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	<title>Politik &#8211; Walters Werkstatt: Theologie, Gesellschaft und Kirche</title>
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	<description>Texte aus der norddeutschen Tiefebene</description>
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	<title>Politik &#8211; Walters Werkstatt: Theologie, Gesellschaft und Kirche</title>
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		<title>Zeit ist nicht Geld</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Aug 2018 10:29:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeist]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu Hartmut Rosas Buch "Beschleunigung und Entfremdung" (Teil 4)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fbucher%2Fzeit-ist-nicht-geld%2F&amp;action_name=Zeit%20ist%20nicht%20Geld&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class=“querbalken“>Alle Posts zum Buch: | <a title=“Warum wir keine Zeit (mehr) haben“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/warum-wir-keine-zeit-mehr-haben/“>Teil 1</a> | <a title=“Hilfe! ich will raus!“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/hilfe-ich-will-raus/“>Teil 2</a> | <a title=“Die totalitäre Rhetorik des Müssens“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/totalitaere-beschleunigungsstrukturen/“>Teil 3</a> | <a title=“Zeit ist nicht Geld“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/zeit-ist-nicht-geld/“>Teil 4</a> |</p>
<p><img src=“https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2020/09/RosaBeschleunigung.jpg“ alt=““ width=“298″ height=“238″ class=“alignright size-full wp-image-6712″ />Rosa bringt ja zunächst einmal eine Beschreibung: die Beschleunigung ist ein Faktor, den eine kritische Theorie der Gesellschaft nicht ignorieren darf. Die Zeit ist ein viel zu wichtiges Thema, als dass man es politisch vernachlässigen dürfte. Letztlich sind auch die ökologischen Probleme Folge der gesellschaftlichen Beschleunigung. Denn durch unsere Geschwindigkeit sind wir für die Natur zu schnell geworden. Wir verbrauchen pro Zeiteinheit mehr, als sie nachliefern kann.</p>
<p>Wie kann aber eine Antwort darauf aussehen?</p>
<p>Das Problem entsteht ja daraus, dass wir die Zeit nutzen, um (auf allen möglichen Gebieten) schneller zu sein als die Konkurrenz. Und das ist inzwischen gar keine bewusste Entscheidung mehr, sondern ein Habitus. Scharf und sicher überspitzt gesagt: Es geht nicht mehr darum, Brot zu backen, Computer zu programmieren, Menschen seelsorgerlich zu beraten, Kunstwerke zu schaffen, Gemeinden zu bauen, und was es noch für schöne Dinge gibt, sondern das alles ist verzerrt vom Konkurrenzkampf, nicht nur dem ökonomischen. Die Konkurrenzlogik frisst die unterschiedlichen Zeiten unterschiedslos in sich hinein.</p>
<h5>&#8222;Zeit&#8220; oder &#8222;Zeiten&#8220;?</h5>
<p>Die berühmte Stelle im Prediger Salomo (3,1-9) spricht ja nicht von &#8222;der&#8220; Zeit, sondern stattdessen von spezifischen &#8222;Zeiten&#8220;: eine Zeit zum Weinen, eine Zeit zum Lachen, eine Zeit zum Suchen, eine zum Verlieren usw. Zeit ist eben nicht Geld. Ein Euro mag ein Euro sein <span style="color:gray">(obwohl in Wahrheit in jedem Euro eine lange Geschichte menschlicher Beziehungen verborgen ist &#8211; Geld ist auch eine Abstraktion wie die chronologische Zeit, aber das verfolgen wir jetzt nicht weiter)</span>, aber eine Stunde ist nicht wie die andere. Es gibt immer nur auf besondere Weise gefüllte Zeit. Zeiteinheiten sind nicht gegeneinander zu verrechnen, weil sie immer wieder anders gelebt werden: unter anderen Bedingungen, in unterschiedlichem Geist, mit je anderer innerer Disposition für Konzentration, Arbeit, Ruhe, Beziehungen. Und wer versucht, gegen die Bestimmung der Stunde zu leben, verschwendet sinnlos seine Energie: &#8222;Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.&#8220;</p>
<p>Diese Gedanken des Predigers stammen aus der Zeit der hellenistischen Durchdringung Alt-Israels, als die &#8222;moderne&#8220; Geldwirtschaft engültig daran ging, die Welt der freien Bauern in die Welt der Großgrundbesitzer und Tagelöhner zu verwandeln, die wir aus den Evangelien kennen. Es war eine frühe Zeit der Globalisierung, als man sich nicht mehr auf die herkömmlichen Regeln des Zusammenlebens verlassen konnte. Die politisch-moralisch fundierte &#8222;Thorarepublik&#8220; (wie Ton Veerkamp sie nennt) war nicht stark genug, um sich der gewaltsamen Öffnung des Landes zu widersetzen.</p>
<p>Die Antwort des Predigers darauf ist: versuche nicht, im Hamsterrad mitzuhalten, sondern lebe! Leben ist kein ewiger Kampf. Deshalb entzieh dich dem Hamsterrad. Widme dich intensiv der gegenwärtigen Zeit, vor allem, wenn du eine Gelegenheit zur Freude hast. Wer weiß, wann sie wiederkommt? Iss und trink, freue dich am Leben mit deiner geliebten Frau, und wenn die Gelegenheit günstig ist, setz deine Pläne entschlossen um. Aber tu das alles im Bewusstsein, dass es nicht in deiner Macht steht, die Zeiten zu ändern. Gottes Wege sind gut, aber wir verstehen sie nicht wirklich (das ist der leicht depressive Zug in den Gedanken des Predigers).</p>
<p>Um solche Zusammenhänge geht es auch, wenn Paulus oder der Seher Johannes davon sprechen, dass &#8222;eine Tür geöffnet wird&#8220;: Gelegenheiten, die sich auftun und genutzt werden sollen. Nur der Ton ist viel hoffnungsvoller. Durch die Auferstehung Jesu ist eine andere Zeit angebrochen, Gottes Wege sind weniger verborgen, und es gibt mehr Möglichkeiten, als sich nur in eine Nische zurückzuziehen und sich dort von der irrsinnigen Beschleunigung der Welt so gut wie möglich abzuschirmen. Das bringt für Paulus aber auch mehr Stress: die Beschreibung seiner Belastungen (im Umkreis von 2. Kor. 11,28 etwa) ist eindrucksvoll und hat nichts mehr mit einer ausgewogenen work-life-balance zu tun. Und auch von Jesus wird erzählt, dass sie zeitweise so überlaufen waren, dass die Mahlzeiten ausfallen mussten. Jesus wusste dann aber auch, wann die Zeit gekommen war, gemeinsam mit den Jüngern segeln zu gehen. Also nicht: Gelassenheit vs. Stress, sondern immer noch: Erkenntnis der jeweiligen Zeiten.</p>
<h5>Der Gott der Fülle</h5>
<p>Das alles bündelt sich in der Bergpredigt Jesu, wenn Jesus in Matth. 6 die Basis seines Handelns enthüllt: die grundlegende Güte des Schöpfers, der seinen Segen bedenkenlos an Gerechte und Ungerechte verschenkt. Nicht der Mangel regiert die Welt, sondern sie lebt aus der Fülle. Die Konsequenz ist: sorget nicht! Gott wird für euch sorgen. Das war damals für eine stärker agrarische Gesellschaft formuliert, der Kampf um die besten Plätze war noch viel offener gewaltförmig, dafür aber auch nicht soo allgegenwärtig. Aber auch damals schon schien solche Sorglosigkeit dem gesunden Menschenverstand widersinnig.</p>
<p>Im Ergebnis steht eine scharfe Alternative im Raum: &#8222;Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.&#8220; Gott bringt Fülle, der Mammon Sorge und Mangel. Deshalb war das Zinsverbot über viele Jahrhunderte Konsens in der Kirche, bis die jungen bürgerlichen Rebellen aus der <del>FDP</del> Aufklärung sich gegen diese Einengung ihrer individuellen Freiheit empörten und das &#8222;oder&#8220; durch das &#8222;und&#8220; ersetzten: nicht mehr die alten, verknöcherten dogmatischen Fronten, sondern ein flexibles &#8222;sowohl als auch&#8220;.</p>
<h5>Eine Frage des Weltbilds</h5>
<p>In seriöserer Formulierung: Am Beginn der Neuzeit stand u.a. der Glaube, dass man mit dem Mammon einen Pakt schließen, ihn zähmen und in Dienst nehmen könne. Man müsse gar nicht im traditionell-christlichen Sinn gut sein (also das Interesse des Nächsten im Sinn haben). Denn die Verfolgung des je eigenen Interesses auf dem Markt ergebe am Ende durch die Regie einer &#8222;unsichtbaren Hand&#8220; einen viel größeren Nutzen für alle als eine noch so altruistische Moral (und also wohl auch Politik). Seit damals gelten Moralisten (heute sind das die &#8222;Gutmenschen&#8220;) als Toren oder Schlimmeres. Die aktuelle Fortschreibung dieses Glaubens ist die neoliberale Überzeugung, dass &#8222;die Märkte&#8220; es schon richten werden, und dass man die politisch-moralische Sphäre deshalb schrumpfen möge, damit von dort aus die Märkte kaum noch kontrolliert werden können. Und so bringt die Konkurrenz aller mit allen inzwischen nicht nur die Menschen aus dem Takt, sondern nun auch die Biosphäre in gefährliches Ungleichgewicht.</p>
<p>Am Ende ist es eine Frage des Weltbildes: gehe ich von einer Konkurrenz aller gegen alle aus, wo der Gewinn der Einen der Verlust der Anderen ist? Oder sehe ich eine grundlegende Verbundenheit aller Geschöpfe, die aus der fundamentalen Liebe des Schöpfers entspringt? Ist mein Gegenüber der Markt, der keine Gnade kennt, oder der Vater im Himmel, der auch über Ungerechte regnen lässt?</p>
<p>Nun, das ist jetzt für manche vielleicht nicht praktisch genug. Obwohl in der protestantischen Tradition ja eigentlich der Glaube (und damit die Frage, welche Realität wir voraussetzen) vor den Werken kommen sollte. Aber deshalb lasse ich noch einen fünften Post zum Thema folgen.<br />
<p class=“querbalken“>Alle Posts zum Buch: | <a title=“Warum wir keine Zeit (mehr) haben“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/warum-wir-keine-zeit-mehr-haben/“>Teil 1</a> | <a title=“Hilfe! ich will raus!“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/hilfe-ich-will-raus/“>Teil 2</a> | <a title=“Die totalitäre Rhetorik des Müssens“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/totalitaere-beschleunigungsstrukturen/“>Teil 3</a> | <a title=“Zeit ist nicht Geld“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/zeit-ist-nicht-geld/“>Teil 4</a> |</p><br />
<!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Die totalitäre Rhetorik des Müssens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Aug 2018 09:36:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu Hartmut Rosas Buch "Beschleunigung und Entfremdung" (Teil 3)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fbucher%2Ftotalitaere-beschleunigungsstrukturen%2F&amp;action_name=Die%20totalit%C3%A4re%20Rhetorik%20des%20M%C3%BCssens&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class=“querbalken“>Alle Posts zum Buch: | <a title=“Warum wir keine Zeit (mehr) haben“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/warum-wir-keine-zeit-mehr-haben/“>Teil 1</a> | <a title=“Hilfe! ich will raus!“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/hilfe-ich-will-raus/“>Teil 2</a> | <a title=“Die totalitäre Rhetorik des Müssens“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/totalitaere-beschleunigungsstrukturen/“>Teil 3</a> | <a title=“Zeit ist nicht Geld“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/zeit-ist-nicht-geld/“>Teil 4</a> |</p>
<p><img src=“https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2020/09/RosaBeschleunigung.jpg“ alt=““ width=“298″ height=“238″ class=“alignright size-full wp-image-6712″ />Für Rosa ist die Beschleunigung ein Schlüsselfaktor zum Verständnis der Machtstrukturen der Gesellschaft. Sie weist Merkmale einer totalitären Herrschaft auf, allerdings nicht im Sinn der Herrschaft einer Klasse oder Gruppe, sondern als allgemeines Prinzip, das die ganze Gesellschaft durchdringt und dem sich niemand entziehen kann. In totalitären Systemen alter Art gibt es fast immer auch Lebenssphären, die vom Regime nicht kontrolliert werden; die Beschleunigung dagegen durchdringt die ganze Gesellschaft. Dabei erscheint sie gerade nicht als sozial konstruiertes Zwangsregime, sondern als quasi &#8222;natürlich&#8220;.</p>
<p>Die Zeit ist nämlich &#8211; bisher jedenfalls &#8211; eine jenseits der Politik verortete Größe, </p>
<ul>
<li>obwohl die atemberaubende Geschwindigkeit sozialer Interaktion die Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbstreproduktion untergräbt,</li>
<li>obwohl sie den Spielraum für die langwierigen Prozesse demokratischer Willensbildung immer mehr verkürzt und</li>
<li>obwohl sie Menschen permanent unter Druck setzt, weil keine soziale Position mehr als sicher gelten kann.</li>
</ul>
<p>Im Gegenteil: die neoliberale Politik hat gerade die Instrumente politischer Gestaltung, die die Beschleunigung steuern könnten (z. B. durch Regulierung der immer schnelleren Finanzströme) reduziert, privatisiert oder abgeschafft.</p>
<p>Weil die Beschleunigung ungefragt akzeptiert und nicht als Druck realisiert wird, erleben sich die Menschen als so frei von sozialen, religiösen oder kulturellen Normen wie in keiner anderen Gesellschaft zuvor. Paradoxerweise fühlen sie sich aber um so stärker beherrscht von stetig zunehmenden Sachzwängen. Eine &#8222;Rhetorik des Müssens&#8220; durchdringt und reguliert die Alltagspraktiken: wir &#8222;müssen&#8220; ein Projekt zu Ende bringen, etwas für die Fitness tun, informationell auf dem Laufenden sein, die Steuererklärung abgeben, und schließlich müssen wir auch noch etwas unternehmen, um mehr zur Ruhe zu kommen. Menschen fühlen sich am Ende nicht wegen Verstößen gegen göttliche Anordnungen schuldig fühlen, sondern aufgrund des überquellenden Mail-Postfachs, wegen nicht abgearbeiteter ToDo-Listen, oder weil sie Arbeit und Familie nicht mehr unter einen Hut bekommen (inzwischen das Problem der KommissarInnen gefühlt in mindestens jedem zweiten Tatort). Die dazu führenden Normen funktionieren als verdeckte, stumme Kraft; sie sorgen rigide für soziale Regulation und machen es der Gesellschaft dennoch möglich, sich als frei und ethisch nur minimal restriktiv wahrzunehmen.</p>
<p>Ursprünglich sollte die moderne Dynamisierung des Lebens es Menschen erlauben, autunom und unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen ihren individuellen Platz im Leben einzunehmen. Der Kapitalismus versprach, dass seine Leistungsfähigkeit am Ende allen die Freiheit geben würde, ihre Lebenspläne und Träume zu verwirklichen. Dieses Versprechen hat seine Glaubwürdigkeit verloren, weil die Beschleunigung des Lebens nun gerade Autonomie verhindert: individuell wie gesellschaftlich wird die Konkurrenzfähigkeit zum Hauptziel persönlicher wie politischer Gestaltung. Das Ziel der Selbstbestimmung wird von den strukturellen Bedingungen systematisch unterlaufen. </p>
<p>An  dieser Stelle führt Rosa die Kategorie der Entfremdung ein, weil Menschen durch die Wettbewerbs- und Beschleunigungsgesellschaft von ihren ursprünglichen Zielen abgebracht werden, sich gezwungen fühlen, Dinge zu tun, die sie &#8222;eigentich&#8220; nicht tun wollen, und dann in der Regel ihre &#8222;eigentlichen&#8220; Absichten vergessen. Menschen werden entfremdet</p>
<ul>
<li>vom <strong>Raum</strong> (wegen häufiger Ortswechsel im Dienst der Flexibilität eignet man sich Orte nicht mehr wirklich an),</li>
<li>von den <strong>Dingen</strong> (man beherrscht das neue Smartphone nicht mehr, weil es nach kurzer Zeit sowieso durch ein neues Modell ersetzt wird; Windows XP hat man noch verstanden, Windows Vista nicht mehr. Die Dinge werden immer smarter, die Menschen kommen nicht mehr mit),</li>
<li>von <strong>ihren eigenen Handlungen</strong> (weil die Entscheidungen so komplex sind, dass niemand sich gut genug informiert fühlt; weil Menschen dauernd Dinge tun müssen, die sie von ihren Kernaufgaben abhalten &#8211; Mails, Verwaltung und Mittelbeschaffung statt Arbeit mit Menschen oder an kreativen Projekten); Menschen verlieren das Gespür für das ihnen Wichtige oder Authentische, weil sie mit dem Abarbeiten von ToDo-Listen und deren Kompensation durch &#8222;instant-gratification&#8220;-Aktivitäten (wie Shoppen, TV oder Computerspielen) beschäftigt sind.</li>
<li>von der<strong> Zeit</strong>: eigentlich vergeht Zeit schnell, wenn man intensive Erfahrungen macht, an die man sich lange erinnert. Wenn Zeit langsam vergeht (weil sie mit Warten und anderen langweiligen Aktivitäten verbracht wird), vergessen wir sie auch schnell. In den digitalen Medien hat sich ein neues Muster herausgebildet: wir erleben intensiv, die Zeit vergeht schnell, aber wir vergessen diese leeren Erlebnisse auch schnell wieder. Wir integrieren sie nicht mit unserem Leben. Sie bleiben Erlebnisse und werden nicht zu Erfahrungen. Das Leben ist erlebnisreich, aber erfahrungsarm.</li>
<li>von <strong>anderen</strong>: wir kennen durch soziale Medien und technische Hilfsmittel viele Menschen, zu denen wir aber keine richtigen Beziehungen mehr entwickeln. Es reicht zu professioneller Zusammenarbeit, aber nicht für eine gemeinsame Geschichte. Da unsere Identität aber mit solchen Geschichten gebaut wird, entfemden wir uns auch von uns selbst.</li>
</ul>
<p>Durch all diese Facetten von Entfremdung zieht sich das Muster, dass das beschleunigte Leben unsere Fähigkeit zerstört, uns etwas &#8222;anzuverwandeln&#8220;. Die Ratlosigkeit über das, was uns tatsächlich wichtig ist, führt zu einer Unsicherheit darüber, wer wir sind. Weltentfremdung und Selbstentfremdung sind zwei Seiten einer Medaille. Die &#8222;Resonanzachsen&#8220; zwischen Selbst und Welt verstummen. Religion und Kunst (vor allem Musik) haben in früheren Zeiten versucht, diese Verbindung zu sichern. Die Wiederkehr religiöser Formen ebenso wie die &#8222;Musikalisierung&#8220; der Welt (überall dudelt Hintergrundmusik, Menschen schaffen sich per Kopfhörer ihre eigene musikalische Umgebung) könnten darauf hindeuten, dass es in der Spätmoderne ein Resonanzdesaster gibt.</p>
<p>Soweit die Diagnosen von Rosa. Was sagt uns das, und wie sollen wir auf diese Beschreibung antworten? Dazu werde ich im vierten und letzten Post etwas schreiben. Dabei wird natürlich &#8222;Religion&#8220; deutlich wichtiger werden als bei Rosa, der sie aus freundlicher Distanz beobachtet.</p>
<p><p class=“querbalken“>Alle Posts zum Buch: | <a title=“Warum wir keine Zeit (mehr) haben“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/warum-wir-keine-zeit-mehr-haben/“>Teil 1</a> | <a title=“Hilfe! ich will raus!“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/hilfe-ich-will-raus/“>Teil 2</a> | <a title=“Die totalitäre Rhetorik des Müssens“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/totalitaere-beschleunigungsstrukturen/“>Teil 3</a> | <a title=“Zeit ist nicht Geld“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/zeit-ist-nicht-geld/“>Teil 4</a> |</p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Hilfe! Ich will raus!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Aug 2018 09:09:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu Hartmut Rosas Buch "Beschleunigung und Entfremdung" (Teil 2)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fbucher%2Fhilfe-ich-will-raus%2F&amp;action_name=Hilfe%21%20Ich%20will%20raus%21&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class=“querbalken“>Alle Posts zum Buch: | <a title=“Warum wir keine Zeit (mehr) haben“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/warum-wir-keine-zeit-mehr-haben/“>Teil 1</a> | <a title=“Hilfe! ich will raus!“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/hilfe-ich-will-raus/“>Teil 2</a> | <a title=“Die totalitäre Rhetorik des Müssens“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/totalitaere-beschleunigungsstrukturen/“>Teil 3</a> | <a title=“Zeit ist nicht Geld“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/zeit-ist-nicht-geld/“>Teil 4</a> |</p>
<p><img src=“https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2020/09/RosaBeschleunigung.jpg“ alt=““ width=“298″ height=“238″ class=“alignright size-full wp-image-6712″ />Wenn die Beschleunigung im Herzen der modernen Gesellschaft selbst angesiedelt ist, dann stellt sich natürlich die Frage, ob es wirksame Gegenkräfte der Entschleunigung gibt. Und tatsächlich beschreibt Rosa 5 entschleunigende Faktoren, die jedoch (um es gleich vorwegzunehmen) nicht gegen die beschleunigende Dynamik des Wettbewerbs ankommen.</p>
<ul>
<li><strong>Natürliche Geschwindigkeitsgrenzen:</strong> Als Beispiele führt Rosa etwa die Dauer einer Schwangerschaft oder einer Erkältung an. Es ist bis jetzt noch nicht gelungen, diese und andere Prozesse wirksam zu beschleunigen. Aber in vielen anderen Fällen hat die Moderne tatsächlich scheinbar &#8222;natürliche&#8220; Geschwindigkeitsbegrenzungen auf spektakuläre Weise überwunden.</li>
<li><strong>Entschleunigungsoasen:</strong> In manchen Nischen scheint tatsächlich &#8222;die Zeit stehengeblieben&#8220; zu sein; manche Konsumgüter besetzen solche Nischen mit dem Hinweis, dass sie auf traditionelle Art mit Zeit zum Reifen hergestellt seien. Aber die meisten dieser Entschleunigungsoasen geraten in der Spätmoderne verstärkt unter Beschleunigungsdruck und müssten ggf. bewusst geschützt werden.</li>
<li><strong>Entschleunigung als Dysfunktionalität:</strong> Als Nebenfolge der Beschleunigung entstehen an manchen Orten dysfunktionale Verlangsamungen, wie etwa Staus, aber auch Depressionen.</li>
<li><strong>Beabsichtigte Entschleunigung:</strong> Bei dieser  Art von Entschleunigung kann es sich um systemimmanente Auszeiten ( &#8230; Manager im Kloster, Yogastunden &#8230; ) handeln, die Menschen fit machen sollen für die nächste Runde im Hamsterrad; möglich ist aber auch eine funktionale Entschleunigung, die davon ausgeht, dass ein stabiler Rahmen die Voraussetzung für jede Weiterentwicklung ist. Um die Zukunft der Gesellschaft nicht zu untergraben, muss dieser stabile Rahmen vor weiterer Dynamisierung geschützt werden. Ein Beispiel für eine solche gezielte Entschleunigung wäre z.B. die Kontrolle der Kapitalflüsse durch Regeln oder eine Tobinsteuer. Es ist aber auch bezeichnend, dass es bis jetzt nicht gelungen ist, solche Regeln durchzusetzen.</li>
<li><strong>Erstarrung als Rückseite der Beschleunigung:</strong> Die Beschleunigung könnte die utopische Energie der Gesellschaft aufzehren und so das ganze System in eine rasende Orientierungslosigkeit versetzen. Wenn sich die Entwicklung nicht mehr in ein sinnvolles Narrativ (&#8222;Fortschritt&#8220;) kleiden lässt, kann sich das wie das Ende der Geschichte anfühlen.</li>
</ul>
<p>Unter der Voraussetzung, dass sich in diesen fünf Kategorien alle relevanten entschleunigenden Faktoren finde, scheint es tatsächlich in modernen Gesellschaften zu einem massiven Ungleichgewicht zwischen Be- und Entschleunigung zu kommen. Denn keiner dieser fünf entschleunigenden Faktoren ist eine echte Gegenkraft.</p>
<p>Welche Folgen das laut Rosa für unser Selbst- und Weltverhältnis hat, darüber im nächsten Post.</p>
<p><p class=“querbalken“>Alle Posts zum Buch: | <a title=“Warum wir keine Zeit (mehr) haben“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/warum-wir-keine-zeit-mehr-haben/“>Teil 1</a> | <a title=“Hilfe! ich will raus!“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/hilfe-ich-will-raus/“>Teil 2</a> | <a title=“Die totalitäre Rhetorik des Müssens“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/totalitaere-beschleunigungsstrukturen/“>Teil 3</a> | <a title=“Zeit ist nicht Geld“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/zeit-ist-nicht-geld/“>Teil 4</a> |</p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Warum wir keine Zeit (mehr) haben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Aug 2018 16:31:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeist]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu Hartmut Rosas Buch "Beschleunigung und Entfremdung" (Teil 1)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fbucher%2Fwarum-wir-keine-zeit-mehr-haben%2F&amp;action_name=Warum%20wir%20keine%20Zeit%20%28mehr%29%20haben&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class=“querbalken“>Alle Posts zum Buch: | <a title=“Warum wir keine Zeit (mehr) haben“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/warum-wir-keine-zeit-mehr-haben/“>Teil 1</a> | <a title=“Hilfe! ich will raus!“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/hilfe-ich-will-raus/“>Teil 2</a> | <a title=“Die totalitäre Rhetorik des Müssens“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/totalitaere-beschleunigungsstrukturen/“>Teil 3</a> | <a title=“Zeit ist nicht Geld“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/zeit-ist-nicht-geld/“>Teil 4</a> |</p>
<p><img src=“https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2020/09/RosaBeschleunigung.jpg“ alt=““ width=“298″ height=“238″ class=“alignright size-full wp-image-6712″ />Über Zeit und persönliche Zeitökonomie denke ich nach, seit ich beruflich arbeite. Einer meiner ersten Aha-Erlebnisse im Pfarramt war: es gibt jede Menge guter Möglichkeiten &#8211; nicht die Ideen sind der begrenzende Faktor, sondern die (fehlende) Zeit, um sie umzusetzen. Aber warum ist das so, welche Mechanismen stecken hinter der allgegenwärtigen Zeitknappheit, die ja wahrlich nicht nur ich empfinde?</p>
<h5>Soziologische Zeitforschung</h5>
<p>In diesem Urlaub habe ich mit großer Begeisterung &#8222;Beschleunigung und Entfremdung&#8220; von Hartmut Rosa gelesen. Rosa schreibt sonst wesentlich dickere Bücher als dieses Bändchen von knapp 150 Seiten. Und das Thema Zeit und Beschleunigung beschäftigt ihn schon lange. Vermutlich ist dies Buch so etwas wie die Quintessenz seiner Arbeit zum Thema. Und tatsächlich folgt bei ihm eine hilfreiche Einsicht auf die andere.</p>
<p>Zunächst geht er der Frage nach: ist der Eindruck überhaupt zutreffend, dass die Welt sich im Großen und im Kleinen immer mehr beschleunigt? Und ist das überall gleichermaßen der Fall? Rosa unterscheidet zwischen technischer Beschleunigung (&#8230; vom Reiter zum Jet &#8230;), Beschleunigung des sozialen Wandels (&#8230; früher ein Leben lang bei einer Firma, heute noch nicht ml ein Leben lang denselben Beruf &#8230;) und Beschleunigung des Lebenstempos (&#8230; immer mehr in immer weniger Zeit erledigen &#8230;). Wie schon oft bemerkt, müsste die technische Beschleunigung eigentlich zu einer Zunahme der Zeitressourcen führen. Tut sie aber nicht. Warum? Weil die Wachstumsrate dessen, was wir tun, die Zeitersparnis durch technischen Beschleunigung mehr als auffrisst (&#8230; die Waschmaschine erspart mit dem wöchentlichen Waschtag jede Menge Arbeit, dafür wechseln wir die Wäsche nun viel häufiger &#8230;).</p>
<h5>Der Beschleunigungs-Kreislauf und seine Motoren</h5>
<p>Rosa beschreibt einen Kreislauf dieser drei Arten von Beschleunigung: die <em>Beschleunigung des Lebenstempos</em> lässt uns nach technischen Hilfsmitteln Ausschau halten, die Zeit ersparen. Diese <em>technische Beschleunigung</em> führt zu einer <em>Beschleunigung des sozialen Wandels</em> (Paradebeispiel: gesellschaftliche Verschiebungen durch Computer/Internet), und wer mit diesem beschleunigten Tempo mithalten  will, muss dazu wiederum sein Lebenstempo erhöhen. Dieser Zirkel ist ein geschlossenes, sich selbst beschleunigendes System.</p>
<p>Dabei kann keine der drei Beschleunigungsarten als Ursache identifiziert werden. Eine bedingt die andere. Die eigentlichen Motoren für die soziale Beschleunigung sitzen woanders. Es ist vor allem der Wettbewerbsdruck des kapitalistischen Marktsystems, der die Beschleunigung befeuert: Wer sich eine Pause gönnt, oder wer es versäumt, die neuesten Errungenschaften der technischen Entwicklung zu implementieren, der fällt zurück. Beschleunigung führt zu Wettbewerbsvorteilen. Da aber alle beschleunigen, hält man im Durchschnitt seine Position. Ist man etwas besser (=schneller) als der Durchschnitt, dann zieht man an anderen vorbei, ist man zu langsam, dann fällt man zurück.</p>
<h5>Prägendes Wettbewerbs-Paradigma</h5>
<p>Diese Logik des Wettbewerbs ist inzwischen aber nicht mehr auf die Wirtschaft beschränkt, sondern frisst sich gerade in alle Bereiche der Gesellschaft hinein. Es gibt einen Konkurrenzkampf um Bildungsabschlüsse und Jobs, um Güter des demonstrativen Konsums (Autos, Urlaubsfotos auf Facebook, &#8230;), Erfolg der Kinder, Attraktivität (eigene und des Partners), gelesene Bücher, gesehene Filme usw. Wettbewerb wird zum vorherrschenden Prinzip der Allokation von Ressourcen in allen Bereichen des sozialen Lebens. Auch Kunst und Religion sind davon nicht mehr ausgenommen.</p>
<p>Flankiert wird der Wettbewerb von der modernen weltanschaulichen Entscheidung, dem Leben vor dem Tod die entscheidende Bedeutung zuzuschreiben. Damit wird das Leben zur letzten Gelegenheit, die man dann auch möglichst intensiv nutzen, d.h. mit möglichst vielen Qualitätserfahrungen füllen möchte. Beschleunigung ist ein Mittel dazu und wird so zu einem Äquivalent für die Verheißung des ewigen Lebens. Es ist allerdings ein eher dürftiger Ersatz, denn das Verhältnis zwischen den realisierten und den verpassten möglichen Optionen unseres Lebens wird am Ende des Tages durch die Beschleunigung eher schlechter sein.</p>
<p>In jedem Fall wird durch die Ausbreitung des Wettbewerbs-Paradigmas die ganze Gesellschaft zur Beschleunigungsgesellschaft, weil alle sich dauernd in vielen Lebensbereichen auf einem &#8222;rutschenden Hang&#8220; vorfinden, wo Stillstand zu Rückschritt wird. Gibt es aber Gegenkräfte der Entschleunigung? Dazu mehr im nächsten Post.</p>
<p><p class=“querbalken“>Alle Posts zum Buch: | <a title=“Warum wir keine Zeit (mehr) haben“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/warum-wir-keine-zeit-mehr-haben/“>Teil 1</a> | <a title=“Hilfe! ich will raus!“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/hilfe-ich-will-raus/“>Teil 2</a> | <a title=“Die totalitäre Rhetorik des Müssens“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/totalitaere-beschleunigungsstrukturen/“>Teil 3</a> | <a title=“Zeit ist nicht Geld“ href=“https://www.walterfaerber.de/bucher/zeit-ist-nicht-geld/“>Teil 4</a> |</p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Prag &#8211; Peking &#8211; Berlin &#8211; Kairo &#8211; Florida &#8211; Emergent: Fragen zu Ägypten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Feb 2011 06:14:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>
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					<description><![CDATA[Der arabische Frühling in Ägypten und seine Parallelen zu anderen Volksbewegungen<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fokonomie%2Fprag-peking-berlin-kairo-florida-emergent-fragen-zu-agypten%2F&amp;action_name=Prag%20%26%238211%3B%20Peking%20%26%238211%3B%20Berlin%20%26%238211%3B%20Kairo%20%26%238211%3B%20Florida%20%26%238211%3B%20Emergent%3A%20Fragen%20zu%20%C3%84gypten&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="color: #000000;line-height: 135%">Es ist noch nicht lange her, da habe ich auf den 11. September 2001 oder die Finanzkrise verwiesen, um zu belegen, dass sich unsere Welt sprunghaft und unvorhersehbar verändert. Für kirchlich Interessierte kamen dann 2010 der Käßmann-Rücktritt und die plötzliche tiefe Krise der katholischen Kirche hinzu. Jetzt gibt es ein neues, spektakuläres Beispiel: Ägypten bzw. die ganze, in Bewegung geratene arabische Welt. Wie üblich: (fast) keiner hat es kommen sehen, keiner ist vorbereitet, keiner weiß, wo es hingehen wird. Aber alle wollen auf einmal mitmischen. Tariq Ramadan, Islamwissenschaftler in Oxford und Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft, findet in der <a title="FR vom 8.2.2011" href="http://www.fr-online.de/kultur/debatte/demokratie-jetzt-/-/1473340/7165222/-/index.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Frankfurter Rundschau</a> sehr deutliche Worte für den Umgang mit der ägyptischen Volksbewegung:</p>
<blockquote>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Hinter der opportunistischen Rede von Demokratie, Freiheit und Menschenrechte werden kaltblütig die zynischsten Kalküle gemacht. Von Washington bis Tel Aviv, von Kairo bis Damaskus, Sanaa, Algier, Tripolis und Riad gibt es nur eine Sorge: Wie kann man diese Bewegung unter Kontrolle bringen, wie kann man aus ihr Profit ziehen? Denn wer will schon in Ägypten und in der arabischen Welt ernsthaft eine wirkliche, transparente und unabhängige Demokratie? Wer – außer den Völkern und der Zivilgesellschaft – hat denn Interesse daran, dass die Massenproteste ihre Ziele erreichen: Freiheit, ein Leben in Würde, wirkliche Demokratisierung?</p>
</blockquote>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Der Eindruck, dass die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz leicht im Interessengewirr der Machteliten unter die Räder kommen könnten, verstärkt sich, wenn man in der FAZ eine <a title="Warum Mubarak am Ende ist" href="http://www.faz.net/s/Rub87AD10DD0AE246EF840F23C9CBCBED2C/Doc~E4EBC87CAFE2C4CBD8059A65ED290C168~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Darstellung der zerklüfteten ägyptischen Machtlandschaft</a> liest (Dank an <a title="Ingo Zwinkaus Brockenstube" href="http://brockenstube.wordpress.com/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Ingo Zwinkau</a> für den <a title="Christian. Husband. Father. Evangelical Pastor." href="http://twitter.com/#!/ingozw" target="_blank" rel="noopener noreferrer">getwitterten</a> Hinweis auf diesen instruktiven Artikel! Unbedingt Lesen!). Die Widersprüche zwischen den ägyptischen Machteliten haben einen Raum geöffnet, in dem sich der Protest entfalten kann. Wenn erst hinter den Kulissen die Reihen wieder geschlossen worden sind, dann könnten die Demonstranten schnell sehr allein dastehen.</p>
<p><img decoding="async" src="http://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2011/02/398px-Floris_Van_Cauwelaert_-_Downtown_Cairo_11.jpg" alt="" width="398" height="599" class="alignleft size-full wp-image-6617" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2011/02/398px-Floris_Van_Cauwelaert_-_Downtown_Cairo_11.jpg 398w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2011/02/398px-Floris_Van_Cauwelaert_-_Downtown_Cairo_11-199x300.jpg 199w" sizes="(max-width: 398px) 100vw, 398px" /></p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Aber was heißt eigentlich allein? Sollten uns nicht jetzt die Augen aufgehen für einen <strong>neueren Typ gesellschaftlicher Umwälzung</strong>, der sich schon seit einigen Jahrzehnten herausbildet und in unterschiedlichen Kulturen/Systemen ganz unterschiedliche Formen annimmt? Bei dem nur eine Seite (die &#8222;pharaonische&#8220; nämlich) Gewalt einsetzt? Und der dann auch ganz unterschiedliche Ausgänge gefunden hat? Stehen die jungen Ägypter nicht in einer Linie mit den Demonstranten vom Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 und den Volksbewegungen in Osteuropa, die zum Fall der Mauer führten? Müsste man nicht sogar die Linien noch weiter zurückverfolgen bis zum Prager Frühling von 1968?</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Jedes Mal eine ähnliche Grundkonstellation: eine unbewegliche Führung aus älteren politbürokratischen Herren, die die Gesellschaft fest unter Kontrolle zu haben scheinen. Über Jahrzehnte scheint sich nichts zu bewegen. Aber auf einmal &#8211; keiner hat es vorausgesehen! &#8211; passiert das Unglaubliche: das Volk geht massenhaft auf die Straße. Für kurze Zeit entsteht ein neuer gesellschaftlicher Konsens, gegen den die Machteliten entweder nicht oder nur mit allerbrutalster Gewalt ankommen. Wozu das am Ende führt &#8211; Okkupation, Blutbad, Wiedervereinigung, nationale Befreiung &#8230; &#8211; hängt vom Geschick der Akteure und den konkreten Konstellationen ab.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Woher kommt aber dieser neue Konsens, der ja gerade nicht künstlich organisiert wird, sondern sich spontan erhebt &#8211; angestoßen durch ein eher zufälliges Ereignis? Das Interessante ist, dass das keine typischen Klassenkonflikte sind, wie wir sie aus dem klassischen Kapitalismus kennen. Es ist weniger der soziale Status als jüngeres Alter und bessere Ausbildung, die den Kern der Protestierenden prägen. Es scheint also der Widerspruch zwischen (nennen wir es erst einmal so:) der Entfaltung der menschlichen Geisteskräfte und ihrer Hemmung durch die geistlose Macht zu sein, der heimlich einen großen Teil der Gesellschaft ergriffen hat. Das ist nicht neu; Geist und Macht standen schon immer in einem Spannungsverhältnis. Neu ist die rasante Entwicklung des gesamtgesellschaftlichen Bildungsniveaus, wie sie die Industriegesellschaft mit sich bringt. Das reichte schon ohne Internet zum Prager Frühling und später zum Mauerfall; internetgestützt kommt jetzt das, was die DDR 1989 erlebte, auch in den entwickelteren Staaten des Südens an.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an <a title="Rudolf Bahro bei Wikipedia" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Bahro" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Rudolf Bahro</a>. Er hat schon vor 1977 eine Analyse des DDR-Sozialismus verfasst, die den Widerspruch der kreativen, aber auch der technischen Intelligenz zur Gängelung durch die herrschaftssichernde Bürokratie in den Mittelpunkt stellt. Er hat das Dilemma beschrieben, in das jede autoritäre Staatsführung gerät, die aus wirtschaftlichen Gründen für eine gute Ausbildung der künftigen Funktionäre (und heute auch für Internetanschluss) sorgen muss. Unweigerlich wird dabei schwer kontrollierbare &#8222;überschüssige Qualifikation&#8220; erzeugt, die lange Zeit atomisiert bleibt und sich nur in Meckern, innerer Kündigung und ähnlichem zeigt. Aber &#8211; inzwischen haben wir es immer wieder erlebt &#8211; diese überschüssige Qualifikation kann wie aus heiterem Himmel massenhaft Gestalt annehmen und die Straßen füllen.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Ziehen wir die Linie nun weiter. Was sich hier in ganz unterschiedlichen Gestalten regt &#8211; können wir nicht seine Züge sogar wiederfinden in dem, was <a title="Richard Florida bei Wikipedia" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Florida" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Richard Florida</a> als &#8222;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Florida" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Aufstieg der kreativen Klasse</a>&#8220; bezeichnet? Kreativität wird zunehmend zum zentralen Produktionsfaktor, auf den kein Unternehmen mehr verzichten kann. Der Umfang der Kreativarbeit wächst rasant, die Entwicklung des menschlichen Geistes beschleunigt sich, und das hat unmittelbare Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Reichtum.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Aber auch hier zeigen sich die Widersprüche zwischen den Kreativen und ihren Produktionsverhältnissen. Florida schreibt über die hochentwickelten Industriestaaten, Staaten ohne Pharaonen und Politbürokraten. Aber einen vergleichbaren Feind gibt es bei bei ihm und ähnlichen Autoren auch: die Wirtschaftsbürokratie mit ihren Meetings und Statusritualen, die Gift für die Krativität sind (kirchliche Funktionsträger &#8211; obwohl in der Regel leidensfähiger &#8211; könnten ähnliches berichten). Der Ausweg ist dann nicht der friedliche Protest im Zentrum der Hauptstadt, sondern die Gründung der eigenen Firma, die 4-hour-workweek und ähnliches. Die Konstellationen unterscheiden sich also erheblich. Aber <strong>die Kraft dahinter</strong> ist hier wie dort der Überschuss &#8222;menschlichen, auf kein abstraktes Funktionieren für begrenzte Zwecke reduziblen Bewusstseins&#8220; (Bahro), das in Zeiten des Internets immer stärker zum kollektiven Bewusstsein wird.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Wir sind alle Ägypter. Das ist keine moralische Aussage, kein Appell, sondern eine Diagnose.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Und sollte &#8211; Fragen ist ja erlaubt &#8211; dieses sich immer mehr ausweitende &#8222;menschliche Bewusstsein&#8220; nicht vielleicht auch der materielle Kern dessen sein, was wir in verschiedenen Versionen als Postmoderne diskutieren? Eine enorme Ausweitung des menschlichen Geistes, die Raum schafft für viele unterschiedliche Weltanschauungen, Religionen, Fernsehprogramme, Ernährungsstile usw.? Und wäre &#8222;Kirche für das 21. Jahrhundert&#8220; dann also eine Kirche, die sich mit diesem enormen Entwicklungsschub des menschlichen Geistes verbündet, anstatt ihn ängstlich zu kanalisieren? Eine Kirche, die nicht verwirrt die Augen verschließt vor diesem menschlichen Kompetenzzuwachs, sondern ihn in einem Umfeld der Freiheit willkommen heißt? Eine Kirche, die sich daran erinnert, dass schon in den Gemeinden des römischen Reiches die missachtete Kreativität der Sklaven, Frauen, Barbaren und auch der Funktionäre (ja, ja!) einen Freiraum fand? Eine emergente Kirche, die entdeckt, dass die Gemeinde Jesu sich selbst organisieren kann, weil der Heilige Geist schon immer den menschlichen Geist gebildet und befreit hat?</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Und was bedeutet es, dass nun ausgerechnet in Ägypten, dem biblischen Beth Abdim, dem Sklavenhaus, die Freiheit aufbricht? Sollte das vielleicht ein Zeichen der Endzeit sein, das die einschlägigen Publikationen bisher übersehen haben? Fragen über Fragen. Die Beispiele für unvorhersehbaren, rasanten Wandel werden uns nicht ausgehen.</p>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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			</item>
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		<title>Die Moderne in Deutschland</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 31 Jul 2009 06:25:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Amerika]]></category>
		<category><![CDATA[LandLeben]]></category>
		<category><![CDATA[Moderne]]></category>
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					<description><![CDATA[Von Obama lernen (4)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpolitik%2Fvon-obama-lernen-4-die-moderne-in-deutschland%2F&amp;action_name=Die%20Moderne%20in%20Deutschland&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="color: #000000;line-height: 135%">Angeregt von der Beschäftigung mit Barack Obama <a title="Von Obama lernen (3): Traditionelle Kulturen und die Moderne" href="http://www.walterfaerber.de/2009/07/von-obama-lernen-3-traditionelle-kulturen-und-die-moderne/">bin ich auf die Frage gestoßen</a>, welche Spuren die Begegnung zwischen Moderne und traditioneller Kultur eigentlich bei uns hinterlassen hat. Der Unterschied ist natürlich, dass die Moderne (ich benutze mit Absicht einen etwas unscharfen Begriff) in Europa erfunden worden ist und dass die Menschen hier jahrhundertelang Zeit hatten, sich modernem Denken anzunähern.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Dennoch war auch bei uns die Durchsetzung der Moderne ein ziemlich heftiger Eingriff in die Lebenswelt der Menschen. Dafür zwei Beispiele:</p>
<ul style="color: #000000;line-height: 135%">
<li>Die Einführung und Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht ging auch mit brutaler Gewalt gegen die Schulkinder einher. Noch heute erzählen ältere Menschen davon, wie sie in der Schule massiv geschlagen worden sind (der Konfirmandenunterricht unterschied sich davon nicht grundsätzlich). Nicht, dass Kinder vorher ohne Schule gewaltfrei aufgewachsen wären. Und natürlich ist Alphabetisierung ein wichtiger Schritt zur Überwindung von Armut und Krankheit und in Richtung auf gesellschaftliche Teilhabe breiter Schichten. Trotzdem erinnern die Prügel in der Schule ein wenig an die Rolle der Peitsche bei der Unterwerfung der außereuropäischen Kolonien. Die Menschen wurden nicht nur gebildet, sondern ihnen wurde auch der Eigensinn aus dem Leib geprügelt. Sie wurden früh jedenfalls ein Stück weit traumatisiert (oder lebten in Furcht davor), und andere Großorgansationen wie das Militär und später die Fabriken konnten da weitermachen. Wer darüber mit älteren Menschen spricht, spürt bis heute einen Widerhall davon in Sätzen wie &#8222;Eine Tracht Prügel hat noch keinem geschadet&#8220;.<br />
Überhaupt ist ein zentraler Effekt der Moderne die Eingliederung von Menschen in rational entworfene Großorganisationen. Wer sich quer dazu stellte, wurde in Gefängnissen und Irrenhäusern entsorgt. Die Biotope, in denen man sich dem Zugriff der Zentralmacht noch entziehen konnte, wurden nach und nach ziemlich wirksam ausgetrocknet.</li>
<li>Diese Eingliederung in größere Einheiten führte zu einer massiven Schwächung der älteren Sozialformen: Familie und Dorfgemeinschaft. Auch hier geht es mir nicht um den Mythos einer vormodernen heilen Welt. Diese alten Sozialformen waren oft eng und unterdrückerisch. Der Konformitätsdruck war hoch. Keiner von uns heute würde so leben wollen. In den Märchen und Geschichten unserer Gegend z.B. sucht man vergebens die tapferen Schneiderleins und pfiffigen jüngeren Königssöhne aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Stattdessen stößt man haufenweise auf Geschichten davon, was mit vorwitzigen Kindern geschieht, die sich nicht an die Regeln hatten: die holt die Kornmuhme oder ein anderer Unhold. Punkt. Aus. So läuft es eben.<br />
Bis in die 1960er Jahre ist auf dem Lande das enge Lebensumfeld der Menschen eher vormodern geprägt gewesen. Der Individualismus ist hier noch nicht sehr alt. Die immense frühere Bedeutung der Großfamilie ist bis heute spürbar. Das ändert sich erst, wenn die Großmütter nicht mehr da sind, deren Bestreben es war, die Schar der Kinder, Enkel und Urenkel wenigstens ideell zusammenzuhalten. Erst das Fernsehen, die bessere Schulbildung und die berufliche Mobilität haben diese Lebenswelt endgültig aufgebrochen. Dadurch fehlt manchem aber auch die Orientierung, die früher die Großfamilie gegeben hat. Vielleicht sind auch bei uns manche chaotischen Lebens- und Beziehungsverläufe aus dieser Zerrissenheit zwischen zwei (und mehr) Kulturen zu erklären.</li>
</ul>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Auch bei uns ist das Doppelgesicht der Moderne zu spüren: einerseits eine enorme Verbesserung der Lebensbedingungen, eine Stärkung der Kompetenz und Mündigkeit der Menschen. Aber gleichzeitig entkleidet sie die Menschen &#8211; sie nimmt ihnen die (soziale und kulturelle) Umgebung, in der sie sich bisher einigermaßen geborgen haben und nimmt sie für übermächtige Institutionen in Anspruch. Und wenn diese Institutionen Verbrechen begehen, dann in großem Maßstab. Beides gehört zur Moderne: die Befreiung aus Unmündigkeit und Enge; und die viel intensivere Ausnutzung der Menschen, ihre Verfügbarmachung für rational funktionierende Großorganisationen.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Auf dieses Doppelgesicht reagiert mancher mit der Sehnsucht nach einem Zurück in die Zeit vor die Moderne. Aber das ist weder möglich noch erstrebenswert. Auch Traditionalisten nutzen Handys und Internet, gehen zum Arzt, kaufen bei Aldi. Keiner kann zurück in die Zeit vor der Aufklärung. Und wer würde sich ernsthaft wünschen, wieder im geografischen und geistigen Horizont eines Dorfes und seiner Machtstrukturen zu leben?</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Es bleibt nur der Weg nach vorn: die Doppelheit im Impuls der Moderne zu entwirren. Obama hat das unter dem Stichwort des &#8222;amerikanischen Traums&#8220; versucht. Sicher ein bisschen zu optimistisch &#8211; es ging ja schließlich auch um Wählerstimmen. Die öffentliche Inszenierung solcher Inhalte unterliegt trotz aller brillanten Rhetorik den Regeln der Massenkommunikation und ist natürlich plakativer als ein dickes Buch.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Aber Obama hat offensichtlich einen Weg gefunden, um den Konflikt zu überwinden, der in seinen doppelten Wurzeln (Kansas und Kenia) angelegt war. Deswegen kann er dann auch rückblickend mit einer fairen Balance zwischen Zuneigung, Skepsis, Kritik und Solidarität die Geschichte seiner Familie(n) entdecken und beschreiben. Weil er einen Weg nach vorn gefunden hat, deshalb kann er der Vergangenheit gerecht werden und sie so ein Stück weit befrieden.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Dieser Weg nach vorn ist ihm anscheinend bei der Stadtteilarbeit in Chicago endgültig deutlich geworden: die modernen Traditionen der Freiheit nicht obrigkeitlich den Menschen aufzudrücken, sondern sie mit ihnen zu leben. Eine Moderne, die nicht als Diktat kommt, nicht als Entwicklungsdiktatur (brutal oder gemäßigt), sondern als ein gemeinsamer Weg ins Offene. Eine Moderne, die zurückgeht und noch einmal von vorn beginnt, aber diesmal mit den Menschen und nicht gegen sie. Auf dieser Basis könnten die Wunden der Modernisierung vielleicht eines Tages geheilt werden.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Und was könnte das für uns bedeuten?</p>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Traditionelle Kulturen und die Moderne</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jul 2009 06:22:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Amerika]]></category>
		<category><![CDATA[Spuren des Evangeliums]]></category>
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					<description><![CDATA[Von Obama lernen (3)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpolitik%2Fvon-obama-lernen-3-traditionelle-kulturen-und-die-moderne%2F&amp;action_name=Traditionelle%20Kulturen%20und%20die%20Moderne&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="color: #000000;line-height: 135%">Nachdem ich mich mit Barack Obamas Biografie <a title="Von Obama lernen (2)" href="http://www.walterfaerber.de/2009/07/von-obama-lernen-2/">beschäftigt habe</a>, möchte ich sie nun als Teil eines größeren, weltweiten Themas verstehen: der Begegnung der älteren, traditionellen Kulturen mit der weißen Moderne.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Obamas kenianischer Großvater und Vater waren keine typischen Mitglieder ihrer Dorfgemeinschaft. Sie waren irgendwie anders, unruhig, unzufrieden. Sie sahen in der Begegnung mit den Weißen eine Chance, aus ihrer bisherigen Welt auszubrechen und neue Perspektiven zu gewinnen. Obamas Großvater arbeitete bei Europäern, seinem Vater gelang es, ein Stipendium zum Studium in Amerika zu bekommen.  Beide waren hin- und hergerissen zwischen ihrer Herkunft und der westlichen, weißen Kultur.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Beiden ist diese Zerreißprobe persönlich nicht gut bekommen. Obamas Vater macht den Eindruck eines Getriebenen, der die unterschiedlichen Teile seiner Biografie nicht mehr integrieren kann: seine verschiedenen Frauen unterschiedlicher Hautfarbe und die zugehörigen Kinder, seine Heimat in einem afrikanischen Dorf und seine Karriere im Staatsdienst, Wohlstand und Armut, nachdem er mit dem korrupten System in Konflikt kam. Trotz erstaunlicher persönlicher Fähigkeiten hat er manche Perioden seines Lebens, besonders am Ende, nur mit viel Alkohol ertragen können. Er lebte in einer Situation, die die Schwächen eines Menschen gnadenlos aufdeckt, und in der er eigentlich nur scheitern konnte. Dass er trotzdem immer wieder erstaunliches Format zeigt, ist Grund genug für Wertschätzuung und Anerkennung.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">In Barack Obamas Buch entsteht so ein vielschichtiges Bild seiner Vorfahren, wo nichts beschönigt, aber auch nichts verurteilt wird. Stattdessen erkennt Obama, dass es seine Aufgabe ist, den Weg seiner Vorfahren zu einem besseren Ende zu bringen (deshalb der englische Titel: &#8222;Dreams from my father&#8220;). Er nimmt die Geschichte seiner Familie als sein Erbe an.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Die Zerreißprobe, in die Obamas Vorfahren schon früh gerieten, ist die Begegnung der traditionellen afrikanischen Kultur mit der modernen westlichen Zivilisation. Sie kamen aus einer Welt, in der jeder seinen Platz hat, wo man nie allein und erst recht nicht einsam ist. Familien, Dörfer und Stämme halten zusammen, und alles ist in eine uralte Ordnung eingebettet, an die man sich halten muss. Aber diese Kultur hat auch ihre Schattenseiten. Obamas Vorfahren haben sie offensichtlich schon früh als einengend erlebt und versucht, ihren eigenen Weg zu gehen.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">So stießen sie auf die Welt der Weißen, die für sie viele Versprechen beinhaltete: Ausbruch aus der Enge, keine Armut, neue Möglichkeiten. Aber in der Welt der Weißen ist man auch oft allein. Es gibt keinen sicheren Status, für Schwarze sowieso nicht. Und wenn afrikanische Staaten die europäischen Organisationsformen einführen (und trotzdem weiter die alten Stammesloyalitäten gelten), entsteht ein Mischmasch, der nicht gut funktioniert.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Wer in diese Widersprüche gerät, wird brutal mit der Frage konfrontiert, wer er eigentlich ist und wo er hingehört. Und es übersteigt in der Regel die Kräfte eines Menschen (und sei er noch so stark und zäh), eine neue Identität zu konstruieren, für die es kein Vorbild gibt. Obamas Vater hatte eine beeindruckende Gabe, mit persönlicher Kraft viele Widersprüche zu überwinden oder wenigstens zur Seite zu schieben. Aber auch er hat viele Abgründe mit Illusionen überdeckt, die eines Tages nicht mehr tragfähig waren.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Diese Zerreißprobe ist natürlich nicht nur ein afrikanisches Thema. Sie ist nur dort unübersehbar, weil sie einen ganzen Kontinent betrifft (und durch die schwarzen Amerikaner einen zweiten). Aber im Grunde sind durch die Begegnung mit der weißen Kultur alle traditionellen Völker immer in ähnliche Krisen geraten: die Ureinwohner Amerikas und Australiens, die Inuit, aber auch die islamischen Länder, Indien, China, Japan. Je nach Eigenart dieser Kulturen und dem Verlauf der Begegnung hat das sehr unterschiedliche Ergebnisse gehabt. Aber die Widersprüche zwischen den traditionellen, eher kollektiv angelegten Kulturen und der individualistischen westlichen Zivilisation sind weltweit zu spüren. Vielleicht ist das sogar der zentrale Konflikt unserer Epoche. Uns fällt er nur nicht so auf, weil wir im Zentrum der westlichen Kultur leben.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Trotzdem frage ich mich, ob es nicht auch bei uns Spuren dieses Konflikts gibt. Aber dazu komme ich nun doch erst im <a title="Von Obama lernen (4): Die Moderne in Deutschland" href="http://www.walterfaerber.de/2009/07/von-obama-lernen-4-die-moderne-in-deutschland/">nächsten Post</a>.</p>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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		<title>Ein amerikanischer Traum?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Walter Faerber]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Jul 2009 05:33:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Amerika]]></category>
		<category><![CDATA[Spuren des Evangeliums]]></category>
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					<description><![CDATA[Von Obama lernen (2)<img src="//www.walterfaerber.de/wp-content/plugins/matomo/app/matomo.php?idsite=1&amp;rec=1&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Fpolitik%2Fvon-obama-lernen-2%2F&amp;action_name=Ein%20amerikanischer%20Traum%3F&amp;urlref=https%3A%2F%2Fwww.walterfaerber.de%2Ffeed%2F" style="border:0;width:0;height:0" width="0" height="0" alt="" />]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="color: #000000;line-height: 135%">Barack Obama ist schwarzer Amerikaner mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf: sein kenianischer Vater lebte weit entfernt, er wuchs auf bei seiner weißen Mutter und ihren Eltern in Hawaii, für einige Zeit auch in Indonesien, in einer wenig rassistisch geprägten Umgebung. So ist ihm in seiner Kindheit lange nicht wirklich klar gewesen, dass er schwarz ist.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%"><img decoding="async" src="http://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2012/03/516l4bAg1ZL._SL500_AA240_.jpg" alt="Cover des Buches" width="240" height="240" class="alignleft size-full wp-image-1512" srcset="https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2012/03/516l4bAg1ZL._SL500_AA240_.jpg 240w, https://www.walterfaerber.de/wp-content/uploads/2012/03/516l4bAg1ZL._SL500_AA240_-150x150.jpg 150w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" /></p>
<p><strong>Von der Hautfarbe eingeholt</strong><br />
Trotzdem hat ihn in seiner Jugend seine Hautfarbe eingeholt. Ich habe bisher noch nirgendwo so eindrucksvoll wie in Obamas <a href="http://www.amazon.de/Ein-amerikanischer-Traum-Geschichte-Familie/dp/3423345705/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1246789932&amp;sr=8-1">Buch</a> beschrieben gefunden, was es bedeutet, ein schwarzer Amerikaner zu sein: seiner Hautfarbe nicht entkommen zu können, von ihr her definiert zu werden, auf Ablehnung oder herablassende Freundlichkeit zu stoßen. Eine weiße Freundin zu lieben und zu wissen: in ihrer Familie werde ich immer ein Fremder bleiben. Immer wieder zu spüren: ich bin anders, ausgeschlossen, für mich ist vieles nicht einfach normal, was für Weiße selbstverständlich ist.<br />
Obama beschreibt Wege, mit denen er und andere auf diese Situation als schwarze Amerikaner reagiert haben: z.B. unter sich bleiben, das Problem ignorieren, Selbsthass, eine bewusst schwarze Identität ausbilden, Islam, Drogen, sich irgendwie durchschlagen.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%"><strong>Wendepunkt Chicago</strong><br />
Anscheinend war es für Obama der entscheidende Schritt, dass er 1985 mit Stadtteilarbeit in der Southside von Chicago begann &#8211; einem Stadtviertel, das durch die Schließung der Stahlwerke in Arbeitslosigkeit und Depression abzurutschen begann. Hier bekam er praktischen Kontakt mit den Traditionen der Bürgerrechtsbewegung (die er schon von seiner Mutter her kannte), und hier stieß er auf die Kraft der kleinen Leute, die sich ohne großes Pathos trotz ihrer desolaten Lage die Hoffnung bewahren und daraus Kraft schöpfen, auch wenn sie nicht unempfänglich sind für selbstschädigende Einflüsse. Beides hat ihm wohl geholfen, für sich einen Weg jenseits des schwarz/weiß-Gegensatzes zu finden. Hier lernte er auch in der Trinity-Gemeinde von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jeremiah_Wright" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Rev. Wright</a> ein Christentum kennen, das gerade in seiner Spiritualität relevant war für die schwarzen Gemeindemitglieder.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%"><strong>Auf der Suche nach den Wurzeln</strong><br />
In dieser Situation fasste er zwei Entschlüsse: Jura zu studieren, um die Machtverhältnisse von innen heraus zu verstehen, und vorher die Familie seines inzwischen verstorbenen Vaters in Kenia zu besuchen. Dem Besuch in Kenia ist der dritte Teil des Buches (nach Kindheit/Jugend und Chicago) gewidmet. Obama beschreibt ihn mit allen Licht- und Schattenseiten: Armut und Korruption, die Verantwortungslosigkeit der Männer, den Streit in der Familie. Die Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit der Menschen, das Zugehörigkeitsgefühl, das er dort sofort erlebt, obwohl er vorher mit der Familie noch nie zu tun hatte. Die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, die aber immer wieder verraten werden. Er beschreibt, ohne zu verurteilen oder zu glorifizieren. Am Ende sitzt er am Grab seines Vaters, der im Zerbrechen der alten Gesellschaft und der Begegnung mit der weißen Moderne versucht hat, seinen Weg zu finden und immer wieder an seine Grenzen gestoßen ist &#8211; wie schon der Großvater.<br />
An dieser Stelle ist das Buch fast zu Ende. Es folgt ein Blitzlicht auf Obamas Jurastudium (und seinen Versuch, Gesetze wieder als Ausfluss der Ideale von 1776 zu lesen) und am Ende eine kurze Schilderung seiner Hochzeit mit Michelle, die aus der Southside von Chicago kommt. Die Trauung hält Rev. Wright. In den Gästen sind alle Traditionslinien, denen Obama sich verdankt, repräsentiert, von Afrika über Hawaii bis Chicago. Es ist eine optimistische Szene, voller Hoffnung, und Obama schließt mit den Worten, dass er in diesem Moment der glücklichste Mensch der Welt war.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%"><strong>Integration auf der Basis amerikanischer Ideale</strong><br />
Obama hat seinen Weg gefunden: die Realität, einschließlich der schmerzhaften Vergangenheit, muss wahrgenommen werden, mit ihrem ganzen Licht und ihren Schatten. Aber sie muss zusammengebracht werden mit den besten Traditionen Amerikas. Wo das Christentum so fundamentalistisch verseucht ist wie in den USA, redet ein säkular geprägter Mensch wie Obama lieber vom &#8222;amerikanischen Traum&#8220; als vom Evangelium. Aber in der Argumentationsstruktur des Buches wie in seinen späteren Reden steht der &#8222;amerikanische Traum&#8220; genau an der Stelle, wo &#8211; theologisch gedacht &#8211; der Ort des Evangeliums wäre.<br />
Was Obama 1995 aufgeschrieben hat, passt zu dem, was er seit 2004 in seinen politischen Reden als Programm entfaltet. Es ist die Aufnahme eines enorm breiten Realitätsspektrums, das ihn glaubwürdig erscheinen lässt. Die Integration all dieser Wirklichkeiten im Zeichen des amerikanischen Traumes ist das Thema fast aller seiner Reden &#8211; so durchgehend, dass es im Internet schon eine <a href="http://osmoothie.com/2009/06/05/write-your-own-obama-speech/">Anleitung &#8222;Verfass deine eigene Obama-Rede&#8220;</a> gibt.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%"><strong>Werte realpolitisch</strong><br />
Man kann an Obama sehen, dass es im Hintergrund der Politik auch ganz machtrealistisch um die kreative Bildung von Werten geht. Sie können neue Mehrheiten produzieren. Was als persönlicher Kampf eines Schwarzen aus Hawaii um seine Identität begann (und schon viel früher als Aufbruch seines unangepassten Großvaters), hat 30 Jahre später weltweite Folgen.<br />
Wie sich das im Alltagsgeschäft der Politik bewähren wird, ist die Frage der Zukunft. Kaum einer kommt da ohne Schrammen durch. Wer Versöhnung auf seine Fahnen geschrieben hat, kann Probleme bekommen, wenn sich reale Gegensätze zuspitzen und nicht mit Formeln zu überbrücken sind. Aber man kann klar erkennen, dass Obamas Grundansatz fest in seiner Biografie verankert ist. Es ist kein rhetorischer Trick zum Zweck der Präsidentenwahl (und deswegen ist er auch nicht mal schnell für die deutsche Bundestagswahl kopierbar). Gut, wenn ein amerikanischer Präsident so breit mit der Realität umgehen kann &#8211; auf eine fast kontemplative Weise. Das hatten wir schon lange nicht mehr. Hoffen und beten wir, dass sein <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/United_States_Secret_Service">Secret Service</a> besser auf ihn aufpasst als auf Kennedy.</p>
<p style="color: #000000;line-height: 135%">Im <a title="Von Obama lernen (3): Traditionelle Kulturen und die Moderne" href="http://www.walterfaerber.de/2009/07/von-obama-lernen-3-traditionelle-kulturen-und-die-moderne/">nächsten Post</a> dieser Reihe will ich mir Gedanken über den Zusammenstoß der weißen Moderne mit den älteren indigenen Kulturen machen &#8211; das Problem, das Obamas kenianische Familie seit mindestens drei Generationen bewegt und verstört hat.</p>
<p><!-- /wp:post-content --></p>
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