der spanische König ließ sich zum Deutschen Kaiser wählen – die nötigen Bestechungsgelder wurden mit amerikanischem Silber bezahlt.</li>
<li>Finanziert wurde das Ganze von dem Augsburger Bankhaus der Fugger. Firmen wie die Fugger hatten ein weltweites Netz von Stützpunkten und beteiligten sich an Unternehmungen in Übersee. Sie wickelten auch die finanzielle Seite des Ablasshandels ab. Sie entwickelten Methoden, um alle Geschäftsvorgänge in einer einheitlichen Buchhaltung zu erfassen.</li>
<li>In den Jahrzehnten vor der Reformation wurden in Deutschland viele Universitäten gegründet. Man brauchte Fachleute für die Verwaltung der Territorialstaaten. Man brauchte Theologen und Ärzte. Mehr Menschen konnten jetzt zum Nachdenken und Lehren freigestellt werden. Mit den Universitäten entstanden Orte, wo neue und ungewöhnliche Gedanken im Austausch der Gelehrten entwickelt werden konnten. Auch das kurfürstliche Sachsen leistete sich ab 1502 eine Landesuniversität in Wittenberg. Das war schon ziemlich spät im Vergleich zu anderen deutschen Territorien. Ab 1512 lehrte Luther dort Theologie.</li>
<li>Damals hatten Gelehrte gerade einen neuen Zugang zu den alten Sprachen Griechisch und Hebräisch gefunden, so dass man die Bibel jetzt in der Originalsprache lesen konnte, nicht nur in lateinischer Übersetzung. Die ersten Bibeln in der Originalsprache erschienen im Druck. Man war nicht mehr auf die Vermittlung der Kirche angewiesen, wenn man sich Gedanken über Gott machen wollte.</li>
</ul>
<p>Das alles zusammen sorgte dafür, dass der einzelne Mensch enorm gestärkt wurde. Seine Potentiale wurden sichtbar. Eine wachsende Schicht von Menschen hatte Zugang zu Wissen. Die Reformatoren forderten zur Einrichtung von Schulen auf, damit jeder die Bibel selbst lesen konnte. Immer mehr Menschen lernten es, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Ein neuer Menschentyp gewann an Boden: der Abenteurer, der ferne Länder erobert; der Kaufmann, der die Welt und seine Mitmenschen als Zahlen in seiner Buchhaltung sieht und kalkuliert; der Gelehrte, der mit anderen zusammen neue Gedankenwelten entwickelt – sie alle gehen ihre individuellen Lebenswege, die ihnen nicht mehr von der Tradition vorgegeben sind. Solche Menschen gab es natürlich schon immer, aber jetzt fangen sie an, den Ton in der Gesellschaft anzugeben.</p>
<p>Man kann das gut sehen an den vielen Porträts, die damals gemalt wurden. Im Mittelalter hat man Menschen ziemlich gleichförmig gemalt. Von vielen wichtigen Personen wissen wir deshalb heute nicht mehr, wie sie ausgesehen haben. Als man anfing, individuelle Menschen darzustellen, waren es zuerst nur Könige und andere Herrscher. Jetzt malte man auch normale Menschen, und auch Martin Luther ist ein paar Mal porträtiert worden. Solche Bilder zeigen, wie sehr man jetzt auf die ganz besondere Persönlichkeit eines Menschen achtete.</p>
<p>Auch in der Theologie rückte jetzt der Einzelne ins Zentrum des Nachdenkens. Nicht erst bei Luther. Früher hatte es gereicht, dass man wie alle andern zur Kirche gehörte, getauft war und die kirchlichen Vorschriften befolgte. Jetzt konnte ein Einzelner wie Luther, gestützt auf seine Bibellektüre, den Wahrheitsanspruch der Kirche in Frage stellen.</p>
<p>In diesem neuen Denken rückte die Frage in den Mittelpunkt, ob man wohl ganz persönlich so beschaffen war, dass man vor Gott bestehen konnte. Wie muss man denken, reden und handeln, um in Gottes Augen ok zu sein? Luther suchte nach einer Antwort auf diese Frage. Und weil er einer von diesen neu denkenden Menschen war, kam er mit den alten Antworten nicht mehr zurecht.</p>
<p>Er kam aber auch nicht mit den neuen Antworten zurecht: denn dass man durch den Ablass Gott in Finanzgeschäfte verwickelte, die dann von einem Bankhaus betreut werden konnten, das war auch ein Zeichen der neuen Zeit, aber kein gutes: da versuchte man, sein Verhältnis zu Gott, seine Sünden und Verdienste so zu verrechnen, wie sonst ein Kaufmann seine Verbindlichkeiten und Guthaben gegeneinander aufrechnet. Und Martin Luther spürte, dass man so nicht mit Gott umgehen könnte. Und dass Gott auch nicht mit uns so umgeht.</p>
<p>Im Übergang von einer Epoche zur anderen, am Anfang einer neuen Zeit hat Luther Gott neu entdeckt, so wie weder die alte noch die neue Zeit ihn kannte: als einen, der uns beschenkt, der über uns nicht Buch führt, der uns nicht als Geschäftsfälle führt, sondern uns liebt. Er entdeckt den Gott, der mit uns in Beziehung treten will und uns in Beziehungen mit anderen verbindet. Deswegen gehört Luther in diesen Aufbruch in die Neuzeit hinein, er gehört zu denen, die selber denken, die neue Wege gehen, aber er findet eine andere Lösung für die Fragen dieser Umbruchszeit.</p>
<p>Der neue Menschentyp, der damals sichtbar wurde, hat in den vergangenen fünf Jahrhunderten einen weltweiten Siegeszug angetreten. Damit sind aber auch seine Schattenseiten weltweit sichtbar geworden: sein unstillbarer Hunger nach Glück, nach Sinn, nach materiellen Gütern, der heute die ganze Erde zu verwüsten droht. Dieser Typ von Mensch ist ein Fass ohne Boden. Wenn wir heute auf die Reformation hören, dann suchen wir nach Alternativen, die damals schon formuliert wurden, als über der neuen Zeit noch der Zauber des Anfangs lag.</p>
<div class="bibel">
<p>1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! 2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. 3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. 4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. 5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. 6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.</p>
</div>
<p>Der Galaterbrief ist Martin Luthers Lieblingsbuch in der Bibel gewesen. Dort hat er immer wieder den Ruf der Freiheit gehört. Dass Paulus im römischen Imperium ganz andere Probleme hatte als Martin Luther am Beginn der Neuzeit, das hat er nicht so genau auseinandergehalten. Es war die Lösung, die Freiheit des Evangeliums, um die es ihm ging. Die hat er bei Paulus, insbesondere im Galaterbrief, gefunden.</p>
<h5>Worum es Paulus ging</h5>
<p>Das Problem von Paulus war, dass es unter den Christen Vorstellungen gab, die darauf hinausliefen, die junge Christenheit in das System des römischen Imperiums einzugliedern. Das sollte dadurch geschehen, dass sie sich im Rahmen des jüdischen Gesetzes bewegten, das wiederum von den Römern akzeptiert war. Auf diese Weise hätte man elegant Konflikte mit dem römischen Staat vermieden.</p>
<p>Das ist ein bisschen ähnlich, wie wenn es heute in manchen Diktaturen staatlich kontrollierte Kirchen gibt, und du darfst nur in diesem Rahmen Christ sein. Wenn du dich einfach so zum Bibellesen triffst, ohne um Erlaubnis zu fragen, bekommst du Probleme.</p>
<p>So war das damals auch mit den frühen Christen. Sie stellten den gekreuzigten Christus in den Mittelpunkt, und der war von den Römern als Staatsfeind gekreuzigt worden. Aber auch die offiziellen Repräsentanten des Judentums hatten ihn abgelehnt. Hätten die Christen jetzt ihren Frieden mit den Herrschenden in Rom und Jerusalem gemacht, dann wäre dieser Stachel des Konflikts beseitigt worden. Dann hätte Jesus ja wohl gar nicht den Tod auf sich nehmen müssen?! Aber so wären sie Teil des Systems gewesen und nicht – wie Jesus – unabhängig und nur dem befreienden Gott verpflichtet.</p>
<p>Deswegen wehrt sich Paulus so sehr gegen die Festlegung der Christen auf das alttestamentliche Gesetz, obwohl er selbst total im Alten Testament verwurzelt ist. Lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! beschwört er die galatischen Christen. Wenn ihr euch jetzt wieder diesem System unterwerft, dann verliert ihr den gekreuzigten Jesus! Wenn man diesen Konflikt vermeiden möchte, dann vermeidet man auch Jesus. Paulus kennt den befreienden Gott Israels natürlich aus dem Alten Testament, aus Gesetz und Propheten, wie er es nennt, aber im real existierenden Gesetz Israels findet er ihn nicht wieder. Das real existierende offizielle Judentum seiner Zeit hat seinen Frieden mit dem Imperium gemacht, so wie das auch das offizielle Christentum leider oft genug getan hat. Gegen diesen faulen Frieden kämpft Paulus mit aller Kraft.</p>
<h5>Glaube: Gott und Mensch vertrauensvoll verbündet</h5>
<p>Martin Luther hat bei Paulus diesen systemsprengenden Ruf der Freiheit kennengelernt. Und er hat verstanden, dass wir mit dem Gott der Freiheit in einer vertrauensvollen Gemeinschaft leben sollen. Das ist ein persönliches Verhältnis der Liebe und des Vertrauens, da werden Gott und Menschen Verbündete, weil sie beide eine Welt wollen, die auf Beziehungen und Segen gegründet ist anstatt auf Macht und kalkulierende Abrechnung. Das Grundmodell für diese freundschaftliche Verbundenheit von Gott und Mensch ist Jesus. Jesus ist der neue Mensch, der lebt im Vertrauen auf Gott, in freier Solidarität mit den anderen Menschen und in Freundschaft mit der ganzen Schöpfung. Diese Art des Verhältnisses zu Gott nennt Luther »Glaube«, und wir müssen da immer den Klang von »Vertrauen« mithören. Wer im Glauben lebt, der lebt dann auch in Liebe zu den Menschen und zur Schöpfung.</p>
<h5>Werke: eine Kur, die krank macht</h5>
<p>Alles, was dieses vertrauensvolle Verhältnis zu Gott stört, läuft bei Luther unter dem Stichwort »Werke«. Wenn man keinen Glauben hat, kein Vertrauen zu Gott und in seine Welt, dann fängt man an, stattdessen auf religiöse Zeremonien zu vertrauen oder auch auf die modernere Kalkulation des Ablasses, der das gute Verhältnis zu Gott durch Geldzahlung sichern will. Das ist ganz ähnlich, wie wenn ein Mann und eine Frau sich ihrer Liebe nicht mehr sicher sind und dann gegenseitig Liebesbeweise einfordern. Aber so kann man kein Vertrauen schaffen, sondern im Gegenteil: man untergräbt so das Vertrauen endgültig. In der Liebe zu Menschen genauso wie im Glauben an Gott.</p>
<p>An diesem Punkt ist Luther sehr empfindlich. Als gebranntes Kind, der selbst lange Jahre auf fromme Werke wie Fasten und Buße gesetzt hat, erkennt er überall diesen Versuch, das Verhältnis zu Gott auf »Werke« zu gründen, auf berechenbare, klar definierte Vorschriften und Kalkulationen. Und wie wir alle, schießt er dann auch mal übers Ziel hinaus. Und seine Nachfolger haben es erst recht getan.</p>
<h5>Das Schreckgespenst der »Werkgerechtigkeit«</h5>
<p>Überall, wo sich nun der starke Mensch der Neuzeit zeigte, witterte man im lutherischen Milieu sofort »Werkgerechtigkeit«. Manchmal klingt das so, als ob es die höchste Form des Glaubens wäre, wenn man den ganzen Tag im Bett liegen bleibt und nichts tut, weil man dann ja garantiert keine eigenen Werke vollbringt. Dieses Misstrauen gegen die Werke ist ein bisschen so, wie wenn ein Mann seiner Frau Blumen mitbringt und sie denkt gleich: »hat er irgendwas angestellt?«, »will er irgendwas wiedergutmachen?«.</p>
<p>Aber das ist nicht der Punkt, wo man den starken Menschen der Neuzeit kritisch in Frage stellen müsste. Denn Gott hat uns ja wirklich zum tätigen Leben geschaffen. Er wollte, dass wir unser ganzes Potential entfalten und mit Gott zusammen die Welt gestalten. Das wusste Luther sehr gut. Stark zu sein und schöpferisch zu sein ist etwas Gutes. Das sollte man niemandem vorwerfen.</p>
<h5>Die richtigen Fragen stellen</h5>
<p>Den starken Menschen der modernen Zeit muss man stattdessen fragen, was er eigentlich bezweckt mit seiner unersättlichen Gier, mit seiner rastlosen Sucht, das Leben mit Erlebnissen und Highlights vollzustopfen, als ob es die allerletzte Gelegenheit wäre. Man muss ihn fragen, ob es ihn eigentlich glücklich macht, immer mehr herauszufallen aus der Verbundenheit mit anderen, mit der Schöpfung und mit Gott. Man muss ihn fragen, ob er wirklich die ganze Welt ausquetschen will, um möglichst viel an Genuss da heraus zu holen. Ob er wirklich wie ein einsamer Jäger auf Beute gehen will in Konkurrenz zu allen anderen. Diese Art von Werkgerechtigkeit kommt in unserer Zeit sehr deutlich an ihr Ende, weil der Planet das nicht mehr lange aushält.</p>
<p>Dafür brauchen wir tatsächlich eine neue Reformation, die die Impulse der ersten Reformation ebenso wie die befreienden Impulse der Bibel neu aufnimmt und noch einmal ganz anders zur Geltung bringt. Alle 500 Jahre ist das ja wohl mal dran. Die Neuzeit hat ihr unschuldiges Morgenlicht längst verloren, wenn es das je gegeben haben sollte. Es ist dringend nötig, dass Christen den Mut finden, die Fragen wirklich zu stellen, die schon lange dran sind.</p>
</div>
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		<title>Fürchtet euch nicht!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Sep 2016 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besonderer Gottesdienst]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
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					<description><![CDATA[Besonderer Gottesdienst am 11. September 2016 mit Predigt zu Matthäus 14,22-33<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpredigten%2Fmatthaeus14_22-33-furchtet-euch-nicht%2F&amp;action_name=F%C3%BCrchtet%20euch%20nicht%21&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-4942" style="float:none; margin-top: 5px; margin-bottom: 14px;" src="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2020/10/gd2016-09-11_Furcht-600.png.png" alt="Logo Besonderer GD 11.9.2016 "Fürchtet euch nicht"" width="925" /></p>
<div id="predigt">
<p><strong>Am Anfang des Gottesdienstes wurde von der diesjährigen Angststudie berichtet, die einen deutlichen Anstieg des Angstpegels in Deutschland von 2015 auf 2016 verzeichnete &#8211; immerhin und erfreulicherweise besonders wenig in Niedersachsen.</strong></p>
<p>Meine Vermutung ist, dass jetzt die Menschen merken, dass wir hier in Deutschland nicht für immer und ewig auf der Insel der Seligen leben, wo wir Krieg, Seuchen, Hunger und Gewalt nur vom Bildschirm kennen. Viele Jahrzehnte waren wir die stabilste Region der Welt – na gut, vielleicht war Schweden noch sicherer und schnuckeliger. Aber ganz allmählich sind uns die Konflikte in der Welt immer näher gekommen. In den 1990er Jahren die Balkankriege, das war immerhin schon in Europa. Dann der Anschlag auf das World Trade Center – heute ist der ja genau 15 Jahre her. 2008 die Bankenkrise, die immer noch nicht bewältigt ist. Das Wetter spielt sowieso immer öfter verrückt. Und dann der Krieg in Syrien, zuerst immer noch ganz schön weit weg, aber im letzten Jahr ist dann mit den Flüchtlingen die harte Realität dieser Welt endgültig und unübersehbar bei uns angekommen.</p>
<p>Ich glaube, dass es eigentlich das ist, was den Leuten Angst macht: es könnte sein, dass wir all die schrecklichen Sachen, die da draußen in der Welt passieren, auf die Dauer nicht draußen halten können. Und diesen Gedanken finde ich durchaus beunruhigend. Wahrscheinlich wird uns gerade deutlich, dass es kein Anrecht auf ein Dauerabo für ein friedliches und komfortables Leben gibt, für niemanden. Keine Bundeskanzlerin, kein amerikanischer Präsident, kein Internet und keine Versicherung kann uns so ein Dauerabo garantieren. Eine Mauer, die so hoch wäre, dass die Unordnung der Welt sicher draußen bleibt, die gibt es nicht. Es kann einem schon ungemütlich werden, wenn man sich das klar macht.</p>
<p>Aber die gute Nachricht ist: die Welt, in der das Christentum geboren wurde, war mindestens so unsicher wie unsere heutige Welt. Und der Glaube hat sich gerade in solchen unsicheren Umständen bewährt. Zu Jesus zu gehören, das kann in einem Menschen eine innere Stärke entwickeln, mit der man auch in Katastrophen nicht aufgibt und sich auch in der größten Bedrohung nicht von der Angst unterkriegen lassen muss. Und Glaube verbindet Menschen zu solidarischen Gemeinschaften, in denen die Stärke ansteckend ist und nicht die Furcht.</p>
<p>Deswegen in der ganzen Bibel immer wieder dieses »fürchtet euch nicht!«. Daran müssen wir uns aber erst erinnern, wir müssen den Glauben aus der Eiapopeia-Ecke für sensible Seelen herausholen. Wir müssen neu zu glauben lernen, dass es im Evangelium um die Auseinandersetzung mit hochgefährlichen Mächten geht, mit denen tatsächlich nicht zu spaßen ist. Dazu ist Jesus gekommen, und erst wenn dieser Zusammenhang klar wird, kann das Evangelium seine Kraft entfalten.</p>
<p>Weil viele Menschen aber gar nicht wissen, dass Glaube in dieser Liga spielt, deswegen kriegen sie so eine Angst, wenn sie plötzlich merken, wie gefährlich die Welt ist, und dass man sich gegen viele Risiken nicht versichern kann. Uns geht es ja immer noch ziemlich gut, unser Land ist im Vergleich zu anderen enorm stabil. Aber der Angstpegel geht nach oben, weil Menschen keine inneren Reserven entwickelt haben, mit denen sie der Bedrohung entgegentreten können. Wenn es hart wird, kommt es darauf an, was du für ein Mensch bist. Und wir wollen heute überlegen, wie das bei uns ankommen kann. Dazu hören wir auf einen Abschnitt aus Matthäus 14:</p>
<div class="bibel">
<p>22 Gleich darauf forderte Jesus die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. 23 Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg.<br />
24 Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. 25 In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See. 26 Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.<br />
27 Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! 28 Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. 29 Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. 30 Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! 31 Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? 32 Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.<br />
33 Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.</p>
</div>
<p>Das Meer, insbesondere wenn es wild und stürmisch ist, trägt in der Bibel immer auch die Erinnerung an das bedrohliche Chaos, in dem Gott erst einen Platz schaffen musste, wo Leben überhaupt gedeihen kann. Das Meer ist sozusagen ein Rest von diesem Chaos, der in der Schöpfung übrig geblieben ist. In der neuen Welt Gottes wird es kein Meer mehr geben, heißt es in der Johannesoffenbarung. Aber jetzt ist das Meer die Quelle der Monster, da steigt Godzilla raus und alle möglichen anderen Bedrohungen. Bis heute benutzen wir für Bedrohungen gerne Bilder, die mit Wasser zu tun haben: eine Welle, eine Flut, ein Strom.</p>
<h5>Das Chaos tobt &#8211; und Jesus ist mitten drin</h5>
<p>Es geht in dieser Geschichte weniger um die Frage: kann denn aus naturwissenschaftlicher Sicht ein Mensch auf dem Wasser gehen?, als um die Begegnung mit dem Chaos, mit dem Zusammenbruch aller verlässlichen Ordnung. Die Jünger in ihrer Nussschale stecken da mitten drin, und ihre Unfallversicherung hilft ihnen auch nicht mehr. Sie werden von den entfesselten Mächten herumgeschleudert wie Kleinanleger beim Börsencrash.</p>
<p>Es gibt in den Evangelien auch noch eine andere Geschichte von den Jüngern im Boot auf dem stürmischen See, aber da ist Jesus mit ihnen im Boot. Er schläft zwar, aber sie wecken ihn und er beruhigt den Sturm. Hier sind sie ohne ihn unterwegs. Aber er kommt, er bahnt sich seinen Weg mitten durch die Erschütterungen, die die Jünger hin und her werfen. Das Chaos ist ausgebrochen, und Jesus geht mitten hinein. Das ist vielleicht die wichtigste Lehre aus dieser Geschichte: Jesus geht dahin, wo es am gefährlichsten ist. So wie er später entschlossen nach Jerusalem gegangen ist, wo er im Konflikt mit der Tempelhierarchie sterben wird.</p>
<p>Vielleicht kann man heute, am Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center, an den Spruch der New Yorker Feuerwehrleute erinnern: »Alle laufen weg – wir laufen hin.« Das ist die Haltung, die Jesus gelebt hat: nicht weglaufen vor den Gefahren – wir können damit in den Nahkampf gehen, im Vertrauen, dass Gott sich am Ende als der Stärkere erweisen wird. Deshalb wird in der anderen Geschichte von der Sturmstillung erzählt, dass Jesus mitten im Sturm zunächst seelenruhig schläft: er hat sich Gott anvertraut und macht sich keine Sorgen.</p>
<h5>Die Hilfe wahrnehmen</h5>
<p>Aber hier in dieser Geschichte geht er aktiv auf das Chaos zu, das seine Jünger hin und her schleudert. Bloß die finden das zuerst gar nicht gut, sondern das vergrößert ihre Angst noch: sie erkennen die Hilfe nicht, die da auf sie zukommt, und sehen sich stattdessen mit einer weiteren unberechenbaren Macht konfrontiert, einem Gespenst. Was uns Hilfe bringt, das kann auf den ersten Blick wie ein zusätzliches Problem aussehen. Aber dann fängt Jesus an zu reden, und was sagt er? Natürlich: fürchtet euch nicht! Ich bin&#8217;s!</p>
<p>Jesus möchte, dass wir nicht nur auf die Gefahren sehen, sondern vor allem ihn sehen, wie er schon längst mit seiner Hilfe in den Gefahren drin ist. Und als Petrus das kapiert, da will er nicht mehr im Boot sitzen bleiben, sondern er will mit Jesus zusammen sein, mitten in der Gefahr. Der Mut von Jesus steckt an.</p>
<h5>Komm!</h5>
<p>Genau das wollte Jesus auch, und deshalb sagt er zu Petrus: Komm! Komm zu mir mitten in die Erschütterungen hinein! Bau eine Klinik auf, wo die Gesundheitsversorgung zusammengebrochen ist, richte eine Schule und ein Zuhause für Kinder ein, die ohne Eltern in der Welt stehen, rede mit Menschen, die blind sind vor Misstrauen und Feindschaft, geh in Flüchtlingsunterkünfte und in den Behördendschungel, hör dir die schrecklichen Geschichten an, die Menschen zu erzählen haben, entdecke im Wirtschaftschaos den Keim für ein neues, solidarisches Wirtschaftssystem, stütze eine Familie, die zum Spielball von undurchschauten Einflüssen geworden ist, tu Großes oder Kleines, aber: lauf nicht weg! Geh mitten hinein, und du wirst mich finden. Da, wo das Chaos sich austobt und alle weglaufen oder Mauern bauen, da halte Ausschau nach mir! Ich werde bei dir sein, alle Tage, bis ans Ende der Welt.</p>
<p>Liebe Freunde, das ist die Medizin gegen die Angst, die Jesus uns gibt: geh mutig drauf zu, und ich werde mit dir sein. Alles andere sind rosa Pillen.</p>
<h5>Angst verliert</h5>
<p>Und Petrus macht alles richtig: er läuft nicht allein los, sondern fragt vorher, ob Jesus einverstanden ist, er macht keine Kapriolen auf den Wellen, sondern geht zielstrebig auf Jesus zu. Aber dann macht er einen Fehler: er guckt nicht mehr zu Jesus, sondern auf die Gefahren. Und sofort bricht er ein. Das ist es, was Präsident Roosevelt meinte, als er mitten in der schlimmsten Wirtschaftskrise, die Amerika je erlebt hat, sagte: »Wir haben nichts zu fürchten als unsere Furcht.« Wenn du anfängst, aus Angst zu handeln, dann hast du schon verloren. Es gibt leider ein ganzes politisch-journalistisches Kartell, das hartnäckig daran arbeitet, unseren Blick auf die Gefahren zu lenken, auf die hohen Wellen: Islamisierung des Abendlandes, Kontrollverlust des Staates, Inflation, Schulden, Terror und so weiter. In den Ängsten aus der Studie, von der ich vorhin erzählt habe, spiegelt sich genau diese Angstkommunikation.</p>
<p>Nun würde niemand behaupten, dass da keine Probleme wären (obwohl es ein paar andere Probleme gibt, die unsere Aufmerksamkeit eigentlich mehr brauchen), aber es geht darum, worauf wir unsere Aufmerksamkeit konzentrieren. Wer seinen Blick immer wieder auf die Gefahren lenken lässt, der geht unter. Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst. Wer aufhört, mitten im Chaos nach Jesus Ausschau zu halten, der muss dann irgendjemand anderen finden, der ihm gegen seine Furcht Hilfe verspricht, und das geht selten gut. Es gibt immer welche, die die Furcht schüren, um sich dann von der Energie der Furcht an die Macht tragen zu lassen.</p>
<h5>Die Stärke der Liebe</h5>
<p>Sicher vor Furcht ist niemand. Die Welt ist unsicher genug, die Wellen türmen sich hoch auf. Wenn sich selbst Petrus davon irritieren ließ, dann wird uns das auch passieren. Aber dann sollen wir uns erinnern, dass Jesus da ist, genau da, wo das Chaos zu regieren scheint. Wenn wir nach ihm rufen, wird er uns halten. Er streckt seine Hand nach uns aus, so wie er Petrus rausgezogen hat. Das ist die durchschlagende Antwort auf die Einflüsterungen der Furcht.</p>
<p>Nur so bleiben wir aktionsfähig. Furcht lähmt, und das verstärkt noch das Gefühl der Ohnmacht. Jesus verschafft uns wieder Handlungsspielraum. Er ist ja selbst immer der entscheidende Akteur gewesen, sogar noch am Kreuz. Jesus war nie ohnmächtig, weil er Zugang hatte zu den Lebensquellen Gottes und zur Kraft der Barmherzigkeit. Alle, die sich von Furcht und Abgrenzung und Feindseligkeit leiten lassen, machen die Welt nur noch gefährlicher. Die Lösung ist Barmherzigkeit, Solidarität, Zuwendung, Freiheit, Gerechtigkeit – und das alles verankert in dem großen Ja Gottes zu seiner Welt, das in Jesus Gestalt angenommen hat.</p>
<p>Das Schöne ist: barmherzig und solidarisch sein, das kann jeder. Der eine hat eine größere Reichweite als der andere, aber wir haben alle einen Handlungsspielraum. Und wenn wir den ausschöpfen, dann wächst er. Wenn du dich aufraffst und in eine Situation hineingehst, vor der du am liebsten weglaufen würdest, dann merkst du, wie Möglichkeiten sichtbar werden, von denen du vorher nichts gewusst hast. Wenn man das ein paarmal erlebt hat, dann erwartet man das schon, dann muss man gar nicht mehr so lange alles vorher berechnen, weil man einfach davon ausgeht: Jesus ist da, wo es am stürmischsten ist, und er wird uns zeigen, was wir tun können.</p>
<h5>Auch wenn es ernst wird</h5>
<p>Eine Sache zum Schluss: alles, was ich gesagt habe, bedeutet nicht, dass wir eine Garantie haben, dass uns nichts passiert. Sich nicht von Furcht leiten zu lassen, bedeutet nicht, dass die Gefahren dieser Welt harmlos wären. Sie sind es nicht, auch wenn die echten Gefahren meistens von ganz woanders drohen, als die Angstmacher uns glauben machen wollen. Eine konsequente Klimapolitik ist viel wichtiger als diese hochgespielte Diskussion um Verschleierung in der Öffentlichkeit.</p>
<p>Aber die Welt ist nicht harmlos, und gerade die Mutigen wissen das. Dietrich Bonhoeffer musste sterben, Martin Luther King bezahlte mit dem Leben für seinen Einsatz für die Rechte der Schwarzen, und ungezählten anderen Christen ist es ebenso gegangen. Aber auch da gilt: wenn die Wellen der Gefahr besonders hoch sind, dann ist Jesus nahe. Auch auf den Tod ist Jesus entschlossen zugegangen. Und auch im Tod hat er den Weg zum Leben gefunden. Von solchen Szenarien sind wir zum Glück noch weit entfernt, aber es ist wichtig zu wissen: sollte es eines Tages auch für uns wirklich ernst werden, dann haben wir auch dafür eine Verheißung. Auch da geht Jesus uns voran und öffnet Wege. Mehr brauchen wir im Augenblick nicht zu wissen.</p>
<p>Die Richtung ist klar: Gott ermutigt uns, in Jesu Nachfolge auf das Dunkle und Chaotische zuzugehen und es von innen heraus zu überwinden. »Fürchtet euch nicht!« Das ist ein zentraler Teil des Evangeliums. Unsere Gesellschaft braucht ihn dringend, die ganze Welt braucht es dringend, dass die Christen für ihren Mut bekannt sind, mit dem sie Jesus dahin folgen, wo die anderen sich von Angst beraten lassen.</p>
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